Archive for April, 2009


Erziehung und Schule

Non scholae, sed vitae discimus.

Nachdem die Eltern ihrem Kinde in vielen Jahren und in geduldiger Mühe das Gehen und das Sprechen gelehrt haben, kommt die Schule und bringt dem Kinde in vielen Jahren und stumpfer Frontalunterrichtung das Stillesitzen und das Mundhalten bei.

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Die wirksame Abwrackprämie

Eine Abwrackprämie für die gegenwärtige Regierung der extremen Mitte, ein mindestens vierstelliger Betrag, auszuzahlen an jeden Menschen, der nachweisbar hilft, das von Natur aus verbrauchte Personal dieser Regierung zu beseitigen und durch ein unschädlicheres zu ersetzen; das wäre vielleicht das beste und wirksamste Programm in der gegenwärtigen Krise.

Wenn die Mitglieder der herrschenden politischen Kaste mit dem Mund von „Innovation“ sprechen, aber mit den Händen das Geld der Bürger ausgeben, um einen industriellen Dinosaurier wie die umweltsauhafte Autoindustrie künstlich am Leben zu erhalten, während jede wirklich innovative Unternehmung mit lässigem Achselzucken dem Pleitegeier und dem Ausverkauf des dort arbeitenden qualifizierten Personales ins Ausland überlassen wird, dann wissen wir es alle: Es ist ein Wahljahr.

Aus festem Steim gebaut

„Der Kaiser ist ja nackt…“

Die Herrschenden des alten Ägypten hatten die Mehrzahl der Gebäude mit Lehmziegeln errichten lassen, insbesondere auch alle Verwaltungsbauten des ägyptischen Staates und selbst noch ihre Paläste. Die Gebäude, die in solcher Bauweise entstanden, waren nicht sehr beständig, und sie sollten es wohl auch nicht sein, denn andere Gebäude zeigen bis auf den heutigen Tag, dass man in Ägypten sehr genau wusste, mit welchen Materialien und in welcher Ausführung ein beständiges und die Zeitalter überdauerndes Monument zu bauen ist. Doch diese Bauweise in Stein wurde stets nur für zwei Klassen von Gebäuden angewendet, für Grabstätten und für Tempel. In dieser antiken, kulturellen Sonder- und Gleichbehandlung des Totenkultes und des religiösen Kultes spiegelt sich deutlich der vom Tode geborene Charakter der Religion; ihr Ursprung im Verlangen des Individuums nach einer zwar illusionären, aber doch individuell psychisch wirkmächtigen Aufhebung des Todes. Die einzig zu diesem Zweck verwendeten Steine stellen sich — ebenso wie der Hang zur monumentalen und den Augenschein geradezu erschlagenen Architektur — als eine besondere Maßnahme zum Schutze dieser Vorstellung dar; als jene Form des Schutzes in Wucht, Penetranz und Aufwand, wie ihn nur jede unmittelbar erkennbare Form der Lüge und des Selbstbetruges benötigt.

Die religiöse Abspaltung

Das Leben ist an die Lebenden verschwendet.

Douglas Adams

Die Menschen, die zur heutigen Zeit religiös sind und auf diesem Hintergrund — und auf Grundlage der seltsamen Auffassung, dass sechs Handvoll von mehreren tausend Jahre alten, biblischen Texte ein besseres Bild der Wirklichkeit zeichnen als alle fortgeschrittene und durch die tiefere Kenntnis der Fakten und Zusammenhänge verbesserte Erkenntnisfähigkeit, die der Menschheit heute zur Verfügung steht — die Vorstellung eines „ewigen Lebens“ pflegen; diese Menschen haben dabei eine völlig andere Idee vom „ewigen Leben“ als die Mehrzahl der Autoren der alten Texte. Und. Dieser Unterschied ist durchaus beachtenswert.

