Tag Archive: Deprimierendes


Abstand

Der Vorübergehende sagte zum früheren Freund, der zurückblieb und sich einrichtete in seiner kuschlig kalten Sicherheit weit vom Brand der Gesellschaft: “Nein, es ist nicht die Entfernung zwischen uns, die ein Problem bereitet, wenn wir einander sprechen wollen. Gegen die Entfernung gibt es Züge, Fahrräder und Busse. Gegen den Abstand nicht”.

“Stirb!” ist ein Fluchwort, das beim Andern Leben voraussetzt…

The Pirate Bay

Der Torrent-Tracker The Pirate Bay ist — ob es den Verwertern von Immaterialgüterrechten gefällt oder nicht — zurzeit die wohl beste Näherung an die antike Bibliothek zu Alexandria, die das Internet hervorgebracht hat; ein Tor zum gesamten Unsinn, zur Kunst, zur Stümperei, zum Wissen und zur Technik der gegenwärtigen Zeit¹. Dass die Bibliothek zu Alexandria in der Zeit des Ediktes von Theodosius I (im Jahr 391 u.Z.), alle nichtchristlichen Kultorte der Stadt zu zerstören, ebenfalls mit allem darin gesammelten Wissen verschwand, ist wohl eine der größten intellektuellen und kulturellen Katastrophen der Menschheit. Die Menschen, die als Vertreter einer Kopierindustrie — die gesamte Contentindustrie tat ja niemals etwas anderes, als ein gutes Geschäft aus einem Oligopol zur Anfertigung von Kopieren zu machen — das gesamte Internet in eine abgeschottete Trutzburg unter dem wehenden Banner des “Geistigen Eigentums” verwandeln wollen, um ihre neureligiösen Interessen am totalitären Geldkulte durchzusetzen, sind keinen Deut besser als die staatsreligiös-christlichen Barbaren, die durch gezielte Zerstörung der antiken Kultur ihre Religion durchgesetzt haben und mit diesem Vorgehen das kommende Mittelalter eingeläutet haben, diese geistige Nacht Europas voller schriller Träume. Und. Sie werden keineswegs die Menschheit in eine hellere und erfreulichere Zeit als das Mittelalter führen, wenn man sie gewähren lässt. Leider fehlte damals der Mehrheit der Menschen ebenso das Bewusstsein für diesen Prozess, wie es auch heute der Mehrheit der Menschen fehlt, die sich in ihrem denkreduzierenden Bespaßungsstreben nahezu diesseitserlöst vorkommen, wenn sie über ihre unterhaltsamen Telefone und Inhaltsabspieltabletts streicheln und dabei genau so heute diesen auf die kalte Psyche zielenden Verheißungen von Streaminganbietern glauben, dass die URL das neue ubiquitäre MP3 sei, wie die Menschen damals jenen auf die kalte Psyche zielenden Verheißungen des Christentums glaubten, dass sie sich durch eine Taufe auf den Gekreuzigten und eine Handvoll auch von ungebildeten Frauen und Sklaven leicht erlernbare Formeln wirksam gegen den Tod impfen. Das Gadget ist das neue Kruzifix, sein ist die Macht der Wenigen und die Herrlichkeit der Benutzerfreundlichkeit in der gefühlten Ewigkeit der leeren leeren Langeweile; der Lichtschein seines Displays ist das Spiegelbild brennender Bibliotheken, eine Fackel am Abend der beginnenden intellektuellen Nacht, in deren Lodern die Ignoranz sich selbst veitstanzend darob feiert, dass sie den Schritt zurück wieder einmal so leichtfüßig vollbracht hat; dass sie — zumindest vorerst (und das bitte so lang wie möglich) — nichts Neues mehr erlernen muss.

¹Die Wikipedia, der Menschen unter der herrschenden Ideologie viel eher so einen Ort zusprechen würden, ist das nicht; sie ist das Spiegelbild des Lexikons, das gesichertes Wissen widergibt und darunter das versteht, was durch die Belege in den Medien der Herrschenden “Relevanz” erhält. Sie könnte es sein, doch es ist von ihren Betreibern explizit nicht gewollt.

Werbeprospekt

Als er seinen Papierkram ordnete, eine längst überfällige Tätigkeit, fand er neben den vielen Rechnungen und Mahnungen auch einen privaten, handgeschriebenen Brief, den er kurz betrachtete und wegwarf. Er sagte dazu: “Ein Liebesbrief ist wie ein Werbeprospekt. Alles. Lüge. Aber. In den Werbeprospekten stimmt wenigstens der Preis.”

Wer schaut, ist geisteskrank!

Es ist jetzt schon einige Zeit her, dass ich von den Beamten einer vorbeifahrenden Polizeistreife ausführlich kontrolliert wurde und dabei auch einige Fragen zu hören bekam, deren Zweck einzig darin bestand, meinen Geisteszustand zu untersuchen: Fragen nach meinem Namen (bei anschließendem Vergleich des mitgeteilten Namens mit dem Personalienausweis* in der Hand), dem aktuellen Datum, der Tageszeit und auch nach dem Ort, an dem ich mich befand; ganz so, als sei ich nicht mehr bei Sinnen gewesen. Abgeschlossen wurde die spontane Befragung mit der Frage, ob ich gedächte, Selbstmord zu begehen. Der offensichtliche Verdacht der Polizisten, ich hätte ein gestörtes Verhältnis zu grundlegenden Aspekten der Realität, er wurde nicht etwa dadurch erweckt, dass ich wie ein Berserker brüllend durch die Straßen gegangen wäre, denn sonst müssten eine solche plumppsychologische “Untersuchung” bei jedem Volksfest und jedem Fußballspiel zehntausendfach durchgeführt werden. Nein, ich zeigte kein Zeichen von Aggression und war vollkommen ruhig. Meine für das langsam vorbeifahrende Auge so verdächtig aussehende “Tätigkeit” bestand darin, dass ich an einem Fluss stand und mehrere Minuten lang einen Reiher betrachtete, der reglos in die trüben Fluten schaute, so, wie Reiher dies zu tun pflegen. Dass einer herumsteht und abseits der Bedingungen eines gesellschaftlichen Prozesses, der unentwegte Hast und Tätigkeit von allen Menschen fordert, für einen kurzen Moment müßig innehält, um einen erfreulichen Aspekt seiner Welt zu betrachten, das reicht (mindestens) bei diesen beiden Uniformierten hin, um den Verdacht einer Geisteskrankheit zu erwecken, um einen innehaltenden Menschen offen und kalt zu pathologisieren, während man das Hoheitszeichen an Arm und Kopf trägt. Eine routinierte Geste, die ihre schnelle Wirkung nicht verfehlt, die aber erst mit etwas zeitlichem Abstand verstanden wird. Mögen die “Gesunden” noch viel Spaß beim Strampeln im Kühlschrank haben!

