Category: Persönliches


Ausbaufähig

Graffito am Ihmezentrum: Ausbaufähig

Ich wünsche dem Investor, der jetzt am Ihmezentrum zu Hannover-Linden¹ sein Geld zu verbrennen trachtet, in diesem seinen Ansinnen viel Erfolg.

¹Für Nicht-Hannoverbewohner: Es sieht dort inzwischen sehr viel schlimmer aus als auf den meisten Fotos in der verlinkten Fotostrecke.

Killerfahrer

Wenn ich aus der Sicht eines Radfahrers — sorry: Rad Fahrenden — täglich erlebe, wie einige meiner Mitmenschen — oder heißen die jetzt “mit menschende” — Auto fahren, bin ich manchmal ganz froh, dass Schusswaffen hier nicht ganz so einfach zu erwerben sind…

Nachrichten

Als jemand, dem das Konzept der Sendezeiten schlicht zuwider ist — ich lasse mir nicht von den technokratischen Sachzwängen des Rundfunkbetriebs meine Tagesgestaltung ausformen — bin ich ein großer Freund von Podcasts.

Beinahe jeden Tag, wenn ich diese Stunde dafür benötigte Ruhe finde — und diese Zeit nicht lieber im Schatten eines Baumes verbringe — schaue ich mir nacheinander den Podcast der Tagesschau der ARD und den Podcast des 10-vor-10-Magazins des SRF an.

Und jedes Mal erlebe ich in diesem Kontrast den Unterschied zwischen Journalismus und Propaganda; sehe und höre, wie der Journalismus der Sendung aus der Schweiz in erster Linie versucht, die Wirklichkeit sichtbar zu machen (auch, wenn das nicht immer gelingt), während die Propaganda der Sendung aus der BRD in erster Linie versucht, die Wirklichkeit hinter einer vorgegebenen Fassade zu verstecken (auch, wenn das nicht immer gelingt).

An der Wand

Der Vorübergehende sah an einer besonders schmucklosen, kahlen Mauer, die ein kirchliches Gebäude von der Außenwelt abzutrennen hatte, ein aufgespanntes, sonnig buntes Transparent, Aufschrift “Gott glaubt an dich”. Die Glocke schlug zwei Mal, es war halb. Und. Er war beinahe so berührt, als hätte er ein Werbeplakat für Damenbinden gesehen.

Realtwittern

Wie hübsch es doch immer wieder ist, wenn aus der jede Erwartung zum Frieren bringenden Kälte heraus des Morgens um halb sechs unsichtbare Vögel als Herolde eines sinnlosen Tages in das Erwachen trällern. Bald schon kriecht eine kühle Sonne über den Horizont, bald schon erwachen die dröhnenden Verbrennungsmotoren der Ersten, die sich übermüdet in ihren Tag schleppen, aber noch scheint der Tag frisch und schadlos — eine Illusion. Die ich mir gern gefallen lasse.

Wer schaut, ist geisteskrank!

Es ist jetzt schon einige Zeit her, dass ich von den Beamten einer vorbeifahrenden Polizeistreife ausführlich kontrolliert wurde und dabei auch einige Fragen zu hören bekam, deren Zweck einzig darin bestand, meinen Geisteszustand zu untersuchen: Fragen nach meinem Namen (bei anschließendem Vergleich des mitgeteilten Namens mit dem Personalienausweis* in der Hand), dem aktuellen Datum, der Tageszeit und auch nach dem Ort, an dem ich mich befand; ganz so, als sei ich nicht mehr bei Sinnen gewesen. Abgeschlossen wurde die spontane Befragung mit der Frage, ob ich gedächte, Selbstmord zu begehen. Der offensichtliche Verdacht der Polizisten, ich hätte ein gestörtes Verhältnis zu grundlegenden Aspekten der Realität, er wurde nicht etwa dadurch erweckt, dass ich wie ein Berserker brüllend durch die Straßen gegangen wäre, denn sonst müssten eine solche plumppsychologische “Untersuchung” bei jedem Volksfest und jedem Fußballspiel zehntausendfach durchgeführt werden. Nein, ich zeigte kein Zeichen von Aggression und war vollkommen ruhig. Meine für das langsam vorbeifahrende Auge so verdächtig aussehende “Tätigkeit” bestand darin, dass ich an einem Fluss stand und mehrere Minuten lang einen Reiher betrachtete, der reglos in die trüben Fluten schaute, so, wie Reiher dies zu tun pflegen. Dass einer herumsteht und abseits der Bedingungen eines gesellschaftlichen Prozesses, der unentwegte Hast und Tätigkeit von allen Menschen fordert, für einen kurzen Moment müßig innehält, um einen erfreulichen Aspekt seiner Welt zu betrachten, das reicht (mindestens) bei diesen beiden Uniformierten hin, um den Verdacht einer Geisteskrankheit zu erwecken, um einen innehaltenden Menschen offen und kalt zu pathologisieren, während man das Hoheitszeichen an Arm und Kopf trägt. Eine routinierte Geste, die ihre schnelle Wirkung nicht verfehlt, die aber erst mit etwas zeitlichem Abstand verstanden wird. Mögen die “Gesunden” noch viel Spaß beim Strampeln im Kühlschrank haben!

