Archive for April, 2014


Der Köder vom Koma erwacht

In einer Welt, in der sich die Contentindustrie Meldungen über Michael Schumacher ausdenkt, um mit diesem Contentköder die Menschen zum eigentlichen Geschäft, zur Reklame zu locken; in einer Welt, in der dieses gnadenlos zynische und nach allen Seiten menschenverachtende Kalkül gar funktioniert — in einer solchen Welt möchte ich nicht gern leben. Wer schon wie ein Toter nichts mehr fühlt, dem mags gleichgültiger sein…

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Während die einen sich mit einem flugen Klick von der Website irgendwelcher jubelberichtenden Glotz- und Presseprodukte — oder mit der vielfachen Echokammer der Journaille in diesem vorübergehenden Zustand namens social media — zum Wahl-o-maten begeben haben, um dort ihre persönlichen Politikwünsche mit den Programmen der antretenden Parteien zu vergleichen, wissen die anderen schon jetzt genau, dass die Lügen in den Wahlprogrammen der Parteien das Klopapier nicht wert sind, auf dem sie gedruckt wurden — selbst, wenn dieses Klopapier eine benutzerfreundliche informationstechnische Aufbereitung für Leseunwille erfahren hat. Wer klug ist, begnügt sich nicht mit der vom Gefühl der Herdplatte aufgenötigten Einsicht, dass die Herdplatte heiß ist, sondern er lernt nach spätestens der zweiten Erfahrung, dass man seine Händchen lieber für etwas anderes nutzt.

Sichtbarkeit

Nein, Journalist. „Google Glass“ macht nicht Überwachung sichtbar. „Google Glass“ macht Arschlöcher sichtbar, denen alles andere egal ist, wenn sie nur ihr Gadget haben — und in dieser Sichtbarkeit macht es auch den Charakter dieser Arschlöcher sichtbar. „Google Glass“ gibt der kalten, menschenverachtenden Haltung des allgegenwärtig gewordenen Überwachens nur ein zusätzliches, aber dafür immerhin zuweilen nahes und konkretes Gesicht, das allein deshalb mehr zum Zorne reizt, weil es — im Gegensatz zum allsehenden Auge des Großen Bruders in Polizeischutzstaffeluniform — oft weniger als eine Faustlänge entfernt ist.

Rastplätze (6)

Eine an sich idyllische Sitzbank aus Holz, aber das Holz ist völlig verrottet und größtenteils von Flechten bewachsen. Dahinter steht ein metallischer Mülleimer, obszön neu

Denken

Wie gern doch Menschen ihr Gehirn dazu verwenden, zu denken, dass sie denken.

Glimmen

Es ist besser, ein einziges kleines Licht anzuzünden, als die Dunkelheit zu verfluchen

Konfuzius (551-479 v.u.Z.)

Doch noch ärger als die Dunkelheit selbst sind jene Finstergeister, die in die Dunkelheit hineinsprechen und immer wieder dazu auffordern, die Äuglein zu schließen und sich einfach mit der Kraft der kältesten Psyche ein Licht vorzustellen — und die sich in dieser Geste für große Lichtbringer halten.

Weg-Ticker

Continental-Werke (Hannover-Limmer)

Fassade der Continental-Werke zu Hannover-Limmer mit Graffiti und zerstörten Fensterscheiben

Das neue Studio der ARD-Tagesschau

Standbild mit dem neuen Studio der ARD-Tagesschau

Je weiter sich die vom Nachrichtenvorleser vorgelesenen Nachrichten und die niemals offen kommunizierten Relevanzkriterien für diese Auswahl von Nachrichten von der Lebenswirklichkeit der Menschen und vom journalistischen Anspruch der Ausgewogenheit, Faktentreue und Sachlichkeit entfernen, desto mehr gleicht sich das Aussehen der Räume, in denen der Nachrichtenvorleser diese Nachrichten in gut gespielter Objektivität vorliest, an die Gestaltung der Brücke eines Raumschiffes aus schlechter science fiction der Siebziger Jahre an. So wird schon beim Hinschauen klar, dass das, wo nach man sich richten soll, weit abgehoben über der leidigen, zur Bedeutungslosigkeit erklärten Wirklichkeit schwebt.

Diether Dehm!

Als sie in einem kecken Moment sagten, dass US-amerikanische Geheimdienste die Medien in der BRD steuerten und mit diesen Worten dem gut geölten Empörungsapparat der Journaille eine Dreitagesration Treibstoff gaben, da hatten sie gar nicht so unrecht, wie es Mitmensch Journalist mit seiner Mensch­lich­keit wegätzenden Mischung aus Arroganz und hochgehaltenem Ethos gern hätte. Es reicht, wenn sie das Wort „US-amerikanische Geheimdienste“ durch das Wort „eine Handvoll Nach­richten­agen­turen und den Zwang zur Finanzierung durch Werbung“ austauschen; das Faktum der weitgehenden externen Steuerung und Vorgabe von Relevanzkriterien bleibt bestehen. Weder Intelligenz, noch Wissen noch die Fähigkeit, Einsicht in komplexere Sachverhalte nehmen zu können, sind ein gutes Umfeld für die „Kommunikation“ der Werbelügner, für die dieser ganze mediale Betrieb läuft.

Bitte hier entwerten

Man kann jede Forderung und jede Idee der Gestaltung des Miteinanders — und sei sie auch noch so erwägenswert, gut und notwendig — ganz einfach dadurch entwerten, dass man den Namen einer politischen Partei dahinter schreibt.

Schreiverstärker

In den auf Quoten, Leserzahlen und damit letztlich auf Einnahmen durch Reklame ausgerichteten Medien der Contentindustrie findet der Demagoge mit seinem sprachlichen Gepolter und dem gezielten Erwecken leicht erhitzbarer Affekte noch die beste Plattform, denn er ist eingängiger, skandalträchtiger, unterhaltsamer und damit verkaufbarer als das langsame, stille, verantwortungsvolle Denken und Abwägen eines Menschen, der nicht gleich schießen will. Sein Geschrei folgt den leeren Worten der Marktschreier und Quacksalber; seine Phrasen sind auch für tumbere Geister als etwas zu erkennen, was den slogans der Werber ähnlich ist; seine Verachtung der Intelligenz ist direktes Spiegelbild des mechanischen Menschenbildes jener, die mit Tricks, hypnotischen Verfahren und leicht erzeugbaren Affektketten aus einem vernunftfähigen Wesen einen dummen Konsumenten machen wollen, der Bestandteil einer leicht steuerbaren Masse ist. Von der Werbung als „Grund“ für das Verbreiten jeglicher Kommunikation, von dem zur geschäftlichen Routine werdenden Gedanken jedes Medienschaffenden, mit welchen Mitteln, Personen und Themen jene Massen erreicht werden, die gegenüber den professionellen Lügnern der Werbebranche schließlich als Preis abgerechnet werden sollen, hin zum totalitären Staat voll von entpolitisierten und fügsamen Menschen ist es ein gerader und geradezu zwangsläufiger Weg.

Gruß an Mathias Döpfner