Archive for September, 2009


Auswärtiges Denken

Die meisten Marketing-Programme basieren auf der Angst, es könne sich herausstellen was wirklich innerhalb des Unternehmens abgeht.

Punkt 28 des cluetrain manifestes | via Freiheitsfabrik

Eratosthenes

Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.

2. Kor 4, 18

Der griechische Mathematiker Eratosthenes von Kyrene ist heute den meisten Menschen durch das nach ihm benannte Siebverfahren zur Ermittlung von Primzahlen bekannt — das übrigens bis heute in gewissen Abwandlungen in Gebrauch ist.

Dieses Verfahren war aber nicht seine größte geistige Leistung. Denn diese. Vollbrachte er im Jahre 246 vor unserer Zeitrechnung, als er vernahm, dass ein Obelisk in Assuan an einem Tag im Jahr, am 21. Juni (nach heutigem Kalender), keinen Schatten warf. Er schloss daraus völlig richtig, dass an diesem Tage die Sonne genau senkrecht über der Steinsäule stehen müsse. Aber am gleichen Tage warf ein Obelisk zu Alexandria — Eratosthenes leitete die dortige, gerade fertig gestellte Bibliothek — sehr wohl einen Schatten. Die Sonne konnte also zum gleichen Zeitpunkt über dem einen Ort senkrecht stehen, und über den anderen Ort nicht.

Es ist nicht überliefert, wie viel Kopfzerbrechen diese Beobachtung dem Mathematiker kostete, aber es ist überliefert, welchen Schluss er daraus zog; es war der Schluss, dass die Oberfläche der Erde gekrümmt sein müsse. Ein Schluss übrigens, welcher der gewöhnlichen Auffassung zur Zeit Eratosthenes widersprach, der vielleicht sogar für so manchen Lacher gut war.

Für einen Mathematiker lag in dieser Situation nichts näher, als die ganze Sache einmal durchzurechnen. Wie hoch der Obelisk zu Alexandria war, das war ihm bekannt, und die Länge des kürzesten Schattens am 21. Juni maß er einfach nach. Aus dem Verhältnis der beiden Längen konnte er einen Winkel für die Sonneneinstrahlung errechnen, dieser betrug 7,2 Grad. Dann bestimmte er die Entfernung zwischen Assuan und Alexandria, die 787,5 Kilometer betrug. Als zusätzliche Annahme führte er ein, dass die Krümmung der Erdoberfläche an jedem Ort gleich ist, dass die Erde also eine Kugel ist. Mit diesen Daten und mit der naheliegenden Annahme der Kugelgestalt der Erde berechnete er den Umfang der Erde und kam auf 39.375 Kilometer. (Wenn man für die Umrechnung eines griechischen Stadions in Meter andere, ebenso plausible Werte nimmt, wird der gemessene und berechnete Wert für den Erdumfang noch genauer.)

Dieser Wert weicht nur um 1,8 Prozent vom heutigen Kenntnisstand ab. Er ist durch relativ einfache Messungen und nahe liegende Gedanken gewonnen worden.

Auf die Antike folgte die faule Blüte des Christentums und das christliche Mittelalter, das kein Interesse mehr an Messungen und nahe liegende Gedanken hatte, sondern es bevorzugte, seine Auffassung von der Wirklichkeit aus einem damals schon alten Buch orientalischer Herkunft — das von Christen bis heute als „Heilige Schrift“ bezeichnet wird — herauszulesen. Die Erde war natürlich eine Scheibe im Zentrum des Universums. Und wer anderer Auffassung war, wurde ermordet.

Die Schriften von Eratosthenes sind bis auf eine Handvoll Fragmente und Zitate bei anderen Autoren verloren gegangen.

Die Schriften vieler anderer antiker Forscher sind völlig verloren.

Die blutgetränkten Schriften der Bibel sind hunderttausendfach überliefert.

