Archive for Dezember, 2008


Zum Tierarzt

Wenn ein Mensch krank wird, sollte er besser zum Tierarzt — am besten zum Tierarzt für Klein- und Haustiere — gehen, nicht zum „Menschenarzt“, denn beim Tierarzt würde er um vieles menschlicher behandelt. Er erhielte vor und während aller oft unangenehmen Behandlungen, denen er doch eher machtlos und ohne jedes wirkliche Verständnis ausgeliefert ist, einen zwar professionell stereotypen, aber dabei doch warm gemeinten Zuspruch, was für ein tapferes, braves und hübsches Wesen er sei, und diese Worte würden durch begleitend verabreichtes Streicheln fühlbar zweiarmig gemacht werden. Bei aller eingeschliffener Routine wirkt dieses Verhalten von Tierärzten doch niemals zynisch. Kein „Menschenarzt“ betrachtet seine Patienten in seiner Praxis neben der Sicht als Ansammlung kranker Organe und abweichender Laborwerte so sehr als psychisches Wesen, wie es ein solcher Tierarzt mit den doch vieles unbewussteren und dumpferen kleinen Haustieren tut. Und noch eines hat der Tierarzt dem „Menschenarzte“ voraus: Er nimmt es hin, dass seine „Kunst“ an ein Ende gerät, dass eine Lage so hoffnungslos ist, dass der Tod für das kranke Tier nur noch Erlösung bedeutet und führt in aller professioneller Liebe eine Einschläferung durch, um auch darin das sterbende Tier mit Streicheln und Zuspruch zu begleiten. Der „Menschenarzt“ hingegen, er versucht, das qualvolle Krepieren so weit es geht in die Länge zu ziehen, vielleicht auch, weil langwieriges Kranksein ein gutes Geschäft für ihn ist.

Mit Gruß an F. und M. und auch an G.

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Fernsehen

Nur kurz angemerkt:

YouTube-Direktlink

Die Größe

So sehr sich Menschen davon verblenden lassen, keineswegs ist immer die Größe entscheidend. Von den Dinosauriern haben nur die kleinen und anpassungsfähigen überlebt, und die Wale stehen kurz vor der Ausrottung. Unterdessen. Geht es den Ameisen immer noch blendend, und von den Bakterien will ich gar nicht erst reden.

Das Tafelsilber

Es ist schon etwas skurill: Ich kenne sehr viele Menschen, die sich mit dem über Wasser halten (müssen), was ihnen kampflos gegeben wird, wenn sie darum bitten. Und fast alle diese Menschen haben Silberbestecke.

Es handelt sich dabei niemals um irgendwelche Erbstücke. Sondern. Es ist so, dass viele Menschen heute kein Silberbesteck mehr haben wollen. Es wird im Zeitalter der Geschirrspülmaschine als recht umständlich empfunden, Bestecke zu haben, die leicht anlaufen und auch in ihrer normalen, silberdumpfen Farbe gar nicht in jene blitzenden Haushalte und Küchen passen wollen, die auf den Betrachter wirken, als seien sie direkt aus den sterilen Phantasien der Werbekataloge in die Wirklichkeit gefallen. Deshalb ist es ein Leichtes, bei einer Haushaltsauflösung richtiges Tafelsilber zu bekommen, will es doch niemand mehr haben. Manchmal wird es auch direkt verschenkt, und gelegentlich findet sich auch ein solches Stück aus Zeiten, in denen die Menschen noch einen Wert unabhängig von Moden und Werbefeldzügen kannten, im Müll.

Wie doch unter den Bedingungen eines industriell gestanzten, für den Vorgang des sinnlosen Konsums zugerichteten Lebens jedes Empfinden für die Dinge und ihren Wert verloren gegangen ist!

Words for Girls

Wehe euch, ihr Vertreter des religiösen Etablissments, ihr Heuchler, die ihr die Gegenwart Gottes vor den Menschen verschließt! Ihr gelangt nicht in diese Gegenwart, und die hinein wollen, die lasst ihr nicht hineingehen.

Frei nach Jesus aus Nazaret, Mt. 23, 13

Wenn Menschen, die gar nicht recht damit konfrontiert sind, aus der Ferne über den religiösen Fundamentalismus christlicher Ausprägung reflektieren, haben sie dabei oft ein völlig falsches Bild von der wirklichen Erscheinung. Sie stellen sich verbiesterte, weltfremde Menschen vor, die von allen gesellschaftlichen Entwicklungen abgekoppelt sind, etwa wie die Amische in den USA. Sicher, solche Fundis gibt es auch in Deutschland (ich selbst kenne einige). Auch ist die gelegentliche Begegnung mit Mormonen (ich habe gerade keine Lust, von „Anhängern der Kirche Jesu Christi der Heilgen der Letzten Tage“ zu sprechen), Adventisten oder Zeugen Jehovas ein eher irreführendes Bild vom Wesen des moderen evangelikalen Fundamentalismus.

Nein, diese Nachfolger des Judas Iskariot greifen die gesamte Ästhetik der modernen Reklame auf und schreien ihren toten Jesus als Sonderangebot heraus, jetzt für nur noch 29 Silberlinge 95 (vergl. Mt. 26, 15). Wer einmal einen US-amerikanischen Fernsehprediger bei seiner unheiligen Show gesehen hat, weiß, wie schreiend und modern die Verpackung eines längst obsoleten Weltbildes mit seinen restriktiven Forderungen an die Menschen daher kommen kann. Wer keine Gelegenheit hat, einmal einen solchen Jesusverkäufer im Fernsehen zu „genießen“, braucht aber auch nur seine Augen offen zu halten, denn die Begegnung mit dem modern lackierten Fundamentalismus kann sich mitten im Alltag vollziehen.