Noch im Mythos von Jesu Auferstehung ist die Auffassung einer völligen Kontinuität des einshaften und damit unauftrennbaren körperlichen Seins enthalten. Die österliche Entdeckung war nicht die Begegnung mit einem durch Séancen und nächtens durch verlassene Korridore dünstelnden Geistwesen, sondern die naive Feststellung einer den Tod überschreitenden körperlichen Wiederherstellung, die in starken und psychisch wirkmächtigen Bildern ausgedrückt wurde. „Das Grab ist leer“ wurde zur ersten österlichen Botschaft, bevor das Christentum eine Religion geworden; und in diesem trotzig die gebieterische biologische Tatsache verneinendem Worte schwingt auch überdeutlich mit, dass es in den Seelen jener, die diesen Mythos erblühen ließen, kein entkörpertes Leben gab, weder im Jetztseits noch in einem Jenseits. Damit. War die Idee vom Fortbestand des Seins vielleicht naiv, aber bei weitem nicht so seinsverachtend wie die spätere christliche Idee von einer den Körper überlebenden, unsterblichen Seele, mit der die Sklaven Roms über ihr entgangenes Leben getröstet werden sollten, und mit der sich die gehetzten Lohnsklaven der Jetztzeit über ihr entgangenes Leben hinwegtrösten sollen. Um. Unter den fernen Versprechungen einer staatstragenden Religion, die bislang noch jede Form der Unterdrückung und des Mordes durch die Herrschenden und Besitzenden heilig gesprochen hat, weiter und weiter zu funktionieren. Wer mit zäher Gewalt am christlich-spiritistischen Glauben einer unsterblichen Seele festklammert, erbaut in dieser Haltung nur ein trübes Mahnmal der Tatsache, dass er jedes Versprechen eines Lebens, das in der wunderbaren Möglichkeit des Daseins mitschwingt, längst von seinem eigenen Dasein abgespalten hat. Die als „offenbarte Religion“ verabreichte Betonierung dieser Lebensverneinung offenbart die Religion als kalten Todeskult; das wahre Fundament der bilblizistischen Fundamentalisten ist nicht etwa die Bibel, sondern die Kontinuität der Sklaverei.

Von der hohen „Akzeptanz“

Preise für Bus und Bahn sollen steigen - Politik zögert - Üstra-Chef Neiß siehe hohe Akzeptanz bei Kunden / Beratungen vertagt

[Quelle des Scans: Hannoversche Allgemeine Zeitung vom vergangenen Samstag, den 25. April. Wer wenig Bezug zu Hannover hat, benötigt noch die Erläuterung, dass die „Üstra“ der hannöversche Nahverkehrsbetreiber ist.]

Herr Neiß sieht also eine „hohe Akzeptanz bei Kunden“, wenn diese Kunden mehr bezahlen müssen. Das fällt Herrn Neiß sehr leicht, das so zu sehen — und die „Kunden“ heißen in den Allgemeinen Beförderungebedingungen der Üstra übrigens „Beförderungsfälle“. Weshalb fällt Herrn Neiß seine besondere Sicht auf die Wirklichkei so leicht? Nun, das hat drei Gründe:

  1. Er glaubt wirklich, dass so ein von der lokalen Journaille wiedergegebenes Blendgefasel dazu führen könnte, dass „Kunden“ die höheren Preise besser akzeptieren, obwohl viele seiner „Kunden“ zu den rot-grün gewollten Billiglohnarbeitern gehören und jeden Cent zweimal umdrehen müssen, bevor sie ihn ausgeben. Da kann man doch ruhig mal ein bisschen lügen.
  2. Er selbst ist natürlich niemals darauf zurückgeworfen, die Busse und Bahnen in Hannover zu benutzen, sondern sitzt im bequemen und repräsentativen Dienstwagen.
  3. Er weiß genau, dass der Großteil der „Kunden“ wegen seiner Armut gar keine andere Wahl hat, als „Kunde“ der Üstra zu sein. Deshalb ist es auch nicht weiter schlimm, wenn man diesen Menschen immer wieder mit offener Verachtung entgegentritt.

