Category: Dunkle Gedanken


Dummheit

Zu seinem Zeitgenossen sagte der Vorübergehende: „Alle Einsichten, die mich schlauer, fähiger und weiser gemacht haben, waren Einsichten in meine vorherige Dummheit, denen ich einfach nur — ohne Rücksichtnahme auf die damit verbundene narzisstische Kränkung — erlaubte, das zu sehen, was da zu sehen war“.

Vollbeschäftigungswahlversprechen

Hauptsache Arbeit“ ist so 1933, und der Leitspruch der Asozialen „Sozial ist, was Arbeit schafft“ ist im gleichen Sinne „sozial“ wie der Nationalsozialismus. Schon im Jahr 2033 werden wohl rund fünfzig Prozent der jetzigen Jobs ersatzlos weggefallen sein, weil der Fortschritt zur Folge hat, dass Maschinen arbeiten und Menschen sich angenehmeren Dingen zuwenden können.

Feigenblatt

Er war einer von jenen Männern, die ihre Blöße mit der Partnerin bedecken wollten, er war also aus Scham in einer festen Beziehung… und er war darin genau so unglücklich, wie es auf dieser Grundlage zu erwarten war, aber er bedeckte dieses Unglück sehr bemüht mit seiner Gefährtin. Ein Vorübergehender. Hat so ein Elend schon häufig bis zur Goldenen Hochzeit halten gesehen.

„Social Media“

Es gibt kein richtiges Internet im falschen.

Farb- und Geschlechterspiegel

Es gerät doch alles zum Spiegelbild dessen, was es nicht sein will! Nirgends scheinen die Geschlechter und Hautfarben der Menschen so wichtig, erwähnens- und vermeldenswert zu sein wie dort, wo man auf keinen Fall rassistisch oder sexistisch sein oder erscheinen möchte. Wohlgemerkt! Zum Spiegelbild. Und damit nicht zu etwas anderem.

Die Erfindung

„Eine Erfindung, eine Innovation“, sagte der Vorübergehende zu seinem Zeitgenossen, „ist so etwas wie der Abschluss eines langen, aufmerksamen und wahrhaft offenen Suchens und Fragens. Dort, wo das Suchen und Fragen keine Kraft mehr hat; dort, wo den Menschen schon im zartesten Alter das Suchen und Fragen abgewöhnt wird; dort, wo allerlei Ablenkungen oder magische Erklärungsmodelle über die Not des eigenen Seins hinwegtäuschen und genau damit die Not des eigenen Seins zum ewigen Sachzwang machen, dort gibt es auch keine Erfindungen mehr, dort gibt es niemals mehr etwas Neues. Der Geist machte sich einst frei und atmete spürbar auf, als er die Religion ablegte, und er beendete seinen kurzen, erfreulichen Tanz der Freiheit wieder, als schließlich und endlich das Fernsehen, das Auto und der Supermarkt erfunden waren. Denn der Mensch. Wird von seiner Psyche beherrscht, nicht von seinem Geiste“.

Unsterblich

Es ist so leicht, eine Wahrheit aus dem Bewusstsein der allermeisten Menschen zu entfernen, wenn diese Wahrheit, sei sie auch noch so befreiend, licht und heiter, der Psyche nicht schmeckt — und die Geschichte ist voller Beispiele dafür. Eine Lüge hingegen, die der Psyche schmeckt, ist scheinbar unsterblich.

Der Schlüssel

Für einige Menschen — viele waren es nicht, aber es waren auch nicht ignorierbar wenige, die man wie geübt und gewohnt dem leicht auszulösenden Spott überantworten konnte — wurde das Internet wie ein Schlüssel, mit dem sie die Türen zu den unsichtbaren Gefängniszellen der ihnen vermittelten Werte- und Überzeugungssysteme aufsperren und einen Blick nach draußen, in das heitere, lebendige Licht, werfen konnten und eine Luft inhalierten, in welcher der Geist wieder aufatmen konnte. Nur die wenigsten von ihnen sind daraufhin in ihren Stall zurückgekehrt, um in zwar öder und miefig riechender, aber doch vertrauter Umgebung auf ihre Verwurstung zu warten; wer einmal nur den Blick nach draußen wagte, war so gut wie weg.

Es ist eine Geschichte im „Es war einmal“.

Den Gefängniswärtern der unsichtbaren Gefängnisse — seien es Staaten, seien es Religionen, seien es Unternehmen in beliebiger Kombination konvergierender Interessen — hat das nicht gefallen, und inzwischen ist dem Internet als Ort freien, ungezwungenen Gedankenaustausches der Vernichtungskrieg erklärt worden, während das Internet als Ort der Indoktrination, der Menschenmanipulation, der Menschenüberwachung, der Lüge und des Krämertums erhalten und ausgebaut bleiben soll.

Selbst denen, die jeden Sonntag und jeden Wahlkampf säuselsirr von der „Freiheit“ sprechen, als wäre das unter den Bedingungen der Freiheit erforderlich, ist kein Mittel grobschlächtig genug, und ihr Erfolg scheint kaum noch aufzuhalten. Aus dem Schlüssel, die Türen unsichtbarer Gefängnisse zu öffnen, wird ein neues unsichtbares Gefängnis geschmiedet, doppelt so schlimm wie das vorherige. Der miefige Geruch ist jetzt schon erstickend geworden.

Wohl denen, die sich im Sekundenglanz dieses Frühlings ein wenig technisches Verständnis erworben haben. Den anderen. Kann man nur noch viel Spaß mit Google, Facebook, Smartphones, Twitter, Online-Werbung, Onlinejournalismus, Amazon und dergleichen Angeboten mehr wünschen. Die Verwurstung wird für jene jetzt digital. Und. Sie wird wieder allgegenwärtig und unentrinnbar, als wäre es niemals anders gewesen.

Ruhm und Ehre

Die berühmt sind — sei es in der Popkultur, sei es in der Politik — sie sind bereits am Ziel des Narzissmus angekommen, sie müssen also nicht mehr mühsam nach Ehre oder Anstand streben, und sie tun es auch meistens nicht mehr.

Ende der Diskriminierung

Zu seinem Zeitgenossen, der begeistert von einem „Ende der Diskriminierung“ sprach, sagte der Vorübergehende: „Gar nicht auszudenken, wenn ein homophober Gesetzgeber sich gesagt hätte, dass endlich auch Schwule und Lesben die Möglichkeit bekommen sollten, jahre- bis jahrzehntelang im sumpfigen Unglück einer gesetzgeketteten Ehe leben zu müssen — und dann unter dem heftig gewunkenen Banner der ‚Freiheit‘ ein Gesetz gemacht hätte“.

Die Krise

Die Angst der Menschen vor der Wahrheit und die mit der kalten, psychischen Wucht dieser Angst angetriebene Zuneigung zur tröstlichen, dummen, einlullenden Lüge in ihren vielen Gewändern — das ist die gesamte Krise menschlicher Gesellschaften, seitdem es Menschen gibt.

Freunde

„Die, die dir auch dann noch bleiben“, sagte der Vorübergehende zu einem, der sich seiner vielen Freunde in social media rühmte, „wenn du in ihrer Gegenwart laut denkst, die sind deine Freunde. Sonst. Niemand. Je weniger einer denkt und seine Gedanken äußert, desto weniger Anstrengungen der Selbstzurückhaltung hat er mit seinem großen Freundeskreis. Beliebtheit ist ein Indikator für Dummheit, und den scharfen Denker mit seiner Lust an der Einsicht betrachten die meisten Menschen lieber aus einem Abstand, der nicht in die eigene Persönlichkeit ragt“.