Archive for April, 2007


Wo ist etwas tot?

Ich war schon immer sehr an statistischen Auswertungen der Zugriffe auf meine Websites interessiert, da sie einen gewissen Einblick darin geben, welche Themenkreise gerade für Leser „interessant“ sind. Und ich habe bei der Beschäftigung mit statistischen Auswertungen auch schon so manches trübsinnige Spiegelbild des gegenwärtigen Wahnsinns betrachten können, und zwar besonders in den Suchbegriffen, mit denen die Texte gefunden wurden.

Aber was mir zum Ende dieses Monats als häufigster Suchbegriff aus der Statistik entgegenschlägt, das ist für mich doch etwas überraschend:

Die fünf häufigsten Suchbegriffe: tot, vicky hatchetson, sexy vicky, voynich, dollar...

Warum sucht jemand mit Google nach „tot“? Was erhofft jemand zu finden, der so sucht? Und warum sind es so viele, die so suchen? Ist das Leben so uninteressant, so öde, so leer geworden?

Ich gehe jetzt schlafen. Bevor jemand etwas Falsches denkt: Ich habe durchaus die Absicht, wieder aufzuwachen. Mit etwas totem wird dieses Blog vorerst nicht dienen können. Denn: Tote bloggen nicht.

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15 Euro - Ihr Gutschein für jeden neuen Kunden - Freunde werben Freunde

Die Frage, welchen Wert so etwas wie Freundschaft haben könnte, haben die Menschen verachtenden und asozialen Werber schon längst für sich entschieden, und zu viele Menschen scheinen dieser Entscheidung zu folgen. Dass Menschen noch so etwas wie Beziehungen untereinander haben, ist aus der Sicht der Werber vor allem ein möglicher und nutzbarer Vertriebskanal. Deshalb dieses exemplarische Angebot eines Gutscheines über 15 Euro, der in hässlichen Tinnef umgesetzt werden kann. Dieses Angebot ist nur ein Beispiel für viele vergleichbare Beglückungsideen aus der Werbung, die vom aufgeschwatzten Zeitungsabo über eingeblendete Werbung in persönlichen Websites bis hin zur Bezahlung für verstecktes Produkt-Blogging reichen. Es stammt aus dem aktuellen Katalog „Die moderne Hausfrau„.

Es handelt sich um eine Aufforderung an die Leser, ihre persönlichen Beziehungen zur eigenen Bereicherung auszubeuten, damit sie in den „Genuss“ eines solchen „Gutscheines“ kommen. Es ist eine Aufforderung, menschliche Beziehungen unter dem Aspekt wirtschaftlicher Vorteile zu betrachten, und dies selbst dann noch, wenn diese Vorteile von lächerlicher Winzigkeit sind. Es ist eine Aufforderung, für einen geringwertigen Lohn zum Schergen von Werbern zu werden, die ihr Menschenbild in solchen Aktionen deutlich genug offenbaren.

Verglichen mit anderen Formen der Werbung kommen auch die Werber in diesem Beispiel sehr günstig weg, da sie nur im Erfolgsfall etwas bezahlen müssen. (Die halbe Seite in einem Katalog hat keine großen zusätzlichen Kosten verursacht.) Und die Bezahlung liegt keineswegs bei 15 Euro, sondern beim viel geringeren Einkaufswert des Tinnefs für einen Großabnehmer — das wird hier als „Gutschein“ verklausuliert, den man natürlich nur beim Anbieter gegen Waren zum dortigen Preis eintauschen kann. Diese Bezahlung wird auch nur dann fällig, wenn aus einem „Freund“ ein „neuer Kunde“ geworden ist.

Für andere Formen der Kundengewinnung müssten die Werber für einen einzigen „neuen Kunden“ ganze Bäume in hochglanzbedrucktes Papier verwandeln, das sie auf allen möglichen und unmöglichen Wegen vor die Augen der Kauftrottel stellen. Oder unter hohen Kosten allgegenwärtige Plakate in die Landschaften stellen. Oder Fernsehwerbung machen und zum hohen Preis ausstrahlen lassen. Eben die normale Schrotmunition verwenden, mit der die Werbung Menschen „erlegen“ will. (Wer das Wort „erlegen“ hier zynisch findet, beachte bitte: Das Wort „Zielgruppe“ ist ein Wort der Werber, die Menschen sind also „Ziele“ wie die gehetzten Jagdtiere oder die Angehörigen feindlicher Truppen.) Die Beziehungen der Menschen untereinander sollen hier als Präzisionswaffe für den gezielteren und treffsichereren und damit billigeren Angriff der Werbung dienen.