M. drückte mir heute ein katalogdickes Heft in die Hand, das sie geschenkt bekommen hat. Dieses „Heftchen“ des Gießener Brunnen-Verlages

words for girls – Eine jugendtümelnde Ausgabe des Neuen Testamentes mit der Zielgruppe Mädchen

…ist nicht etwa eine neue Mädchenzeitschrift, die sich zwischen Wendy und Bravo einordnen soll, dafür wäre es auch viel zu dick. Eben so wenig handelt es sich um einen Versandhauskatalog, der jungen Mädchen Accessoires für den modischen Selbstverkauf als Schluckschlund für männliche Machtansprüche und Ejakulate andrehen will. Es handelt sich um eine Ausgabe des so genannten „Neuen Testamentes“.

Nun, nicht jeder Backfisch wird sich für solche Lektüre wie die synoptischen Evangelien, die oft etwas bekifft wirkenden Schriften der Johannes-Linie, die Paulusbriefe und dem deutlichen Widerspruch zu diesen Briefen im Jakobusbrief oder gar die Offenbarung des Johannes begeistern — obwohl das wirklich anregende Lektüre sein kann, die einem nachhaltig von jeder Form des Christentums bekehrt.

Das wusste man ganz offenbar auch beim Brunnen-Verlage, und so reicherte man den Katalog um viele hippe Bildlein an und platzierte überall im (gut lesbar und groß gedruckten) biblischen Text ein paar kleine Infokästchen zu Themen, von denen die Macher solchen Machwerkes glauben, dass sie den Mädchen wohl unter den Nägeln brennten. Auf der Rückseite wird dieser Katalog zum Verschließen der biblischen Zusammenhänge folgendermaßen angepriesen:

„Words for Girls“: Die Bibel mit Drive! Leicht verständliche Texte aus „Hoffnung für alle“ [Das ist eine moderne Bibelübersetzung]. Modernes Layout im Magazin-Format. Extra-Infos für Herz und Hirn, 400 starke Seiten zum Blättern und Staunen. Hope you`ll enjoy it!

Die verwendete Reklamesprache zeigt schon, wie sehr in den Augen der Herausgeber der Zweck die Mittel heiligt. Und der Zweck ist einfach: Den toten Jesus an heranwachsende Frauen verkaufen, und dabei bloß zusehen, dass das passende Frauenbild mit sexueller Enthaltsamkeit bis zur Ehe, braver und blinder Gläubigkeit, regelmäßigem Beten für die Regierenden dieser Welt und hündischer Unterwürfigkeit gegenüber den Eltern und später einem männlichen Partner gleich mitverkauft wird. Auf über 400 starken Seiten, und ohne mitgelieferte Speischale. Die überall verstreuten Textboxen picken sich hierzu natürlich genau die passenden Themen und Stellen heraus, die als das wörtlichste Wort Gottes verstanden werden — es handelt sich allerdings bevorzugt um ideologische Versatzstücke aus den Paulus-Briefen. Oder, „mädchengerecht“ ausgedrückt auf Seite 174:

Bible Basics

Bibellesen ist nicht so schwierig, wie du vielleicht befürchtest. Du kannst die Bibel als Gottes Liebesbrief an uns Menschen verstehen oder als Bedienungsanleitung fürs Leben oder als FAQ-Buch. Und deshalb lesen sie unglaublich viele Menschen auch mit Begeisterung. Fang an, wo du willst. Lies so viel oder so wenig am Stück, wie du möchtest. Lies sie kreuz und quer oder planmäßig — Hauptsache, du lernst sie kennen. […]

Nun, man mag über diesen „Liebesbrief“ dieses neurotischen „Gottes“ neurotischer Menschen denken, was man will. Mir selbst ist die Vorstellung eines „Gottes“, der über eine einmalige Verfehlung eines einzigen Menschen dermaßen erbost war, dass er darüber einen unauslöschbaren und mörderischen Zorn gegen alle Menschen entwickelte, der sich dann aber selbst in seiner unendlichen Mordlust gegen alle Menschen besänftigte, indem er mit einer Menschenfrau ein Kind zeugte, das stellvertretend für alle Menschen unter großen Qualen sterben musste, so unsympathisch, dass ich, vor die Wahl gestellt, die Gegenwart der viel wärmeren und weniger kranken Gestalten in der Hölle vorzöge. Doch genau dieser Gott wird in den „Liebesbriefen“ des Paulus propagiert, aus denen weit reichende Forderungen an Lebensstil, Moral und Selbstkasteiung an die Menschen herangebracht werden. Deshalb ist es auch die Hauptsache, dass man dieses Buch kennen lerne, denn steter Tropfen höhlt nicht nur Steine, er macht auch kleine Köpflein hohl. Ansonsten liefert eine als wörtliches Wort Gottes verstandene Bibel auch so manchen Anreiz zum Selbsthass, der sehr hilfreich beim Praktizieren einer vorsätzlich dummen Religion ist:

So aber deine Hand oder dein Fuß dich ärgert, so haue ihn ab und wirf ihn von dir. Es ist besser, daß du zum Leben lahm oder als Krüppel eingehst, denn daß du zwei Hände oder zwei Füße hast und wirst in das höllische Feuer geworfen.

