Tag Archive: Handeln


Gleichgültiges Fest

Es ist Sommer. Die Sonne hat keine Wahl und scheint auf nichts Neues. Die Straßen der Stadt sind warm. Die Menschen. Treibt es nach draußen. Da muss ihnen doch etwas geboten werden, damit. Sie nicht zu denken beginnen. Ein rauschendes Fest nach dem anderen wird auf den Straßen und Plätzen Hannovers aufgeführt, mit lärmender Musik und Bier im Plastikbecher, vierunddreißig internationen Pfannen, aus denen es zum Himmel stinkt und Feuerwerk. Und Feuerwerk. Für den Vorübergehenden, den Fühlenden und Denkenden, entsteht der Eindruck einer verzweifelten Riesensause auf einem sinkenden Schiff.

Und wer unter den Menschen sich trotz der vielen vorgestanzten Angebote darauf besinnt, dass er noch etwas selbst machen könnte, wird von der Polizei aufgelöst. Es ist eben nicht alles gleich gültig unter den Bedingungen der totalen Verwirtschaftung. Aber das. Soll den Feiernden gleichgültig bleiben.

Was einen nicht kaputt macht…

Die von früh auf Zerbrochenen im Lande Barbarien erhalten ihren Narzissmus und heiligen ihren Zerbruch und die von ihnen selbst geforderte Lebensfeindlichkeit gern mit dem blinden Wort: „Was einen nicht kaputt macht, macht einen nur härter“. Keine Aussage könnte falscher sein. Die zivilisationskranke Schädlichkeit, die einen Menschen nicht kaputt macht, schadet ihm nur; raubt ihm nur Kraft fürs und Willen zum selbstbestimmten Leben; macht ihn nur stumpf gegen sich selbst und gegen andere; macht ihn nur immer weicher und formbarer für jene, die ihre Vorteile davon haben, wenn Menschen vor lauter Angst und Schmerzvermeidung nicht mehr wissen, dass sie handeln können. Wer mit solcher Blindrede die Härte einfordert, belegt damit nur, dass er schon längst mit der stets eingeforderten Härte zerbrochen wurde.

Vom Schwätzen und vom Handeln

Vergleichen wir einmal die Diskussionen über den Völkerbund (von 1920) im Senat der USA mit der Erörterung über ein zusammengebrochenes Auto in einer Garage an der Landstraße. Der Unterschied ist gewaltig. Der ländliche Mechaniker denkt wissenschaftlich; sein einziges Ziel besteht darin, sein Wissen vom Bau und vom Betrieb des Autos zu verwerten, um den Wagen wieder in Gang zu bringen. Dahingegen scheint der Senator allzuoft kaum eine gründliche Vorstellung von der Eigenart und den Daseinsbedingungen der Völker zu haben; er verläßt sich auf seine Redegewandtheit und appelliert an unbestimmte Befürchtungen und Hoffnungen oder lediglich an Parteileidenschaften. Die Wissenschaftler sind ein ganzes Jahrhundert damit beschäftigt gewesen, die Beziehungen zwischen den Völkern nach der praktischen Seite zu revolutionieren. Der Ozean ist nicht mehr wie zu Washingtons Zeiten eine Schranke, sondern eine nahezu hindernislose Fahrbahn für alle Pläne und Ziele, die weniger die östlichen und westlichen Kontinente streng voneinander trennt als sie eng zusammenschließt. Nichtsdestoweniger wird der Senator sich ungeniert auf eine Politik berufen, die ein Jahrhundert früher vielleicht angebracht war, jetzt aber eher ein warnendes Beispiel als ein Vorbild abgibt. Im Gegensatz hierzu nimmt sich der Mann in der Garage seinen Mechanismus so vor, wie er ihn findet, und läßt sich aus keinerlei mystischem Respekt vor vergangenen Formen ins Handwerk pfuschen.

James Harvey Robinson, Die Schule des Denkens
Autorisierte Übersetzung von J. Leithäuser, 1949

Ich habe diese Passage aus einem längst aussortierten, vergilbten und zerfallenden Buch zu einer Zeit gelesen, als sich Millionen von allzu hörigen Menschen in ihrem Fernsehempfänger anhörten, wie ein Herr von und zu Guttenberg und ein Herr Lambsdorff vor den Kameras des quasi-staatlichen Fernsehens der BRD mal wieder so richtig Kompetenz simulierten. Wahrscheinlich passt das alte Zitat auch dazu…