Category: Satire


Polittalkshow

Es ist eine industrielle Produktion, ähnlich dem fast food. Nach dem Betrachten der Gästeliste kann man sich die Sendung sparen und mit der begrenzten Lebenszeit etwas Schöneres und Lehrreicheres anfangen, zum Beispiel könnte man Wandfarbe beim Trocknen zuschauen. Der Ablauf der Scheindiskussion folgt völlig einem Reiz-Reaktions-Mechanismus, der höhere Möglichkeiten der Großhirnrinde einfach auslässt; es ist im Grunde vorher bekannt, wer was wie sagen wird. Damit diese immer und immer wieder wiederholte Ödnis den Zuschauer nicht langweilt, sondern wie der schon besagte fast food gierig verschlungen und nach Möglichkeit unmittelbar in social media wieder erbrochen wird, muss alles mit überreichlicher Emotionalisierung verwürzt werden. Die politische Talkshow im öffentlich-schrecklichen Rundfunk ist so etwas Ähnliches wie ein Dschungelcamp mit Schlips, aber leider ohne Schlamm. Sie ist der wesentliche Stützpfeiler der Entpolitisierung großer Teile der Bevölkerung.

Kostüm

Der Werber spricht vom Alleinstellungsmerkmal und verteilt Clownskostüme.

Der beste Beleg für die völlig Wirkungslosigkeit der homöopathischen Geistheilungsmittel, die mit den Geistern längst entschwundener Wirkstoffe wirken sollen, ist, dass es immer noch keine homöopathischen Rauschmittel gibt. Dabei wäre ein Produktmerkmal „Wenn du die Droge streckst, wird sie stärker“ auf dem Drogenmarkt ein riesiger Vorteil.

Wenn Corona vorbei ist

Quamquam ridentem dicere verum quid vetat.

Horaz

Wenn Corona endlich vorbei ist, wenn wissenschaftlich belegt wegen des Impfschutzes und endlich entwickelter wirksamer Medikamente keine nennenswerte Gefahr mehr droht und die erbärmliche politische Corona-Stümperei zu Ende geht, wenn endlich wieder zur „Normalität“ vor Corona zurückgekehrt werden kann… es wird eine feierliche und fröhliche Zeit voller Lust und Zärtlichkeit unter den Menschen in der BRD ausbrechen, wenn Corona vorbei ist, voller lang vermisster Fröhlichkeit, Geselligkeit und mit viel lebensbejaendem Geknutsche.

Neun Monate nach dem Tag, an dem Corona vorbei ist, zeigt sich die erste statistische Folge: Es wird mehr Geburten als Hebammen und Entbindungsstationen geben, und niemand wird darauf vorbereitet sein, denn es konnte ja niemand damit rechnen. Einige Journalisten und Politiker werden von einer Babyschwemme sprechen.

Einige Jahre, nachdem Corona vorbei ist, sind die Kinder größer geworden, haben damit angefangen, eine Persönlichkeit zu entwickeln und die Eltern dieser Kinder werden eine Kindertagesstätte benötigen, wenn sie unter den Bedingungen des staatlich subventionierten Lohndumpings arbeiten und leben wollen. Es wird keine Kindertagesstätten geben, denn es konnte ja niemand damit rechnen, dass diese Babys einmal größer werden, dass sie einfach so zu Menschen heranwachsen.

Sechs Jahre, nachdem Corona vorbei ist, kommen die Kinder in das schulpflichtige Alter, aber der gesamte Kultusbetrieb wird unvorbereitet sein. Es wird an Lehrern und am Platz im Schulgebäuden fehlen. Trotz aller sorgfältig erstellten Zahlenwerke des Statistischen Bundesamtes und trotz der völligen Absehbarkeit dieser Entwicklung (auch für mathematisch weniger begabte Mitmenschen) wird in den sechs Jahren nichts geplant oder geschaffen, werden keine Lehrer ausgebildet und keine Schulen gebaut. Stattdessen werden große Stadien für eine Fußball-WM oder für Olympische Spiele gebaut. In applausheischenden Talkshows werden Kultusminister und Lehrervertreter von einem Schülertsunami sprechen, weil es über sie hineinbricht wie eine nicht vorhersagbare Naturkatastrophe, ja, fast wie eine Pandemie. Im Präsenzunterricht mit Klassenstärken zwischen sechzig und neunzig Schülern in unzumutbar beengten Räumen wird kaum noch ein geordneter Unterricht möglich sein, und die großen sozialen Unterschiede zwischen den Schülern sowie die bei einigen Schülern kaum vorhandene deutsche Sprachkompetenz werden geordneten Unterricht nahezu unmöglich machen.

