Archive for Oktober, 2008


Hokuspokus

Kaum jemand weiß, wie das Wort „Hokuspokus“ entstanden ist, das ja auch bis heute gern und oft zur abwertenden und treffenden Bezeichnung jeder Form des faulen Zaubers verwendet wird. Es handelt sich um eine Verballhornung der rituellen lateinischen Formel „hoc est corpus meum“, die als wichtig präsentiertes Gemurmel über Jahrhunderte hinweg von so vielen Menschen gehört und doch nicht verstanden wurde. Diese Phrase stammt aus der Liturgie der Messe in der röm.-kath. Kirche, sie wird gesprochen, wenn der Pfaffe die Oblate präsentiert und sie bedeutet auf Deutsch schlicht „Dies ist mein Leib“. Mit diesen hingemurmelten Worten „verwandelt“ der Pfaffe kraft seines gleichermaßen kraftlosen wie viel zu breit geglaubten Wortes ein bisschen Teig in einen Gott, an den sie alle glauben sollen — bis auf den heutigen Tag, und keineswegs nur bei den Katholiken.

Was für ein Hokuspokus! „Wer Ohren hat, der höre!“ (Jesus aus Nazaret zugeschrieben, Mt. 11, 15)

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Rettungspaket

Wenn man das Wort vom „Rettungspaket“ hört — jetzt einmal ohne den gegenwärtigen Propaganda-Sprech der politischen Kaste — denn denkt man ja unwillkürlich an so etwas wie ein Päckchen, dass etwa Schiffbrüchigen oder Hungernden zugeworfen wird, um ihre bedrohlichste Not zu lindern, man denkt an eine warme Maßnahme der Mitmenschlichkeit, die als zivilisatorische Leistung das Leben von in Not geratenen Menschen lindern soll. Es ist das Wort „retten“ darin, das nach einer hingereichten Hand für einen Ertrinkenden klingt, und es ist das Wort „Paket“ darin, was an einen nicht besonders großen Karton denken lässt, der vielleicht ein paar Hilfsmittel, unentbehrliche Güter, Lebensmittel enthält. Ja, das Wort klingt wie eine humanitäre Maßnahme, wie ein Care-Paket, das vorm Darben und vorm Sterben bewahrt.

Wer würde schon etwas gegen ein „Rettungspaket“ haben? Nur ein Unmensch. Deshalb heißt dieses angebliche „Rettungspaket“ auch in allen Stellungnahmen und in allen gleichgeschalteten Medien genau so, und es wird nicht etwa als „staatliches Geldgeschenk im Wert von einigen hundert Milliarden Euro für verantwortungslose Glücksspieler, die beim Zocken das Geld anderer Menschen verloren haben und auf diese Weise viele Menschen ins Elend getrieben haben“ genannt. Denn die letztere Formulierung würde doch etwas genauer treffen, um was es hier eigentlich geht — um die Subventionierung der totalen Verantwortungslosigkeit mit öffentlichen Mitteln.

Diese Menschen- und Landesverkäufer, die so einhellig von einem „Rettungspaket“ sprechen, und ihre ganzen medialen Speichellecker, die ihnen dieses böswillig gebildete Wort so unreflektiert nachplappern; diese ganzen heillosen, Menschen verachtenden Zyniker, sie zeigen damit Charakter. Und was für einen! Bäh!

Von Menschen und Gänsen

Was ist der Unterschied zwischen einem Menschen und einer Weihnachtsgans?

Was man in den Trichter tut. Den Menschen muss man erst mit ein paar eingängigen Lügen stopfen, bevor man ihn so richtig ausnehmen kann.

