Tag Archive: Hirnfick


Die Geschichtsbücher

Menschen schreiben Geschichtsbücher, um sich das Vergangene besser durch Verdrängung vom Halse schaffen zu können. Und. Sie geben Geschichtsunterricht an den staatlichen Schulen, damit die erzwungene Beschäftigung mit den immer noch gegenwärtigen Strukturen, die schon einmal das Vergangene mit hervorgebracht haben, als eine rückwärtsgewandte Beschäftigung mit der Vergangenheit erscheint, nicht als eine Beschäftigung mit der Gegenwart. Die „Lehren“, die dabei hochnotfeierlich aus der „Vergangenheit“ gezogen werden, bleiben größtenteils im Symbolischen und Anscheinbaren stecken, im psychischen Sumpf neben dem monumentalen Mahnmal mit seinen gleichermaßen lieblos und hoch ritualisiert im Jahreslauf abgeworfenen Kränzen.

Nichtzustimmung

„Nein“, sagte der Vorübergehende zu seiner Zeitgenossin, „wer schweigt, stimmt damit nicht zu, sondern schweigt einfach. Oft hat ein Mensch einfach nur keine Motivation, seine begrenzte Kraft und Lebenszeit in sinnlosen Diskussionen zu verbrennen. Wer aus dem bloßen Schweigen eines anderen Menschen eine Zustimmung oder gar Mittäterschaft herbeideutelt, macht damit aber immer völlig klar, dass er in seiner Richter- und Henkerhaltung an einem wirklichen Gespräch nicht das geringste Interesse hat, sondern nur an einer Verurteilung. Das gleiche gilt fürs Wählen und für die Verweigerung des Mitwählens“.

In dir

„Die Antwort liegt in dir, tief in dir“, sagt der Vergewaltiger zu seinem Opfer.

Der journalistisch-politische Komplex

Politiker sind die Menschen, denen es egal ist, ob etwas für die beherrschten Menschen richtig oder falsch ist, wenn sie nur Worte finden, mit denen sie es richtig erscheinen lassen können. Und Journalisten sind die Menschen, die ihnen dabei durch schlichtes Weitertragen dieser Sprechakte helfen, statt diese Verblendungsversuche mit der kombinierten Macht der Logik und des Archives zu zerlegen und mit dieser Tun die beherrschten Menschen zum Denken zu ermächtigen, zu Beherrschern ihres Denkens und Wollens zu machen. An den Taten wird Vernunft, Plan und Ziel erkannt, am Getue das Geschmeiß.

„Die internationale Staatengemeinschaft“

Weltkarte, auf der beinahe alle Staaten mit Ausnahme der USA, Australiens, des Kerns der Europäischen Union, der Türkei und Israels entfernt wurden. Darunter der Text: Die internationale Staatengemeinschaft

Das Wort zur Wahl

Postdemokratie: Der Begriff bezeichnet ein Gemeinwesen, in dem zwar nach wie vor Wahlen abgehalten werden, […] in dem allerdings konkurrierende Teams professioneller PR-Experten die öffentliche Debatte während der Wahlkämpfe so stark kontrollieren, dass sie zu einem reinen Spektakel verkommt, bei dem man nur über eine Reihe von Problemen diskutiert, die die Experten zuvor ausgewählt haben. […] Im Schatten dieser politischen Inszenierung wird die reale Politik hinter verschlossenen Türen gemacht: von gewählten Regierungen und Eliten, die vor allem die Interessen der Wirtschaft vertreten.

Colin Crouch, 2004

Grenze

Hinter jedem Schlagbaum neben dem Hoheitszeichen eines Staates versteht man unter dem Begriff „Freiheit“ etwas anderes.

Natürlich und regenerativ

„In der englischsprachigen Welt haben die Werber es schon längst geschafft, das Erdgas heißt dort normalsprachlich natural gas, genau so in der französischsprachigen Welt, wo vom gaz naturel die Rede ist“, sagte der Vorübergehende zu seiner Gefährtin im dunklen kapitalistischen Lügenwald aus Reklame, „aber ich finde, das geht noch nicht weit genug. Wenn man nur ein bisschen Geduld hat, bilden sich doch Erdgas, Erdöl und Kohle wieder von allein und ganz natürlich aus dem atmosphärischem Kohlendioxid. Von daher warte ich noch auf den ersten Werber, der von Erdgas, Erdöl und Kohle als natürlichen regenerativen Energiequellen spricht, begleitet von Bildern des synthetischen Photoshop-Paradieses aus blauem Himmel, grünen Bäumen und süßen Tieren, plakatiert an jeder stinkenden Straße“.

