Archive for Juli, 2006


Wirtschaft

Als die ersten Formen des menschlichen Miteinanders begannen, da wurde das Wirtschaften des Menschen von der Lebensnot des Mangels diktiert. Die Menschen hatten sich die nur begrenzt verfügbaren Güter einzuteilen, um sich ein angstfreies Leben zu sichern. Dieser Ursprung im Mangel haftet dem Wirtschaften der Menschen bis in die heutige Zeit an, allerdings haben sich die Vorzeichen umgekehrt. Mit der Einführung der Geld- und Zinswirtschaft diktiert die so verselbstständigte Wirtschaft allen Menschen den allgemeinen Mangel.

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Upgrade

Der Nachtwächter läuft jetzt unter WordPress 2.0.4. Das teilweise Überschreiben der bestehenden Installation der deutschen Version 2.0.3 mit der offiziellen englischen Version hat zumindest hier nicht zu Problemen geführt. Das ist aber — je nach individuell verwendeter Konfiguration — nicht sicher auf jede andere Installation übertragbar. Insbesondere verwende ich hier nur sehr wenige Plugins.

Da es sich um ein Sicherheits-Upgrade handelt, sollte es so schnell wie möglich durchgeführt werden. Nur aus diesem Grund habe ich mir den kleinen Kitzel einer solchen Mischinstallation gegeben und nicht auf die fertige deutsche Version gewartet. Leider kann man im Moment noch nicht ganz genau erfahren, welche Sicherheitsprobleme einer so dringenden Abhilfe benötigen. Wenn ich an die kriminelle Energie der Spammer denke, ist das vielleicht auch vorerst besser so. Die Sicherheitslücke scheint aber in erster Linie Blogs zu betreffen, die eine offene Registrierung zulassen.

Vielleicht fühlt sich ja der eine oder andere durch die hier berichtete Problemlosigkeit des Upgrades angestachelt, seinen Blog ebenfalls auf die neueste Version zu bringen. Wenn die Möglichkeit zur offenen Anmeldung besteht, ist dieser Upgrade ein Muss.

Bezahlter Voyeurismus

Der Nachrichtensender CNN ist bekannt für seine regierungstreue Kriegsberichterstattung. Offenbar sind viele Zuschauer von diesen Bildern inzwischen abgestumpft. Das ist verständlich, der embedded journalism tendiert zu relativ sauberen Bildern aus dem blutigen Geschehen. Das reißt nach kurzer Gewöhnung an den einstigen Tabubruch niemanden mehr vom Hocker. Der Krieg (genauer: seine mediengerechte Darstellung) ist kommensurabel und konsumierbar geworden.

Deshalb können Voyeure und Gaffer mit Videokamera (oder Video-Handy) jetzt ihre aufwühlendsten Machwerke über CNN ins Fernsehen bringen. Und das Schlimmste daran: Dieses Beispiel wird gewiss Schule machen, auch in Deutschland. Die abgestumpften und vollgestopften Sinne müssen mit immer stärkeren Reizen angesprochen werden, um die Menschen zu fesseln. Um sie so zu fesseln, dass sie auch bei der Werbung, dem eigentlichen Geschäft, nicht wegschalten. Die nächste Runde der Contentindustrie ist eröffnet, und ihr Thema ist ein modernes Wort: user generated content.

Blutsauger

Man kann sich auf den Standpunkt stellen, dass eine Stechmücke ein ganz normaler Teil eines Ökosystemes ist und darin dem Menschen gleicht. Und man kann aus diesem Standpunkt den Schluss ziehen, dass so eine Mücke auch ein gewisses Recht an ihrem kleinen Vergnügen hat, mir das Blut herauszusaugen.

Beim Anblick und Fühlen meiner juckenden Schwellungen nehme ich aber einen ganz anderen Standpunkt ein. Und der fordert Rache.

Allerdings finde ich das bloße Totklatschen der lästigen Insekten nicht so ganz angemessen. Und deshalb wünsche ich mir ein Verfahren, den Mücken ihren Saugrüssel amputieren zu können, ohne dass die Mücken davon sterben. Es wäre mir ein besonderer Genuss, diesen Viechern dabei zuschauen zu können, wie sie sehnsüchtig über meine pulsierenden Gefäße krabbeln, ohne dass sie einen Trunk warmen Blutes in sich aufnehmen können. Langsam sollen sie verhungern, diese Mistviecher.

Und für andere, ernsthaftere, menschliche Blutsauger und Schmarotzer strebe ich ein ähnlich qualvolles Ende an.

Im modernen Ikonenzeitalter

ICQ ist das Blümchen.
MSN ist der Schmetterling.
Und AOL ist das weglaufende Männchen.

Das kann sich doch alles ganz gut merken…

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Was man für wahr nimmt

Wenn ich tagsüber unterwegs bin und meinen Begleiter auf das Geräusch einer Grille oder eines Vogels aufmerksam mache, werde ich oft verständnislos angeschaut. Dieses Geräusch wird wirklich nicht gehört, obwohl es laut und sehr gegenwärtig ist. Mein Begleiter sagt, dass er es nicht hören kann, weil es in der Stadt so laut ist.

