Category: Dunkle Gedanken


Feigheit

„Die meisten Menschen hier sind so verängstigt und feige“, sagte der Vorübergehende zu seinem verängstigten Zeitgenossen, „dass sie sich sogar vor ihren eigenen Erinnerungen fürchten“.

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Lebhaftigkeit

Er beklagt sich darüber, dass die Kinder seiner Nachbarn so lebhaft seien, und im Spiegelbild dieses Klagen kann man überdeutlich hören, dass er sich die Kinder lieber tot wünscht.

Betreutes Wohnen

„Die Menschen sind so begeistert von ‚digitalen Assistenten‘, weil sie behindert sind“, sagte der Vorübergehende zum Zeitgenossen, „und statt dass sie ihre Behinderung, die im Wesentlichen aus Dummheit und Nichtwissen besteht, mit etwas geistiger Anstrengung beseitigten, entscheiden sie sich lieber für ein betreutes Wohnen, Denken und Surfen ohne jegliche Spur von Würde und Privatsphäre“.

Geburtslauf

„Ein Mensch kommt ja viel zu früh auf die Welt: dumm, unselbstständig, gar nicht lebensfähig. Sein kommendes Leben entfaltet sich in einer Art langsamer Geburt, in welcher sich aus der Larve des Kleinkindes über Jahre hinweg der Charakter, die Vernunft, die Kraft und manchmal sogar die Weisheit eines Menschen zu pellen lernt, aber einen Rest der kleinkindhaften Larve zieht ein Mensch auch nach Jahrzehnten des Lebens stets hinter sich her, meist mit einer gewissen Scham“, sagte der Vorübergehende zu seinem verzweifelten Mitmenschen. Und er setzte fort: „Auch diese zweite Geburt, die man das Leben nennt, kann eine unerträglich schwere Geburt sein“.

Wissen

„Wir Menschen sind nicht auf der Welt, um so zu sein, wie andere uns haben wollen. Ich nicht, und du auch nicht“, sagte der Vorübergehende etwas traurig zu seiner Zeitgenossin. Und er setzte fort: „Der Unterschied zwischen uns: Ich weiß das“.

Gleichgültigkeit

Es ist allen Erscheinungen im Kosmos — und darin inbegriffen auch allen Erscheinungen auf der Erde — völlig gleichgültig, was wir von ihnen glauben und was wir uns erhoffen. Intelligenz zeigt sich nicht im Glauben, nicht im Hoffen, nicht in der Sucht, nicht in der Gier und nicht im Narzissmus, der überall nur Spiegelbilder seiner selbst sehen kann, Intelligenz zeigt sich darin, die Dinge sein zu lassen, wie sie sind, sie zu betrachten und sie zu verstehen.

An den Selbstdenker

Sei aufmerksam bei dem, was du selbst denkst! Sei gründlich und vorsichtig damit, und entferne jede Dummheit der Psyche daraus! Wir Geschwister im Staub sind in unserer Kleinheit und in der Beschränktheit unserer Zeit und Ressourcen aufeinander angewiesen. Jeder Denkende hat etwas, was er selbst denkt, und so unfassbar viel mehr, wo er vom Gedanken der anderen zehren muss und auf Sorgfalt nur hoffen kann.

Stadtluft macht grün

„Die ‚Grünen‘ sind stark in den größeren Städten“, sagte der Vorübergehende zu seinem Zeitgenossen, „also dort, wo es wenig Natur gibt und wo die fehlende Natur als innerpsychische Projektionsfläche für ein Spiegelbild des gesamten entgangenen Lebens, der geraubten Zukunftsaussichten und der Hässlichkeit der Städte herhalten muss. Je mehr ein Mensch von der Kälte, Dummheit und geistlosen Grimmigkeit der Natur mitbekommt — und das geschieht schon durch geringfügig ländlicheres Leben, es bedarf gar nicht richtiger Zivilisationsferne — desto geringer wird seine Neigung, ‚grün‘ zu wählen. Nur, wer aus erfahrungsfreier Naivität heraus die niedlich-kindische Wahnwelt aus Disneys Bambi-Film mit der Natur verwechselt, kann der Natur etwas abgewinnen“.

Politische Berufsrhetoriker

Politische Berufsrhetoriker schießen mit intellektuellen Platzpatronen, die zwar einen beachtlichen Knall verursachen können, aber niemals ein anderes Ziel als die Psyche der Zuhörer treffen.

Maskulismus

„Ich weiß nicht, was Maskulismus sein soll“, sagte der Vorübergehende zu seiner Zeitgenossin, „ich weiß nur eines: Ich werde von einigen Menschen als ‚Maskulist‘ bezeichnet, weil ich mich nicht wie Dreck und einen Fußabtreter behandeln lassen will. Dabei lege ich nur Wert auf Menschenrechte, nicht auf Menschinnenrechte“.

Im Morgenlicht

„Vergiss es! Du kannst kein neues Leben anfangen“, sagte der Vorübergehende zu seinem Zeitgenossen, „aber du kannst, so lange du noch lebst, jeden Morgen einen neuen Tag anfangen“.

Aberglaube

„Der Aberglaube entsteht schon im leicht neurotischen Menschen wie von allein aus Angst, Schwäche und Dummheit“, sagte der Vorübergehende mit einem leichten Seufzen zu seinem Zeitgenossen, „und der Glaube auch“.