Jesus aus Nazaret zugeschrieben, Mt. 18, 8

Ich könnte noch etliche Zitate aus diesem Katalog des Irrsinnes geben, der tatsächlich noch schlimmer als der übelste biblizistische Bibelkommentar geraten ist. Aber das ermüdet, und es ist auch davon auszugehen, dass dieser Text eh nicht von denjenigen heranwachsenden Menschen gelesen wird, die ihn eigentlich lesen müssten. Diese sollen eine gute Tochter, eine bücksame Frau, eine glaubende Denkverweigerin sein — da liest man im Netze ganz andere Sachen. Vor allem, wenn man seine Füße unter dem Tisch sogestalt gestrickter Eltern ausstreckt. Das sind die Eltern, die auch für eine anständige Internet-Filterung sorgen, damit nicht ein erwachender Geist den hirnlosen Ungeist verlache. Man ist dort viel moderner, als es für viele Menschen den Anschein hat — und man bildet eine juchzende Parallelgesellschaft, in der Menschenrechte, emanzipatorische Errungenschaften und im Kulturprozess erarbeitete Erkenntnisse keine Rolle spielen.

Es ermüdet, und es ist die Mühe nicht wert.

Aber niemand unterschätze die im Reklamestil dargebotene Kraft psychologischer Muster, die für Jahrtausende nützliche Instrumente einer Herrschaft waren, die eben keine Frauschaft ist. Man muss so etwas so ein bisschen erleben, ein bisschen auch in sich selbst fühlen, um es erst so richtig hassen zu können.

Nachtrag: Und niemand erwarte, dass ausgerechnet die etablierten Kirchen eine Bastion gegen den dumpfen Biblizismus seien — ganz im Gegenteil erblüht dieser Irrsinn mehr als nur geduldet im Schatten dieser Kirchen, als „charismatische Erneuerung“ benannt und im Ringen um fortgesetzten Einfluss immer auch ein bisschen gehätschelt und gepflegt. Denn auch für die etablierten Kirchen heiligt der Zweck die Mittel, und das Bild vom Menschen und seiner Rolle als soziales und sexuelles Wesen ist gar nicht so verschieden.

Gewissen

Gewissen (das) — eine nachdenkliche, die Konsequenzen des eigenen Tuns und Lebens für andere Menschen nachvollziehende und in diesem Lichte selbst-beschränkende Denkweise, die in der Regel erst dort anfängt, wo der eigene Vorteil des so Denkenden aufhört.

Der Experte

Was einen so genannten „Experten“ vom gewöhnlichen Scharlatan unterscheidet, der durch Gaffen in ausgelegte Tarotkarten, in Kaffeesatz, in astrologische Diagramme oder in Kristallkugeln Aufschluss über das Kommende zu erringen vorgibt, das ist, dass der „Experte“ hinterher sehr genau und sehr rationell klingend sagen kann, warum seine Prognose nicht eingetroffen ist.

Was ein solcher „Experte“ mit dem gewöhnlichen Scharlatan gemein hat, das sind hingegen zwei Dinge. Der hohe Preis, der für die nichtsigen Prognosen genommen wird, und das immense Maß an persönlicher Verantwortungslosigkeit, dass gegenüber den möglichen Folgen der Prognosen eingenommen wird. Wer noch etwas fühlt, der hühtert sich vor solchen „Experten“. (Und der Verschreiber ist Absicht.)

Die Bewohnerin des Ihmezentrums

Es begab sich aber zur Zeit des zerfallenden kapitalistischen Systemes, dass ein Gebot von Kaiserin Kommerzia ausging, dass alle Medien die Hirne der Menschen mit verdeckter und mit offener Reklame beizen sollten. Und alle Medien, die kleinen und die großen, sie gingen schwanger mit hochnotpeinlicher Realsatire, die sie an allen möglichen und unmöglichen Orten gebaren, den Menschen zur Last und zum lasterhaften wie gequälten Gelächter. Eine Erlösung war nicht in Sicht, und niemandem erschien ein Engel mit frohvoller Kunde.

Nun, es ist wieder einmal ein mehr hannöversches, ja, eigentlich noch mehr ein Lindener Thema — aber ich kann mich nach vielen Gesprächen der letzten Tage einfach nicht mehr zurückhalten. Das Thema ist das Ihme-Zentrum. Diese triste Betonburg soll ja immer noch umgebaut und in „Lindenpark“ umbenannt werden. Allerdings wurden die Investoren zwischendurch ein wenig am Säckel krank, und was eigentlich schon in diesem Jahr eine gewisse Reife hätte erreichen sollen, es ist eine riesengroße Baustelle, auf der noch so mancher Mensch lebt.