Weltschlag

Wie fröhlich doch manchmal ein Verleser die Dinge erhellt! Die Überschrift lautete „Schlagzeilen aus aller Welt“, aber ich verlas sie beim ersten Überfliegen als ein „Schlägereien aus aller Welt“. So sehr diese Lesart auch der pseudosachlichen Sprache von Nachrichten widerspricht und so schnell und natürlich ich deshalb das Verlesen bemerkte, das Ergebnis der unbewussten Textkorrektur passte inhaltlich wirklich gut… :mrgreen:

Es ist schon auf eigentümliche Weise für einen Fernsehabstinenzler erheiternd, wenn er bei jemandem sitzt, der gewohnheitsmäßig abends zur Fernbedienung greift und sich die vorgefertigten Bilder und Stimmen in die Wohngrotte holt. Vor allem, wenn dieser Jemand zwar beim unsäglichen Programm von RTL hängenbleibt, aber die ständige Unterbrechung dieses Programmes durch das eigentliche Programm — die tägliche Programmierung der Menschen durch die Reklame — nicht ertragen will und deshalb zur Fernbedienung greift, um der Werbung zu entkommen. Nein, ausgeschaltet wurde die Glotze nicht; der Finger tippte eifrig dreistellige Zahlen und der Blick ging in ein Videotext-Angebot, das seine nichtsigen Tittitainment-Inhalte ebenso mit flackernder, blinkender und aufdringlicher Reklame vergällte, wie der Rest des Programmes auch von Werbung vergällt ist. An allen Stellen fanden die Macher dieses medialen Textangebotes einen Raum, um blinkend und signalfarben auf „günstige Kredite“ und auf „Endlich, der Kredit für jedermann“ hinzuweisen. Als mein Gastgeber sich mit einem Knopfdruck von dieser Wüste verabschiedete und sich wieder der Wüste des Programmes zuwandte, lief die Ankündigung einer Serie mit dem tollen Titel „Raus aus den Schulden“.

Der gesamte, in sich geschlossene Kreislauf des medialen Wahnsinnes kann in weniger als fünf Minuten deutlich werden, wenn man nur hinschaut: Geld für Tinnef ausgeben, Kredit aufnehmen und sich von RTL quotenträchtig aus den Schulden helfen lassen, damit sich auch immer weiter Menschen diesem Hirnbeiz aussetzen.

Allerdings war ich von uns beiden der einzige, der darüber herzlich lachen konnte. Das tägliche Glotzen auf die flackernde Fläche macht offenbar so stumpf, dass selbst das Offensichtliche nicht mehr gesehen wird.

Mit fröhlichem Gruß an M.

Niemand flickt ein altes Kleid mit einem Lappen von neuem Tuch; denn der Lappen reißt doch wieder vom Kleid, und der Riß wird ärger.

Jesus aus Nazaret zugeschrieben, Mt. 9, 17

Die „Logik“ des kulturell etablierten Aberglaubens — dieser Geschäftszweig beschränkt sich ja nicht nur auf Horoskope und mit professioneller Routine ausgelegte Tarotkarten, auch die pfäffischen Zaubersprüchlein der christlichen Institutionen gehören hierher — beinhaltet als eine wichtige Grundlage die unausgesprochene, aber zäh verteidigte Annahme, dass etwas schon deshalb zwingend gut und wahr und weise sein müsse, nur weil es alt ist. Neuere Erkenntnisse werden nur aus dem einen Grund für unbeachtlich erklärt, weil sie eben neuer sind und zudem direkt oder in ihren sich aufdrängenden Folgerungen den älteren, privitiveren, magischeren Prämissen widersprechen. Der Verlust, den ein so regressiv Glaubender erfährt, ist gleich ein doppelter. Zum einen wird jede Annahme einer Entwicklung — und damit auch einer persönlichen Entwicklung — verneint, was zu einer Blindheit gegenüber der Wirklichkeit des Seins führt. Und zum anderen wird in dieser Blindheit auch versäumt, das zuweilen bestehende, wirklich weise und beachtenswerte älterer Überlieferungen aus seiner Verpackung, aus Schichten plumper magischer Praxis, vergangener und aktueller politischer Nützlichkeit und beflissener Geschäftstätigkeit herauszulösen, um es in dem Kontext des eigenen Seins zu stellen und es dort zu wägen und zu prüfen, so dass auch eine bequeme Blindheit gegenüber demjenigen Alten entsteht, an dem der Blindgläubige doch einen erheblichen Anteil seines Daseins auszurichten trachtet. Wo sich Menschen unter weit gehendem Denkverzicht so sehr vom bloßen Alter und der gesellschaftlichen Akzeptanz ihrer Glaubensinhalte verblenden lassen, nimmt es nicht Wunders, dass eine derart fundamentalistische Haltung so leicht in blindem Hass gegenüber anders glaubenden Menschen umschlagen kann.