Dass jemand auf diesem Hintergrund so redet, zeigt, zu welchem lichtscheuen Gesindel der so Redende gehört. Über eine Journaille, die sich allzu gern zum Sprachrohr eines solchen Gesindels macht — die Üstra ist ja auch ein immens großer Werbekunde in Hannover — gar nicht erst zu reden. Alle Ächtung!

Deutschland in Europa

dô wart sîn riuwe alsô grôz
daz im in daz hirne schôz
ein zorn unde ein tobesuht,
er brach sîne site und sîne zuht

Hartmann von Aue, Iwein

Im Vorbeifahren auf einem Wahlplakat der FDP den claim gelesen: „Für ein Deutschland in Europa“. Es ist doch tröstlich, dass diese hemmungslosen, kryptofaschischtischen Volksverkäufer, die am liebsten jedes Lebensrecht eines Menschen unter Erwägungen wirtschaftlicher Ausbeutbarkeit bewerten und entwerten würden; dass dieses Pack wenigstens die Geografie unverändert lassen will. Es handelt sich wohl um das erste Wahlversprechen in diesem Jahr, das ich glauben kann.

Bei so viel Dummheit und Dumpfheit mag sich auch der politische Mitbewerb in Form der CDU nicht zurückhalten. Allerdings ist der claim hier noch ein bisschen kürzer gefasst und fetter gedruckt: „Wir in Europa“. Damit auch letzte verhinderte Volksgenosse diese Nullaussage richtig zu deuten vermag, ist das Wort „Wir“ in den Farben schwarz, rot und gelb hinterlegt. Es erinnert leicht an die zum Glück nicht ganz so langen tausend Jahre, in denen das Deutschland der Reichen und Schwerindustriellen sich mal so richtig in Europa auswüten konnte. Aber aber, wirrer Werber, die passenden Farben für diesen Anklang sind doch etwas andere, nämlich schwarz, weiß und rot.

Die Genossen von der SPD, nachdem sie so lange genossen haben, dass man sie in der verblendeten Wahrnehmung für so etwas wie eine Partei mit einem besonderen sozialen Zug hielt, sie verzichten in ihrem groß gedruckten claim vollständig darauf, so etwas wie einen eigenen Standpunkt zu vermitteln. Statt dessen soll eine Kampagne der reinen Abgrenzung etwas an den miesen Umfragewerten dieser sonst so Sozial-Populistischen Demagogen ändern, und so wird in großen Schreibuchstaben zum kontrastarmen Bild eines Föns getextet: „Heiße Luft würde die Linke wählen“. Etwas kleiner steht darunter „Für ein Europa der Verantwortung“. Es ist allerdings nicht zu befürchten, dass diese Worte voller heißer Luft und kaltblütiger Verlogenheit bedeuten würden, dass Schröder, Müntefering, Hartz, Rürup und der ganze Rest der großtenteils kriminellen Bande, der unter der Schröder-Fischer-Regierung damit begonnen hat, Deutschland im Zustand der politsch gewollten Massenverelendung an den Meistbietenden zu verkaufen, jemals zur Verantwortung gezogen würde.

Wer wissen will, wie man das Wort „Politikverdrossenheit“ wirklich buchstabiert, der muss sich nur anschauen, zu welchen Kürzeln diese unverschämte Leere und Verachtung denkender Menschen auf Plakaten transportiert wird.

On n’excuse pas le mal par le pire.

Nabelschnur — Wie kann ein denkender Mensch nur auf die absurde Idee kommen, dass wirtschaftlich von ihren Werbekunden abhängige Medien eine unabhängige Berichterstattung leisten könnten? Oder gar, dass die im politischen und wirtschaftlichen Filz hängenden halbstaatlichen Rundfunkanstalten in der BR Deutschland über die Verflechtungen von Wirtschaft und Politik aufklären könnten? Ein riesiger Säugling, der die Nabelschnur durchbeißt, die ihn versorgt, müsste sich ja gebären lassen, um auf eigenen Beinen zu stehen.

