Archive for Februar, 2008


Zum 29. Februar

Die Gelegenheit, einen Gedanken zum 29. Februar zu schreiben, erhält man ja nur beinahe alle vier Jahre. Einer solchen Gelegenheit kann ich kaum widerstehen, allerdings gehe ich heute richtig in die Breite… 😉

Ich schrieb schon eingangs, dass es „beinahe alle vier Jahre“ sind. Denn anders, als die meisten Menschen glauben, gibt es nicht alle vier Jahre ein Schaltjahr, da das Schaltjahr drei Mal in vierhundert Jahren ausfällt. Jeder Mensch, der sich den Tücken des gregorianischen Kalenders schon einmal als Programmierer stellen musste, kennt die folgenden Regeln zur Bestimmung von Schaltjahren (oder genauer gesagt: sollte sie kennen):

  1. Wenn die Jahreszahl ohne Rest durch 4 teilbar ist, handelt es sich um ein Schaltjahr, außer
  2. wenn die Jahreszahl ohne Rest durch 100 teilbar ist, denn dann ist es kein Schaltjahr, es sei denn
  3. die Jahreszahl ist ohne Rest durch 400 teilbar, denn dann handelt es sich doch um ein Schaltjahr.

Überflüssig zu erwähnen, dass Programmierer hier immer wieder Fehler machen. Selbst in Tabellenkalkulationen, auf deren Genauigkeit beim Rechnen sich doch viele Menschen verlassen, habe ich solche Fehler schon gefunden. Wer schlau ist, der verwendet für jede Verarbeitung kalendarischer Angaben den fertigen Code anderer Programmierer, denen man im Falle eines Fehlers die Schande zuschieben kann… 😉

Aber wie kommt es zu derart pathologisch anmutenden Regeln?

Das Grundproblem des Kalenders ist ein historisch gewachsenes. Als Menschen in prähistorischer Zeit damit begannen, die Tage zu zählen, orientierten sie sich an drei Zyklen, die für sie von unmittelbarer Wichtigkeit waren. Zwei dieser Zyklen ließen durch relativ einfache astronomische Beobachtung verfolgen (vgl. die monotheistische Deutung in 1.Ms 1,14) und dürften damit zum älteren Kern des Kalenders gehören, der dritte Zyklus war hingegen etwas komplizierter in seiner Bestimmung, aber dafür von größter Wichtigkeit für Ackerbau und Viehzucht treibende Menschen:

  1. Die Rotation der Erde um ihre eigene Achse führt zum periodischen Wechsel von Tag und Nacht.
  2. Die Bahn des Mondes um die Erde führt zu einem periodischen Wechsel der Mondphasen, da sich der von der Sonne beleuchtete und damit sichtbare Teil des Mondes verändert.
  3. Die Neigung der Erdachse führt dazu, dass sich (in nicht-äquatorialen Regionen) die Menge der empfangenen Sonneneinstrahlung und die Länge von Tag und Nacht mit der Bahn der Erde um die Sonne periodisch verändern.

Der erste Zyklus ist von so elementarer Bedeutung für den Tagesrhythmus jeder irdischen Lebensform, dass er wohl immer schon bedeutsam war und in jede Planung einbezogen wurde. Es gibt den hellen Tag und es gibt die dunkle Nacht. Schon früh werden Menschen diesen Zyklus weiter unterteilt haben in den „Morgen“, den „Mittag“, den „Abend“ und die „Nacht“ — und alle ihre Tätigkeiten unter dem Diktat der unbesiegten Sonne verrichtet haben, die beinahe überall als hohe Gottheit verehrt wurde. Selbst in der Neuzeit konnte man in Time von Pink Floyd noch folgende Zeilen hören (meine eventuellen Verhörer inbegriffen):

The sun is the same in a relative way
But you are older:
Shorter of breath,
One day closer to death.

Nicht überraschend, dass der überaus bedeutsame, als ewig empfundene Tageszyklus zur Grundlage jedes menschlichen Kalenders wurde. Übrigens benötigt die Erde für eine Rotation um ihre eigene Achse etwas weniger als 24 Stunden. Da sich die Erde aber zusätzlich auf ihrer Bahn um die Sonne bewegt, addieren sich diese beiden Bewegungen zur gewohnten Tageslänge.

Die anderen, nicht minder wichtigen Zyklen mussten natürlich an den Tageszyklus angepasst werden. Der sicherlich älteste zusätzliche Zyklus des Kalenders ist der monatliche. Selbst im modernen deutschen Wort „Monat“ schwingt der ethymologische Nachhall des Mondes mit, obwohl im deutschen Kulturraum schon seit Jahrhunderten kein Mondkalender mehr gebräuchlich ist. Der Mondmonat ließ sich recht einfach und anschaulich in kleinere Einheiten zerlegen, in die „zunehmende Sichel“, die „zunehmende Hälfte“, die „abnehmende Hälfte“ und die „abnehmende Sichel“ — was zur heute üblichen Wochenlänge von sieben Tagen führt. Der Mond liefert also gute Maße für kurzfristige Absprachen gemeinsamer Tätigkeiten von Menschen.