Jede psychisch wirkmächtige und damit überhaupt erst interessante Gruselgeschichte und jeder Horrorfilm enthält als wesentliches Element der darin erzählten Geschichte, dass die Grenze zwischen Tod und Leben aufgehoben wird, dass sich die Handlung in einer surrealen Grauzone zwischen Tod und Leben entfaltet. Die Toten leben weiter und haben den Wirkkreis der Lebenden nicht verlassen. Damit erfüllt eine solche Erzählung der sterblichen Psyche den Traum von der individuellen Unsterblichkeit, was die Lustquelle beim Genuss dieser Erzählungen oder Filme darstellt.

Dies geht jedoch mit einer beachtenswerten Umkehrung der psychischen Wirklichkeit einher, die offenbar keine Vergällung des Traumes, sondern ein erforderliches Element für seine im Horror fühlbare psychische Kraft ist. Der Einfluss der Toten auf das Leben ist bedrohlich und eine Quelle einer ganz besonderen Form der ambivalenten Angst, die mit dem Wort vom „Grusel“ gefasst wird, ohne dass sie durch solche Benennung leichter fassbar würde. Um diese für das Leben der Lebenden bedrohliche Situation aufzulösen, müssen die Toten wieder tot sein. Der Traum von der Unsterblichkeit hat sich in einen Albtraum verwandelt, in völliger Verkehrung der psychischen Wirklichkeit. Die Vorstellung der Unsterblichkeit selbst kann nicht zur Quelle einer Angst werden, sie ist ein lustvoller Gedanke; die sich in den gruseligen Geschichten manifestierende Angst ist hingegen ein Spiegelbild der ohnmächtigen Angst, die erst in der Verdrängung des Todes eine so große Wirkmächtigkeit erhält. Es mag durchaus aufzeigen, dass jede Form der Verdrängung immer auch dazu führt, dass die Angst stabilisiert wird.

Mit fröhlichem Gruß an all jene, die zum kommenden Wochenende Halloween mit allem geistlosen Klamauk aus der „Kultur“ der USA „feiern“ wollen…

Schutthaufen

Bauarbeiten an einer Brücke, Schutt im Vordergrund vor den Häusern Lindens

Während die anderen Teilnehmer des heutigen hannöverschen Bloggertreffens ihre Eindrücke und auch Fotos des Ereignisses im Café Safran anzubieten haben, bringe ich hier — typisch „Miesmacher“ — nur eines der vielen tristen Motive, über die mein Auge auf dem Weg in die namenlose Gegend zwischen der Innenstadt, der Calenberger Neustadt und Linden stolperte.

Der Grund, weshalb ein Mensch trotz erheblicher Einsichtsfähigkeit weiterhin daran glauben kann, er habe in einem vollständig determinierten Universum so etwas wie einen „freien Willen“ — also eine unabhängige Instanz der Persönlichkeit, die ihn frei handeln lässt — liegt neben der Wucht der psychischen Illusion im Spiegel des Bewusstseins auch in einer einfachen Verwechslung: Gern wird die Tatsache der physikalischen Determiniertheit aller Erscheinungen des Universums mit der Möglichkeit der Vorhersage künftiger Verläufe dieser Erscheinungen verwechselt, obwohl dies zwei sehr verschiedene Dinge sind.

Das Unvorhersagbare ist nicht einen Deut weniger determiniert, nur weil es wegen seiner Komplexität nicht vorhersagbar ist.

Kaum jemand würde einem toten materiellen Gegenstand wie einem Würfel so etwas wie einen Willen zusprechen. Der Würfel verhält sich nicht anders als etwa ein Kieselstein oder ein Teller, er erfährt aufgrund seiner Masse die Gravitation und aufgrund der Form und Textur seiner Oberfläche eine Reibung auf der Unterlage und gegen die Luft. Dennoch ist es nicht vorhersehbar oder steuerbar, welche Bahn ein Würfel nehmen wird, den man über einen Tisch rollt. Natürlich bleibt damit auch im Vorfeld eines solchen Wurfes ungewiss, welche der möglichen Flächen am Ende oben liegen wird — eben das ist ja der Grund, weshalb sich Würfel so hervorragend als handlicher Generator für Zufallszahlen eignen und so gerne in Spielen verwendet werden, in denen ein unvorhersehbares Element eingeführt werden muss.