Zwei Jahre später, acht Jahre, nachdem Corona vorbei ist, wird „die Politik“ endlich „alarmiert“ sein, weil einmal mehr ein „Superwahljahr“ bevorsteht. Lehrervertreter werden öffentlich und medial verstärkt darauf hinweisen, dass eine Generation von Analphabeten herangezogen wird. Nach der Wahl wird der wohlsimulierte Alarmzustand „der Politik“ einfach wieder vergessen, und alles andere auch. Was verbleibt, ist eine weitere Reform der deutschen Rechtschreibung, deren Durchführung und deren Nachbesserungen sich über fünf Jahre hinziehen werden; eine Zeit, in der den Schülern in engen, lauten Klassenräumen zugemutet wird, drei verschiedene vereinfachte deutsche Rechtschreibungen zu erlernen. Einige können hinterher sogar leidlich fehlerfrei schreiben und ein bisschen lesen, wenn sie sich anstrengen. Die meisten lassen sich Texte von ihrem Telefon vorlesen und verlassen sich beim Schreiben auf die Rechtschreib- und Grammatikautomatik nach dem von Google, Apple oder Facebook aufgenommenen Diktat.

Dass Lehrer und Lehrerinnen unter der ständigen Belastung psychisch und psychosomatisch erkranken, teilweise langfristig stationär behandelt werden müssen, teilweise berufsunfähig werden und in vereinzelten Fällen von Idealismus sogar in den resignierten Bilanzselbstmord gehen, wird die Situation zusätzlich verschärfen. In einer aktuellen Stunde des Deutschen Bundestages wegen der Folgen des „Schülertsunamis“ werden sich die Anwesenden im Plenarsaal erheben und den Lehrern und Lehrerinnen, die in der schwierigen Situation weiterhin durchhalten und alles für die Bildung und die Zukunft der Schüler tun, einen ausgesprochen preiswerten einminütigen Applaus spenden. Die Bildzeitung und das Trashfernsehen werden beinahe täglich über die zunehmende Gewalt unter frühpubertären Schülern berichten, denn es gibt ja jeden Tag etwas Schreckliches zu berichten, und mit irgendeinem Köder muss man ja die Zielgruppe zur Reklame ziehen, zum eigentlichen Geschäft des Journalismus.

Es wird Eltern geben, die ihre Kinder von der Schule fernhalten, weil sie ihre Kinder lieb haben. Diese Eltern werden mit Hilfe der Polizei und des Jugendamtes gefügig gemacht, weil Bildung ein unantastbares Recht der Kinder ist, das mit Zwang durchgesetzt werden muss. Wer auch nach Zahlung existenzbedrohend hoher Strafen noch nicht gefügig ist, bekommt die Kinder weggenommen. Die Kinder kommen in das röm.-kath. getragene Kinderheim „St. Blasius“ oder in das ev.-luth. Kinderlebensstift „Zucht und Hunger“. Es soll ja niemand abgehängt werden.

Sechzehn Jahre, nachdem Corona vorbei ist, holen sich die jungen Erwachsenen ihre „Umweltprämie“ für die Anschaffung ihres Erstautos ab — selbstverständlich mit klimaneutralem Akkuantrieb aus Strom, für den Braunkohle und Grüner-Punkt-Verpackungsmüll verbrannt… ähm… thermisch verwertet werden — und werden Verkehrsteilnehmer. Angesichts der Bildungssituation sind die Ansprüche an die Vergabe eines Führerscheines „angepasst“, also gesenkt worden, um Chancengleichheit herzustellen. Bei benachteiligten Menschen wie Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund, leseschwachen Menschen und Menschen mit „andersartiger Intelligenz“ ist es für die Erteilung einer Fahrerlaubnis hinreichend, wenn sie den Unterschied zwischen Gas und Bremse kennen und dieses Wissen in einer kurzen mündlichen Prüfung ausdrücken können. Zum Glück fahren die Autos weitgehend autonom, so weit ist die Technik schon. Verkehrszeichen sind längst in allen Farben des Regenbogens gehalten. Die Leistungen der Autoindustrie für die deutsche Wirtschaft werden ohne Unterlass vom politisch-journalistischen Komplex gewürdigt, und der Autokauf ist schon seit einem Jahrzehnt dauerhaft durch ausgezahlte staatliche Prämien subventioniert. Für den Ausbau oder Erhalt von Straßen war deshalb ebensowenig Geld übrig wie für die Schaffung ausreichender Parkplätze, von bezahlbarem Nahverkehr oder Fahrradinfrastruktur ganz zu schweigen.