Allerdings passt der Mondzyklus schon nicht mehr zur Tageslänge. Wir wissen natürlich nicht, wie die Menschen in vorhistorischer Zeit beobachtet haben, aber es liegt nahe, dass sie sich an der sichtbar werdenden Sichel nach Neumond orientiert haben. (So weit ich weiß, ist dies im Islam bis heute das gültige Kriterium für den Beginn eines neuen Monates.) Dabei werden die Menschen schon früh festgestellt haben, dass ein Mondzyklus das eine Mal 28 Tage, ein anderes Mal hingegen 29 Tage dauert. Wie immer die Menschen auch versucht haben mögen, diese Erscheinung in ihrer Betrachtung der Welt unterzubringen, es wird ihnen gewiss nicht leicht gefallen sein.

In einer Kultur, die nahe am Äquator liegt und deshalb kaum jahreszeitliche Schwankungen kennt, sind diese beiden astronomischen Maße völlig ausreichend. Es gibt dort keinen Anlass, im Kalender über die Betrachtung des Mondzyklus hinaus zu gehen.

Der größere Teil der von Menschen bewohnten Welt kannte jedoch noch ein weiteres, sehr bedeutsames astronomisches Ereignis, nämlich die jährliche Wiederkehr der Jahreszeiten, die zur Berücksichtigung des Jahreszyklus im Kalender führte. Mit diesem Schritt wird ein weiteres astronomisches Maß in den Kalender eingeführt, das ebenfalls in keinem ganzzahligen Verhältnis zu den beiden anderen Maßen und zu den von diesen Maßen abgeleiteten Untereinheiten steht. Da aber der Zyklus der Jahreszeiten für die Anforderungen des Ackerbaues überaus wichtig ist, wurden die anderen astronomischen Erscheinungen dem Jahreskreis untergeordnet und „schön gerechnet“, während man sich zur Messung des Jahresverlaufes gewiss der Aufgänge von Fixsternen bediente. Dabei hatten die frühesten Kalendermacher eine ganze Reihe von schwierigen Problemen zu lösen:

  • In einem Jahr gibt es fast, aber nicht ganz genau 13 Monde.
  • Ein Jahr dauert fast, aber nicht genau einen Vierteltag länger als 365 Tage.
  • Ein Jahr enthält 52 Wochen, aber zusätzlich eineinviertel Tage.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Lösung dieser Probleme bis heute nicht gelungen ist. Die alten, überkommenen und in diesem Konzept gar nicht mehr passenden, unmittelbar beoachtbaren, astronomischen Einheiten (Monate, Wochen) wurden eher notdürftig in das neue Konzept gerettet und dabei zwangsläufig ihrer ursprünglichen astronomischen Bedeutung entkleidet. Der Kalender verlor in diesem Zuge seine ursprüngliche Anschaulichkeit und damit vieles von seiner Nützlichkeit. Die für das zivilisierte Leben und Überleben der Bauern erforderliche Zeitmessung wurde zu einer Beschäftigung für spezialisierte Fachleute. In dieser Übergangszeit bildete sich eine spezialisierte Kaste von Priestern heraus, die mit eben dieser Aufgabe betraut war und aus ihrem Geheimwissen persönlichen Vorteil zu schlagen verstand — auch dies eine Situation, die von der Menschheit bis heute nicht völlig überwunden wurde, was sich auch darin zeigt, welcher Marktwert dem abstrakten Gut der „Information“ selbst noch im Zeitalter einfacher Datenübertragung zugeordnet wird.

So zeigt sich am einfachen Beispiel der Entwicklung des Kalenders bereits die Entstehung einer arbeitsteiligen Gesellschaft, einer ersten Idee von abstrakter Arbeit und einer gesellschaftlichen Hierarchie, zu der Menschen nicht durch individuelle Fertigkeit, sondern nur durch Teilhabe an geheim gehaltenem Wissen Zugehörigkeit erlangen können. (In der Regel wird dieses Wissen „vererbt“ worden sein.) Auch dies sind allesamt Zustände, die von der Menschheit immer noch nicht überwunden wurden.

Ebensowenig überwunden ist übrigens auch die damals entstandene, außerordentliche Bedeutung „der Sterne“ im von seinen Anhängern wenig reflektierten Aberglauben der Astrologie.

Selbst in unsere Zeit, die sich doch gern als der Inbegriff der Rationalität selbst beweihräuchert, hat sich aus dieser Phase am Beginn der menschlichen Zivilisation ein Kalender gerettet, dessen Notdürftigkeit kaum zu übersehen ist. Die im Kalender verwendeten Zahlen sind für unsere Verhältnisse allesamt „krumm“ und laden geradezu zu Fehlern ein, wenn man mit 7, 24, 28, 29, 30, 31, 60 umgehen muss. Die kalendarische Einheit des Monates ist in der Anzahl der Tage völlig unlogisch und nur durch Faustregeln oder stumpfes Auswendig-Lernen zu beherrschen. (Wer mir das nicht glaubt, erkläre bitte einmal einem Kinde, welcher Monat wie viele Tage hat — und hinterher gleich die Sache mit den Schaltjahren!)