Der Würfel folgt dabei den gleichen einfachen Gesetzen, denen auch jedes andere Objekt — zumindest jedes andere makroskopische Objekt — unterworfen ist, dies geschieht hier allerdings in einem komplexeren System aus Unterlage, Anfangsimpuls, Materialeigenschaften und Luftwirbeln, das sich rechnerisch mit keiner Vorrichtung modellieren lässt, die einfacher wäre als die Gesamtheit und Einsheit des Systemes.

Tatsächlich ist der Verlauf eines Wurfes in diesem System dermaßen empfindlich gegen kleine Veränderungen des Anfangszustandes und der Bedingungen in seiner Umgebung, dass selbst eine solche „Modellierung“ durch exakte Nachbildung des Systemes nicht mehr möglich ist. Es ist nicht einmal möglich, ein derart empfindliches System aus der Gesamtheit aller Erscheinungen herauszulösen, um es isoliert und „für sich“ zu untersuchen. Die Empfindlichkeit des Verlaufes und Ergebnisses gegen kleine Veränderungen einer Vielzahl seiner Parameter betrifft auch die von globalen Zusammenhängen verursachten Erscheinungen des Luftdruckes und der Luftfeuchte; Verschmutzungen der Tischplatte oder des Würfels im molekularen Maßstab können entscheidenden Einfluss auf das System nehmen; sogar eine kleine lokale Schwankung der Gravitation durch ein vorbeifahrendes Auto oder gar die Stellung des Mondes können entscheidend werden. Die Grenzen des betrachteten Systemes gegen die Gesamtheit aller Erscheinungen sind nicht erkennbar, es ist meines Erachtens sogar sinnlos, von einem abgrenzbaren System zu sprechen.

Obgleich hier keine „Freiheit“ gegenüber den alles determinierenden physikalischen Gesetzen vorliegt, kommt es zu einem Verhalten, das im Einzelfall nicht mehr vorhersagbar ist — alle möglichen sinnvollen Vorhersagen des hervorgerufenen Ereignisses sind statistischer Natur.

(Für die Korinthenkacker unter meinen Lesern: Natürlich ist der Würfel ein vorsätzlich einfach gewähltes Beispiel, und es erscheint durchaus möglich, die beschriebenen Probleme bei der Betrachtung dieses Systemes teilweise in den Griff zu bekommen. Wer ein hoffnungslos unvorhersagbares Systemverhalten erzeugen will, der nehme sich einen einfachen Luftballon und blase ihn auf, ohne ihn zuzuknoten. Wenn man den Ballon loslässt, wird die darin befindliche Luft wegen des Druckes der gedehnten Umhüllung durch die Öffnung nach außen gedrückt und erzeugt dabei einen Rückstoß, dieser treibt den Ballon durch das Zimmer. Dabei nimmt der Ballon eine Bahn in Zeit und Raum, die nicht vorhersagbar ist, obwohl alle beteiligten physikalischen Kräfte von sehr einfacher und vollständig deterministischer Natur sind. Am Ende seiner Bahn in diesem Versuch liegt der Ballon als schlaffe Hülle irgendwo im Zimmer herum und ist damit auch ein Bild für das, was von der aufgeblasenen Illusion übrig bleibt, das sich alles Determinierte auch prognostizieren lässt. Jedes Kind kann diesen Versuch nachvollziehen, und ich bin überzeugt, dass die meisten Kinder viel weniger Probleme als viele Erwachsene damit haben, grundsätzliche Grenzen der Einsichtsfähigkeit zu akzeptieren.)

Die Tatsache, dass etwas vollständig durch einfache Gesetze determiniert ist, bedeutet also noch lange nicht, dass wir es auch so gut wissen können, dass es für uns mit einer Vorhersage greifbar wird. Es gibt prinzipielle Grenzen des Wissenbaren, und die sich jenseits dieser Grenze unvorhersehbar verhaltenden Erscheinungen der Realität sind wohl eher der überwiegende Anteil aller Erscheinungen.