Achtzehn Jahre, nachdem Corona vorbei ist, gibt es einen akuten Wohnungsmangel, den niemand voraussehen konnte, so dass im Vorfeld leider nichts dagegen getan werden konnte. Bei den jungen Erwachsenen, die unbedingt von ihren Eltern wegwollen, aber keine ausreichend bezahlte Arbeit mehr finden, wird man von einer „Wohnwagengeneration“ sprechen. Mit „Wohnwagen“ sind jetzt normal dimensionierte Pkw gemeint. Für das, was man früher einmal „Wohnwagen“ nannte, wäre ja auch nirgends mehr Platz.

Dank des technischen Fortschrittes, der viele menschliche Arbeiten durch mechanische Arbeiten ersetzt hat und wegen des ernormen Überangebotes verfügbarer Arbeitskräfte gibt es kaum noch existenzsichernd bezahlte Arbeit. Die Sozialleistungen werden nur gewährt, wenn man sich bereit erklärt, auch ohne Entlohnung vierzig Stunden in der Woche zu arbeiten, und sie sind von einer Größenordnung, dass die Vierzig- bis Fünfzigjährigen verklärt von der „guten alten Zeit“ mit dem „fetten Hartz IV“ schwärmen, von dem man so gut leben konnte. Die Sicherung der letzten dreitausendsechshundert unentlohnten Arbeitsplätze in der bundesdeutschen Autoindustrie genießt höchste politische Priorität, und ein kleines Hüsteln von BMW oder VW kann jedes Gesetzesvorhaben stoppen.

Die Inschrift „Dem deutschen Volke“ am Reichstagsgebäude wurde schon vor einigen Jahren durch die Inschrift „Dem DAX und den Märkten“ ersetzt. Es fällt niemanden mehr auf. Dazu müsste man ja lesen können.

Zwanzig Jahre, nachdem Corona vorbei ist, wurde der Lehrbetrieb an den deutschen Hochschulen endlich von allen Barrieren befreit und für jeden Menschen, der keine Arbeit hat, zugänglich. An den geisteswissenschaftlichen Fakultäten wird in völlig überfüllten Hörsälen Bullshitbingo gespielt, und das häufigste Lehrbuch für die Einführungsvorlesungen in Mathematik ist ein altes Vierte-Klasse-Rechenbuch aus dem Jahr 2015, das wegen seines hohen Anspruches heftig umstritten ist.

Nachdem Corona vorbei ist, haben die Menschen in der Bundesrepublik Deutschland endlich wieder ihre Normalität zurück. Auch ihre politische Normalität. Es wird eine wunderschöne Zeit. So glauben die Menschen.

Bundesdeutsche Betrugsbekämpfung

„Seltsam“, sagte der Vorübergehende zum Zeitungsgläubigen, „die Wirtschaftshilfen für den von der Coronaseuche existenziell bedrohten Mittelstand sind jetzt schon seit Monaten eingefroren, weil es zu einzelnen Betrugsfällen kam, aber bis jetzt ist niemand auch nur auf die Idee gekommen, die Diätenzahlungen an die Abgeordneten des Deutschen Bundestages einzufrieren, weil es zu einzelnen Betrugsfällen kam“.