Der erste so genannte „Center-Manager“ in dieser Umbauphase, dieser Typ, dessen Namen ich so vergessen habe, wie ich seine gesamte Person für vergessenswürdig halte, er ist schon Geschichte. Er war eine PR-beflissen heitere, prollpositv-denkende Type; jemand, der in einem einzigen, völlig schamlosen Atemzug sprechen konnte, dass er gar nicht aus Hannover komme und dabei doch der heimatverbundene Lindener sei und in solchem Blendsprech gar nicht an den eigenen Lügen zu ersticken drohte, wenn er den Menschen in Linden diesen Haufen architektonischer Hässlichkeit und Kälte medial als leckeres Bonbon verkaufen wollte. Seine Erfolglosigkeit fügt sich in die große Reihe des Scheiterns, das bislang noch mit jedem Versuch verbunden war, aus diesem schon als Neubau zur Ruine gewordenen Unding noch etwas Profitträchtiges zu machen.

Er ist inzwischen durch einen Nachfolger ersetzt worden, der wie eine Notbesetzung wirkt — ehrlich gesagt: Würde sich dieser Mensch nicht für so eine Menschen verachtende Scheiße hergeben, er hätte durchaus eine Chance, von mir einen Beutel Mitleid zu bekommen. Aber immerhin, er stellt sich dabei nicht mehr selbst als ein „ganz großer Lindener“ dar, wenn er vom „Lindenpark“ spricht…

Dies ist kein Lindenpark - Weder Linden noch ein Park - Und wir lassen uns auch nicht von irgendwelchen Werbern diese Scheiße als Bonbon andrehen!

Zeit für eine kleine Abschweifung.

Der Niedergang der traditionellen Printmedien ist der Aufstieg der offenen und verdeckten Reklame in diesen Medien. Ich kenne in meinem Umfeld keinen einzigen Zeitungsleser mehr. Jeder wache Mensch hat inzwischen mitbekommen, dass der so genannte „redaktionelle“ Teil einer typischen Zeitung fast ausschließlich aus wörtlich übernommenen Agenturmeldungen besteht, und dass dieser direkt aus dem NITF-Feed abgeschriebene Content mit so viel Reklame aller Art daher kommt, dass die Werbung über fünfzig Prozent des gesamten Umfanges der Zeitung ausmacht. Was in den Zeitungen als scheinbares journalistisches Produkt verbleibt, entpuppt sich durch bloßes Hinschauen zu einem großen Teil als abgeschriebenes PR-Geschafel derjenigen Werbekunden, die mit ihren geschalteten Anzeigen viel Geld in diesen sinnlosen Betrieb simulierten Journalis-Muses pumpen. Wer noch bei Verstand ist, der zahlt nicht auch noch Geld dafür, dass Werber seine Seele als psychologische Spielwiese für ihr perfides manipulatives Gestrokel missbrauchen. Das kann ich sehr gut verstehen — vor ein paar Jahren wurde ich selbst noch für diese Haltung noch von „Gebildeteren“ verlacht, inzwischen wird es eben etwas breiter bemerkt. Zudem macht es das Internet sehr viel leichter als eine derartige Zeitung möglich, an die gewünschten und für das eigene Leben relevanten Informationen zu kommen.

Kurz: Printmedien als allgemeine Informationsquelle sind tot. Sie haben es nur noch nicht bemerkt.

Ein interessantes Zwischenprodukt des Niederganges der Printmedien sind diese inflationär gewordenen Umsonst-Zeitungen, die wohl in jeder mittelgroßen Stadt die Briefkästen verstopfen. Sie reflektieren die nicht besonders tiefe Einsicht, dass man Menschen, die nicht mehr bereit sind, für eine als Zeitung getarnte Reklameschleuder Geld zu bezahlen, eben eine als Zeitung getarnte Reklameschleuder als kostenloses Angebot offerieren muss. Das Geschäft mit der „Zeitung“ ist hier ganz offen zum Geschäft mit dem einseitigen „Kommunikations“-Bestreben der Werber geworden.

Ende der Abschweifung.

Die sich selbst als „Linden-Limmer Zeitung“ (mit echtem Deppen Leer Zeichen) bezeichnende Postwurfsendung ist eine kostenlose „Zeitung“…

Linden-Limmer Zeitung

…die, wie der Name schon sagt, in den hannöverschen Stadtteilen Linden und Limmer in die wehrlosen Briefkästen gestopft wird, um Reklame aller Art zu transportieren. Dieses Produkt des Zehn Verlages kommt gar nicht zeitungstypisch auf schwerem, glänzendem Papier daher und verrät schon in dieser Dareichungsform seinen vorwiegend auf dem Blendglanz der Reklame beruhenden Charakter. Leider reicht das bloße Wort „Zeitung“ in seinem historisch gewachsenen Anshen für viele Menschen immer noch hin, so dass sie dieses Elaborat nicht zusammen mit dem anderen Postwurfmüll dem Altpapier überantworten und sogar darin zu lesen beginnen, als enthielte es irgend etwas Substanzielles.

Natürlich ist da auch etwas „redaktioneller“ Teil darinnen — und um zu zeigen, wie schamlos das „redaktionelle“ in dieser „Zeitung“ zur reinen Reklameschleuder verkommt, findet sich im Impressum dieser „Zeitung“ auch der folgende, sehr bemerkenswerte Text zur „inhaltlichen“ Gestaltung:

Sonder-Service:

Bei 6 Anzeigen besteht zusätzlich die Möglichkeit, Ihr Unternehmen mit einem eigenen Artikel vorzustellen.

Sie haben noch keinen Text und keine Bilder für einen Artikel? Dann beraten wir Sie gern und übernehmen die Ausarbeitung Ihres Artikels.