Wenn es Nacht wird im Reiche der Vernunft, denn scheint kaum noch ein Quäntchen Licht in die Zukunft. Es gibt kein mögliches, friedliches Miteinander von freiem, nach Einsicht strebenden Denken und dem Fundamentalismus der alten Schriftreligionen und dem ebenso seelengierigen Fundamentalismus der modernen Ideologien, die beide ihre Forderungen an die Menschen, so bald sie es können, mit jeder nur möglichen Gewalt durchsetzen werden.

Wort und Geist

Die religiöse Gemeinschaft, der er angehörte, nannte sich „Wort und Geist“, und aus ihrem Haus schall es so psychojauchzend selbsthypnotisch in die brennend Welt hinein. Der Vorübergehende wusste genau, dass hier mit dem Wort etwas gemeint war, das vor vielen Tausend Jahren schon verstummt und jetzt zum Buchstaben skelettiert war, und das hier mit dem Geist etwas gemeint war, in dem kein Gehirn mehr wirken sollte.

Vom wirren „Wir“.

Zeitgenosse: „Die können mir ja viel erzählen. Ich glaube nicht, dass wir jemals auf dem Mond waren.“

Nachtwächter:: „Da hast du auch recht. Wir waren niemals auf dem Mond, sondern nur 12 Männer, die fast alle den Streitkräften der USA angehörten. Und wenn ich mich so umschaue, selbst noch hier in der deflorierten Erde einer Stadt, denn will ich auch gar nicht zum Mond. Genau so wenig, wie ich irgendetwas anderes von alledem will, was politisch mit dem Worte ‚Wir‘ verkauft wird.“

Die Menschen in der Wahnwelt

Wer die gestrige, so genannte „Elefantenrunde“ — wem fallen angesichts der sich dort präsentierenden Zeitgenossen nicht noch ganz andere Tiernamen ein — nach der Wahl gesehen hat, und wer die gestrigen Stellungnahmen von Müntefering und Steinmeier gehört hat, die als Reaktion auf ein schmerzhaft schlechtes Wahlergebnis nur ein „weiter so“ forderten, natürlich mit ihnen selbst in einflussreichen Ämtern, der könnte sich schon fragen, ob vollständiger Realitätsverlust eine Bedingung ist, um innerhalb der SPD etwas werden zu können. Das wäre ja auch eine gute Erklärung für die Politik der SPD im vergangenen Jahrzehnt, die so wenig sozial und so wenig demokratisch war, dass das verbliebene Skelett einer Partei jetzt endgültig die Wähler vertrieben hat.

In der Fernsehpolitik der Nuller Jahre setzt jeder Angehörige der classe politique auf die Vergesslichkeit der Menschen, deren Geist in der Flut des immer aktuelleren Bullshits davongetragen wird und die kaum noch in ihrem Gedächtnis halten können, was sie vor zwei Tagen so sehr bewegt hat, als sie vom industriell erstellten Ersatzleben aus der Schmiede der Contentindustrie bewegt wurden. Dass führende Kräfte der SPD auch vor vier Jahren ein „entspanntes Verhältnis zur Wirklichkeit“ hatten und dass der damalige Kanzler dieses auch gut vorbereitet in ihrer Showrede zum Wahlsonntagabend darbot, ganz so, als sei der Wahnsinn ein besonderer Vorzug, sollte doch noch einmal in Erinnerung gerufen werden, so lange die frischen Ausflüsse eines vergleichbaren Wahnsinnes noch im Gedächtnis präsent sind.

Hier ist noch einmal zum Genuss Gerhard Schröder nach der damals schon üblen Wahlniederlage für die SPD, die allerdings gestern erst von einer noch schlimmeren überboten wurde, bei  der „Elefantenrunde“ des Jahres 2005:

Hier sieht man Wahnsinnige, die gegen eine Wand fahren — und die sonstigen Menschen bei den von ihnen herbeigeführten Unglück nicht mehr wahrnehmen. Jemand muss diese Rasenden stoppen.