Meinungsfreiheit

Die Welt ist voller Menschen, die das Wort „Meinungsfreiheit“ hören, und es nicht so verstehen, dass sie ein Recht auf das Eintreten für ihre eigene Meinung haben (selbst dann noch, wenn sie dumm ist), sondern so, als ob sie ein Recht auf „eigene Fakten“ hätten — und wer diese nicht anerkennt, ist in ihren Augen ein Extremist, Nazi oder Unterdrücker. Und nicht nur die Welt ist voll davon, vor allem Politik, Parteien, Kultuswesen, Verwaltung und Sozialwissenschaften sind voll mit diesen Menschen, die dort ausgedehnte, von der Wirklichkeit emanzipierte Parallelgesellschaften bilden. Nicht erst seit der Coronaseuche.

Oder, um es mit der gegenwärtigen Verwaltung und Politik angesichts der über der Gesellschaft ablaufenden Coronaseuche und mit Jens Spahn zu sagen: „Im Supermarkt gilt: Ein Kunde auf zwanzig Quadratmetern. In den Schulen gilt: 33 Schüler auf siebzig Quadratmetern. Und im Bus gilt: Hundert Personen auf 27 Quadratmetern. Das ist doch einfach, logisch und einleuchtend“.

Mode

Mode — Ein Verfahren, mit dem man auch Zivilisten dazu bringen will, sich zu uniformieren.

Werte

„Natürlich gibt es ‚europäische Werte'“, sagte der Vorübergehende zum quasselnden Zeitgenossen, und setzte fort: „Sie werden an den Börsen in der Europäischen Union gehandelt“.

Marktkonformes Coronavirus

Angesichts des bevorstehenden verkaufsoffenen Sonntags in Köln zwitscherte der Vorübergehende leise seinem Mitmenschen zu: „In unserer ‚marktkonformen Demokratie‘ (A. Merkel) gibt es nur marktkonforme Viren, die zu keinerlei marktgefährdenden Ansteckungen führen“.

Und das Gebot der Stunde konnte ihn mal im Arsche lecken

Die Ohnmacht der Satire

Der Satire steht ein Recht auf Übertreibung zu, damit in ihrem Zerrspiegel die Doppelmoral, Lüge, Frechheit, Gier und Dummheit nur um so deutlicher werden, sehr zur Erheiterung aller, die diese Zustände in ihrem Alltag mittragen. Nach so viel lustvollem Lachen über alles, was einem das Leben auffrisst, kann man ja gleich damit weitermachen. Aber die Satire hat keine Kraft mehr, wenn ihr Gegenstand in bizarrer Verzerrung, grober Heuchelei, Selbstverherrlichung und völliger Schambefreiung gar nicht mehr übertreibbar ist, wie dies etwa bei der amtierenden Bundesregierung unter Kanzlerin Angela Merkel der Fall ist. Wo die Satire von ihrem Recht auf Übertreibung keinen Gebrauch mehr machen kann, steht nur noch die kulturell deutlich tieferstehende, würdelose und klare Worte nutzende Benennung und Beschimpfung der Zustände, ihrer Macher und ihrer Profiteure offen, eine Tätigkeit, die beim Schreiber, Sprecher, Leser und Hörer fühlbar weniger Lust, aber dafür leicht Verstörung und Unwillen auslöst, doch selbst darin immer noch ein wenig besser als die Mittäterschaft des Schweigens und Einfach-Weiterfunktionierens ist.

In diesem Sinne applaudiere ich im klatschendem Einklang mit der Bundesregierung und allen Landes-, Bezirks-, Regions- und Stadtregierungen, welche die laufende zweite Corona-Welle vorsätzlich und planvoll hervorgerufen haben, den vielen namenlosen und unterbezahlten Helden der Corona-Pandemie in der Bundesrepublik Deutschland. Freut euch über den Applaus und funktioniert einfach weiter! Und versucht nicht, eure Miete und euren Einkauf ebenfalls mit Applaus zu bezahlen!

Woke

Früher nannte man es Weltschmerz, heute ist man woke

Andi

„Dieser Andreas Scheuer“, sagte der Vorübergehende grinsend zum Nachrichtengenießer, „muss wirklich schon die intellektuelle Speerspitze der CSU sein, er muss zu den Besten der Besten in dieser Partei gehören, sonst wäre er doch niemals über einen bayerischen Dorfbürgermeister hinausgekommen und Bundesminister geworden. Ist es nicht schön, wie diese von Parteien beförderte und kontrollierte Dämlichokratie sicherstellt, dass wir nicht von anstandslosen und korrupten Vollidioten regiert werden“?!