Ich kann das Gehör meines Begleiters leicht testen, indem ich eine Münze herunterfallen lasse. Dieses Geräusch wird auch im größten Lärm noch vernommen. Es zieht auch sofort die Aufmerksamkeit auf sich, ohne dass es eines Hinweises bedürfe. Dabei ist es leiser als die meisten Vögel und geht ebenfalls im motorischen Lärm der Modernität unter.

Es kommt zu diesem bemerkenswerten Unterschied, weil Menschen sich in der ständigen Überflutung ihrer Sinne behelfen müssen, um nicht wahnsinnig zu werden. Schon vor dem Bewusstsein wird aus der rezeptierten Welt alles ausgefiltert, was als unwichtig erlernt wurde. Dieser Vorgang führt zur so genannten „Wahrnehmung“. Es wird ein Ausschnitt der rezipierten Welt für „wahr“ genommen, der Rest der rezipierten Wirklichkeit dringt nicht zum Bewusstsein. Dass diese Wahrnehmung eine „Falschnehmung“ sein könnte, ist für viele Menschen ein undenkbarer Gedanke. Diese würden auch sagen, dass sie nur das glauben, was sie sehen können.

Viele entgegnen mir, dass sie nicht wahrnehmen können, wovon ich spreche, gar nicht wenige Zeitgenossen halten mich sogar für geisteskrank. Diese sollten einmal ruhig und gewissenhaft ihre Filterung vor der Wahrnehmung untersuchen, bevor sie das vorschnelle Urteil „pathologisch“ fällen.

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Das schnelle Aufblinken

Es gibt in Hannover (und sicherlich auch andernorts) ganz viele so genannte „Feste“. Die meisten dieser „Feste“ beinhalten mindestens ein Feuerwerk, das zu diesem Zweck gar nicht groß genug sein kann. Es ist geradezu zu einer Inflation der Feuerwerke gekommen; fast nervt das abendliche Gekrache schon. Die Faszination, die damit erzielt werden soll, wird schon lange nicht mehr erweckt.

Eine sonderbare Entwicklung: Je weniger die Menschen zu feiern haben, desto großartiger werden die Inszenierungen der „Feste“, auf denen sie ihr unfeierliches Leben vergessen sollen.

Déjà vu

Immer wieder kann man Jugendliche hören, die durch die Straßen ziehen, sogar in der Nacht. Genauer gesagt, man hört nicht die Jugendlichen, sondern man hört ihre Telefone. Und dies nicht etwa, weil die Jugendlichen damit telefonierten, sondern weil sie damit „Musik“ hören. Es ist ein scheppernder, blechiger Klang, der da durch die Straßen wandelt. Spätabends und Nachts ist die blecherne Musik aus den Handys besonders gut hörbar, weil sie nicht von den sonstigen Geräuschen übertönt wird.

Als ein Mensch, der miterleben durfte, wie sich die Qualität der Klangwiedergabe so sehr verbessert hat, dass die Werbung schon von HiFi sprach, und der anschließend miterleben durfte, wie diese brauchbare Klangqualtät bezahlbar wurde und so nach und nach jeden Haushalt eroberte, hätte ich das nicht für möglich gehalten. Es gibt offenbar unter den jungen Musikhörern einen Markt für LoFi-Wiedergabe. Und die geringe Qualität des dabei erzeugten Klanges, die bei längerem Hören Kopfschmerzen verursachen kann, steht in passendem Verhältnis zur geringen Qualität der gegenwärtigen Popmusik, die ebenfalls Kopfschmerzen verursachen kann. Tröstlich, dass die moderne Welt auch Kopfschmerztabletten kennt. 😉

Aber es hat auch etwas von einem déjà vu. Als ich noch Kind war, durfte ich einen anderen technischen „Fortschritt“ erleben, das Transistorradio. Diese kleinen Geräte galten damals als „modern“, und sie sahen auch so aus. Ihre Gehäuse waren im Stile der Zeit gehalten, häufig silbrig und schwarz, aber auch oft weinrot. Als Ikone ihrer Modernität druckte man diesen Geräten gern einen stilisierten Atomkern auf, der von Elektronen umkreist wurde. Das war damals noch das Symbol der modernen Zeit, der Zukunft, des Bruchs mit antiken Beschränkungen. Sie verfügten über zwei Drehregler. Einer diente zur Einstellung des Senders. Der andere diente zum Einschalten (mit deutlichem Klick aus der Nullposition heraus) und zur Regulierung der Lautstärke. Den Lautstärkeregler konnte man ungefähr bis zur Hälfte des Regelbereiches drehen, darüber hinaus begann der Verstärker zu verzerren und das billige Plastikgehäuse zu vibrieren. Die meisten Menschen drehten die Regler damals deutlich über diese Grenze hinaus. Scheinbar, ohne es zu merken.

