Archive for März, 2009


Der Geheimnisträger

Er war ein durchaus gebildeter Mensch, der sich gewählt und treffsicher ausdrücken konnte. Und. Er wollte mich von den Vorzügen seiner Religion überzeugen. Während er das versuchte, sprach er unter anderem im feinsten Ton seiner christlichen Glaubensgemeinschaft vom „Geheimnis der göttlichen Liebes-Offenbarung in Jesus Christus“ und verwendete etliche vergleichbare Formulierungen, die das Wort „Geheimnis“ enthielten.

Mir stellte sich die ganze Zeit über nur eine Frage: Wenn es ein Geheimnis ist, warum will er es denn jedem erzählen?

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Vom Schwätzen und vom Handeln

Vergleichen wir einmal die Diskussionen über den Völkerbund (von 1920) im Senat der USA mit der Erörterung über ein zusammengebrochenes Auto in einer Garage an der Landstraße. Der Unterschied ist gewaltig. Der ländliche Mechaniker denkt wissenschaftlich; sein einziges Ziel besteht darin, sein Wissen vom Bau und vom Betrieb des Autos zu verwerten, um den Wagen wieder in Gang zu bringen. Dahingegen scheint der Senator allzuoft kaum eine gründliche Vorstellung von der Eigenart und den Daseinsbedingungen der Völker zu haben; er verläßt sich auf seine Redegewandtheit und appelliert an unbestimmte Befürchtungen und Hoffnungen oder lediglich an Parteileidenschaften. Die Wissenschaftler sind ein ganzes Jahrhundert damit beschäftigt gewesen, die Beziehungen zwischen den Völkern nach der praktischen Seite zu revolutionieren. Der Ozean ist nicht mehr wie zu Washingtons Zeiten eine Schranke, sondern eine nahezu hindernislose Fahrbahn für alle Pläne und Ziele, die weniger die östlichen und westlichen Kontinente streng voneinander trennt als sie eng zusammenschließt. Nichtsdestoweniger wird der Senator sich ungeniert auf eine Politik berufen, die ein Jahrhundert früher vielleicht angebracht war, jetzt aber eher ein warnendes Beispiel als ein Vorbild abgibt. Im Gegensatz hierzu nimmt sich der Mann in der Garage seinen Mechanismus so vor, wie er ihn findet, und läßt sich aus keinerlei mystischem Respekt vor vergangenen Formen ins Handwerk pfuschen.

James Harvey Robinson, Die Schule des Denkens
Autorisierte Übersetzung von J. Leithäuser, 1949

Ich habe diese Passage aus einem längst aussortierten, vergilbten und zerfallenden Buch zu einer Zeit gelesen, als sich Millionen von allzu hörigen Menschen in ihrem Fernsehempfänger anhörten, wie ein Herr von und zu Guttenberg und ein Herr Lambsdorff vor den Kameras des quasi-staatlichen Fernsehens der BRD mal wieder so richtig Kompetenz simulierten. Wahrscheinlich passt das alte Zitat auch dazu…

Gefühlsecht

Welcher Werber ist eigentlich auf die Idee gekommen, ausgerechnet das Wort „Gefühlsecht“ auf Kondompackungen zu drucken? Spiegelt sich in diesem Wort etwa das gut verpackte und von äußeren Einflüssen nur noch mittelbar erreichbare Gefühlsleben dieses Werbers wider?

Ausgerechnet jene, die von einer Sache wenig oder nichts verstehen, wollen immer dabei mitreden.

Vor dem Bankrott

Unbedingte Tätigkeit, von welcher Art sie sei, macht zuletzt bankrott.

Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 37

Vom Karfreitag

Die sich auf antiker Offenbarung berufenden, monotheistischen Religionen der Menschheit kennen in ihrem allgemeinen Trockenrausch, was den Umgang mit andersgläubigen Menschen angeht, nur eine einzige geschichtlich konstante Formel: „Du musst dran glauben, oder du wirst ‚dran glauben‘!“. Der inhärente Absolutheitsanspruch aller dieser Religionen wird bei der erstbesten Möglichkeit wieder dazu führen, dass das Glauben der Menschen mit mörderischer Gewalt erzwungen wird. Das einzige Mittel dagegen ist, dass dieser Absolutheitsanspruch immer wieder durch entschiedenes und zuweilen Todesmut erforderndes Widersprechen in kulturell erträgliche Schranken gewiesen wird, dass ihm seine allgemeine Verbindlichkeit für alle Menschen immer wieder abgesprochen wird. Vom staatlich bis hin zum allgemeinen Tanz- und Vergnügungsverbot erzwungenen „Feiertag“ einer vorherrschenden Religion hin zum „heligen“ Krieg gegen Andersgläubige führt eine gerade Linie der Toleranz gegenüber einer Intoleranz, die ihr mörderisches Potenzial in der bisherigen Geschichte viel zu häufig zeigen durfte.

Tröster

Troester

Nicht gerade tröstlich…

Der Versuch, einen Bürgerkrieg oder eine kriegerische Auseinandersetzung ausgerechnet mit Waffengewalt zu beenden oder doch wenigstens einzudämmen, erinnert an den Versuch, einen Brand zu löschen, indem man Benzin hineingießt.

Die selbsterfüllende Prophetie

Man kann ja eh nichts ändern„, sagt Zeitgenosse Mauerglück. Und. Versteckt sein „ich“ hinter dem unpersönlichen „man“, um der Schwere seines Sitzfleisches allgemeine Gültigkeit zu geben. „Die machen ja eh, was sie wollen„. Mit diesem Mantra auf den Lippen, das wie mechanisch jedes Mal wiederholt wird, wenn die eigene Verantwortung hör- und fühlbar wird, tut er nichts.  Verschanzt sich mit verschränkten Händen in die geile, bunte Ersatzwelt der Massenmedien, ein dröges Surrogat für das Leben. Unterdessen steht das Kartenhaus seiner Lebenslügen in Flammen, niemand löscht den Brand, und „die da oben“ haben schon längst ihre Schäfchen ins Trockene gebracht.

Überall in Deutschland redet Zeitgenosse Mauerglück genau so. Und. Ist genau so untätig. Kein Wunder, dass er mit seinem unverschämt fatalistischen Reden Recht behält.

Kinski, Jesus und die Medien

Nichts hinzuzufügen!

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Die Versagerin

Zeitgenossin: „[…] und meine Mutter hält mich sowieso für eine völlige Versagerin.“

Nachtwächter: „Und das Schlimmste daran. Ist. Dass deine Mutter darin völlig recht zu haben scheint. Wenn man sich dein Leben anschaut, bist du auf ganzer Linie gescheitert. Aber eines. Fragt sich deine Mutter oder ein anderer Mensch niemals: Ob dein ‚völliges Versagen‘ darauf zurückzuführen sein könnte, dass dir in deinem Leben völlig falsche Aufgaben gestellt wurden; Aufgaben, an denen du einfach scheitern musstest. Niemand erwählt sich, ein Versager zu sein.“

Der kleine Henker

[…] in der heutigen Zeit ist es besonders wichtig (trotz Wirtschaftskrise), sich um Chancen in der beruflichen Qualifizierung zu bemühen und zu orientieren. Deshalb wollen wir Sie über aktuelle Möglichkeiten der Beschäftigung und Weiterbildung informieren.

Aus dem Schreiben einer ARGE

In jedem Beamten und Angestellten, der die Staatsgewalt gegen die oft bedrückten und um ihre Existenz bettelnden Menschen in einem Staate ausübt; auch noch in jedem Lehrer, der Kinder in einer mit Zwang durchgesetzten Beschulung für ihre spätere gesellschaftliche und wirtschaftliche Verwertung bewertet und vorsortiert; in wirklich jedem dieser Menschen spiegelt sich auch heute noch — wenn auch zuweilen zur Lächerlichkeit verkleinert — das affektiv stark besetzte Bild des Henkers.

Und nein, F., ich werde die Kategorie „Dunkle Gedanken“ nicht in „Wirre Gedanken“ umbenennen, obwohl es manchmal passt… 😉