*Das in Plastik eingeschweißte Kärtchen weist meine Personalien aus, und nicht etwa mich als Personal.

Das Tagebuch

Wenn man sich am grellen warmen Tag vom Unwillen des Schmerzes zur Müßigkeit treiben lässt; wenn man sichtet, was sich am Lebensabrieb von gut fünfunddreißig Jahren vollgeschriebnen Tagebuch gilb und dümplig in das Jetzt gerettet hat; wenn man lesend wie im Leben eines längst schon Fremden verfolgt, wie jeder einst vorhandne Überschwang zerbrach, ja, zerbrechen musste, weil die Kraft eines Einzelnen eine kleine ist und weil die Bequemlichkeit der meisten anderen Menschen auf dem Trampelpfad des Daseins eher in allerlei Bespaßungen und Ablenkungen getrieben hat und nicht in den entschlossenen Einsatz für ein besseres Leben; wenn man sich blätternd daran erinnern muss, was alles gescheitert ist, wie viel zunächst begeisterte Aufnahme von Seiten ebenfalls bedrückter Mitmenschen sich in weniger als einer Woche in Gleichgültigkeit wandelte, sobald es darum ging, gemeinsam etwas zu tun, damit jeder besser für sich leben kann; wenn man rückschauend sehen muss, wie selbst Gescheiterte und Verachtete noch darum bestrebt waren, einem konformistischen Anspruch zu genügen, dem sie nur auf Kosten ihrer Gesundheit und nur mit allerlei Hilfsmitteln genügen konnten, immer in einer antlitzlosen Angst, jene Zuwendung nicht zu erlangen, die gar nicht mehr erfolgen kann; wenn man im Trübsinn der Tintenpaste vieler Kugelschreiber versinkt und sich daran erinnert, wie viel an sich lichtvolles Leben im direkten Freitod oder im krepligen Selbstmord des damals so leicht verfügbaren Heroins zum Würmerfraß und zum Zement der Zustände geworden ist; wenn man das alles noch einmal vor Augen hat, was durch den schlichten Vorgang des Notierens eine Wirklichkeit und Wirksamkeit über den unmittelbaren Affekt erhalten konnte; denn vergeht einem auch als heiterstes Wesen ein wenig die Lust an einer Fortsetzung dieses stinkenden Daseins neben dem Schindanger der Gesellschaft, das spukhaft wie ein Gespenst in diese Welt hineingeboren wurde. Und…

…so fragt man sich trüben Sinnes, was das alles einen noch zu sagen hat, das alles, wofür man einstmals doch lebte. Mit dem Rückblick auf die vergebliche Mühsal kommt der Blick auf die gegenwärtige Kraftlosigkeit, auf das absehbare völlige Scheitern jeder weiteren Anstrengung und die Ergebung in das Unvermeidliche. Ja, man fühlt sich fast schon wie ein CDU-Wähler im Rentenalter.

Arschloch

Als die fromme fromme Christin (mit recht biblizistischer Glaubensauffassung) mich dafür, dass ich ihr im fröhlichen Bibelroulette (wer kennt die passendesten Sprüchlein, um schnell im Gespräch darauf zu setzen) mindestens ebenbürtig war, schließlich als ein “Arschloch” benannte, empfand ich das als Ehrentitel

Der Zug

Ich träumte, dass ich in der vorgerückten, späten Nacht in einer namenlosen Kleinstadt sei und dort auf den Zug wartend barfuß am Bahnhofe stand, weil ich noch nach Hannover musste. Der Bahnsteig war leer, und alle hilfreichen Informationen wie Schilder, Aushänge und Fahrpläne waren verschwunden. Nur die Uhr. Zeigte die Zeit, und es war halb eins und damit längst schon nach Mitternacht. Völlig unklar, ob hier noch ein Zug kommt. Ich ging auch über die anderen Bahnsteige, aber überall fehlte der Fahrplan, so dass niemand wissen könnte, was da kommen soll. Langsam darauf eingestellt, die Nacht an diesem tristen Bahnhof verbringen zu müssen, verließ ich die Bahnsteige und ging etwas umher. Es war hell beleuchtet dort, und es war trotz der vorgerückten Zeit erstaunlich gut besucht, aber die Menschen schwiegen; sie waren gleich gekleidet, wie gesichtslos und frei von individuellen Merkmalen. Sie hätten auch. Eine bloße Dekoration für das Geschehen sein können, das andere, hier unsichtbare, geschehen lassen.