*Das in Plastik eingeschweißte Kärtchen weist meine Personalien aus, und nicht etwa mich als Personal.

Das Tagebuch

Wenn man sich am grellen warmen Tag vom Unwillen des Schmerzes zur Müßigkeit treiben lässt; wenn man sichtet, was sich am Lebensabrieb von gut fünfunddreißig Jahren vollgeschriebnen Tagebuch gilb und dümplig in das Jetzt gerettet hat; wenn man lesend wie im Leben eines längst schon Fremden verfolgt, wie jeder einst vorhandne Überschwang zerbrach, ja, zerbrechen musste, weil die Kraft eines Einzelnen eine kleine ist und weil die Bequemlichkeit der meisten anderen Menschen auf dem Trampelpfad des Daseins eher in allerlei Bespaßungen und Ablenkungen getrieben hat und nicht in den entschlossenen Einsatz für ein besseres Leben; wenn man sich blätternd daran erinnern muss, was alles gescheitert ist, wie viel zunächst begeisterte Aufnahme von Seiten ebenfalls bedrückter Mitmenschen sich in weniger als einer Woche in Gleichgültigkeit wandelte, sobald es darum ging, gemeinsam etwas zu tun, damit jeder besser für sich leben kann; wenn man rückschauend sehen muss, wie selbst Gescheiterte und Verachtete noch darum bestrebt waren, einem konformistischen Anspruch zu genügen, dem sie nur auf Kosten ihrer Gesundheit und nur mit allerlei Hilfsmitteln genügen konnten, immer in einer antlitzlosen Angst, jene Zuwendung nicht zu erlangen, die gar nicht mehr erfolgen kann; wenn man im Trübsinn der Tintenpaste vieler Kugelschreiber versinkt und sich daran erinnert, wie viel an sich lichtvolles Leben im direkten Freitod oder im krepligen Selbstmord des damals so leicht verfügbaren Heroins zum Würmerfraß und zum Zement der Zustände geworden ist; wenn man das alles noch einmal vor Augen hat, was durch den schlichten Vorgang des Notierens eine Wirklichkeit und Wirksamkeit über den unmittelbaren Affekt erhalten konnte; denn vergeht einem auch als heiterstes Wesen ein wenig die Lust an einer Fortsetzung dieses stinkenden Daseins neben dem Schindanger der Gesellschaft, das spukhaft wie ein Gespenst in diese Welt hineingeboren wurde. Und…

…so fragt man sich trüben Sinnes, was das alles einen noch zu sagen hat, das alles, wofür man einstmals doch lebte. Mit dem Rückblick auf die vergebliche Mühsal kommt der Blick auf die gegenwärtige Kraftlosigkeit, auf das absehbare völlige Scheitern jeder weiteren Anstrengung und die Ergebung in das Unvermeidliche. Ja, man fühlt sich fast schon wie ein CDU-Wähler im Rentenalter.

Relatives Menschsein

Misantrophe: Relatives Menschsein | YouTube-Direktlink
Eine Transkription des Textes erübrigt sich

L’hôpital froid

Vorweg

Wer krank und hilflos ist, aber es noch irgendwie schafft, einen eigenen Willen zu äußern und durchzusetzen; wer von beflissenen Rettungssanitätern in ein Krankenhaus verbracht wird, weil ein Arzt dies (zuweilen ja doch aus gutem Grunde) für angemessen und richtig hält, aber noch nicht vom Selbsthass zerfressen ist und noch ein Gefühl für seine eigene Würde als Mensch hat, der sollte vor allem auf eines achten und bestehen, und zwar so energisch wie nur irgend möglich: Dass er niemals, niemals, niemals in das Henriettenstift in Hannover gefahren wird, dort, wo sich Sallstraße und Marienstraße treffen. Vielleicht sollte er auch die anderen Häuser des Henriettenstiftes, etwa in Kirchrode, meiden, aber dazu kann ich aus eigener Erfahrung nichts sagen.

Und er sollte sich niemals von irgendjemandem einreden lassen, dass es sich beim Henriettenstift zu Hannover (betrieben von der Diakonie) um eine gute Wahl und um ein gutes Krankenhaus handelt. Niemals!

Kälte

Sie ist über siebzig Jahre alt, und ich hoffe sehr, dass sie noch lebt, denn ich mag sie. Ein besonderes Vertrauen in die Herzmetzgerei Henriettenstift habe ich nicht, deshalb kann ich nur hoffen. Sie ist natürlich schon etwas hinfällig, denn Menschen werden nun einmal etwas hinfällig, wenn sie alt werden. Die Jahre gehen über den Körper, die Krankheiten sammeln sich an, der vergangenen Freuden verblassen über die Last des Daseins, das Leben wird zur Quälerei — der siechvolle Sterbeprozess ist im gleichen Maße tabuisiert wie der Tod selbst, während rundumher die großen, bunten Werbetafeln von Aktivität und Jugend schreien. Der erste falsche Glaubenssatz des Konsumismus lautet: Vergessen macht frei.

