Ich habe ja durchaus Verständnis dafür, wenn an allen möglichen und unmöglichen Plätzen Digitaltechnik eingesetzt wird. Die Technik ist nun einmal vorhanden, und es wäre dumm, wenn man auf technische Möglichkeiten verzichtete.

Aber was ich heute erlebt habe, das hat mir doch ein bisschen die Sprache verschlagen. Bei einem Freund, den ich gerade besuche, klingelte es nachmittags an der Tür. Obwohl dieser Besuch angekündigt war, hatten wir es ganz vergessen; es war der Mensch, der kam, die Wasseruhren und die Kostenverteiler an den Heizkörpern abzulesen und auszutauschen. Die alten Geräte waren von vertrauter Bauart: Das Ausmaß der Heizungsnutzung wird durch eine verdunstende Flüssigkeit und der Wasserverbrauch durch die Messung des Durchlaufes ermittelt. Das sind einfache Messverfahren, die nachvollziehbar, ja geradezu anschaulich sind.

Nicht so die neuen Geräte. Was da im Badezimmer neu angebracht wurde, löste schon durch seine blinkenden LEDs Verwunderung aus, und der Kostenverteiler für die Heizung hat eine LC-Anzeige. Der Mensch, der diese Dinger im Auftrag der Firma Michael Bohn Wärmemessung GmbH (Marke: Kalorimeta) anbrachte, konnte auch gut erklären, was es damit auf sich hat. Er sagte mit großer Routine und Selbstverständlichkeit so etwas wie: „Das sind digitale Messgeräte, die ihre Informationen mit Funk übertragen. Die werden einmal am Tag aktiv und senden ihre Daten zur Zentralstation.“

Das war der Moment, in dem mir die Worte fehlten.

Denn. Da war erstmal so ein Kloß im Hals, den ich irgendwie herunterkriegen musste.

Es ist völlig unklar, wozu eine solche tägliche Erfassung des Wasserverbrauchs und der Heiznutzung erforderlich sein sollte. Es ist bei diesen Geräten wegen ihrer Konstruktion ebenfalls völlig unklar, welche Daten da übertragen werden (es könnten einfache Tagesdaten, aber auch detaillierte Profile über die Nutzung im Tagesverlauf sein) und in welcher Weise die Übertragung (im UHF-Bereich) geschützt wird. Auch die Mieterinformationen auf der Homepage der Michael Bohn Wärmemessung GmbH geben zwar unnötig ausführliche Hinweise darüber, in welcher Weise eine Ablesung angekündigt und durchgeführt wird, sie schweigen allerdings völlig zum Themenkreis der Datenübertragung oder gar der Datenhaltung bei diesen Geräten, als sei dies ein unwichtiges Detail, das sowieso niemanden zu interessieren habe. Immerhin, dafür erfährt man, auf welcher Frequenz diese Dinger funken.

Es erscheint zumindest mir kaum vorstellbar, dass diese ganzen Daten jeden Tag mit hohem technischen Aufwand ermittelt und übertragen werden, um nicht gespeichert, sondern einfach wieder „weggeworfen“ zu werden — und eine solche Speicherung würde erfolgen, obwohl diese Daten für das Abrechnungsverfahren keine besondere Rolle spielen. Der interessierte Leser der wenig informativen Informationen erfährt natürlich auch nichts darüber, ob diese Daten mit einer wirksamen Verschlüsselung übertragen werden, auch wird dazu geschwiegen, wie man von Seiten der Michael Bohn Wärmemessung GmbH vorzugehen gedenkt, falls jemand auf die angesichts solchen Verschweigens sehr nahe liegende Idee kommt, den Funkkontakt zur „Zentralstation“ (übrigens ein „hübsches“ Wort aus dem Sprachgebrauch technokratisch denkender Unmenschen) mit Hilfe eines Faradayschen Käfigs zu unterbinden.