Eine Bastion der Irrationalität hat sich durch die Jahrhunderte hinduch bis heute halten können. Und das. Obwohl die vielen kalender-bezüglichen Fehler in Software gewiss einen beachtlichen volkswirtschaftlichen Schaden anrichten. In dieser Bastion der Irrationalität spiegelt sich wider, dass sich auch manche andere Irrationalität aus der Vergangenheit erhalten haben mag, die nur deshalb nicht als solche gesehen wird, weil sich die Menschen daran gewöhnt haben.

Und. Es ist nicht nur der 29. Februar, der gemahnen sollte, daran zu denken.

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Zur unterhaltsamen CeBIT

Früher — das war ungefähr bis 1994 — hat man als Computernarr ja noch gewusst, weshalb man auf die CeBIT (und noch früher, auf die Hannover-Messe in die CeBIT-Halle) ging. Es war einfach der Ort, an dem sich die meisten wirklichen „Freaks“ trafen, und damit auch der Ort, an dem man selbst ein paar Kontakte knüpfen oder vertiefen konnte. Unvergessen ist für mich persönlich zum Beispiel der Tag, an dem ich Anfang der Neunziger Jahre den Stand einer Firma namens Maxon besuchte und einen recht ausführlichen Fehlerbericht zum C-Compiler aus diesem Hause dabei hatte. Das führte dazu, dass ich zehn Minuten später mit einem der Compilerbauer zusammensaß und das ich ein halbes Stündchen später zum Beta-Tester ernannt war, der immer mit den aktuellen Versionen versorgt wurde — ohne, dass dafür etwas anderes fällig wurde als auch in Zukunft derartig genaue Bug-Reports. Zu einer Zeit, zu der ein Compiler noch richtig teuer war, führte das zu einer ganz ordentlichen Ersparnis.

Was hingegen jene vielen Leute dort machten, die vor allem auf Jagd nach Werbegeschenken gingen, das blieb mir immer verschlossen. (Obwohl auch ich mir immer einen Jahresvorrat Kugelschreiber mitnahm.)

Das aber, das war früher. Inzwischen wird man auf der CeBIT nur noch schwerlich richtige Fachleute (oder gar einmal einen echten Programmierer) treffen, und Compiler gibt es in wirklich brauchbarer Qualität als freie (und damit kostenlose) GNU-Versionen.

Was einem auf der heutigen CeBIT hingegen massenhaft begegnet, das sind (zuweilen sogar recht kenntnislose) Kaufleute, die vor allem die hohlen Phrasen der Werbung wiederholen und ein wenig ausschmücken können — niemand würde sich ernsthaft für so einen aufgeblähten Blah interessieren, außer vielleicht ein paar andere Kaufleute und jene Menschen, die sich gern von Phrasen verblenden lassen. Man könnte sagen, dass die CeBIT eine der überflüssigsten Messen der Welt geworden ist. Vor allem. Seit man über das Internet wesentlich einfacher und billiger an seine Informationen kommt, und zwar, ohne dass man hierfür einen hohen Eintritt zu bezahlen hätte, und auch ganz ohne, dass man sich dabei den berüchtigten CeBIT-Schnupfen abholt. (Denn immer noch vereinen sich auf jeder CeBIT alle Viren dieser Welt zum Großangriff auf des Besuchers Schleimhäute.)

Was da als „Fachmesse“ angepriesen wird und vom Besucher ein saftiges Entgelt für das Betreten der wohl temporär ungesündesten Gebäude Europas fordert, ist schon längst nichts mehr für die wirklichen Fachleute, die den ganzen Wahnsinn durch ihr Tun im Gange halten. Es ist ein Ort hohlen Geschwätzes.

Das hat man ganz offenbar auch bei der Deutschen Messe AG eingesehen, wie beispielsweise der folgende Scan aus einem kostenlosen Werbeblatt, das jeden Mittwoch in die hannöverschen Briefkästen geworfen wird, aufzeigen kann:

CeBIT-Karten zu gewinnen - Beinahe zwei Drittel der Deutschen müssen in ihrem Job täglich mit Computer und Internet umgehen. Unternehmen suchen daher verstärkt Mitarbeiter mit guten IT-Kenntnissen. Auf der größten IT-Messe der Welt, der CeBIT in Hannover, steht in diesem Jahr das Thema IT-Qualifizierung am IT-Fitness-Wochenende (8./9. März) ganz oben auf der Agenda. Schüler, Azubis und Studenten sind eingeladen, sich auf dem so genannten IT-Fitness-Campus in Halle 16 fit für den Umgang mit Computer und Internet im Berufsleben zu machen. Auf dem IT-Fitness-Campus steht Infotainmeht im Vordergrund. Durch das Programm führen die Moderatoren Carolin Korneli (MTV) und Klaas Heufer-Umlauf (VIVA) durch das Programm. Das IT-FItness-Campus ist ein gemeinsames Angebot der Deutschen Messen Hannover und der Initiative IT-Fitness (www.it-fitness.de). Die Initiative wurde 2006 durch den Microsoft-Gründer Bill Gates ins Leben gerufen. Sie möchte bis 2010 vier Millionen Menschen in Deutschland durch den IT-Fitness-Onlinetest und kostenlose Trainings IT-fit machen. Wir verlosen 10 x 2 CeBIT-Karten.