Soziale Unruhen — Es ist doch bemerkenswert, wie im Blahsprech der öffentlichen labernden Privilegierten und in ihrer Journaille, die diesen Blahsprech in Druckwort wandelt, jegliche Klarheit der Sprache vermieden wird. Es wird vor „sozialen Unruhen“ gewarnt, nicht etwa vor einem „Aufstand“. Denn. Allein in den Anklängen des Wortes Aufstand steckt schon eine ganze Anleitung, die ja von niemandem in der BR Deutschland gefühlt werden soll. Um ein Aufständischer zu werden, muss man aufstehen, um für sein immer weiter beschnittenes Lebensrecht einzustehen. Erst, wenn man aufgestanden ist, kann man sich des lähmenden Zustandes widersetzen, der Verachtung des eigenen Lebens widerstehen und für sein eigenes, einmaliges und einziges Dasein. Einstehen. Sicher, es kann beim Scheitern geschehen, dass man einsitzen muss, oder auch, dass einem die zuständigen Behörden übel mitspielen. Aber das ist die Richtung, in der sich eine solche Bewegung bewegt, allen bewegten, aufständischen Menschen wert. Wie anders klingt da doch das Blahwort von den „sozialen Unruhen„, dass zurzeit durch die Journaille geistern gemacht wird. Es richtet jeden Aufstand noch vor seiner Entstehung als ungerichtete Bewegung ab, vielleicht noch vergleichbar einer nervösen Zuckung. Die so Sprechenden. Entlarven sich in ihrer Sprache selbst.

Vom Hören — Wer wissen will, wo es in Deutschland brennt, der sollte darauf hören, was in den zentral organisierten Massenmedien verschwiegen wird. Und darauf hören, wie der Rest gesagt wird. Auf das Schweigen der Medien zu lauschen ist anstrengender als der Konsum ihrer unentwegten Darbietung, denn es erfordert Gespräche mit Menschen. Deshalb. Wird es so wenig praktiziert.

Echo der Frau — Nichts könnte der feministischen Ideologie, dass es sich bei Frauen um die besseren Menschen handele, deutlicher und grotesker widersprechen als die so genannten „Frauenzeitschriften“, die jedes menschliche Elend so genannter „Prominenter“ kommerziell ausweiden und auch gern einmal ein bisschen geiles Elend erfinden, wenn das Leben dieser Menschen nicht genug davon produziert. Jedes Mal, wenn ich einen solchen Auswurf der Contentindustrie sehe, meist mit einem gierig daranhängenden, sich allzu gern barbarisieren lassenden Stück Frau, wünsche ich mir sehnlich, schwul zu sein.

Nein — Er fragte mich, ob ich in meinem selbst erkorenen verarmten Leben, das so viele Verzichte kenne, nicht unglücklich wäre. Und ich fragte ihn, ob er in seiner ganzen geraubten Zeit und Aufmerksamkeit nicht wenigstens durch die Möglichkeit zum Konsum glücklicher würde. Wir mussten beide verneinen.

Was die Kirche fürchtet

Es ist gar viel Dummes in den Satzungen der Kirche. Aber sie will herrschen, und da muß sie eine bornierte Masse haben, die sich duckt und die geneigt ist, sich beherrschen zu lassen. Die hohe, reich dotierte Geistlichkeit fürchtet nichts mehr als die Aufklärung der unteren Massen.

Johann Wolfgang von Goethe (zu Eckermann)

Einwegjournalismus

Was das Schießpulver für den Krieg war, ist die Druckerpresse für den Geist.