Auf diesem Hintergrund ist hoffentlich jedem Denkenden völlig klar, was von den „Inhalten“ eines solchen Käseblattes zu halten ist. Es sollte auch klar sein, wie der nachfolgend weidlich zitierte „Artikel“ aus der Dezember-Ausgabe entstanden ist.

Offenbar hat der derzeitge „Center-Manager“ für das triste Menschenschließfach zwischen Ihme und Blumenauer Straße aus dem Scheitern seines Vorgängers gelernt, dass die plumpe Macherpose eines „Managers“ eher eine gute und leicht zu treffende Zielscheibe für den angemessenen Spott ist. Und. Hat sich deshalb dazu entschlossen, eine Betroffene des langmonatigen Lebens und Arbeitens auf einer lärm- und dreckvollen Großbaustelle in der Linden-Limmer „Zeitung“ zu Worte kommen zu lassen. Wahrscheinlich hat er ihr auch noch gesagt, dass es „positiv“ klingen muss — und wird ihr wohl auch einen guten Deal für diese Mitarbeit angeboten haben. Das „Positive“ darin klingt aber doch — bei allem Bemühen — recht durchsichtig… :mrgreen:

Was bei diesem Reklame-Hirnpflug herauskam, muss man einfach gelesen haben, um so richtig diese Mischung aus Erheiterung und hilflosem Hass zu erfühlen, die es bei den Menschen in Linden auslöst (ein Klick auf das Vorschaubild gibt den Scan in gut lesbarer Auflösung wieder):

Gabriele Wedler, Bewohnerin des Ihmezentrums

Nachfolgend nun einige Ausschnitte aus diesem „Artikel“, mit zersetzenden Kommentaren gewürzt und um einige Richtigstellungen ergänzt, die man in der hannöverschen Millionärspresse leider niemals lesen wird.

Gabriele Wedler, Bewohnerin des Ihmezentrums

Mittlerweile wohne ich seit drei Jahren im Ihmezentrum. Nachdem der damalige Oberbürgermeister Schmalstieg sich entschieden hatte, das Investment für die geplante Revitalisierung des Ihmezentrums durch flankierende Stadtumbaumaßnahmen zu unterstützen, […]

Ja, Frau Wedler redet wie eine echte Frau aus dem Volk und nicht wie eine Maschine, die Marketinggeschwätz abspult. :mrgreen:

[…] habe ich meinen Kaufvertrag für eine sehr schöne Eigentumswohnung unterschrieben.

Und nicht nur das, Frau Wedler beurkundet in diesem Text auch gleich, dass sie ihrerseits sehr leicht auf Geschwätz reinfällt und dafür auch gern einen Batzen Geld hinlegt. Ein paar Gespräche in Linden hätten sie schnell davon überzeugt, dass in diesem Bau bislang alles gescheitert ist — und das war oft mit einem bisschen mehr Konzept verbunden und fiel nicht gerade zeitlich in eine riesige Finanz-, Immobilien- und Wirtschaftskrise.

Bleibt nur zu hoffen, dass sie nicht eine dieser vielen Wohnungen im Ihmezentrum gekauft hat, von denen die Tapeten abfallen, in denen sich beunruhigende Risse in den Wänden zeigen oder ähnliche Anzeichen der maroden Substanz sichtbar werden. Es wäre doch bitter, wenn sie jetzt nicht nur in einem gnadenlos hässlichen Umfeld „wohnte“ (das Wort kommt übrigens vom mittelhochdeutschen „wunnen“, was so viel wie „glücklich sein“ bedeutet), sondern auch nach dem Schließen der Tür nicht verdrängen könnte, wie schlimm es wirklich ist. Aber das kann ja gar nicht sein bei so einer „sehr schönen“ Wohnung. 😉

Im Vorfeld hatte ich 89 Wohnungen in ganz Hannover angesehen, aber keine erfüllte meine Kriterien nach Zentrumsnähe, fußläufigen Einkaufsmöglichkeiten, guter Verkehrsanbindung, Fahrrad tauglichen Grünräumen, Wassernähe, Barrierefreiheit, Zuschnitt und Preis-Leistungsverhältnis so, wie die Wohnung im Ihmezentrum.

Ich weiß ja nicht, was für Löcher sich Frau Wedler sonst noch angeschaut hat. Aber offenbar kommt ihr das Ihmezentrum schon sehr entgegen, dieser Frau, die so volkstümlich vom „fußläufigen Kaufen“ daherplappert. Im Moment muss sie besonders viel per pedes laufen, wenn sie mal ein Brot kaufen will — denn es gibt kein einziges Geschäft mehr in dieser Betonburg, und da sich kaum ein gewerblicher Mieter, der noch bei Troste ist und nicht etwa einen gehörigen Verlust bilanzieren will, einen zehnjähigen Mietvertrag mit recht restriktiven Auflagen in diesem in Linden niemals akzeptierten Betonsarg aufschwatzen lassen wird, ist davon auszugehen, dass das auch in Zukunft so bleiben wird. Für Bewegung im Alltag ist also auch in den kommenden Jahren ausreichend gesorgt.