Tat man vor einigen Jahren noch so, als wolle man das ganze fachfremde Publikum (oft wegen des typischen Hamsterns von Werbetinnef in großen Stofftaschen verächtlich als „Beutelratten“ bezeichnet) gar nicht mehr haben und begründete man mit dieser strategischen Entscheidung gleich die wirklich deftigen Erhöhungen der Eintrittspreise, so ist man jetzt angesichts ständig sinkender Besucher- und Ausstellerzahlen offenbar sehr darum bestrebt, auch noch solche Leute zu locken, die von jeglicher Ahnung völlig unbeleckt sind und deshalb einer so lärmend angebotenen Schein-Ertüchtigung zur Benutzung einer DV-Anlage bedürfen. Natürlich hat man dabei die Eintrittspreise auf dem nun erreichten, recht deftigen Niveau belassen, das ist ja klar.

Diese Meldung zu einem Angebot an die Generation Prekariat bedarf gar nicht so großer Richtigdichtungen, um so verständlich zu werden, wie sie verstanden werden sollte:

CeBIT-Karten zu gewinnen

Den regulären Eintrittspreis würde niemand ausgeben, der noch bei Troste ist.

Beinahe zwei Drittel der Deutschen müssen in ihrem Job täglich mit Computer und Internet umgehen. Unternehmen suchen daher verstärkt Mitarbeiter mit guten IT-Kenntnissen.

Beinahe zwei Drittel der Deutschen müssen wissen, dass beim Begriff „Klicken mit der rechten Maustaste“ das „andere rechts“ gemeint ist. Die Unternehmen haben großes Interesse an gut austauschbaren Batterien für ihren betrieblichen Produktionsprozess, die Computer in sklavischer Weise bedienen können, ohne dass sie dabei wirkliche Kenntnisse entwickeln würden.

Auf der größten IT-Messe der Welt, der CeBIT in Hannover, steht in diesem Jahr das Thema IT-Qualifizierung am IT-Fitness-Wochenende (8./9. März) ganz oben auf der Agenda.

Auf der weltweit größten Werbeveranstaltung für weit gehend dumme Verwendung von Computern, der CeBIT in Hannover, steht in diesem Jahr das Thema Massenverdummung über die wirklichen und bestehenden Möglichkeiten der Datenverarbeitung ganz weit oben auf der Agenda, damit auch niemand auf die Idee komme, sich jene Fertigkeiten zu erwerben, die einen Computer persönlich nützlich machen könnten. Damit wir diesen vergifteten Keks der „Generation bildungsfernes Prekariat“ auch schmackhaft machen können, nennen wir die sklavische und geistlose Abarbeitung unverstandener Vorgänge „Fitness“, das kennen die nämlich schon aus der „Muckibude“.

Schüler, Azubis und Studenten sind eingeladen, sich auf dem so genannnten „IT-Fitness-Campus“ in Halle 16 fit für den Umgang mit Computer und Internet im Berufsleben zu machen. [Beide Rechtschreibfehler sind aus dem Original übernommen.]

Junge, beeinflussbare Menschen, die kein Interesse am Erwerb nützlicher Kenntnisse haben, und die wirklich noch glauben können, dass man in einem solchen Rahmen irgendetwas anderes als eine Reklame-Veranstaltung erlebt, sind zu unserem Degenarations-Lager eingeladen. Dort lernen sie auch, wie man im Eifer des hastigen Produzieren-Müssens so nützliche Einrichtungen moderner Software wie etwa eine automatische Rechtschreibprüfung einfach ignoriert.

Auf dem IT-Fitness-Campus steht Infotainment im Vordergrund.

Bei diesem Degenerations-Lager steht der bunte und flutschige Multimedia-Kram im Vordergrund. Das ist die Zielgruppe ja schon von der Glotze her gewohnt…

Durch das Programm führen die Moderatoren Carolin Korneli (MTV) und Klaas Heufer-Umlauf (VIVA) durch das Programm. [Die doppelte Angabe „durch das Programm“ ist aus dem Original übernommen]

…und deshalb kriegen sie dort auch die gleichen Gesichter zu sehen, die sie aus ihrem täglichen Hirngift-Konsum vor der Idiotenlaterne schon kennen. Dass diese Anziehpüppchen keine besondere Kompetenz verkörpern, ist für den Untenhaltungswert des Angebotes unbedeutend.

Der IT-Fitness-Campus ist ein gemeinsames Angebot der Deutschen Messe Hannover und der Initiative IT-Fitness (www.it-fitness.de). Die Initiative wurde 2006 durch den Microsoft-Gründer Bill Gates ins Leben gerufen. Sie möchte bis 2010 vier Millionen Menschen in Deutschland durch den IT-Fitness-Onlinetest und kostenlose Trainings IT-fit machen. [Rechtschreibfehler aus dem Original übernommen]

Dieses Degenerations-Lager ist ein gemeinsames Angbeot der Deutschen Messe AG, die auf diese Weise dem stetig schwindenden Interesse an der überflüssigsten Messe der Welt begegnen will und der Reklameabteilung des Microsoft-Gründers Bill Gates. Sie beabsichtigt, bei so vielen Menschen wie nur möglich bestehende Abhängigkeiten von Microsoft-Produkten zu zementieren und zu vergrößern und fernerhin, solche Abhängigkeiten immer mehr zu schaffen. Dazu bedient sie sich auch eines Tests, der selbst einem völlig ahnungslosen Menschen noch das Gefühl vermitteln soll, dass er nach dieser multimedialen Verdummung wenigstens Microsoft-Produkte ein bisschen bedienen kann, wenn er schon nicht versteht, die Möglichkeiten des Computers für sich persönlich nutzbar zu machen. Menschen aus dem bildungsfernen Prekariat werden sich daraufhin gewiss für kompetent halten.