Wendell Phillips

Aus unerklärlichen Gründen wird die Presse viel zu hoch geschätzt und erhält wegen dieser Wertschätzung sogar wirksamen Wert. Vermutlich ist die Tageszeitung das älteste Einwegprodukt, das vom gegenwärtigen Kulturprozess hervorgebracht wurde. Mit hohem Aufwand werden Neuigkeiten erstellt und in strukturell leicht konsumierbarer Form aufbereitet, aber schon am nächsten Tag sind alle diese Neuigkeiten wertlos geworden ob der neueren Neuigkeiten, die in geifernder und bedeutungsloser Aktualität aus den Schlagzeilen nach Lesern rufen. Nichts, was in einer Zeitung steht, soll in dieser Verwirtschaftung von news bleibenden Wert haben, und bei ehrlicher Betrachtung ist auch schon der selbstzweckhafte Sekundenglanz der Aktualität trügerisch. Die Zeitung von gestern taugt — nachdem es keine Kohleöfen mehr gibt, in denen sie helfen könnte, das Feuer zu  entfachen und nachdem seit der Mitte des 19. Jahrhunderts beinahe immer spezielles Toilettenpapier zur Reinigung der Ausscheidungsorgane nach der Defäkation Verwendung findet — im besten Falle noch dafür, als Unterlage in einem Vogelkäfig benutzt zu werden, um den Kot der darin eingesperrten Vöglein vom Kasten fern zu halten. Im Regelfall wird sie allerdings zu genau dem Altpapier, das sie konzeptionell bereits bei ihrer Herstellung war.

Der kulturgeschichtliche Weg der Zeitung von einem Produkt des bildungsbürgerlichen Lebensstiles hin zu einem Mittel für die Abfütterung bescheidener Geister mit Belanglosem und lebenspraktisch Unwichtigem war immer schon im Einwegcharakter des Konzeptes Zeitung vorgezeichnet. Ein barbarisches, im Appell an alle niederen Instinkte Aufmerksamkeit erzwingendes Machwerk wie die Bildzeitung ist nicht etwa ein Unfall derjenigen Form des Journalismus, die sich im Kontext einer Zeitung entwickeln muss, sondern ihre logische Folge. Was. Der wirtschaftliche und manipulativ wirkmächtige Erfolg dieses Machwerkes ebenso jeden Tag aufs Neue belegt, wie das atemlose Nachmachen der folgerichtigen Methoden und Inhalte der Bildzeitung durch eine seriös verkleidete Journaille, deren Seriosität längst zum reinen image verkommen ist.

Es bleibt zu befürchten, dass die Arbeit einiger staatlicher Behörden in einem derartig hohem Maße geheim ist, dass die Schreibtischtäter Mitarbeiter dort selbst nicht mehr wissen, was sie tun.

Die alfabetische Sortierung

Wir müssen den alten Römern ja wirklich dankbar für ihr Alfabet sein. Diese zweihalb Handvoll Symbole, die einfach in eine bestimmte, recht willkürliche Reihenfolge gebracht wurden, ermöglichen uns heute eine einfache Anordnung des gesamten Vokabulares in einer eindeutigen Reihenfolge. Man möchte gar nicht darüber nachdenken, wie umständlich die Benutzung eines Telefonbuches oder eines anderen Nachschlagewerkes in China sein wird und wieviel Übung und Mühe das Nachschlagen wohl dort erfordert, wo das logographische Schriftsystem nicht mit diesem kleinen, uns im Alltag wohlvertrauten Vorzug ausgestattet ist.

Aber die alten Römer sprachen leider eine Sprache, die nur wenig verschiedene vokalische Phoneme kannte, und deshalb genügten ihnen beim Schreiben fünf Vokalzeichen: „A“, „E“, „I“, „O“ und „U“. Dort, wo man als späte Nachwirkung der militärischen, wirtschaftlichen und kulturellen Vorherrschaft des imperium romanum das lateinische Alfabet auch für die lokalen Sprachen übernahm, reichte dieser Zeichenvorrat für Vokale oft nicht hin. Die Engländer haben sich beholfen, indem sie unter ausschließlicher Benutzung dieser fünf Zeichen eine irreguläre Orthografie entwickelten, die für jeden Lernenden eine Qual ist (an der niederländischen Sprache kann man übrigens ein Beispiel dafür sehen, dass sich dieses Problem in besserer Weise lösen lässt), die meisten anderen Sprachräume in Europa haben einen Wust von Sonderzeichen entwickelt, um den lokalen Vokalreichtum auf die lateinische Schrift abzubilden.