Aber zöge jemand aus dem nicht vorhersagbaren Verhalten eines gerollten Würfels den Schluss, es müsse sich beim Würfel nicht um ein schlichtes physikalisches Objekt, sondern um eine Wesenheit mit einem freien und eigenen Willen handeln, so bezichtigte man diesen Jemand mit gutem Recht eines primitiven animistischen Aberglaubens. Man trifft diese Form des Aberglaubens manchmal bei Glücksspielern an, die mit der Roulettekugel, dem Geldspielgerät oder dem Würfel sprechen oder andere, wirkungslose Versuche der Beschwörung machen — und manchmal auch bei verzweifelten Anwendern eines Computers, die sich mit teils zornigen Worten und sogar gewalttätigen Gesten an die „widerspenstige“ und unter fehlerhafter Software laufende Maschine wenden. Es ist jedem Denkenden klar, dass es sich hier nicht um Objekte handelt, die einen „Willen“ und eine von der Einsheit des Universums losgelöste „Freiheit“ ihres Verhaltens hätten; die unangemessene, abergläubische Kommunikation mit diesen Dingen erscheint als Dummheit.

Nur eine Ausnahme gibt es, ein komplexes System gibt es, dem auch viele durchaus intelligente Menschen die Möglichkeit zum freien, nicht-determinierten Handeln zusprechen, und das ist der Mensch selbst — und in diesem Fall neigen Menschen auch zum bequemen Denkverzicht und verwechseln Determinismus mit der Vorhersagbarkeit. Wenn diese Menschen „Freiheit“ sagen, denn meinen sie damit eine Freiheit, „tun zu können, was sie wollen“. Dabei übersehen sie freilich, dass sie nicht „wollen können, was sie wollen“.

Auch die Illusion der Willensfreiheit könnte sich bei einer Ausweitung der Kenntnisse leicht als eine Form des primitiven, animistischen Aberglaubens erweisen, durchaus vergleichbar mit der Dummheit eines Craps-Spielers, der vor dem Wurf mit den Würfeln spricht…

Tote Tiere

Aus der Sicht eines Fotografen, der in einem komponierten Abbild das Seiende festzuhalten sucht, um die beabsichtigte Sicht auf das Seiende zu vermitteln, ist die belebte Natur nur problematisch. Schon die Pflanzen können bei solchem Anliegen „widerspenstig“ sein, wenn sie die vielen Spuren ihrer Rolle im System der Ökosphäre zeigen. All diese angenagten Blätter, Gallen, beschädigten Blüten und abgeknickten Äste und Stängel entsprechen meist nicht dem Bild, das vom fotografierenden Subjekt durch das Objektiv der Kamera gezeichnet werden soll, und die geeignete Motivwahl kann viel Zeit kosten.

Noch schwieriger ist es freilich, Fotos von lebenden Tieren zu machen. Während die Pflanzen wenigstens noch an ihrem Ort bleiben und dem Fotografen die Möglichkeit geben, in aller Ruhe die beste Perspektive für das gewünschte Bild auszuwählen, befinden sich die lebendigen Tiere in ständiger, oft quicker Bewegung und eignen sich deshalb gar nicht gut für eine Verwendung ihres Abbildes in einem Foto, das beabsichtige Bilder in die Köpfe der Betrachter werfen soll.

Aus der Sicht des Fotografen haben tote Tiere für sein Anliegen einen großen Vorteil, da sie sich der Verwendung als Bildmaterial in keiner Weise mehr durch irgendeine Lebendigkeit widersetzen. Sie können beliebig drappiert werden, mit dekorativem Material umgeben werden, unter Scheinwerfern in geeignetes Licht gerückt werden und wie jedes andere, leblose Objekt auch mit diversen Hilfsmitteln dazu gebracht werden, die passende Farbe und den gewünschten Glanz für das shooting aufzuweisen. Das ist wohl auch der Grund dafür, weshalb die allermeisten Fotos tierischen Seins, die jeden Tag mit der Werbung in die Haushalte gebracht werden, Bilder toter Tiere sind:

Eine Seite Reklame mit Fleisch-Angeboten eines Supermarktes

Und nicht nur für Fotos haben tote Lebewesen einen solchen Vorteil, sondern für jedes Ansinnen, die Komplexität der belebten Wirklichkeit und des darin entstehenden Systemverhaltens in ein abstraktes, leicht behandelbares Abbild mit gewünschten Eigenschaften zu packen — etwa auch für die Abbildung des Lebens in nummerische, wissenschaftliche Modelle. Auch hier entsteht oft der Eindruck — zumal in Zusammenhängen, in denen mit solchem Abbilden der Wirklichkeit Geld verdient werden soll — dass man den abgebildeten Sachverhalten vor einer solchen Behandlung jedes störende Leben entzieht.