Wir verlosen 10 x 2 CeBIT-Karten.

Damit überhaupt jemand zu dieser lächerlichen Veranstaltung kommt, schleudern wir über kostenlose Reklame-Blätter auch noch dem fachfremdesten Publikum noch ein paar Karten für eine angebliche „Fachmesse“ zu.

Quelle des Scans und des weidlich zitierten und korrosiv kommentierten Textes ist das Hannoversche Wochenblatt, Ausgabe Süd vom 27. Februar 2008. Wer in diesem Text Spuren von Satire gefunden hat, darf sie behalten.

Vorübergehender Ausfall

Wegen eines schweren technischen Problemes war dieses Blog für ungefähr sechzehn Stunden nicht zu erreichen. Es wird jetzt auf einem anderen Server betrieben, eventuell hat noch nicht jeder Nameserver die neue Zuordnung einer IP-Adresse zu dieser Domain „mitbekommen“. Wenn es in den nächsten Tagen zu inkonsistenten Darstellungen der Inhalte, fehlerhafter Funktion und gelgentlichen Verlusten von Kommentaren kommt, bitte ich dafür um Entschuldigung.

Genervt…

Zeitgenosse: „Warum verdienst du nicht einfach Geld mit deinem Bloggen?“

Nachtwächter: „Warum bist du denn nicht bereit, mich einfach dafür zu bezahlen, dass ich mit dir spreche, Bruder?“

Es gibt wirklich Fragen, die ich nicht mehr hören. Und. Nicht mehr richtig beantworten will. Habe ich ja auch schon längst. Hier. Und auch hier. Getan.

Eine narkotisierte Gesellschaft

Wenn man vom europäischen Mittelalter spricht, wird häufig die abwertend gemeinte Rede vom „dunklen Mittelalter“ bemüht. Gemeint ist damit natürlich nicht, dass die Sonne in dieser Zeit eine geringere Strahlkraft gehabt hätte — ganz im Gegenteil, es war eine klimatisch warme und helle Zeit. Sondern. Dieses Wort meint, dass es nach der kulturellen Blüte der Antike einen zivilisatorischen Rückfall in einen Zustand von Gewaltherrschaft, unterdrückerischer Religion und verbreitetem angstvollem Aberglauben gab, der für die Barbarei des gesamten Mittelalters prägend wurde. Das Wort vom „dunklen Mittelalter“ reflektiert also auch die Tatsache, dass die angstfreie Betätigung des Verstandes zu den lichtvollen menschlichen Tätigkeiten gehört; dass Angst und Denkverbote den Geist des Menschen noch bei hellster und heißester Sonne kalt und trübe machen.

Welche barbarischen Exzesse der Dummheit und Gewalt diese Finsternis im Alltag hervorbrachte, ist sicherlich jedem bekannt.

Doch was das kurze Wort von der „Dunkelheit“ des Mittelalters verschweigt, das sind die Bedingungen, unter denen sich solche Dunkelheit der Geister ausbreiten und halten konnte; vielmehr entsteht der Eindruck einer historischen Zwangsläufigkeit, als habe es sich um ein Ereignis wie etwa eine Sonnenfinsternis gehandelt. Das ist natürlich nicht der Fall. Auch war das Mittelalter keineswegs freudlos und öde für die damals lebenden Menschen, es hatte durchaus seine derbe und plumpe, letztlich bewusstlose Sinnlichkeit, die als Kehrseite der bewusstlosen Gewalt und ohnmächtigen Angst zu gelten hat. Man muss sich das gesamte Mittelalter als vollkommen besoffen vorstellen. So dünn das Bier des Mittelalters auch gewesen sein mag (es hatte einen ähnlichen Alkoholgehalt wie das „lätt öl„, das man in Schweden erhält), es diente auch den unter recht warmen Temperaturen körperlich schwer arbeitenden Menschen als einziges Getränk. Denn. Unter den hygienischen Bedingungen jener Zeit wäre es in den meisten Regionen Europas selbstmörderisch gewesen, Wasser zu trinken.

Die Droge Alkohol ist gut geeignet, barbarische Zustände zu schaffen und zu erhalten. Selbst heute lässt sich gut beobachten, wie leicht eine alkoholisierte Masse von Menschen zu einer Haltung der Gewalt neigt, wie mühelos eine solche Masse ihre gesamten Äußerungen auf kollektives Brüllen nach der Vorgabe des lautesten Schreihalses reduzieren kann, wie jedes verstandesmäßige Licht in solchen Situationen zu erlöschen scheint. Wie gesagt: Dies alles. Nicht ohne eine derbe und barbarische Sinnlichkeit. Damals. Wie. Heute. Und ohne wirklich (also wirksam) gefühlte Unzufriedenheit mit der bestehenden Situation, lässt doch diese eine Droge alles erträglicher erscheinen. So groß der Mund wird, so klein die Kraft zum Handeln.