Sie wollte rausgehen, in die stinkende Stadt der tausend Dröhne. Ein Weg zur Bank, um die Katastrophe ihres Kontoauszuges zu betrachten und ein paar Dinge zu erledigen, denn die Frucht eines Lebens voller Arbeit reicht hinten und vorne nicht. In der U-Bahn-Station bemerkte sie plötzlich, dass ihr der gesamte rechte Teil des Gesichtsfeldes ausgefallen war, dass sie nur noch verschwommen sah und dass ihre Sicht von Schlieren, schwarzen Bereichen und Wellenmustern überlagert wurde. Deshalb ging sie wieder zurück, ängstlich (wer wäre das in so einer Situation nicht) und verunsicherten Schrittes stapfte sie durch den Schnee. Zurück. Nur ankommen.

Sie wollte nicht krank sein. Sie weinte laut und hemmungslos, weil sie sich die medizinische Behandlung finanziell nicht mehr leisten kann. Zur Vernichtungsangst, die mit einem solchen Ausfall einher geht, gesellte sich die Existenzangst, die dem Armen aufkommt, wenn weitere, unerwartete Kosten eine ganze Monatsplanung zerstören, wenn absehbar wird, dass am Ende des Geldes wieder einmal so viel Monat übrig sein wird. Und die Angst, dieses lähmende Gift der Seele, macht ihrerseits die Symptome einer Krankheit grausamer. Ein Höllenkreisel der Psyche, der sich selbst stabilisiert. Ihr Tag hatte gut und kraftvoll begonnen, doch nun war sie ein Häuflein Elend, weinend, markerschütternd weinend, unartikuliert wie die Stimme eines kleinen Kindes aus dem Munde eines Erwachsenen. Sie weinte auch noch, als sie schließlich von ihrer Angst angetrieben den Notarzt anrief, sie war so fertig, dass ihr sogar die sonst so klare Stimme im Munde zerbrach. Dort bestellte man gleich die Rettungssanitäter der Feuerwehr, denn am Telefon musste sich der Verdacht auf einen Schlaganfall aufdrängen.

Ich war dabei, redete auf sie ein, versuchte verzweifelt, etwas Ruhe in ihren schrecklichen Zustand zu bringen, hielt ihre Hand, versuchte mit Worten, an das einzige Mittel gegen die Angst zu appellieren, dass einem Menschen zur Verfügung steht, an die Vernunft. Auch die professionellen Helfer aus dem feuerroten Wagen ließ ich hinein, und sie taten das, was sie wohl immer in einer solchen Situation tun. Sie stellten einige Fragen nach dem Verlauf und beobachteten aufmerksam, ob irgendwelche Ausfälle erkennbar wurden, die auf einem Schlaganfall hindeuteten; sie prüften, ob beide Hände die gleiche Kraft beim Druck ausüben; und sie maßen flugs den Blutdruck, der in dieser Situation natürlich erschreckend hoch war. Dann sollte sie ins Krankenhaus, damit ihr von einem Arzt geholfen werden kann, und ich fuhr mit. So kamen wir an der Notaufnahme des Henriettenstiftes an.

Es war ein kalter Wintertag mit ordentlichem Schneefall, ganz so, wie es die Wettervorhersage vorhersagte. Der Schnee fiel, verdichtete sich durch Kompression auf den Straßen und Wegen zu Eis, und Unfälle aller Art waren häufig. Die Notaufnahme des Krankenhauses war dementsprechend überlaufen, und die dort arbeitenden Menschen waren überlastet und konnten des Ansturmes nicht richtig Herr werden. Dennoch tat jeder sein Bestes in dieser Situation. Wo wenig Menschen viel Arbeit verrichten müssen, da verrichtet der einzelne Mensch eben zu viel Arbeit, man muss im Zeitalter der totalitären Verwirtschaftung ja überall sparen, und Personalkosten sind da ebenfalls ein Teil. Es war ein kalter Wintertag mit ordentlichem Schneefall, ganz so, wie es die Wettervorhersage vorhersagte. Es war auch ein seelisch kalter Tag, wie alle 365 Tage des Jahres im kalten kalten Königreich des Mammons.

Die mehrstündige Wartezeit an der Notaufnahme, bis dann endlich ein Arzt im Notdienst die Zeit für eine erste Begutachtung entbehren konnte — immerhin bei einem Verdacht auf Schlaganfall — ist also durchaus verständlich. Für jeden, der aus der Sicht der Rationalisierung und der Verherrlichung des Geldwertes für alles Verständnis aufzubringen vermag. Wer, anders als sie, über Geld verfügt, wird wohl zumindest schneller, vielleicht gar etwas besser behandelt und erhält eine größere Chance, zu überleben. Den Wert eines Menschenlebens drückt man im Königreich von Merkel, Schröder, Steinmeier, Westerwelle und der INSM am trefflichsten in Euro aus. Der Rest. Ist Schweigen und eine Kollektion wohlklingender Worte ohne weitere Verpflichtung, eine Sonntagsrede von Menschenwürde und Lebensrecht. Immerhin war gut geheizt. Und wer sich während der Wartezeit noch die Beine vertreten konnte, der fand überall im öffentlichen Bereich dieses Krankenhauses die Hochglanzwerbung für dieses Krankenhaus, in Wort und photoshopretuschiertem Bild faselnd von allerlei Werten und sonstigem Zeug.