Sex und Reklame

Die jedem Sehenden wahrnehmbare Übersexualisierung von Produkten in der Reklame ist kein Zeichen besonderer sexueller Freizügigkeit, sondern ganz im Gegenteile ein Spiegelbild verbreiteten sexuellen Mangels, dessen Wurzel in Unterdrückung, Tabuisierung und Verdrängung zu suchen ist.

Offener Brief an die DNB

Werte Damen und Herren von der Deutschen Nationalbibliothek,

mit großer Erheiterung habe ich wahrgenommen, dass nun für jede Form der Publikation eine Abgabepflicht bei Ihnen gelte, damit Sie sich das Schaffen der Menschen in Deutschland kostenlos aneignen und es archivieren können. Die diesbezügliche Verordnung des Deutschen Bundestages, dessen Abgeordnete sich ja nicht gerade durch eine besondere Kompetenz in Bezug auf jene Medien auszeichnen, die nicht durch das Aufbringen von Druckerschwärze auf toten Bäumen dupliziert und verbreitet werden, erstreckt sich ausdrücklich auch auf Publikationen im Internet und ist dabei in ihren unklaren Formulierungen die Quelle weiterer Rechtsunsicherheit für alljene, die eine kleine, harmlose Website im Geltungsbereich der Rechtsnormen der BR Deutschland betreiben. Die wenig klärenden Darlegungen von Ihrer Seite erweisen sich ebenfalls als völlig ungeeignet, einen Hauch von Rechtssicherheit bei kleinen und wenig beachteten Internet-Autoren zu schaffen; und die mögliche Geldstrafe von bis zu zehntausend Euro ist für viele Privatmenschen existenzbedrohend genug, um damit das Potenzial in sich zu bergen, vom Betrieb einer Website abzuschrecken. Die Vermutung, dass genau das eine politische Absicht hinter einer solchen Gummiband-Verordnung war, ist für jeden denkenden Beobachter des jüngeren politischen Umganges mit dezentral organisierten Medien unmittelbar auf der Hand liegend.

Auf diesem Hintergrund möchte ich Ihnen gegenüber als freier Mitgestalter des deutschsprachigen Internet die folgenden Klarstellungen machen:

