Tag Archive: Religion


Lügenwerk

„Gleich, ob Pfaffen oder Politiker“, sagte der Vorübergehende zum Erzürnten, „wenn sie doch einmal bei ihrer Berufstätigkeit, der Lüge, erwischt werden, tun sie mit großer Übung so, als ob sie sich nur ganz menschlich geirrt hätten, verweisen auf ihr mangelhaftes Gedächtnis, bitten sie ohne große Reue für ihren Irrtum um Entschuldigung und kommen immer und immer und immer wieder damit durch, ohne, dass die Menschen vor ihnen weglaufen. Kaum ist ein halbes Jahr vergangen, schon erinnert sich niemand mehr an die Unverschämtheit; kein Scherge von Journalist bohrt mit bohrenden Fragen oder schaut auch nur vorm Erbringen seiner bezahlten Schreibleistung zur Förderung der Werbeplatzvermarktung in sein Archiv; die Fassade sieht schnell wieder bürgerlich-hübsch aus, als gehöre sie zu einem anständigen Menschen, den man wählen und mit Herrschaft ausstatten kann, damit sich auch einmal etwas ändert. Wer leidet, wird vergessen. So lange Journalismus nur darin besteht, dass Nachrichten von den immer wieder neueren Nachrichten weggespült werden wie die Fäzen in der Toilettenschüssel, so lange ist die gesamte korrupte Parteienpolitik ein Paradies für dumme, verkommene, kriminelle, antisoziale, heuchlerische, intelligenzverachtende Gestalten — und die in Staatskirchen gepflegte Religion ist nichts als Organisierte Kriminalität, die den Zustand stützt und ergänzt. Alles das ist nichts als ein Spiegelbild eines Journalismus, dessen Geschäft es ist, die Lüge der Reklame mit den scheinbaren Wahrheiten des redaktionellen Teiles besser schmecken zu lassen“.

Die Flut

Wenn man sieht, was religiöse Menschen tun und immer schon getan haben, wenn man hört, welche unmenschlichen, lichtlosen, brutalen und mörderischen Standpunkte sie vertreten und immer schon vertreten haben und wenn man von ihrer zum Himmel stinkenden Heuchelei langsam stumpf und kalt wird, versteht man, warum dieser Noah aus der biblischen Erzählung neben seiner unmittelbaren Familie nur Tiere vor der alles ertränkenden Wut seines Mördergottes gerettet hat.

Hoffen und glauben

Glauben bedeutet, dass ein Mensch aus diffuser Angst heraus nicht zu wissen versucht, was wahr ist. Hoffen bedeutet, dass ein Mensch aus diffuser Angst heraus nicht zu tun versucht, was er tun kann.

Erfüllt

„Es ist ja gar nicht so, dass von den Vorhersagen des Jesus aus Nazaret keine eingetroffen wäre“, sagte der Vorübergehende zu seinem religiösen Zeitgenossen, „eine ist geradezu übererfüllt worden, und alle Gotteskinder aus dem Reich des Friedefürsten haben immer eifrig dabei geholfen, das Wort wahr zu machen: Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen sei, Frieden zu senden auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert (Mt.10:34)“.

Gläubig

Im Vorübergehen an ein Kirchengebäude, dessen noch sichtbare frühere Pracht an die obszöne Größe erinnert, die dieses Christentum einst hatte, dachte sich der Vorübergehende, dass der Teufel ganz sicher kein Atheist sein wird.

Religionserhalt

Wer da schreit: ‚Dem Volke muß die Religion erhalten bleiben‘, lügt; gemeint ist: ‚Das Volk muß der Religion erhalten bleiben‘. Das Volk ist ihr in großen Teilen weggelaufen.

Kurt Tucholsky

Das Irrenhaus

Es ist den Kirchenvätern tatsächlich gelungen, die Menschen mit einer solchen Sexualangst zu vergiften, dass sich das mittelalterliche Europa, in perspektivischer Verkürzung gesehen, wie ein einziges, riesengroßes Irrenhaus ausnimmt.

Arnulf Øverland, „Das Christentum, die zehnte Landplage“

Sowohl mit religiös wie auch mit ideologisch verblendeten Menschen ist — übrigens völlig unabhängig von der konkreten Religion oder Ideologie — das Argumentieren sinnlos, kraftraubend und eine Verschwendung beschränkter Lebenszeit, die man, so man sie dafür aufwändet, nicht zurückbekommt. Wer eine Tatsache ablehnen will, wird für seine Ablehnung immer Gründe finden, gute müssen es ja für diesen Zweck nicht sein. Und diese Gründe, die meist in lebenslangen Kaskaden auseinander entstehen, bis endlich wenigstens einer gefunden ist, der als rational unangreifbare Festung erbaut ist, werden immer mindestens so überzeugend sein, dass sie den ablehnenden Menschen selbst überzeugen, so absurd sie auch sein mögen. Fürwahr, da hört jeder Streit auf, wenn man bemerkt, dass man nicht unendlich Kraft und Zeit dafür hat. Aber man ist gegenüber den intellektuell Unbewaffneten nicht vollends wehrlos, wenn sie in der warmen und sämigen Wonne ihrer dummen, lustsuchenden Psyche ein lebenslanges Vollbad nehmen; es bleibt immer noch der ätzende Spott auf die Dummheit und die Selbstverranntheit religiös und ideologisch verblendeter Menschen, und es bleibt immer noch das viel sinnvollere Gespräch mit den vielen Menschen, die Argumenten gegenüber offen sind.

Aber wehe, wehe, wehe den denkenden und fühlenden Menschen, die vor Religion und Ideologie nicht fliehen können und nur ein Leben im tierernst-psychischen Sumpf der Anderen vor sich haben! Möge wenigstens ihre Leiche lächeln!

Texas

Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet in demjenigen Bundesstaat der USA die Abtreibung verboten wurde, in dem die Bewohner ihrem elektrischen Stuhl den verniedlichenden Spitznamen Old Sparky gegeben haben, sondern es ist beides ein Spiegelbild des gleichen alldurchwaltenden christlichen Menschen- und Lebenshasses.

Der letzte Diktator

Hütet euch vorm politischen Katholizismus! Der Vatikanstaat der röm.-kath. Kirche ist die letzte in Westeuropa noch verbliebene Diktatur.

Reben

Als der Zeitgenosse die Bibel zitierte¹ und die Jesus zugesprochenen Worte „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben“ einwarf, antwortete der Vorübergehende lächelnd: „An Jesus hängen sie sich dran, und wenn es nur lange genug gegärt hat, wird man von den Christen besoffen“.

¹Joh 15:5

Grund

Menschen sind religiös, um keine Einsicht in ihre völlige Bedeutungslosigkeit zu erhalten. Religion ist eine Abwehr der Möglichkeit narzisstischer Kränkungen, und die ganze eiskalte Hölle der Psyche bricht sich jedes Mal Bahn, wenn diese Abwehr angegriffen ist und aufrecht erhalten werden soll.

Politische Ideologien sind aus dem gleichen Stoff gewoben.