Immerhin, nach etwas über viereinhalb Stunden des Liegenlassens einer von Vernichtungsangst gequälten, alten Frau kam es zu einer ersten Begutachtung durch eine Fachärztin des Krankenhauses. Die neurologische Untersuchung war, so weit ich das als medizinischer Laie beurteilen kann, gründlich und kompetent, und der verfügbare diagnostische Apparat des Krankenhauses kam zum Einsatz, einschließlich einer CT. Der Krankenkasse gegenüber soll ja etwas abgerechnet werden, und auf dieser Rechnung erscheinen nicht Würde und Menschlichkeit, sondern die erbrachten “Leistungen” des Hauses. In der Mischkalkulation, die ein paar Ebenen höher gemacht wurde, um diese medizinische Fabrik zu einem wirtschaftlich erfolgreichen Unternehmen zu machen, ist es wieder einmal aufgegangen, und dieses Mal musste nicht ein ausgewanderter Puls von der Liege auf die Bahre gewuppt werden. Obwohl ich Krankenhäuser hasse, war ich doch froh, dass ich mitgekommen war, denn sonst hätte dort ein Mensch viereinhalb Stunden geängstet und wimmernd herumgelegen, ohne dass sich jemand in der emsigen Betriebsamkeit dieses hôpital froid die Mühe gemacht hätte, eine nicht abrechenbare “Leistung” wie ein menschliches Wort oder gar eine gehaltene Hand zu erbringen.

Man hat ja keine Zeit, und alles ist so viel Arbeit heute. Jeder tut, was zu tun ist, und niemand ist für das Gesamte verantwortlich. Mit den gleichen Prinzipien, mit denen die Prozesse eines größeren, gut durchrationaliserten Betriebes durchgeführt werden, könnte man auch ein KZ betreiben, schoss es mir irgendwann durch den Kopf, als ich mich selbst in Zynismus flüchtete, um den stumpfen Zynismus, der mich umgab, ertragen zu können.

Geldschneiderei

Als es endlich so weit war, dass eine Fachärztin da war, wurden wir beide froh, dass das Warten in Quälerei ein Ende finden sollte. Auch sagte ich zu ihr, die außer einem Frühstück vor dem geplanten Weg in die Stadt noch nichts gegessen hatte und inzwischen auch ein sehr flaues Gefühl im Bauche hatte, dass sie wohl bald wenigstens etwas essen könnte — denn auch die körperlichen Bedürfnisse eines Menschen, so sie nicht direkt gegenüber der Krankenkasse abrechenbar sind, spielen im Betrieb des Krankenhauses keine besondere Rolle. Es gibt ja einen überteuerten Kiosk und einen Automaten, an dem sich die Menschen allerlei junk food zu gesalzenen Preisen kaufen könnten, wenn sie sich das noch leisten können.

Ich war so zuversichtlich, weil mir schon vorher klar war, zu welchem Ergebnis die Ärztin in ihrer Untersuchung kommen würde, und zwar völlig unabhängig von den Zahlen und Bildern, die von den Geräten ermittelt werden. Natürlich sollte sie im Krankenhaus bleiben, obwohl es keinerlei Anzeichen für einen Schlaganfall gab (und es sich wohl eher um eine vorübergehende Durchblutungsstörung im visuellen Cortex handelte — die eigentlichen Symptome hatten längst deutlich nachgelassen), damit das noch ein paar Tage lang “beobachtet” werden kann. Dies ist ja schließlich eine “Leistung” des Krankenhauses, die mit der Kasse abgerechnet werden kann, und nur dafür wird der ganze Betrieb ja betrieben. Jede andere ärztliche Auffassung hätte das Bild in meinem Kopfe, das sich durch die schlichte Betrachtung dessen, was mich umgab, immer dinglicher ausformte, zerschmettert.

Und natürlich sollte es gleich auf die stroke station gehen. In ein “paar Minuten” sollte sie zur intensivmedizinischen Überwachung auf die Station gebracht werden. Und. Ja, sie bekäme dort auch etwas zu essen.

Die “paar Minuten” dehnten sich zu weiteren zweieinhalb Stunden auf einer unbequemen Liege in der Notaufnahme. Zweieinhalb Stunden, in denen sich niemand um eine alte Frau kümmerte und — auf explizite Ansprache — niemand für sie “zuständig” war, deren Zustand immerhin von einer Fachärztin als so ernst eingeschätzt wurde, dass er der intensivmedizinischen Überwachung bedürfe. Allein diese Vorgehensweise legt den Gedanken aufdringlich nahe, dass der Zustand so ernst wohl doch nicht gewesen sein kann, dass die Verkabelung des Körpers mit einer Reihe von Messgeräten nur vorgenommen werden sollte, um ein paar wirklich teure Tage mit der Kasse abzurechnen. Unterdessen hätte sie dort wimmernd auf der Liege verrecken können, es hätte wohl niemanden interessiert. Und niemand hielt es für nötig, ihr oder mir etwas darüber zu sagen, wie lange es noch dauern würde und worin der Grund für diese Verzögerung läge. Jeder tat, was er zu tun hatte und wofür er bezahlt wurde, und niemand war verantwortlich für die entstehende, unmenschliche Gesamtheit des Ablaufes.

