Category: Dunkle Gedanken


Verrannt

Der Vorübergehende sagte zum Lachenden: „Ich kann verstehen, dass du lachen musst, wenn du jemanden liest oder hörst, der sich so völlig in eine Idee verrannt hat, dass es aussieht, als könne er gar nicht mehr klar denken; ich kann verstehen, dass du es erheiternd findest, wenn sich Scharfsinn und Dummheit auf das Allerköstlichste kombinieren, um die absonderlichsten Bezüge herzustellen und darzulegen — aber übe dich in Demut! Jedesmal, wenn du jemanden des Wahnes bezichtigst, hilft dir das auch dabei, deine eigenen Narzissmus zu füttern und dabei deine eigene Verranntheit zu vergessen, die allen deinen Wahrnehmungen deine verrannten Deutungsmuster auferlegt. Wer weise geworden ist, lacht jedesmal auch über sich selbst im Spiegelbilde, wenn er die offenbare Dummheit anderer auslacht. Die Wirklichkeit. Ist sehr konkret und spottet in ihrem Wirken allen einfachen Mustern“.

Erfahrung

„Wer Erfahrung hat“, sagte der Vorübergehende zur Zeitgenossin, „spricht manchmal aus Erfahrung, aber noch öfter schweigt er aus Erfahrung“.

Abschied

In jedem Abschied von einem Menschen schwingt die verdrängte Einsicht mit, dass man auch ohne diesen Menschen auskommen kann und wird — und dass man selbst genau so entbehrlich ist. Das Miteinander ist eine allzu brüchige Fassade.

Krisensicher

Ob Pandemie und marktkonforme Seuchenbekämpfung, oder ob die gemeinste Normalität der BRD dem Leben der Menschen ihren Stempel aufpresst: Die einzige Berufsgruppe, deren Berufstätige sich niemals Sorgen wegen der laufenden Entwicklung zu machen brauchen, sind die Psychiater.

Blasphemie

Das Dogma der Christen, dass der Mensch von G’tt nach dem Ebenbilde G’ttes gemacht wurde, zieht G’tt bereits in den derbsten Spott und in die unwiderstehlichste Lächerlichkeit, wenn man sich die Menschen so anschaut. Das ist ja auch nicht überraschend, denn in Wirklichkeit haben sie sich ja einen Gott nach ihrem Spiegelbild gemacht.

Wohnungspolitik

Als der Zeitgenosse ihm sagte, dass er den Eindruck habe, die Mieten würden erstmals seit Jahren ein bisschen sinken, sagte der Vorübergehende: „Dann sieht es jetzt also so aus, als würde das Coronavirus durch erhöhte Sterbezahlen in den Städten eine wirksamere Wohnungspolitik betreiben als sämtliche politische Parteien der Bundesrepublik Deutschland in den letzten vierzig Jahren“.

Zustand

Der Zustand der Schulgebäude steht in bemerkenswertem Gegensatz zur gegenwärtigen politischen Idealisierung der Schule und ihrer heilbringenden Bedeutung für die Kinder — und spiegelt gerade darin die Wirklichkeit hinter der politischen Lüge wider.

Keine Lösung

„Gewalt ist doch keine Lösung“, sagte der Gewalttäter mit gut geübtem, beschwichtigendem Sozialarbeitertonfall zu seinem Opfer.

Der Tod der Satire

Es ist für Satiriker sinnlos geworden, von ihrem Stilmittel der bizarren Übertreibung Gebrauch zu machen, weil dieses Stilmittel mit der immer dümmeren, monströseren und kränkeren „Wirklichkeit“ von politischen, journalistischen und wirtschaftlichen Parallelwelten nicht mehr mitkommt.

Schweigen

„Dass man jemanden durch Repression, Zensur und wohlorganiserten Spott zum Schweigen gebracht hat“, sagte der Vorübergehende leicht lächelnd zu seinem Zeitgenossen, „bedeutet noch lange nicht, dass man ihn auch überzeugt hat“.

Fälschung und Fälschung

Wer dem contentindustriellen Journalismus ernsthaft etwas entgegensetzen will, statt ihn einfach ersatzlos absterben und bedeutungslos werden zu lassen, sollte dabei nicht versuchen, Form und Kälte des contentindustriellen Journalismus zu imitieren und um jeden Preis vermeiden, unter Umgehung jeder Analyse und jedes Bewusstseins zum bloßen Spiegelbild des contentindustriellen Journalismus zu werden, sondern etwas spür- und belegbar Besseres produzieren — denn wer würde bei der Wahl zwischen Original und Imitat nicht das Original bevorzugen!

Selbstwissen

„Wer kein gefestigtes Wissen um sich selbst, seine Möglichkeiten und seine Einschränkungen hat und deshalb auf das Surrogat der ständigen Wertzuweisung durch Andere angewiesen ist“, sagte der Vorübergehende zu seinem Zeitgenossen im Schlamm, „tendiert dazu, alles nur zu tun, um dabei gesehen und wertgeschätzt zu werden. Sobald niemand mehr hinschauen kann, wird das gesamte Tun völlig anders, weil es niemals einer eigenen Natur, einem eigenen Plan und einer eigenen Einsicht entsprach. Ganze Gesellschaften bestehen metastabil einzig auf der Grundlage dieses einfachen psychischen Mechanismus, egal, wie schlecht sie für alle Beteiligten sind und wie leicht erkennbar die ganze Gesellschaft gegen die Wand gefahren wird. Sowohl die intellektuelle Schlammgrube von social media, die Übernahme der Reklamelügen und die Selbstaufwertung durch Kauf- und Verbrauchsakte als auch große Teile des unvernünftigen — ja, es gibt tatsächlich auch einen vernünftigen — Unwillens gegen die laufende Corona-Seuchenbekämpfung haben die selbe psychische Wurzel, und dass die Freiheit weggeworfen wird, schmerzt jene am wenigsten, die im Prozess, der über der Gesellschaft abläuft, niemals eine individuelle Freiheit entwickeln konnten“.