Offen bleibt auch, wo Frau Wedler jetzt die Barrierefreiheit gesehen hat. Die letzte Möglichkeit für Körperbehinderte, die triste Burg zu erreichen — eine (übrigens nachträglich gebaute) Rampe mit einer Brücke — ist gerade entfernt worden. Auch mit den „Grünräumen“ sieht es nicht so toll aus, wenn man mehr als die Betonpfanzkübel dort haben will, dafür muss man das Ihmezentrum schon verlassen. Aber immerhin wird Frau Wedler in regelmäßigen Abständen zu ihrer „Wassernähe“ kommen, wenn die in einem Flusstal gebaute Tiefgarage mal wieder bei einem saisonal typischen Hochwasser absäuft.

Aber Frau Wedler kümmert sich ja nicht so sehr um die Wirklichkeit…

Natürlich war die Entscheidung geprägt durch die neuen Konzepte zu der Revitalisierung, mit denen ich mich sehr intensiv auseinander gesetzt hatte.

So sehen die feuchten Träume der Ihme-Zentrum-Umbauer gerendert aus…sondern setzt sich lieber „sehr intensiv“ mit den Versprechern und Versprechungen derer auseinander, die mit toll gerenderten Bildern eine goldene Zeit des Ihmezentrums und ansonsten das Blaue vom Himmel herunter versprechen. Wahrscheinlich kommt von dieser speziellen Lektüre auch ihre bemerkenswerte Fähigkeit zum sprachlichen Ausdruck, die sich vom Reklameblah gar nicht recht unterscheiden lässt — kein Wunder, dass es bei solcher Sprache auch im Denken Probleme gibt, wenn einmal die architektonische Hölle von einem Paradiese unterschieden werden soll.

Aber Frau Wedler hat ja noch mehr Gründe, warum sie ausgerechnet dort „wohnen“ will:

[…] Außerdem wurde ich in meiner Entscheidung beeinflusst, weil im Rahmen der städtischen Maßnahmen auch ein Mietvertrag für den Fachbereich Senoiren für die Ihmepassage 3-5 geschlossen wurde, für den ich arbeite.

Nun, ein Bild sagt ja manchmal mehr als tausend Worte. 😈

Aber damit hat sich erstmal das „Positive“ erschöpft, es wirkt ja auch gezwungen genug:

[…] die Schwierigkeiten, die mit der Sanierung verbunden sind. Keine der vorhandenen Zeichnungen entsprach dem Bestand, die verschiedenen Raumgrößen und Geschosshöhen und waren nicht dokumentiert, und bei jeder Leitung fragte man sich, woher sie kommt und wohin sie geht.

[Die Konjunktion „und“ ohne Fortsetzung entspricht dem Original]

Was sich schon in der maroden und viel zu schnell zerfallenden Bausubstanz in voller Blüte zeigt, hatte offensichtlich seine Wurzel schon in der Planung — und alle Pläne sind völlig unbrauchbar. Der Pfusch an diesem Bau wird eben überall durch bloßes Hinschauen sichtbar.

Interessant ist hier, dass irgendwie nach dem zweiten „und“ etwas zu fehlen scheint, was offensichtlich nicht so vorteilhaft war und deshalb gestrichen wurde. Angesichts des beschriebenen Zustandes wird einem da ganz anders…

Da wundert einen…

Zudem musste alles am Bestand sehr viel umfänglicher renoviert werden, als ursprünglich gedacht.

…doch gar nichts mehr. Und schon gar nicht, dass sich diese werbetüchtige Frau Wedler schon selbst mit dümmsten Reklamesprüchen darin motiviert, jeden Tag ein neues Häppchen Scheiße zu fressen:

Aber, wie heißt es in der Werbung so schön: „Wenn Du es dir vorstellen kannst, dann kannst du es auch bauen“ […]

Schon klar. Bleibt nur zu hoffen, dass der mit diesem claim werbende Baumarkt seine Assoziation mit der baulichen Katastrophe des Ihmezentrums nicht als eine Form der Geschäftsschädigung empfindet. :mrgreen:

Und bei allem New-Age-verblendeten Positivgelaber werden doch auch die wirklichen Eindrücke des Lebens und Arbeitens auf einer Großbaustelle nicht vergessen:

[…] haben Handwerker mit Wasser gekühlten Kreissägen die alten Betonbecken […] austrennen müssen […]

Ah, ein ganz leckeres Geräusch! Das Sägen von Stahlbeton! Was wird diese Burg wohl für einen Körperschall haben?! 😦

Bis zu fünf Männer waren an nur einer Stelle eine Woche damit beschäftigt, mit dicken Bohrmaschinen den Beton aus den Zwischenräumen der vorhandenen Bewehrungs-Eisen zu entfernen […]

Da kann man doch voll konzentriert Büroarbeiten machen oder sich in seine schöne Wohnung zurückziehen, wenn sirrend, quietschend und schrecklich das Metall auf dem Metall schabt. Frau Wedler, das hier glaube ich Ihnen aufs Wort:

[…] sind die entstandenen Lärmbelästigungen […] manches Mal unerträglich.

Aber der Glaube soll ja Berge versetzen:

Ich glaube nach wie vor fest daran, dass der Linden Park nach seiner Fertigstellung für ein großes Einzugsgebiet attraktiv werden wird.