Nach deutlich über anderthalb Stunden des weiteren Wartens — niemand unterstelle ihr oder mir einen Mangel an Geduld! — hatten wir es satt. Sie war inzwischen sehr unruhig geworden, die schlimmsten Symptome hatten nachgelassen und so konnte sie bemerken, wie sie als hilfloser Mensch zu einer reinen Wirtschaftsmasse aus noch zuckendem Fleisch, zu einem Objekt der Rechnungsstellung geworden war. Wir beschlossen, einfach zu gehen, die nächste Taxe zu nehmen — weder ich noch sie hatte auch nur das Geld dafür — und diese Hölle zu verlassen. Um zu erkennen, dass die angeordneten “medizinischen Maßnahmen” reine Geldschneiderei gegenüber der Krankenkasse waren, dass sie mit einer beachtlichen Gleichgültigkeit gegenüber dem wirklichen medizinischen Zustand und dem leidenden Menschen angeordnet wurden, bedurfte es keiner besonderen mentalen Befähigung und keiner medizinischen Fachkenntnisse mehr. Die offen herumliegende Mappe mit den Untersuchungsergebnissen (ich habe sie in den vielen Stunden sehr sorgfältig durchgelesen, sie enthielt für meine laienhaften Augen in viel medizinischer Fachsprache verpackt immer wieder die Feststellung, dass es keinerlei messbare medizinische Auffälligkeit gibt) wollten wir einfach mitnehmen, um im Zweifelsfall handfestes Belegmaterial zur erlebten Willkür und Unmenschlichkeit zu haben. Angesichts der Tatsache, dass ich im Begriffe war, mit einem Menschen das Krankenhaus zu verlassen, für den gerade ärztlich eine intensivmedizinische Überwachung angeordnet wurde, stand ich mit diesem Entschluss ja mit einem Bein im Gefängnis, wenn nur irgend etwas passiert — und die Unmenschen, die diesen Betrieb aufrecht erhalten, werden ihrerseits niemals ein Gefängnis von innen sehen, egal, was passiert. Da sichert man sich gern gegen jede Eventualität ab, wenn man noch Restfunktionen des Verstandes hat.

Natürlich war sie nach den zermürbenden, inzwischen mehr als sieben Stunden des Wartens, nach der ausgestandenen Todesangst, nach einem Tag ohne Essen, nach einer völlig entwürdigenden, kalten und unmenschlichen Behandlung einfach… nur noch fertig, schlaff, hilflos, gar von einer gewissen Sehnsucht nach dem Tod erfüllt, ihre Stimme kraftlos, die Müdigkeit überwältigend. Angst, Hunger und seelische Kälte machen eben müde. Und auch ich, der ich “nur” dabei war, zehrte schon längst von den letzten Resten meiner psychischen und physischen Leistungsfähigkeit.

Es war schon sehr erstaunlich, wie auf einmal in dieser Notaufnahme, die sich sonst einen Dreck um einen dort in Not und Todesangst herumliegenden Menschen scherte, Aufmerksamkeit entstand. Auf einmal fühlte sich einer der dort herumlaufenden Pfleger sehr wohl “zuständig” für diesen Vorgang. Zunächst sprach er mich recht energisch an, vielleicht auch, weil er mich für die treibende Kraft hielt und aus seiner täglichen Erfahrung in diesem Betrieb heraus sehr genau wusste, dass die so misshandelten Menschen jede Widerstandskraft verlieren. Als erstes erzählte er mir, dass es die von misshandelte Frau “gleich” auf die Station käme, woraufhin ich erwiderte, dass dieses “gleich” sich schon deutlich über anderthalb Stunden hinzieht und dass es mit der angeordneten intensivmedizinischen Überwachung wohl nicht ganz so wichtig sein könne. Dann versuchte er mir Angst einzujagen mit dem Hinweis, dass ich die ganze Verantwortung trüge, wenn irgendetwas passiert. Ich musste mich wirklich sehr beherrschen, diesem Typen nicht in seine unmenschliche, wirtschaftsfaschistische Fratze zu rotzen und ihm ohne eine Spur von Boshaftigkeit oder Aggression, aber doch klar und entschieden entgegenzuhalten, wie zynisch und unmenschlich das Wort “Verantwortung” aus solchem Mund und in solcher Situation klingt. Zu guter Letzt behauptete er, dass die Mitnahme der Untersuchungsergebnisse doch verboten sei — er sah die Mappe in meiner Hand — und dass ich diese Dokumente aber sofort herausgeben sollte. Ich setzte das grimmigste mir mögliche Gesicht auf und sagte nur, er könne ja versuchen, sich die Mappe zu holen, und ich sags euch, wenn es zum Kampf gekommen wäre, denn säße ich jetzt wegen Totschlages in Untersuchungshaft und würde das hier nicht mehr schreiben und veröffentlichen können. Zu guter Letzt belegte er die gesamte Verrohung und Verrottung seiner stinkenden Seele, indem er einsah, dass seine Standardmethoden bei mir nicht mehr wirklen, mich einfach ignorierte und mit gut geübter Routine auf eine hilflose, geängstete, völlig erschöpfte Frau einredete, die zuvor von ihm und seinen Kollegen so viele Stunden sich selbst überlassen worden war und sich dabei auch nicht zu schade dafür war, mit seinem gefräßigen Fleisch nach ihrer Hand zu grabschen, ihr tief in die Augen zu blicken, sie zum Zurückschauen aufzufordern und wie ein geübter Hyponotiseur monoton auf sie einzureden, offenbar genau wissend, dass von ihr nach stundenlanger Zermürbung durch seelische Misshandlung kein Widerstand mehr zu erwarten ist. Das “überzeugte” sie, und sie ging zurück zu einer weiteren Dreiviertelstunde des Wartens. Er muss viel Erfahrung darin gehabt haben. Ich sagte ihm auf den Kopf zu, was er da getan hat und wie sehr ich ihn dafür verachte, und ich prägte mir das Gesicht dieses sehr beflissenen Schergen ganz genau ein, man sieht sich ja immer zweimal im Leben. In mir zerbrach eine ganze Welt, und ich musste mich sehr zusammenreißen, nicht auf der Stelle krampfartig zu weinen.

Nach einer weiteren Dreiviertelstunde — die unmittelbare psychische Wirkung der sehr geübt gegebenen Hypnose ließ gerade nach, und sie war zwar noch erschöpfter, hungriger und müder, dachte aber schon wieder daran, dass wir vielleicht doch wie beschlossen gehen sollten — kam sie endlich zum intensivmedizinischen Verdrahtetwerden auf die Station. Es war der gleiche Pfleger, der sie dorthin brachte und der mich nach allen diesen Stunden sogar noch mit seinen Worten daran hindern wollte, dass ich mitkomme — und zwar gegen den Willen der Frau, die er jetzt dorthin bringen sollte.