Die Gesellschaft des Mittelalters war. Eine permanent und vollständig narkotisierte Gesellschaft.

Daher auch die Unfähigkeit der meisten Menschen jener Zeit auch nur zum kleinsten Gefühle der Empathie. Was. Den Menschen. Das Anschauen der öffentlich ausgeführten, barbarischen Strafen und das ergebene Hinnehmen der allgemein praktizierten Folter zur „Wahrheitsfindung“ sicher mehr erleichterte als das damals schon unglaubwürdige Geschwätz der Pfaffen. Wenn. Man sich nur die eigene Angst weiter wegsaufen konnte.

Trauertag

Die jüngere Evolution des Neocortex ist eine großartige Sache, vor allem für die Menschen, die sich so sehr über ihre Befähigung zur Intelligenz und zum Bewusstsein definieren. Aber sie ist auch nur eine junge Schicht, die ältere Schichten überlagert; und diese älteren Schichten erweisen sich immer wieder als sehr leistungsfähig, ohne dass diese Leistungen leicht ins Bewusstsein eines Menschen dringen könnten. Zu diesen älteren Schichten gehört zweifellos auch jene Schicht, die diesen grenzenlosen Narzissmus hervorbringt, der für die Menschen ebenso prägend ist wie die Befähigung zu höheren Leistungen des Bewusstseins. Und. Die diesen unangemessenen Stolz auf die höheren Leistungen des Bewusstseins hervorbringt, diese Vorstellungen von All-Macht. Die. Nur deshalb nicht schon als pathologisch gelten, weil sie der Regelfall sind. Wenn ein Mensch den Tag erlebt, an dem er durch Benutzung der Kraft seines Verstandes wirklich einsieht, dass er nicht alles wissen kann, denn erlebt dieser Mensch. Einen Trauertag.

Auswärtiges Denken (28)

Der Dwarslöper notiert mal eben kurz

Conti will 2500 Stellen streichen, trotz eines dicken Gewinns. Siemens haut voraussichtlich mal eben 3000 Stellen der Sparte SEN weg. Damit will das Unternehmen die Chancen für den Verkauf dieses Bereichs erhöhen.

Wo bleibt der Aufschrei der Politiker? Wann werden reihenweise Winter- und Sommerreifen von den Dienstfahrzeugen montiert und durch Fabrikate sozialerer (?) Unternehmen ersetzt. […]

Höre ich da was? Vielleicht ein Verlegenheitshüsteln?

…und erinnert damit deutlich an den Aufschrei, den die Contentindustrie vor kurzem noch hervorbrachte, als Nokia ein paar unpopuläre geschäftliche Entscheidungen getroffen hat. Ursache der relativen Ruhe ist wohl die Tatsache, dass die deutschen Politdarsteller reichlich in den hier benannten Unternehmungen involviert sind, was ihnen gewiss nicht zum finanziellen Nachteil gereicht…

Eingesparter Umweg

Eine religiöse Zeitgenossin berichtet wortreich, wie viel Arges ihr in der letzten Zeit so widerfahren sei und wie sie mit einer immer größeren, existenziell bedrohlichen Armut kämpfen muss. Zuletzt aber fängt sie sich und gerät in ihr eingefahrenes Schema und sagt: „Aber ich habe das alles in Gottes Hände gelegt. Und. Er weiß genauer als ich, was für mich gut ist und was ich ertragen kann.“

Und der Nachtwächter antwortete nur: „Wenn du dich so in dein Schicksal ergibst, kannst du dir den Umweg über den Begriff ‚Gott‘ doch einfach sparen…“

Immerhin, sie konnte darüber lachen. Das ist bei religiösen Menschen eher ungewöhnlich.

Schulhof

Der Schulhof einer Regelschule: Ein gnadenlos öder Ort…

Kaum etwas vermag einen genaueren Eindruck davon zu fühlbar zu machen, wie geistlos und öde die Zwangsbeschulung an einer bundesdeutschen Regelschule ist, als der Anblick dieser zweckmäßigen und grauen Gelände, in denen die Schulkinder ihre „Pausen“ verleben sollen. Die Tatsache, dass sich keiner dieser jungen Menschen an einem derart scheußlichen Platz freiwillig aufhalten würde, reflektiert das gewaltsam Erzwungene des Schulbetriebes; die ausgeräumte Leere des Ortes ist eine Anpassung an das Pflicht der Steißtrommler zur Überwachung der Zusammengepferchten; die völlige Phantasielosigkeit der gesamten Gestaltung spiegelt ebenso wie die an die Fabrikästhetik angelehnte Architektur des zugehörigen Schulgebäudes die stumpfe Abarbeitung der Leer- und Lehrpläne wider. Selbst ohne eine eigene Schulerfahrung könnte jeder beim Anblick eines solchen Schulhofes erahnen, dass es in dieser Institution nicht um die Vermittlung von Bildung, sondern um die Heranbildung einer geistlosen Geisteshaltung geht. Die letztlich. Zur problemlosen Verwertung des Menschen als Batterie im betrieblichen Produktionsprozess führen soll.