Man mag sich angesichts dieser Vorgehensweise auf den Standpunkt stellen, dass solche Erwägungen unangemessen sind. Dass. Es sich hier um Daten handelt, die keine besondere Empfindlichkeit haben, die nicht zur unantastbaren Privatheit eines Menschen gehören. Das ist ein möglicher Standpunkt.

Aber es ist — unabhängig von irgendeiner Gefahr für die Privatheit — in meinen Augen zunächst einmal eine Unverschämtheit, mit welcher Selbstverständlichkeit und Dreistheit hier Daten aus einem intimen Lebensbereich, nämlich aus der eigenen Wohnung, in nicht nachvollziehbarer Weise und ohne erkennbaren sachlichen Grund ermittelt und übertragen werden, um möglicherweise langfristig gespeichert zu werden. Auch wenn es sich hier nicht um eine richtige „Wanze“ handelt, die das im privaten Raum gesprochene Wort übermittelt, sondern nur um eine Vorrichtung, die vor allem die Benutzung der Heizung und der Klospülung „belauscht“, bleibt es eine Form des Lauschens in der Wohnung, das in dieser Darreichungsform dreist und frech ist.

Darüber hinaus entsteht sehr wohl eine Gefährdung der Privatheit.

Zunächst einmal könnte an Hand der Profile des Wasserverbrauches ermittelt werden, ob und wann jemand in seiner Wohnung Besuch hat — und allein das ist eine Sache, die niemandem etwas angeht. Die Verwendung der sanitären Anlagen durch einen weiteren Menschen führt nämlich immer dann zu einem Anstieg des Wasserverbrauches, wenn dieser sich regelmäßig wäscht und duscht und nicht zum Pinkeln nach draußen an den nächsten Baum geht.

Wer in solchen Gedanken etwas „paranoides“ sieht, mag das sehen. Es gibt noch eine weitere, weniger paranoide Erwägung, die für viele Menschen sogar zur handfesten Gefahr werden könnte.

Die meisten Menschen stellen ihre Heizung so weit wie möglich herunter, wenn sie in Urlaub fahren und sie verbrauchen während ihres Urlaubes praktisch kein Wasser (bis auf den Nachbarn, der die Blumen gießt). Wenn die Verschlüsselung der Datenübertragung schwach ist, könnten technisch versierte Banden von Einbrechern viel Interesse an solchen Informationen haben, ist doch eine Wohnung ohne ihren Bewohner ein müheloses Objekt, in dem man viel Zeit für die Ausräumung aufwänden kann. Und das ist kein „paranoider“ Gedanke, sondern könnte zur sehr realen Gefahr werden — genügend Interessierte gibt es gewiss.

Kurzum: Ich weiß nicht, ob solche Gefahren bestehen. Und. Ich kann es auch auf der Homepage der Michael Bohn Wärmemessung GmbH nicht herausbekommen. Auch über die Speicherung der Daten schweigen diese Seiten. Und. Genau dieses Verschweigen. Ist das Problem dabei. Eine offene Darlegung der verwendeten Technik zur Verschlüsselung, des Umfangs der Datenübertragung und verbindliche Angaben zur Speicherung wären hier etwas beruhigend, wenn sie jedem Interessierten ohne besondere Hürden gegeben würden. Dass man unter jedem Produkt dieser Firma einen Link hat, den man klicken soll, falls man mehr darüber erfahren möchte, ist ja an sich eine gute Idee — wenn dieser Link nicht einfach nur auf ein Kontaktformular führen würde, das überdem nicht gerade den Eindruck vermittelt, sich an interessierte Mieter zu richten.

Doch selbst mit vollständigen Informationen zu empfindlichen Bereichen bleibt dieser Einbau eines täglich funkenden Senders in viele Wohnungen eine Unverschämtheit. Und zwar eine. Die schon wie eine Vorstufe der umfassenden „Verwanzung“ der Menschen in Deutschland wirkt.

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