  1. Diese Website „Lumières dans la nuit“ ist ein rein persönliches Archiv der alltäglichen Kälte, das für den größten Teil der Menschen in der BR Deutschland völlig irrelevant ist. Auch andere Websites, an denen ich als Autor mitwirke, sind von eher persönlicher Prägung, archivieren den alltaglichen Wahnsinn und zeichnen sich stets durch die Kombination kultureller Relevanz und gesellschaftlicher Marginalität aus.
  2. Es steht Ihnen — wie jedem anderen Nutzer dieser Site — völlig frei, die Gesamtheit dieser Website durch einen einfachen technischen Prozess auf einem ihrer Computer zu duplizieren. Sie können hierfür geeignete Programme wie GNU wget verwenden, sie können aber auch einfach die Links in der Sitemap abarbeiten. Die beinahe täglichen Aktualisierungen dieser Website stehen Ihnen — wie jedem anderen Nutzer auch — als ungekürzter RSS-Feed zur Verfügung. Wenn Sie sich von dieser einfachen technischen Schnittstelle überfordert fühlen und bei diesem Anliegen kompetente technische Hilfe benötigen, stehe ich Ihnen gern und jederzeit gegen die marktübliche Entlohnung mit Rat und Tat zur Seite.
  3. Es steht Ihnen — wie jedem anderen Nutzer dieser Site — völlig frei, die Gesamtheit dieser Website unter den Bedingungen der hier erteilten Piratenlizenz beliebig zu verwenden, zu bearbeiten, zu veröffentlichen, zu spiegeln und zu archivieren, solange sie mich für die Inhalte in dieser Site nicht verklagen. Der Zweck dieses Lizenzmodelles bestand gerade darin, eine solche Verwendung durch andere Menschen und Institutionen ohne juristische Unwägbarkeiten zu ermöglichen; ein besonderes Bundesgesetz wäre im meinem Falle für die Verwendung der hier veröffentlichten Inhalte also gar nicht erforderlich gewesen. Tun Sie einfach das, was hunderte anderer, menschlicher Leser und etwa acht Netz-Mirrors unterschiedlicher Abdeckung der Gesamtheit des Inhaltes auch jeden Tag tun, und bedienen Sie sich!
  4. Ich bin nicht bereit, Ihnen eine weitergehende Lizenz zu erteilen oder ihnen eine darüber hinausgehende Nutzungsform dieser Website zu ermöglichen. Eine Rechtsnorm, die so wenig Rechtssicherheit schafft wie diese Verordnung über die Pflichtablieferung von Medienwerken an die Deutsche Nationalbibliothek betrachte ich allein deshalb als unbeachtlich, weil sie beliebiger Willkür in ihrer Interpretation — und damit auch im unterdrückerischen Umgang mit Internet-Autoren — Tür und Tor öffnet und somit allem zuwiderläuft, was ein guter Grund für eine Rechtsnorm wäre. Ich sehe der Zukunft mit großer Gelassenheit entgegen und gehe davon aus, dass dieses offenbar hingepfuschte Gesetzeswerk eben so wenig Bestand bei einer ernsthaften juristischen Prüfung haben wird, wie viele andere in jüngerer Zeit vom Deutschen Bundestage im Zustande offenbarer geistiger Umnachtung in Kraft gesetzte Gesetzeswerke.

Sollten Sie im letzten (vierten) Punkte anderer Auffassung sein, so bitte ich Sie um eine kurze, formlose Mitteilung. Da ich mir aufgrund meiner Lebensumstände keinen Rechtsstreit leisten kann und deshalb auch eine derartige Willkür hinnehmen werde, würde sich aus Ihrer Mitteilung für mich die Konsequenz ergeben, dass ich die Gesamtheit meines Schreibens fortan auf Webservern veröffentliche, die außerhalb des Geltungsbereiches hirnrissiger Gesetze der BRD liegen. Diesen Umzug würde ich mit einer neuen Version meines Lizenztextes begleiten, der allen staatlichen Institutionen der BR Deutschland — und insbesondere der Deutschen Nationalbibliothek — explizit jegliche Nutzung meiner Werke in irgendeiner Form verbietet.

Ein solcher, soeben beschriebener Umzug der Website ist für mich nur mit geringen Kosten und Mühen verbunden und schüfe als Akt der Kulturflucht auch ganz gewiss Zustände, die überhaupt nicht im Sinne des Gesetzgebers liegen — vor allem, wenn auch andere Mitgestalter des deutschsprachigen Internet in vergleichbarer Weise vorgehen. So lange Sie meiner Bitte um eine kurze Mitteilung Ihrer eventuell anderen Auffassung nicht Folge leisten, betrachte ich aus diesem Grunde meine und Ihre Auffassung der gegebenen Situation als hinreichend übereinstimmend und lehne jede eventuelle, zukünftige Anforderung von Ihrer Seite ab, so weit sie über das hinausgeht, was jedem Nutzer dieser Website problemlos möglich ist.

Mit freundlichem Gruß

Elias Schwerdtfeger aka „Der Nachtwächter“

PS: Als Hinweis für jene behördlichen Leser und Mitglieder des Deutschen Bundestages, denen eine Veröffentlichung im Internet noch nicht so vertraut ist, sei hier noch einmal deutlich darauf hingewiesen, dass die farbig markierten Textbestandteile so genannte „Links“ sind, also Verweise auf andere Resourcen im Internet, die durch einfaches Anklicken im Browserfenster betrachtet werden können. Probieren Sie es einfach einmal aus! Sehen Sie, es ist doch gar nicht so schwierig…

Mit Dank an Bio, ohne den ich das Ganze einfach vergessen hätte…