Zwar hat dieser Glaube in diesem Jahr nicht einmal die für das Projekt benötigten Gelder bewegen können, so dass die Arbeiten für viele Wochen ruhen musten; zwar scheint im Moment nur das Nötigste getan zu werden, um eine weitere Beschädigung der Bausubstanz in den Wintermonaten gering zu halten; aber man glaubt doch wenigstens. Mehr hat man ja nicht — neben seiner „sehr schönen Wohnung“. Wenn so ein Text nicht bezahlt oder durch geldwerte Vergünstigungen erkauft wurde, denn offenbart er ein Maß an inappelabler Verblendung und von Selbstbetrug, dass (nicht nur) mir glatt die Spucke wegbliebe. Aber so viel Dummheit will ich niemanden unterstellen, nur weil er (oder sie) dumme Reklame macht.

Das neue Konzept mit den offenen Fachmarktzentrum […]

…für das es übrigens noch keinen einzigen gewerblichen Mieter gibt.

[…] den großen Parkflächen […]

…die alle zwei bis drei Jahre nach dem Hochwasser vom stinkenden Schlamm und von verendeten Fischen befreit werden müssen.

[…] der zum Schlendern einladenen Shoppingmall […]

…für die übrigens noch kein einziger Mieter in Sicht ist — aber wenn man mit „shopping“ und „mall“ schon doppelt gemoppelt spricht, nimmt man es wohl in Kauf, wenn auf der anderen Seite die Läden einfach leer stehen.

[…] und einem nahen aufgewerteten, reizvollen Flussufer […]

…das wohl viel mehr Menschen durch den Anblick der kalten Betontürme entwertet und kotzreizerregend finden werden, und das gerade auch auf der anderen Seite durch bauliche Maßnahmen zusätzlich entwertet wird, mit denen die Hochwassergefahr ein bisschen eingedämmt werden soll — scheiß auf die 200 Bäume, die dafür plattgemacht werden, und scheiß auf den Kinderspielplatz am UJZ Glocksee.

[…] birgt alle Chancen als Magnet für den […]

…Pleitegeier? 😈

Nein, es ist der…

[…] Stadteil.

*prust!* 😆

Aber zum Ende hat Frau Wedler sogar vorausgesehen, dass ich ihre Schreibe zu lesen kriegen würde, wenn sie schreibt:

Kein Verständnis habe ich hingegen für die oft negativen oder zynischen Kommentare oder Berichterstattungen, die jeder Grundkenntnis der Situation entbehren und in hohem Maß schädigend sind.

Nun, sie brauchen mich nicht zu lesen, Frau Wedler. Ich stopfe meine Texte nicht ungefragt in die Briefkästen der Betroffenen; ich hätte — genau wie die Betroffenen — auch gar nicht das Geld dafür. Sie sollten ihrerseits einmal ihre „Grundkenntnis der Situation“ vertiefen, indem sie erstens mit Menschen aus Linden sprechen und indem sie sich zweitens einmal anschauen, was seit den Siebziger Jahren alles in dem von ihnen so beflissen angepriesenen Bau gescheitert ist. Vielleicht empfinden sie im Verlaufe dieser Beschäftigung sogar noch so viel persönliche Ehre, dass sie fortan ihre Verachtung für die Menschen in Linden nicht mehr zu Werbezwecken instrumentalisieren lassen. Aber ehrlich gesagt: ich als Mensch, der in Linden seine Heimat (verstehen sie so ein Wort überhaupt noch?) hat, ich glaube nicht daran. Ich habe genug von Ihresgleichen reden gehört und schreiben gelesen.

Und zu guter Letzt ist ihrem unverschämt dreisten Fatalismus, mit dem sie ein neues Grab für investiertes Geld rechtfertigen wollen…

Was wäre die Alternative?

…nur ein einziges Wort entgegenzuhalten: Sprengung.

Ich hatte in den letzten Tagen viele Gespräche in Linden, und es war gerade dieser Artikel, der vielen Menschen den Kragen hat platzen lassen. Tatsächlich bildet sich gerade eine lockere Initiative, die beabsichtigt, der systematischen Fehlinformation durch die Millionärspresse der Stadt Hannover ein lokal wirksame Aufklärung entgegenhalten will — bleibt nur zu hoffen, dass diese Initiative nicht im Sande verläuft. Sie kann sich meiner wärmsten Sympathie und meiner schreibenden und gestalterischen Mitarbeit gewiss sein. (Und am Tag der Sprengung dieser monströsen Betonburg zwischen Blumenauer Straße und Ihme kann sich jeder anschauen, wie ich auf der Limmerstraße tanze — ich werde aber gewiss nicht der einzige sein.)

Ganz besondere Grüße zum trüben Fest gehen an Claudia und Tabby, an Olaf, an Frank und an den Dwarslöper.

Das Buch

Man kann so vielen Menschen nicht einmal mehr ein Buch schenken. Sie würden vergeblich versuchen, das Buch in einen Videorekorder zu stecken.

Mathe fürs Leben

Sie war etwas schlampig gekleidet. So, wie man sich eben zu Hause kleidet, also bequem.

Und. Wenn immer sie mir ihren Rücken zuwandte, und ihre schlabberige Hose wegen des ermüdeten Gummizuges ein wenig nach unten rutschte, dann bildete sich zwischen dem etwas zu kurzen Pulli und der Oberkante dieser Hose ein Spalt, der Einblick auf die Haut ihres Rückens gab. Das sagte ich ihr. Belustigt. Und ich fügte hinzu, dass sie noch ein wenig an sich arbeiten müsse, um zu einer „richtigen Schlampe“ zu werden. (Es war ein heiteres Beisammensein.) Denn so eine „richtige Schlampe“ zeigt hierzu noch ihren Slip durch diesen Spalt hindurch.