Insofern haben Eltern beinahe völlig recht, wenn sie ihren Kindern zur Einschulung sagen: „Jetzt beginnt der Ernst des Lebens“. Unrecht haben sie darin, dass es sich bei der überaus ernsten Sache um das Leben an sich handelt, was dort beginnt, ist vielmehr die Verneinung des Potenzials eines menschlichen Lebens durch die Reduktion des Individuums auf seine Nutzbarkeit.

Du bist der Spiegel

Nachtwächter zu einem Zeitgenossen: „Alles, was du jetzt und jetzt und jetzt erlebst, ist nur das Spiegelbild der Realität in deinem Gehirn. Und. Du bist nicht das Wesen, das in diesen Spiegel schaut, sondern du bist dieser Spiegel.“

Alte Computerspiele

Das Suchtmittel aus dem Jahr 1980: PacmanWer die Gelegenheit dazu hat, sollte sich ruhig einmal in Ruhe alte Computer- und Arcarde-Spiele anschauen. Gerade in der Zeit zwischen 1980 und etwa 1988 ist es bemerkenswert, wie viele gute Spielideen hervorgebracht wurden und mit wie viel Aufwand diese Ideen auf unzulänglicher Hardware technisch umgesetzt wurden. (Natürlich ist das Pacman-Bild kein Beispiel für eine geistreiche Spielidee.) Das steht im auffälligen Gegensatz zu den relativ einfältigen Spielen, die heute produziert werden. Die heutigen Spiele haben zwar gute Hardware und gute graphische Möglichkeiten zur Verfügung, zeichnen sich aber oft durch die routinierte Einfalt der Spielideen aus. Man kann beinahe den Eindruck bekommen, dass das unübersehbar künstlerische in den künstlichen Welten vieler alter Spiele durch die bestehenden technischen Einschränkungen hervorgebracht wurde.

Um noch einmal auf den Pacman zurückzukommen: Sicherlich keine große Idee, aber ein großes Werk, das mit viel Aufwand erstellt wurde. Was heute unvorstellbar erscheint: In diesem schlichten Spiel, das im Oktober 1980 veröffentlicht wurde, stecken 7,5 Mannjahre Arbeit (ein Team von fünf Mitarbeitern brauchte anderthalb Jahre für die Umsetzung) — offenbar hat man sich damals Zeit gelassen. Das verhinderte allerdings nicht, dass die Programmierer Fehler gemacht haben: Wenn jemand den Level 255 geschafft hatte, geriet das Programm in einen undefinierten Zustand und präsentiert einen nicht mehr spielbaren Level. Vermutlich wurde das einfach nicht getestet, weil keiner der Programmierer glaubte, dass jemand so lange durchspielen kann und will. Wie sie sich getäuscht haben!

Vom Belauschen der Klospülung

Ich habe ja durchaus Verständnis dafür, wenn an allen möglichen und unmöglichen Plätzen Digitaltechnik eingesetzt wird. Die Technik ist nun einmal vorhanden, und es wäre dumm, wenn man auf technische Möglichkeiten verzichtete.

Aber was ich heute erlebt habe, das hat mir doch ein bisschen die Sprache verschlagen. Bei einem Freund, den ich gerade besuche, klingelte es nachmittags an der Tür. Obwohl dieser Besuch angekündigt war, hatten wir es ganz vergessen; es war der Mensch, der kam, die Wasseruhren und die Kostenverteiler an den Heizkörpern abzulesen und auszutauschen. Die alten Geräte waren von vertrauter Bauart: Das Ausmaß der Heizungsnutzung wird durch eine verdunstende Flüssigkeit und der Wasserverbrauch durch die Messung des Durchlaufes ermittelt. Das sind einfache Messverfahren, die nachvollziehbar, ja geradezu anschaulich sind.

Nicht so die neuen Geräte. Was da im Badezimmer neu angebracht wurde, löste schon durch seine blinkenden LEDs Verwunderung aus, und der Kostenverteiler für die Heizung hat eine LC-Anzeige. Der Mensch, der diese Dinger im Auftrag der Firma Michael Bohn Wärmemessung GmbH (Marke: Kalorimeta) anbrachte, konnte auch gut erklären, was es damit auf sich hat. Er sagte mit großer Routine und Selbstverständlichkeit so etwas wie: „Das sind digitale Messgeräte, die ihre Informationen mit Funk übertragen. Die werden einmal am Tag aktiv und senden ihre Daten zur Zentralstation.“

Das war der Moment, in dem mir die Worte fehlten.

Denn. Da war erstmal so ein Kloß im Hals, den ich irgendwie herunterkriegen musste.

Es ist völlig unklar, wozu eine solche tägliche Erfassung des Wasserverbrauchs und der Heiznutzung erforderlich sein sollte. Es ist bei diesen Geräten wegen ihrer Konstruktion ebenfalls völlig unklar, welche Daten da übertragen werden (es könnten einfache Tagesdaten, aber auch detaillierte Profile über die Nutzung im Tagesverlauf sein) und in welcher Weise die Übertragung (im UHF-Bereich) geschützt wird. Auch die Mieterinformationen auf der Homepage der Michael Bohn Wärmemessung GmbH geben zwar unnötig ausführliche Hinweise darüber, in welcher Weise eine Ablesung angekündigt und durchgeführt wird, sie schweigen allerdings völlig zum Themenkreis der Datenübertragung oder gar der Datenhaltung bei diesen Geräten, als sei dies ein unwichtiges Detail, das sowieso niemanden zu interessieren habe. Immerhin, dafür erfährt man, auf welcher Frequenz diese Dinger funken.