Gerhard Schröder bei der „Elefantenrunde“ | YouTube-Direktlink

Wissenschaft

Für jemanden, der die Menschen belügen will, ist das Wort „Wissenschaft“ keine Methode, die rigoros angewendert zu werden hat, um mehr Aufschluss über die Beschaffenheit der Wirklichkeit zu bekommen, sondern einfach nur ein anzuwendendes Schema der Kommunikation, welches dazu führt, dass die dreisten Lügen von weniger Menschen hinterfragt werden, da für die zunehmend bildungsferneren Menschen Wissenschaft die Stelle einer Religion eingenommen hat, deren Aussagen hohe Glaubwürdigkeit genießen. Sehr viele „Unterschungen“ dienen nicht dem Zweck, etwas über die Wirklichkeit zu erfahren, indem ihr im Experiment gezielt Fragen gestellt werden, sondern nur dem einen Zweck, anderen Menschen Lügen zu verkaufen. Das Ergebnis solcher „Untersuchungen“ steht fest, ehe sie überhaupt beginnen.

Das sollte jeder Denkende und Fühlende in seinem Sinn festhalten, wenn er die scheinbar gebieterischen Fakten in den Medien und in der Politik kurz aufnimmt. Gebieterische Aussagen ohne präzise Darlegung der angewendeten Methodik sind nicht Wissenschaft, sondern die Glaubenssätze der Parareligion der Jetztzeit. Und die Haut wird um 73 Prozent geglättet.

Eine nützlich Psychologie

So zynisch es klingen mag, eine solche „Psychologie“, die den alltäglichen Zumutungen nur die Idee entgegen setzt, einen Patienten so zu konfigurieren, dass diesem der ganze Dreck ziemlich egal wird, ist gesellschaftskonform und wertschöpfend: Sie erspart nicht nur die Diskussion über die ökonomischen, sozialen und politischen Bedingungen der Menschen, sie verschafft auch ein paar Schreinern Arbeit; entweder beim Orgon-Kastenbau oder bei der Herstellung von Särgen.

„Der Diskurs des Psycho-Irrsinns“ im Eso-Blog

Daneben

Wenn in einem Wirtschaftsunternehmen oder auch in der Politik plötzlich große Anstrengungen mit einem monströsen Aufwand unternommen werden, ist das meist ein Hinweis darauf, dass das Ziel aus den Augen verloren wurde. Und mehr. In der Regel nicht.

Zyniker

Der so unerträglich wirkende Sarkasmus jener Menschen, die so gern als Zyniker beleidigt werden, beruht nicht etwa auf ihren Worten und Gedanken. Sondern darauf, dass sie den objektiven Zynismus ihrer Umgebung nicht unhinterfragt hinnehmen, sondern darüber nachdenken und ihre Gedanken in heitere Worte fassen. Der wirkliche und wirksame Zynismus ist kälter und lustloser, und er ist das Unerträgliche.

Der Tisch

Ich träumte, dass sich ein bezahlter Sozialarbeiter auf meinem Weg um mich kümmere, damit er mich verkümmern macht. In der Person dieses Sozialarbeiters überlagerten sich zwei Menschen, die mir früher einmal wichtige Freunde waren, mit denen ich viel viel sprach, die aber jetzt eben so gut auf dem Mars leben könnten, so fern sind sie von meinem Leben an der unsichtbaren Kette ihrer systemisch kontrollierten Bedürfnisse. Auch ein Lehrer, der in meiner Kleinzeit mir gegenüber den Menschen heuchelte, fand sich in den Gesten dieser Überlagerung. Er redete lange auf mich ein, um mich Erwachsenen zu erziehen, um mich, den Lächelnden und Vorübergehenden, zu dem zu führen, was er für Glück hielt.

Und. Er hatte einen gewissen Erfolg damit, weil ich Hunger hatte, selbst noch im Schlafen. Denn er lud mich, ganz unverbindlich, wie er in der Lüge der Werber sagte, dazu ein, dass ich doch einfach einmal kommen sollte, um wenigstens zu essen. Diese Menschen, die dafür bezahlt werden, dass sie an der Assimilation arbeiten, verpacken ihre Gewalt ja immer als ein Angebot, das freiwillig angenommen werden könnte, und sie verschweigen. Immer den Hunger und Einsamkeit und die Angst; diese Peitsche, die Menschen so scharweis in jene professionell kalte Hölle treibt, in der sie ihren Job machen.