Er war sehr aufmerksam, als er das kleine kahle Zimmer in der Notaufnahme betrat, er wusste eben, worauf es in solcher Situation ankommt. Sein erster Blick galt dem Tisch mit der Mappe, die er an sich nahm, bevor er auch nur ein Wort sagte — er handelte eben wie jemand, der genau weiß, dass gewisse Spuren nicht an andere Augen geraten sollten, weil sie eben auch Augen öffnen können. Auch das wirkte ausgesprochen routiniert.

Auf der Station

Auf der stroke station (man spricht dort kein Deutsch mehr auf den Schildern) wurde sie dann schließlich von einer freundlichen Assitenzärztin mit den Geräten verkabelt, und ich verabschiedete mich vorher mit einer langen und traurigen Umarmung. Die Ärztin erzählte mir angesichts dieser Szene ihr Märchen von den “guten Händen” in denen die zerschlagene Seele jetzt sei, und ich rang mit den Tränen, als ich ihr kurz und wenig konsistent erzählte, was das für “gute Hände” sind, die wir den ganzen Tag erleben und erleiden durften. Sie zeigte sich ernsthaft entsetzt von den Zuständen, aber diese liegen eben auch außerhalb ihres Zuständigkeitsbereiches, wie sie sagte. Jeder tut eben nur seine Arbeit, und niemand ist verantwortlich für das sich ergebene Gesamte, der Moloch brennt lichterloh und bratend, die Hände sind in Unschuld und Sterilium gewaschen.

Ich verabschiedete mich von diesem verantwortungslosen Rädchen in der Seelenmühle kurz und so freundlich, wie ich es gerade noch hinbekam. Ich hätte ihr noch vieles mehr zu sagen gehabt, auch darüber, ob es vielleicht ein bisschen mehr in ihrem “Zuständigkeitsbereich” läge, wenn so eine intensivmedizinische Beobachtung eines Patienten ganz offenbar aus reiner Kostenschneiderei angeordnet wird, wenn es so ganz offensichtlich scheißegal ist, wie es dem Menschen ergeht, bis er endlich an die Apparate angeschlossen wird, auf dass die Kasse klingele, die Hauptsache in alledem. Ich war endlich mürbe, wollte nur noch raus und dieses Haus niemals wieder betreten. Raus auf die kalte Straße, um endlich in aller Ruhe für mich zu heulen. Nein, ich wollte nicht mehr, dass mir jemand den Weg nach draußen zeigt, da irre ich lieber selbst durch die (recht gut ausgeschilderten) Gänge des inzwischen still gewordenen Hauses.

Nach einem ganzen Tag unter Sterilität und Leuchtstofflicht trat ich endlich hinaus aus diesem Haus, über dessen hellerleuchtetem Glastor am besten noch die diakonischen Worte “Wer hier eintritt, lasse alle Menschlichkeit fahren” passen. Der Wintertag hatte sich längst in eine kalte Winternacht ergossen, der stobende Schnee schoss mir nass und schwer in das Gesicht. Ich war nur dünn bekleidet, aber ich fror nicht. Es erschien mir draußen, bei minus sechs Grad, sogar körperlich noch wärmer als in diesem Krankenhaus. Erst jetzt spüre ich, wie groß die Anleihe auf meine Gesundheit ist, die ich genommen habe.

Zum Schluss

Wer krank und hilflos ist, aber es noch irgendwie schafft, einen eigenen Willen zu äußern und durchzusetzen, der soll dies bitte und um seiner eigenen Würde willen tun! Wer von beflissenen Rettungssanitätern in ein Krankenhaus verbracht wird, weil ein Arzt dies (zuweilen aus wirklich gutem Grunde) für angemessen und richtig hält, der sollte vor allem anderen auf eines dabei achten und bestehen, und zwar so energisch wie nur irgend möglich: Dass er niemals, niemals, niemals in das Henriettenstift in Hannover gefahren werde, dort, wo sich die Sallstraße und die Marienstraße in der Südstadt treffen. Es ist kein Ort für Menschen.

Alles, was ich hier beschrieben habe, habe ich gestern selbst so erlebt, wie ich es beschrieben habe. Ich habe gegen das Schweigen geschrieben, das so erwünscht ist, gegen die Verdrängung, gegen das “Vergessen macht frei” als eine kranke Haltung, die kranke Zustände erhält. Jeder Mensch kann einmal in die Situation kommen, hilflos einer solchen Mühle ausgeliefert zu sein, und nur die wenigsten werden in diesem Betrieb aus sich selbst heraus und noch krank die Kraft haben, dem kalten Irrsinn ihrer totalen Verwirtschaftung zu widerstehen. Lasst euch nicht durch die künstliche Sprache der Ärztebrut und das ebenso künstlich erzeugte Ansehen dieses Packs verblenden, und versucht, die Dinge bei ihrem Namen zu benennen! Die künstliche Sprache der Mediziner kennt jeder, der schon einmal mit einem Mediziner gesprochen hat, und das künstlich erzeugte Ansehen ist sogar in die Alltagssprache übergegangen, wenn der Pfusch eines Arztes eben nicht als “Pfusch” (ist ja auch “nur” ein Mensch), sondern als “Kunstfehler” bezeichnet wird. Zuweilen hört oder liest man dann hinterher auch noch die Worte “Die Wege Gottes sind unergründlich” — hier schließt sich dann der bittere Kreis zur Diakonie.

Wer glaubt, das von mir beschriebene sei ein “Einzelfall” und klinge nur durch Verkettung einiger unglücklicher Umstände so böse, der hat nicht miterlebt, wie geübt dieser Einzelfall von allen Beteiligten herbeigeführt wurde. Hinter dieser Routine muss eine lange Erfahrung stehen, auch eine lange Erfahrung darin, wie man Menschen bricht, die ihr Recht einfordern, als Mensch behandelt zu werden.