Und auch damals hatten viele jüngere Menschen ihr Radio dabei. Überall, wo sie hingingen. Ob es passte oder nicht. Und es hat gescheppert und gescheppert. Wahrscheinlich hielten sie das für persönliche Unabhängigkeit. Für die unfreiwilligen Mithörer war es hingegen einfach nur ein Lärm, der an Stellen, die vorher ruhig waren besonders störte. Es gibt eben nichts neues unter der Sonne. Und es gibt nichts neues unter dem Mond.

Aber doch, eines ist neu: Man verkauft den heutigen Hirnlosen jedes Musikstück einzeln. Auch das wird wohl für Unabhängigkeit gehalten. Aber erstaunlicherweise hören alle das gleiche. In der gleichen, unzumutbaren Qualität.

Verzweiflung

Jede bewegende Musik, ja, jedes bewegende Kunstwerk enthält ein starkes Element der Verzweiflung. Wenn dieses Element fehlt, wird das Werk als langweilig und Nichts sagend empfunden, es taugt bestenfalls noch zum Zweck der Dekoration oder Unterhaltung. Es ist ein Zweckwerk geworden, ein Funktionswerk für pragmatische und damit gefühlsfremde Funktionsmenschen. Gerade die momentan populäre Musik trägt dieses Gepräge sehr deutlich, sie ist reine Funktionsmusik.

Was einen Menschen bewegt, ist nicht das Hoffen auf paradiesische Zustände. Dieses Hoffen hält passiv und wartend. Was einen Menschen bewegt, ist die fühlbar und damit wirklich gemachte Verzweiflung. Diese kann einen Menschen sogar dazu bewegen, die Zustände zu ändern, die Leiden verursachen. So kann die Verzweiflung den Prozess der gesamten Menschheit voran bringen. In der heutigen Zeit endet sie allerdings in vielen Fällen im Selbstmord, wo sie es nicht schafft, Kunst zu schaffen. Das Dasein eines Menschen, der noch fühlt und sich deshalb nicht mit Ersatzstoffen für ein erfülltes Leben zufrieden geben kann, ist völlig aussichtslos.

Blindheit

Der so genannte „Volksmund“ sagt, dass Liebe blind macht. Und der so genannte „Volksmund“ sagt, dass Hass blind macht. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein.

Was wirklich blind macht, dass sind die verbreiteten Haltungen der Gleichgültigkeit, des Pragmatismus und die Reduktion allen Menschlichen auf die Haltung des Konsums. Und es gibt kaum jemanden, der so den Volksmund in seinen Mund nimmt und nicht auch eine dieser Haltungen einnimmt. Das hämische Wort von der Blindheit aller Fühlenden soll die kalte und unmenschliche Haltung in den Rang einer Einsicht erheben.

Das Glas

Das Glas ist weder halb leer noch ist es halb voll. Das Glas existiert nicht. Und auch sein Inhalt nicht. Da wo eines Menschen Selbst, sein Ich sein sollte, da ist ein Nichts. Das ist die wirkliche Finsternis, nicht nur die Abwesenheit des Hellen. Das ist der Zustand der allermeisten Menschen.

Wo Licht ist, versichert der unreflektierte Volksmund der bebeinten Leere, da soll auch Schatten sein. Diese Redensart hat sich als Denkmal einer vergangenen Zeit in das Jetzt erhalten, sie steht unter Denkmalsschutz. Das zeigt sich bereits in der formelhaften Aussprache dieser Worte, die verrät, dass hinter ihr keine Erfahrung steht. Es ist nicht Licht, es ist nicht Schatten, es ist Finsternis und Leere.

Und zwar eine Finsternis und Leere, die sich mit beliebigen Inhalten füllen will. So entsteht aus atemlosen Versuchen, die Leere zu füttern der Prozess, der zurzeit über der Gesellschaft abläuft. Er kann noch die hellste Seele verfinstern, wenn er ernst genommen wird.

Oh Gott, bevor die Armee von Feiglingen den letzten glimmenden Docht erstickt, schenk noch einmal Licht, gleißend helles Licht!

Zusammenfassung

Es war ein beschädigter Tag. Vor dem Beginn der Nacht habe ich deprimiert auf meinem Stuhl gesessen und mehrere Minuten ins Leere geschaut. Im Leeren stand allerdings der Monitor meines Computers.

Dieser Monitor hat vier Knöpfe, mit denen er bedient werden kann. Die beiden inneren Knöpfe sind mit einem Pfeil nach links und einem Pfeil nach rechts gekennzeichnet. Die beiden äußeren Knöpfe sind beschriftet. Über dem einen steht „Enter“, über dem anderen steht „Exit“. Als ich ins Leere schaute, sah ich nur noch die Worte „Enter Exit“ vor meinen Augen.

Ich empfand diese beiden Worte als eine treffende Metapher für das gesamte Leben.