Mir wurde kalt.

Immerhin waren diese vielen Menschen ein Hinweis darauf, dass da noch ein Zug kommen könnte, und so wartete ich weiter. Und tatsächlich, nach einiger Zeit unter den Schweigenden — ich hatte selbst schon das Sprechen aufgegeben, und seit ich nicht mehr sprach, trug ich Schuhe — kam plötzlich, wie auf ein Kommando, Bewegung in die stumme Masse. Alle gingen zu einem Bahnsteig, ohne dass es eine für mich hörbare Ansage gegeben hätte. In der verzweifelten Hoffnung, es könne ein Zug kommen, der mich wenigstens von diesem gruseligen Bahnhof fortbringt, folgte ich schweigend der schweigenden Masse und wurde so zum Teil dieser Karikatur einer Prozession.

Doch was ich auf dem Bahnsteig sehen sollte, hätte ich niemals erwartet. Selbst der einfahrende Zug schien zum Schweigen entschlossen; er war völlig unhörbar. Die Lokomotive sah nicht nur modern, sie sah futuristisch aus; sauber, glänzend und leuchtend gelb lackiert, wo nicht das kalte Metall seine Reinheit zeigte; ein Anblick, der nicht den Eindruck erweckte, als sei es ein Fahrzeug von dieser Welt. Doch die Wagen, die davon gezogen wurden, waren dreckig und schäbig und sahen aus, als wären sie für den Transport von Gütern oder Vieh bestimmt. Doch die stummen, merkmallosen Menschen. Stiegen langsam ein, als sei dasgerade ihre Bestimmung. Als endlich alle eingestiegen waren, stand der lautlose Zug mit der glänzenden Lok und den heruntergekommenen Wagen für das Menschenmaterial noch lange. “Ganz so, als würde er auf etwas warten”, dachte ich mir dabei, während ich auf dem mittlerweile menschenleeren Bahnsteig stand und diese surreale Szene betrachtete.

Überrascht hörte ich eine Stimme in mir, freundlich wie die Stimme Satans oder eines anderen Werbers. Diese Stimme — wie ungewohnt der Klang von Wörtern doch nach langem Schweigen ist, wie warm da selbst das beflissenste, zweckmäßigste Geschwätz klingen kann — erklärte mir voll wohlgeübter Begeisterung, dass ich die modernste Lokomotive der Welt vor mir sähe, dass ich mich nicht darüber verwundern solle, dass es keine Diesellok wäre und dass sie dennoch keinen Stromabnehmer brauche, denn dies sei der neue, klimaneutrale, effiziente Atomzug, der alle Geschwindigkeitsrekorde halte. Da dachte ich bei mir, dass mir von solchen Stimmen vieles erzählt werden könnte und dass es schlichterdings absurd ist, dass ein solches Wunder der Technik an einem dermaßen unwichtigen Bahnhof Halt macht, doch es schien, als könne die Quelle dieser Stimme die Gedanken der Verstummten kennen, und so wurden diese Einwände beantwortet. Dieser Zug, so erfuhr ich, fahre aus Sicherheitsgründen und wegen des Terrorismus nur die kleinen Bahnhöfe an, und dies auch stets im Geheimen, seine Herkunft und sein Ziel sei Israël, und er komme, um zu sammeln. Und noch, während ich begleitet von trüben Bildern blutgedüngten “heiligen” Landes dachte, dass die Viehwagons und das Streben nach technischer Perfektion und die gut organisierte Massenzuwanderung wie ein Spiegelbild des Holocaust wirken, forderte mich diese Stimme auf, in den Zug einzusteigen, der nur noch auf mich warte — einen anderen Ort hätte ich als geborener Fremder ja nirgends. Als ich meinen Mund auftat, um laut zu widersprechen. War meine Stimme schon ausgewandert, war ich längst schon im faszinierten, schweigenden Betrachten der Szene zum Schweigenden geworden. Und die fremde, freundlichkalte Feindesstimme in mir war lauterschon als jeder Gedanke und jedes Gedenken, fand Tausendgrund für mich, den Weg des Schweigens zu gehen und hunderte der Krankheitsnamen und Kurvorschläge, um damit zu benennen, dass ich ichselbst sein wollte, während der Zug mit der glänzenden Lokomotive und den heruntergekommenen Wagen auf mich wartete und ich langsam, unentschlossen, gar nicht mehr aus eignem Willen Schritt für Schritt auf einen der vorderen, dreckigen Wagen zuging, dessen schweigende Tür noch einen dunklen muffigen Spalt für mich offen stand…

Ich erwachte wringefeucht im Schweiß. Und schreiend.