Noch im Traum wusste ich das. Und lachte darüber. Aber ich kam, denn ich hatte Hunger. Dort. War ein großer, grellweiß neonflackernder Raum mit einem Tisch, an dem etwa fünfzig Menschen saßen. Als dieser Sozialarbeiter mich kommen sah, konnte er das Triumphierende in seiner Haltung kaum unterdrücken, aber er musste mich ja „professionell“ behandeln und tat dies auch in großer Geübtheit. Er rückte mir in gespielter Demut und Dienstbarkeit einen Stuhl an den großen Tisch, direkt neben seinem Platz, damit er besser vor dem Druck der versammelten Runde auf mich einreden könnte. Am Tisch das Schweigen des Elendsgemeinschaft. Alle dort bekamen das, was sie dort haben wollten: Einen schmalen Teller und kleine Geschenke. Nur ich nicht, denn „ich war ja noch nicht dabei“, aber ich könnte natürlich „freiwillig und in eigener Verantwortung“ mitmachen. Doch der Traum macht die Seele frei von der strukturellen Gewalt, deshalb flüchtet man auch so gern in ihn. Und so. Konnte ich dieser Ansage heiter entgegentreten und diesem Wolf im Schafspelze erklären, was er da gerade tut, was er an mir und anderen tut. Noch, als er vom Tode sprach — auch diese Wucht musste er an mir probieren — blieb ich heiter und sprach vom Leben, dass dem Tod vorangeht und dem Lebenden Alles ist. Die anderen Menschen an diesem großen Tisch hatten ihre bohrenden und gefräßigen Blicke auf mich gerichtet, sie sahen aus, als wollten sie jeden Moment die verinnerlichte strukturelle Gewalt an mir ausleben, doch sie waren während dieser Situation wie versteinert. Das Klappern der Bestecke, der Grund dieses Ortes, war. Verstummt. Ich stand auf und ging aus diesem grellen Raum in eine hungrige, graue Trübsal, die mir in diesem Kontrast wie ein warmes Licht erschien.

Und. Ich erwachte aus dem Albtraum. Ich musste weinen, weinen um meine zwei Freunde, die mir einst so viel bedeutet hatten, und die jetzt fernweit sind und um alle die anderen Menschen da drinnen. Es gibt Träume, die den Geschmack des Freitodes süß erscheinen lassen, Träume, in denen sich das geraubte, enteignete, missbrauchte Leben spiegelt.

Die classe politique

Angesichts der gewachsenen Lebensbedingungen der Menschen in der classe politique ist es geradezu logisch, dass jede für den großen Rest der Menschen wirkliche Neuerung von diesem Pack dieser Minderheit der Menschen als eine Gefahr betrachtet und bekämpft werden muss, so sie sich nicht zum weiteren Aufrechterhalt der privilegierten Lebensweise instrumentalisieren lässt oder diesem gegenüber doch wenigstens ungefährlich bleibt. Und genau auf diesem Hintergrund erklärt sich auch der auffällige Kontrast zwischen dem ständigen Geschwätz von der Innovation zu einer real existierenden Politik, die alles in allem fortschrittsfeindlich ist und atemlos darum bemüht ist, obsolet werdende technische Strukturen mit großem Aufwand zum Schaden ganzer Gesellschaften künstlich zu erhalten. Die durch langsam überflüssig werdende, aber doch immer noch umfänglich wirkmächtige, zentral organisierte Medien jeden Tag an die Menschen herangetragene operative Hektik angesichts der so genannten „Krisen“ ist das Spiegelbild einer durch keine Anforderung der Wirklichkeit zu erschütternden geistigen Stagnation, die bei jedem Hauptschüler zur Gefährdung seines Schulabschlusses führen würde.

Der Ehering

Wenn man es mit der rechten Heiterkeit betrachtet, ist jeder Ehering ein mehr psychisch vergoldeter Abglanz des gleichen Prinzips, das in der Kette und in der Handschelle physisch wirksam realisiert wird.