Es erscheint zumindest mir kaum vorstellbar, dass diese ganzen Daten jeden Tag mit hohem technischen Aufwand ermittelt und übertragen werden, um nicht gespeichert, sondern einfach wieder „weggeworfen“ zu werden — und eine solche Speicherung würde erfolgen, obwohl diese Daten für das Abrechnungsverfahren keine besondere Rolle spielen. Der interessierte Leser der wenig informativen Informationen erfährt natürlich auch nichts darüber, ob diese Daten mit einer wirksamen Verschlüsselung übertragen werden, auch wird dazu geschwiegen, wie man von Seiten der Michael Bohn Wärmemessung GmbH vorzugehen gedenkt, falls jemand auf die angesichts solchen Verschweigens sehr nahe liegende Idee kommt, den Funkkontakt zur „Zentralstation“ (übrigens ein „hübsches“ Wort aus dem Sprachgebrauch technokratisch denkender Unmenschen) mit Hilfe eines Faradayschen Käfigs zu unterbinden.

Man mag sich angesichts dieser Vorgehensweise auf den Standpunkt stellen, dass solche Erwägungen unangemessen sind. Dass. Es sich hier um Daten handelt, die keine besondere Empfindlichkeit haben, die nicht zur unantastbaren Privatheit eines Menschen gehören. Das ist ein möglicher Standpunkt.

Aber es ist — unabhängig von irgendeiner Gefahr für die Privatheit — in meinen Augen zunächst einmal eine Unverschämtheit, mit welcher Selbstverständlichkeit und Dreistheit hier Daten aus einem intimen Lebensbereich, nämlich aus der eigenen Wohnung, in nicht nachvollziehbarer Weise und ohne erkennbaren sachlichen Grund ermittelt und übertragen werden, um möglicherweise langfristig gespeichert zu werden. Auch wenn es sich hier nicht um eine richtige „Wanze“ handelt, die das im privaten Raum gesprochene Wort übermittelt, sondern nur um eine Vorrichtung, die vor allem die Benutzung der Heizung und der Klospülung „belauscht“, bleibt es eine Form des Lauschens in der Wohnung, das in dieser Darreichungsform dreist und frech ist.

Darüber hinaus entsteht sehr wohl eine Gefährdung der Privatheit.

Zunächst einmal könnte an Hand der Profile des Wasserverbrauches ermittelt werden, ob und wann jemand in seiner Wohnung Besuch hat — und allein das ist eine Sache, die niemandem etwas angeht. Die Verwendung der sanitären Anlagen durch einen weiteren Menschen führt nämlich immer dann zu einem Anstieg des Wasserverbrauches, wenn dieser sich regelmäßig wäscht und duscht und nicht zum Pinkeln nach draußen an den nächsten Baum geht.

Wer in solchen Gedanken etwas „paranoides“ sieht, mag das sehen. Es gibt noch eine weitere, weniger paranoide Erwägung, die für viele Menschen sogar zur handfesten Gefahr werden könnte.

Die meisten Menschen stellen ihre Heizung so weit wie möglich herunter, wenn sie in Urlaub fahren und sie verbrauchen während ihres Urlaubes praktisch kein Wasser (bis auf den Nachbarn, der die Blumen gießt). Wenn die Verschlüsselung der Datenübertragung schwach ist, könnten technisch versierte Banden von Einbrechern viel Interesse an solchen Informationen haben, ist doch eine Wohnung ohne ihren Bewohner ein müheloses Objekt, in dem man viel Zeit für die Ausräumung aufwänden kann. Und das ist kein „paranoider“ Gedanke, sondern könnte zur sehr realen Gefahr werden — genügend Interessierte gibt es gewiss.

Kurzum: Ich weiß nicht, ob solche Gefahren bestehen. Und. Ich kann es auch auf der Homepage der Michael Bohn Wärmemessung GmbH nicht herausbekommen. Auch über die Speicherung der Daten schweigen diese Seiten. Und. Genau dieses Verschweigen. Ist das Problem dabei. Eine offene Darlegung der verwendeten Technik zur Verschlüsselung, des Umfangs der Datenübertragung und verbindliche Angaben zur Speicherung wären hier etwas beruhigend, wenn sie jedem Interessierten ohne besondere Hürden gegeben würden. Dass man unter jedem Produkt dieser Firma einen Link hat, den man klicken soll, falls man mehr darüber erfahren möchte, ist ja an sich eine gute Idee — wenn dieser Link nicht einfach nur auf ein Kontaktformular führen würde, das überdem nicht gerade den Eindruck vermittelt, sich an interessierte Mieter zu richten.

Doch selbst mit vollständigen Informationen zu empfindlichen Bereichen bleibt dieser Einbau eines täglich funkenden Senders in viele Wohnungen eine Unverschämtheit. Und zwar eine. Die schon wie eine Vorstufe der umfassenden „Verwanzung“ der Menschen in Deutschland wirkt.