Todesanzeigen

Zeitgenossin: Du solltest in der Zeitung wenigstens die Todesanzeigen lesen! Deine Mutter könnte gestorben sein, und du wüsstest es gar nicht.

Nachtwächter: Meine Erzeugerin ist schon längst gestorben. Sie starb, als ich unter schwierig abzuschüttelnden Selbstmitleid einsehen musste, dass ich als Gespenst geboren bin, dass mein Leben etwas spukhaftes hat, und auch ebenso unerwünscht wie ein Spuk ist. Sie war schon tot, als sie an mir trug und mich gebar, um mich mit diesem Herzfrost, zu dem nur Weiber die Kälte haben dazu zu benutzen, einen Mann an sich zu binden, mit den Handschellen einer Hochzeit zu binden. Sie dokumentierte ihren Tod vor mir und vor den Augen der Welt, als sie mich wegwarf, nachdem dieser Plan in der Scheidung scheiterte; als sie mich, so gut sie konnte, postnatal abtrieb. Was hätte der biologische Tod dieses gefräßigen Fleisches den Tatsachen hinzuzufügen, was machte es für einen Unterschied, wenn endlich auch ein Leib so kalt und verrottet wäre, wie es die Seele immerschon war? Diese Tränen sind schon geweint. Der Abschied liegt hinter mir. Und. Der Kosmos ist meine Mutter geworden, und jeder, der fühlt und denkt, ist mit mir verwandt. Ich brauche keine Todesanzeigen, ich lasse die Toten ihre Toten begraben.

Zustand nach gut 10 Jahren

Leergeschrieben. Ganz so, wie ein Einwegkugelschreiber im Mülleimer. Und — recht betrachtet — auch genau so weggeworfen.

Wer sich wundert: Die 10 Jahre heißen nicht, dass ich 10 Jahre gebloggt hätte. Aber. Dass ich 10 Jahre geschrieben, ja, beschrieben habe, das heißen sie.

Aprilkitzel

Wenn man die träge Masse seines Körpers auf das Fahrrad schwingt und auf dem Weg in die Stadt nicht mehr friert; wenn auf dem Weg für eine gute halbe Minute eine Frau auf inline skates neben einem fährt, die ihr Händi* am Ohr hat und mit lauter Stimme, beinahe so, als müsse sie mit nur dieser Stimme die Entfernung überbrücken, ihrer Freundin von ihrer aktuellen Illusion in Liebessachen berichtet; wenn man am Fluss langfährt, wo im noch kalten Gras gackernde Backfische mit ihren beneidenswert großen Klapprechnern sitzen und YouTube glotzen; wenn die Vöglein einander ihre Wünsche nach Nachwuchs und Revier kreischend zuzwitschern; ja, wenn sich auch noch beim Grießgrämigsten eine allgemeine Heiterkeit und ein Hang zum Leichtsinn breit machen, ein Leichtsinn, der sich auch darin zeigt, dass die noch schwachen Sonnenstrahlen in einem t-shirt begrüßt werden — dann ist klar, dass der Frühling endlich angekommen ist; der Frühling, der sogar den Lärm und das überwältigende Grau der Stadt erträglicher macht.

Und wenn man in der Stadt das Pech hat, dass einem jemand etwas Gutes tun möchte und einem eine Zeitung zusteckt, und wenn man so blöd ist, diese von jeder Lebenswirklichkeit abgehobene Zeitung auch zu überfliegen, denn gibt es darin zum Frühling nur zwei Meldungen. Nämlich. Dass wir sofort wieder Angst haben sollen vor den ganz besonders vielen Zecken und dass wir uns besser impfen lassen sollten. Und. Dass es schwere Zeiten für Pollenallergiker werden — bezeichnenderweise auf der gleichen Seite wie das Evangelium der Werbung für das Mittelchen dagegen.

*Ich betrachte das recht künstliche Werbewort “handy” als ein deutsches Wort und passe es deshalb ebenso an die deutsche Phonetik an wie dies im Falle von “Büro” (bureau), “Keks” (cakes) oder “Streik” (strike) schon lange üblich ist. Wer sich daran stört, sollte eher froh darüber sein, dass ich nicht “Quasselfunke” schreibe.

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