Und nein! Die so genannte, von Quacksalbern, windigen Geschäftemachern und immer mehr auch von Apothekern betriebene, auf Aberglauben und primitiver Magie basierende “Alternativmedizin” ist keine Alternative. Die einzige Alternative ist es, dass Menschen wieder wie Menschen behandelt werden, weil es ihnen — verdammt noch mal! — als Menschen einfach zusteht. Das ist auch mit einer Medizin möglich, die den körperlichen Tatsachen verpflichtet ist, es wäre sogar im Betrieb eines Krankenhauses möglich, wenn dort auch die psychischen Tatsächlichkeiten des Menschen geachtet würden und aus dem Hilflosen nicht einfach nur ein verwurstbares Wirtschaftsobjekt gemacht würde, das man in seiner Not mit Füßen tritt. Es ist nicht gewünscht. Zumindest nicht. Im Henriettenstift in Hannover. Der Rest ist von professionellen Werbern auf Hochglanzpapier gestempelter Schönsprech, also Lüge.

Für M.
Ein Detail habe ich in meinem Bericht nicht erwähnt, obwohl ich es ebenfalls bemerkenswert finde. Niemand ist in diesen ganzen Stunden in einem Haus mit Schränken voller wirksamer Medikamente auf die an sich nahe liegende Idee gekommen, ein Psychopharmakon gegen die schreckliche Angst zu verabreichen. Ich habe es nicht weiter erwähnt, weil ich auf dem Hintergrund meiner Kenntnisse nicht beurteilen kann, ob es sich hierbei um eine medizinisch begründete Entscheidung handelt. Angesichts der völligen Gleichgültigkeit einem Menschen und seinem Elend gegenüber, die ich über Stunden hinweg miterleben durfte, halte ich es aber eher für wahrscheinlich, dass an so eine Hilfe jenseits der eigentlichen Rechnungsstellung einfach “nicht gedacht” wurde, dass das Leiden der Menschen im Betrieb des Krankenhauses einfach nur egal ist. Doch ich bin mir darin in diesem einen Punkt nicht sicher, ob die Gabe eines Psychopharmakons ein Untersuchungsergebnis verfälschen kann, deshalb habe ich mich auf das unzweifelhaft Kalte, Widerliche, Unmenschliche beschränkt.

Vom demokratischen Deutschland

Wille zum Aufbau gab werkfrohen Händen den Segen der Arbeit. Freude, Gesundheit und Kraft spende fortan #uch der SeeUnd der Nachtwächter sagte, als er auf die Demokratie angesprochen wurde: Um das politische Dilemma in Deutschland zu verstehen, muss man sich nur die Politiker anschauen, die bei den Menschen in Deutschland beliebt gewesen sind. Der — so lange seine “Politik” scheinbare “Erfolge” aufweisen konnte — mit Abstand beliebteste deutsche Kanzler etwa, er ist so beliebt geworden, weil er den Menschen immer wieder unter mechanisch verstärktem Gebrüll harte, entbehrungsreiche Arbeit, einen großen Krieg und ein Leben im frosten Osten versprach, weil er die Menschen mit groben Formen der Gewalt einschüchterte, und es tat seiner Beliebtheit nur wenig Abbruch, als er ihnen die Erfüllung der ersten beiden seiner Versprechungen auch gewährte. Nein, es steigerte gar noch die Beliebtheit. Unter solchen kalten Menschen führt auch eine Demokratie nicht dazu, dass sich die Menschen politisch für möglichst gute Bedingungen ihres huschend vorbeifliegenden Daseins einsetzten, das doch ihr ein und alles ist. Wenn sich die Menschen die Auffassung verinnerlicht haben, dass sie nicht ihr eigenes Leben in Verantwortung zu leben haben, sondern dass ihr Daseinszweck darin besteht, eine auswechselbare Batterie zum Aufrechterhalt eines überpersonalen Prozesses zu sein, der den Anforderungen des eigenen Lebens entgegensteht, denn ist die Demokratie verschwendet. Unter der alles erdrückenden Herrschaft des Geldes, des Knüppels und der Schusswaffe wird von diesen Menschen. Nicht einer. Etwas Wesentliches vermissen.

Realistisches Adventslied

Zu singen zur Melodie eines allgemein bekannten, deutschen Adventsliedes und zum weihnachtlichen und politischen Geschwätz in den Medien.

Es kommt ein Schiff geladen
Bis an sein’ höchsten Rand,
Die Schulden sind Billiarden,
Und nirgends sieht man Land.

Das Schiff treibt schief im Meere,
Es trägt ein üble Last.
Statt Segel gibts nur Leere,
Zerbrochen ist der Mast.

Kein Anker mehr vorhanden,
Er wog ja viel zu schwer.
Vielleicht wird man einst stranden…
Es glaubt längst keiner mehr.

Am Steuer stehen Irre
Die nur Visionen sehn;
Ihr Reden macht euch kirre,
Ihr könnt ihm kaum entgehn.

Sie haben keine Karten,
Ihr Wahn reicht ihnen aus.
Sie hoffen selbst und warten
Auf gestrig Saus und Braus.

Der Sturm pfeift durch die Planken,
Es reiht sich Leck an Leck.
Schöpft Wasser ohn’ Gedanken!
Das nennt man euren Zweck!

Drum sollt ihr eifrig kaufen,
Es ist ja Weihnachtszeit.
Die Wirtschaft muss doch laufen
Sonst ist es bald so weit…

…und habt ihr nichts zu schenken,
Denn leiht euch einfach Geld!
Wie euch die Irren lenken!
Die Bank regiert die Welt.

Epilog

Und rottet einst am Strande
Ein gammlig Balken Holz:
Das blieb vom Deutschen Lande;
Die Steuerfrau ist stolz.