So auch die Schreiber des Deutschen mit ihren fröhlichen Pünktchen über den Vokalen, den Umlauten.

Für die Verarbeitung textueller Information mit Computern waren diese Sonderzeichen schon immer ein Albtraum. In der Anfangszeit waren solche Zeichen gar nicht im ASCII-Zeichensatz vorgesehen, und beim Schreiben loeste man dieses Problem durch Aufloesung der spezifisch deutschen Zeichen in jene Diphthonge, die urspruenglich einmal zu den heutigen Zeichen gefuehrt haben — ja, das ist lange her. Später wurde zum Glück alles besser, zwar nicht in der deutschen Rechtschreibung, wohl aber in der Verarbeitung deutschen Textes mit einem Computer.

Inzwischen ist beinahe jedes Rechnersystem Unicode-fähig, so dass sich der Zeichenvorrat beinahe sämtlicher Sprachen dieser Welt damit erfassen lässt. Aber etwas vom alten Chaos schimmert immer wieder durch, zum Beispiel auch, wenn WordPress die Links in der Blogroll alfabetisch sortiert und dabei auf die nicht recht nachvollziehbare Idee kommt…

Ein Ü liegt also alphabetisch zwischen A und B...

…dass der deutsche Umlaut „Ü“ weder einem „U“ noch der Entsprechung „UE“ gleichzusetzen ist, sondern in der Reihenfolge zwischen dem „A“ und dem „B“ erscheint.

Ach ja, willkommen in der Blogroll, überlebt! 😉

Was man selbst geschrieben hat, kann schon nach ein paar Monaten fremd und überraschend erscheinen. Ich habe eben meinen eigenen Lizenztext für die Veröffentlichung meiner Musik überflogen, und war dabei sehr erstaunt, dass ich damals unter anderem die folgende Passage geschrieben habe:

Der gesellschaftliche Kampf um die Freiheit kultureller Güter ist längst noch nicht mit allen Mitteln ausgefochten, und von Seiten der bestehenden Inhalte-Industrie ist in den nächsten Jahren ein besser koordiniertes und wirksameres Vorgehen zu erwarten als die pauschale Verunglimpfung und Kriminalisierung der natürlichen Nutzung technischer Möglichkeiten. Diese Kämpfe werden alle Bereiche freier kultureller Güter erfassen, von der persönlichen Website über die für jeden Menschen unendlich nützliche, freie Software bis hin zu nicht-kommerziellen, exquisit künstlerischen Projekten. Dieser Angriff gegen die Freiheit der Kultur wird begleitet werden von einer koordinierten, medialen Desinformation, die sich vor allem an den wenig feinsinnigen Anteil der Bevölkerung richtet, da von dieser Seite das geringste Streben nach unabhängiger Information über den Sachverhalt zu erwarten ist; er wird seine Ergänzung finden in politisch durchgesetzten, gesetzlichen Restriktionen und einer immer weiter gehenden Kriminalisierung aller Menschen, die freie Kulturgüter als Abrieb ihres Daseins schaffen. Niemand unterschätze die kommende Gewalt derer, die in die Ecke gedrängt um den Fortbestand obsoleter Privilegien kämpfen!

Manchmal kommen mir meine eigenen Worte schon mit wenigen Monaten Abstand geradezu prophetisch vor. Eine Freude ist das jedoch nicht.

Und nein, beim heute beschlossenen Zensurgesetz geht es nicht um Kinder. Und zwar. Überhaupt nicht.