Da erinnerte sie sich an den Matheunterricht in ihrer Ausbildung. Sie sagte, dass es damals modern gewesen sei, dass die Mädchen (in einer deutlich ungemütlicheren Schulsituation) so herumliefen, und dass es in ihrer Klasse viele gewesen seien. Sie hatte nie verstanden und es nur kopfschüttelnd hingenommen, dass man sich so billig verkaufen kann. Aber sie erinnerte sich auch, dass es beim männlichen Mathelehrer gut angekommen war; dass dieser Lehrer jenen Mädchen, die sogestalt mit Reizen spielten, doch viel mehr Aufmerksamkeit und Hilfestellung zu Teil werden ließ.

Frau lernt eben in der Schule fürs Leben. Und für was für ein Leben frau doch manchmal lernt!

Ein fröhlicher Gruß an C.

Der Berauschte

Seine Überzeugung konnte man ihm anmerken, und auch, wie ernst es ihm mit seiner Überzeugung war: In jedem Wort, in jeder Geste, in der gesamten Dynamik seiner Intonation. Leider konnte man ihm auch bei genauem Zuhören nicht anmerken, wovon er überzeugt war.

Weihnachten

WeihnachtenKonsumolympiade, Tannentrauma, Kaufrauschengel, Seelenschnee, Kitschgrund, Knatschgrund, Osramkerzenfest.

Von Christen umgewidmetes Fest zur Wintersonnenwende, das vorgibt, die Geburt von Jesus aus Nazaret zu feiern, aber in seiner gesamten Symbolik eher einer Reklamefigur von Coca-Cola gewidmet zu sein scheint, dem so genannten Weihnachtsmann. Von der christlichen Überdeutung des Festes ist in der konsumistischen Überdeutung nur der endlose Bimmelterror an den Festtagen verblieben.

Anlässlich dieses Festes bricht zum Jahresende unter der Herrschaft des Blendwerkes der kollektive Wahnsinn aus. Der einzige Grund, weshalb sich dieses Fest im real existierenden Konsumismus halten konnte, ist, dass es zum alten Brauchtum gehört, einander am Festtage zu beschenken. Damit lässt sich ein ganz hübsches Geschäft machen, und deshalb propagieren es auch alljene Lichtverneiner, die sich weder um die Sonne noch um diesen Jesus, sondern nur um ihr Geschäft kümmern, dass dieses Fest in größtmöglicher Breite gefeiert werde. Leider ist der Erfolg des hierzu angesetzten Gehirnpfluges verheerend. Schon Monate vor dem Fest liegt allerorten der bimmeldöselige Tinnef aus, damit sich der Geist der Menschen schon im Sommer mit dem beschäftige, was erst in 150 Tagen auf ihn zukommt und daran irre wird. So eingepeitscht, stellt kaum jemand die ganze Schenkerei und den jede tiefere Einsicht betäubenden, kitschseligen Rahmen um diese Profitmaschine in Frage.

Dabei ist der Vorgang des an sich Glück bringenden Schenkens schwer beschädigt. Wenn einem Menschen etwas fehlt, ist es ja gar keine Frage, was man ihm schenken kann; man versucht einfach, ihm das zu geben, dessen er bedarf. Doch den von ihren Bedürfnissen vollständig entfremdeten Menschen fehlt es kaum an dem Tand, der eigens für den Wegwurf des Schenkens produziert und mit psychologischer Perfidie angepriesen wird. Deshalb gerät die Suche nach den Geschenken zu einer stressvollen Angelegenheit, und die Innenstädte bekommen in den letzten Tagen vor dem großen „Fest“ den Charakter eines nur notdürftig zivilisierten Schlachtfeldes. Wer noch etwas fühlt und deshalb verletzlich ist, der meidet diesen unheiligen Konsumkrieg so gut er nur kann, indem er die innerstädtischen Ballungen von rot-grün-gülden im Blinke- und Glitzerlicht geschmückten Kaufgruften umgeht.

In den Tagen vor dem Fest stellen sich die gleichen Menschen, die jeder lebenden Natur eher feind sind, abgehackte grüne Bäume in die Wohnquader, behängen diese mit glänzenden Kugeln, Schokokram, Aluminiumstreifen und elektrischen Kerzenimitaten und belegen auf diese Weise, wie sehr sie wirklich die Natur und das Leben verachten. Um die mit diesem Hilfsmittel errichtete Kulissen versammeln sie sich familienweis, um sich gegenseitig mit ihren Geschenken zu enttäuschen und dafür gegenseitig Dankbarkeit zu heucheln. Die dünne Schicht der aufgesetzten Gemütlichkeit fällt schnell von den Menschen ab, und häufig endet der kalte Unfug mit einem intensiv geführten Familienkrach im flimmerblauen Flackerschein des miesesten Fernsehprogrammes im Jahreslauf. Am Ende sind sehr viele Menschen froh darüber, dass sie ihre Familie nur einmal im Jahr um sich haben.

Schon während des Festes wirft der tote Baum seine Nadeln ab und zeigt damit auch, wie tot das Fest ist. Einige Tage nach dem Fest stehen überall Haufen von toten Bäumen, die zu Müll geworden sind.

Die dunkle Weihnachtszeit ist wie keine andere Zeit dafür geeignet, den Willen zum Selbstmord zur Tat reifen zu lassen.