Vor zehn Jahren

Screenshot der Website der Fuldaer Zeitung vom 22. Juli 2011 -- Keine Entwarnung -- DOSSIER: Norwegen -- FULDA -- Kommentar zum Terroranschlag in Oslo und der Schießerei auf der Insel Utøya von Manfred Schermer. -- Der Terror ist zurück in Europa. Auch wenn die Urheber des verheerenden Anschlags von Oslo und der Schießerei auf der Insel Utøya noch nicht feststehen – es deutet vieles auf einen islamistischen Hintergrund hin. Norwegische Medien hatten die dänischen Mohammed-Karikaturen nachgedruckt, vor rund einem Jahr erst war eine islamistische Terrorgruppe aufgeflogen, und Norwegen ist als Nato-Mitglied am Afghanistan-Einsatz beteiligt. Man war also gewarnt, vor allem auch nach den missglückten Anschlägen von Stockholm im Nachbarland Schweden vom Dezember des vergangenen Jahres. -- Bislang waren die Norweger stolz auf ihre offene Gesellschaft. Die Mitte-Links-Regierung mit Regierungschef Jens Stoltenberg an der Spitze hat im Gegensatz zur Regierung im benachbarten Dänemark auf eine liberale Ausländerpolitik und einen Dialog mit muslimischen Zuwanderern gesetzt. Nun muss sie bitter erfahren, wie ihnen ihre Liberalität gedankt wird. So sympathisch eine offene Gesellschaft ist – sie lässt eben nicht nur ihren gesetzestreuen Mitgliedern, sondern auch Kriminellen und Terroristen Freiheiten, die in etlichen anderen Ländern seit den Anschlägen von New York, London und Madrid teils drastisch eingeschränkt worden sind. Offensichtlich nicht ohne Grund. Diesem feigen Terrorpack mit Großzügigkeit zu begegnen, hieße, ein Feuer mit Benzin löschen zu wollen. Wer diesen Fanatikern versöhnlich kommen will, muss damit rechnen, dass ihm dies als Schwäche ausgelegt und skrupellos ausgenutzt wird. -- Der Anschlag auf das Herz des Osloer Regierungsviertels lässt nur einen Schluss zu: Es kann für Europa und auch für Deutschland keine Entwarnung geben. Die Gefahr weiterer Attacken bleibt bestehen – und damit leider auch das Paradoxon, dass wir unsere Freiheit offenbar nur schützen können, indem wir sie beschneiden.

Theorie

„Ich mag ein Verschwörungstheoretiker sein“, sagte der Vorübergehende zu seinem Zeitgenossen, „aber der staatsfromme Journalist, der die Wirklichkeit in hübschen Phrasen einkleidet und der Gerechtigkeit durch Neusprech und bizarre Orthografien herstellen will, der ist ein Beschwörungstheoretiker“.

Krise

„Es handelt sich übrigens nicht um eine Corona-Krise“, sagte der Vorübergehende zu seinem mediengenießenden Zeitgenossen, „sondern um eine Corona-Seuche. Und wenn du die globale Erwärmung ernst nimmst, handelt es sich dabei auch nicht um eine Klima-Krise, sondern um eine Klima-Katastrophe. Jene Politiker und Journalisten, die in ihren Sprechakten fürchterliche Geschehnisse zur ‚Krise‘ erklären, als handele es sich um eine Situation, die durch ein paar politische Gipfel, Gespräche und Gesetze beendet werden könne, spiegeln in diesem Wort, dass sie ihr eigenes Geschwätz nicht einen Moment lang für wahr halten oder nicht einen Moment lang für wahr halten wollen, dass sie also einfach ungestört wie die Träumenden im brennenden Bette weitermachen wollen, und das färbt auf alles Denken ab, das diese Worte vernimmt und ihnen Glauben schenkt“.

Prozess

Der neueste Neusprech geht so: Da, wo Krieg ist, also beispielsweise im Nahen Osten oder in Afghansitan, spricht man in den Nachrichten in Presse und Glotze nicht mehr vom Kriege, sondern vom „Friedensprozess“, der leider immer wieder durch „Querelen“ und „Schwierigkeiten“ beeinträchtigt wird. Bei so erfreulichen „Friedensprozessen“ kann man auch gleich wieder in das Kriegsgebiet Afghanistan abschieben.

Diese vorsätzlich manipulative Sprache wird von den gleichen Journalisten präsentiert und druckmaschinenschwarz in den Schädel geätzt, die auch schon seit Jahrzehnten den Neusprech aktiv in jeden Artikel tragen, der die früheren, klar und unmissverständlich benannten Kriegsminister zu „Verteidigungsministern“ machte. Noch zwanzig Jahre dieses vorsätzlich manipulativen Neusprechs, und niemand wird mehr Anstoß an einer Meldung nehmen, dass bei den laufenden „Friedensprozessen“ in irgendeiner für die jeweilige außenpolitische Strategie der USA bedeutsamen Region der Welt mehrere Ortschaften zerstört und zehntausende Zivilisten getötet wurden. Am „Verteidigungsminister“ nimmt ja auch niemand mehr Anstoß.