Tag Archive: Werbung


Begierde

Kaum jemand würde unbedingt etwas haben wollen, wenn der das Objekt seiner Begierde vorher nur vollständig kennte. Werbung und Verpackung stellen nicht nur einseitig die Vorzüge dar, sondern versuchen ebenso einseitig die weniger wünschenswerten Eigenschaften und langfristigen Folgen eines Erwerbs zu verbergen — egal, ob es sich um ein industrielles Produkt oder einen Lebensgefährten handelt.

Eltern-Schokolade

Wenn im Fernseher mitten in der Nacht auf einem teuer bezahlten Werbeplatz Reklame für Kindersüßigkeiten gezeigt wird, die klar an ein infantiles Bewusstsein gerichtet ist, dann spiegelt sich darin wider, dass ein erheblicher Anteil der Eltern nicht weniger kindisch als ihre Kinder ist; ein so erheblicher Anteil, dass er zur Zielgruppe für die Werbung taugt. Weit ist es nicht mehr zur zweiten Ausgabe des Mittelalters; es fehlt nicht so viel zu einer Gesellschaft, in der zwar jeder altert, aber niemand mehr erwachsen wird. Kein Wunder, dass man jetzt schon den Menschen ein Freiheitsrecht nach dem anderen scheibchenweise mit Abwehrzauber-Begründungen für die dumme Psyche entziehen kann, denn alle diese Rechte waren immer nur für Erwachsene gedacht, die nicht mehr mit der Psyche, sondern mit dem Verstande denken.

Bild

Ein Bild lügt wirksamer und nachhaltiger als tausend Worte.

Edeka

Stark digital bearbeitetes Foto des Einganges eines Edeka-Marktes mit dem Reklamespruch 'Schön, dass sie unsere Liebe teilen' über der Tür. Dazu der Text: Schon lange, bevor es richtig kalt in der Welt wurde, haben die Kaufleute und die Werber damit begonnen, das Wort 'Liebe' inflationär zu missbrauchen und damit in die Scheiße zu ziehen

Schrödingers Psyche

Der Psychologe, der mit seinen Forschungsergebnissen den Werbern, Politikern und Propagandisten die wirksamen Waffen gegen den Verstand und gegen die Vernunft in die Hand drückt, zerstört beim Forschen also ganz genau das, was zu erforschen er vorgibt: Die freie, selbstbestimmte Persönlichkeit.

Wissen und Glauben

Es gibt einen oft übersehenen Grund dafür, warum in den Medien und zunehmend auch im ernstgemeinten Journalismus nicht mehr Tatsachen und Zusammenhänge, sondern nur noch Emotionen übermittelt werden: Wer nicht selbst weiß, hat keine andere Möglichkeit, als anderen zu glauben — und wird damit weitgehend manipulierbar, zum Beispiel auch durch die Reklame, deren Platz im contentindustriellen Geschäft der Medien gewinnbringend verkauft werden soll. Ein erheblicher Anteil der Irrationalität und Dummheit im ausgehenden 20. Jahrhundert und im beginnenden 21. Jahrhundert ist der mittelbaren Verdummung breiter Schichten der Menschheit durch Reklame geschuldet, dem Kerngeschäft der Presse. Von daher wirkt es schon gleichermaßen arrogant, unterkomplex und dämlich, wenn sich Journalisten hochnäsig über jene Dummheit lustig machen, die sie selbst mit ihrer täglichen Arbeit hervorgebracht haben.

Personalisierung

Ob diese ganzen Menschen, die keinerlei Probleme mit ihrer privatwirtschaftlichen Überwachung und großen Datensammlungen für die optimierte Auslieferung personalisierter Reklame zu haben scheinen und die ihre idiotische Gleichgültigkeit in der Burg eines „Ich habe doch nichts zu verbergen“ inappellabel machen, wohl immer noch so gleichgültig sein werden, wenn sie in einer nicht mehr allzufernen Zeit auch personalisierte Preise bezahlen müssen?

Nicht Claas Relotius ist das Problem

Wer als Unternehmen sein gesamtes Geschäftsmodell darauf aufbaut, die professionell erstellte, psychomanipulative Lüge der Reklame zu verbreiten, kann nur bei dummen und leichtgläubigen Menschen in den Verdacht kommen, auch nur leidlich zutreffende Beschreibungen der Wirklichkeit zu verbreiten.

Einer der Gründe, weshalb das Wort von der „Lügenpresse“ unter Journalisten so verhasst ist und mit solcher Heftigkeit zurückgewiesen wird, liegt darin, dass es so unfassbar nahe an der gut verdrängten Wahrheit liegt.

Lässig

Die von Werbern so bildreich und bequem allgegenwärtig propagierte „moderne Lässigkeit“ dient nur der Erziehung der Konsumenten zur Nachlässigkeit.

Plastikbecher im Kopf

Wer sein Gehirn nicht nur als Füllmasse im Kopfe trägt, will überzeugt werden, was keineswegs widerstandslos vonstatten geht, doch wer mit seiner dummen Psyche „denkt“, begnügt sich damit, überredet oder gar überrumpelt zu werden. Er endet schließlich in unreflektiertem Verhalten, das er selbst für intelligent, edel, gut und unbedingt nachahmenswert hält, etwa, wenn sich sein Streben nach sozialer Gerechtigkeit und Umweltschutz darin äußert, dass er außerordentlich teuren Kaffee trinkt, weil er ihm von Kaufleuten als „fair gehandelt“ und „bio“ verkauft wird — aber aus einem „praktischen“ Coffee-to-go-Wegwerfbecher aus Plastik.

Freundlich

Im Vorübergehen an eine große, bunte Werbetafel voller grüner Landschaft und leerer Straße sagte der Vorübergehende zu seinem Zeitgenossen: „Es gibt keine unweltfreundlichen Autos, und es gibt nicht einmal menschenfreundliche Autos; es gibt sie genau so wenig, wie es lebensfreundliches Zyankali gäbe. Umweltfreundlich. Ist ein Wanderschuh. Und menschenfreundlich ist ein Fahrrad“.

Weiße Streifen

Sowohl die Reklame für Konsumprodukte als auch die Reklame für Politikprodukte sind nur noch von den weißen Streifen auf dem Schreibtisch geprägt, welche die Werber in sich hineinschniefen müssen, um ihre menschen- und intelligenzverachtenden Kampagnen für kreativ, intelligent und genial zu halten.