Mit fröhlichem Gruß an den Dwarslöper

Annie

Und du sitzt in deinem Zimmer
dir gefällt die Unterhaltung;
und du schaust fern,
helle Farben, und so entzückend.

Du könntest nicht in ihrer Nähe sein,
würdest nicht hören, was Annie* sagt
während Annie traurig ist.
Du könntest nicht in ihrer Nähe sein,
würdest nicht hören, was Annie sagt.

Und du wartest auf deinen täglichen Nervenkitzel, ungeduldig,
um ihn für deine persönliche Horrorshow einzusammeln;
Und du beobachtest wandelnde Schatten die statt deiner leben… und du…
du weißt nicht, dass Annie in deiner Nachbarschaft lebt.

Jesus Christus, wir lieben dich so sehr
seit wir deine Show im Fernsehen gesehen haben.
Eine Neigung zum Freitod,
aber kein Wille, einzugreifen**.
Spür, wie es dich überkommt…
Gleichgültigkeit… Gleichgültigkeit…
Sender auswählen, Nachrichten sehen,
Annies Standpunkt übergehen.

Du könntest nicht in ihrer Nähe sein,
würdest nicht hören, was Annie sagt
während Annie traurig ist.
Du könntest nicht in ihrer Nähe sein,
würdest nicht hören, was Annie sagt.

Du könntest nicht in ihrer Nähe sein,
würdest nicht hören, wenn Annie lacht.
Du könntest nicht in ihrer Nähe sein,
würdest nicht fühlen, dass Annie…
Annie… Annie liebt.

Wolfsheim: Annie (early version) | YouTube-Direktlink
Übelsetzung und alle Verhörer sind von mir. Hat der Heppner damals viel Hall hinter seiner Stimme gehabt!

* Der Name “Annie” ist meiner Meinung nach ein Wortspiel mit dem Wort “any”, das den ungefähren Bedeutungskreis “einer”, “irgendein” oder auch “jeder” trägt. Das lässt sich leider nicht transportieren.

** Dieses “eingreifen” ist ein englisches “to interfere”, das als zusätzliche Bedeutung so viel wie “stören”, auch im Sinne einer Empfangsstörung durch einen anderen Sender beim Rundfunk transportiert, was in diesem Zusammenhang sehr beabsichtigt wirkt. Auch diese Subtilität ist nicht leicht übertragbar.

Wofür man Scheiße frisst

Da kriechen zwei Würmer, ein kleiner und ein großer, aus einem riesengroßen Misthaufen heraus.

Und der kleine Wurm sagt zum großen Wurm: “Papi, schau dir doch an, wie schön es hier ist, wie herrlich das Licht ist, wie blau der Himmel ist, wie grün das Gras ist, wie köstlich die Luft riecht…”

Und der große Wurm antwortet dem kleinen Wurm: “Mein Sohn, wir Erwachsenen haben da so etwas, und du wirst es auch noch kennenlernen, wenn du groß wirst. Wir nennen es Vaterland.”

An Stelle eines Grußes: Link 1 | Link 2 | Link 3 | Link 4 | Link 5 | Link 6 | Link 7 | Link 8 | Denk ich an Deutschland | in der Nacht | bin ich | um den | Schlaf | gebracht | |

Jesus starb in Las Vegas

Glaubt ihr, dass ihr ihn ganz genau so liebtet?
Selbst, wenn auch er von jedem Glauben abgefallen wäre?
Ihr gabt und gebt euer eigenes Blut
Und einen Ruheplatz für diese lächerliche Krone
Und euren ganzen Unfug — für nur einen einzigen Dollar.
Ihr werdet Menschen bitten, euch zu folgen und zu dienen,
Ihre Länder zu verlassen und ihre Väter,  so sie euch lieben.
Doch die Betrüger und die Huren —
Es mag schon sein, dass sie euch ebenfalls folgen —
Doch sie werden auf eine Gegenleistung warten
Die reicher als eure Worte ist.

Jesus starb in Las Vegas
Und hier haben alle Lichter den Geschmack
Seines ganzen Blutes, Schmerzes und Widerstrebens.
Jesus starb in Las Vegas
Und er starb mit der Überheblichkeit
Jener, die sich geliebt fühlen; so sehr geliebt und verraten.

In einem unterbelichteten* Motel verratet ihr eure Freunde
Und ihr heiratet für ein paar Dollar eine Nutte:
Eine Zigarre. Unmittelbare Hochzeit. Drei Nägel
Reichen hin, um Geschichte zu werden, wenn mans nur annimmt
Und wenn man daran glaubt.
Jemand wird ihm folgen und den Flaggen und Königen entsagen,
In Sandalen oder in einem Cadillac.
Ihr werdet seinen Platz haben. Doch sie werden
Euch vergessen. Und. Ihr wisst gar nicht,
Wie bequem ein Gott ersetzt werden kann.

Jesus starb in Las Vegas
Und hier haben alle Lichter den Geschmack
Seines ganzen Blutes, Schmerzes und Widerstrebens.
Jesus starb in Las Vegas
Und er starb mit der Überheblichkeit
Jener, die sich geliebt fühlen; so sehr geliebt und verraten.

Nichts ist ansteckender als Sünde.

Spiritual Front: Jesus died in Las Vegas | YouTube-Direktlink
Die dem Original nicht völlig gerecht werdende Übelsetzung und alle Verhörer sind von mir.
Gruß an Claudia und an Don Ralfo

* Die im Adjektiv “dim” enthaltene Ambiguität von “schummrig, dunkel” und mehr umgangssprachlich “schwer von Begriff” ist meiner Meinung nach völlig beabsichtigt, aber nicht gut übertragbar, deshalb die seltsame Übersetzung als “unterbelichtet”, da hier eine eine vergleichbare Überschneidung von Bedeutungskreisen im Deutschen auftritt. Es ist dennoch nicht halb so deutlich wie das Original geworden.

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