Wer darauf anspringt, verkauft das, was hier zum Hohn von den Werbern auch noch „Freundschaft“ genannt wird. Und zwar zu einem äußerst billigen Preis. Er zeigt damit auch, was ihm „Freunde“ wirklich bedeuten.

Dass solche Werbeaktionen immer wieder durchgeführt werden, zeigt, dass viele Menschen zu einem solchen Verkauf bereit sind — sonst gäbe es solche Werbeaktionen nicht. (Es ist in meinen Augen übrigens kein Zufall, dass sich solche Aktionen vorwiegend an weibliche Leser richten und deshalb vor allem in Medien mit weiblicher „Zielgruppe“ auftauchen, aber das ist noch einmal ein ganz anderes, ebenfalls sehr kaltes Feld.) Jede derartige Werbeaktion ist ein trauriges Spiegelbild des gegenwärtig über die Gesellschaft ablaufenden Prozesses, der zu einer Bewertung von Menschen nach ausschließlich wirtschaftlichen Gesichtspunkten führt.

Das Volk…

…ist für manche Abgeordneten des Deutschen Bundestages — etwa für Frau Susanne Kastner (SPD) — einfach nur noch „dieses Pack“. Vor allem, wenn man ihm einmal direkt begegnet. Da bricht schon einmal aus dem Munde hervor, was sonst in geübter Weise politblahsprechend verklausuliert wird.

Das passende Plakat für die Neoliberale Einheitspartei Deutschlands (CDUSPDFDPETC) ist ja schon fertig. :mrgreen:

Manchmal, wenn ich sehe, wie andere Menschen einen Computer bedienen, muss ich unwillkürlich an dressierte Labormäuse denken. (Es mag daran liegen, dass man das Zeigegerät „Maus“ nennt.) Sie drücken einen Knopf und erwarten, dass irgendwo ein Leckerbissen heraus kommt; von einem tieferen Verständnis der dabei ablaufenden Prozesse fehlt jedoch jede Spur. Deshalb sind sie auch kaum im Stande, einen Computer wirklich zu nutzen.

Der Wahnsinn Fußball

Zeitgenosse: Warum interessierst ausgerechnet du dich dafür, wie Hannover 96 gespielt hat?

Nachtwächter: Weil ich mich nicht für Fußball interessiere.

Zeitgenosse: Denn könnte es dir doch egal sein. Aber nein, du fragst sogar noch danach. Und es gefällt dir offensichtlich gar nicht, dass die Roten gewonnen haben.

Nachtwächter: Stimmt. Es gefällt mir nicht, weil ich mich nicht für Fußball interessiere.

Zeitgenosse: Aber wenn du dich gar nicht für Fußball interessierst, was kann es dir denn bedeuten, wenn die Roten verlieren?

Nachtwächter: Ich möchte, dass diese so genannten „Roten“ absteigen; hinunter in die relative fußballerische Bedeutungslosigkeit. Damit ich mich nicht mehr mit Fußball beschäftigen muss. Im Moment muss ich das noch. Ein Weg, der hübsch und kurz ist und den ich deshalb häufig gehe, führt in der Nähe des Stadions vorbei, und wenn diese für mich völlig unwichtige Mannschaft ein Heimspiel hat, mache ich lieber einen großen Bogen um das Stadion, selbst, wenn das ein Umweg ist. Wenn ich zur falschen Zeit keinen großen Bogen um das Stadion mache, kommt mir eine hirnlose Horde brüllender, besoffener Barbaren entgegen; ein Mob entfesselter Spießbürger, voll von Gewaltbereitschaft gegen alles, was anders und weniger dumpf ist als sie selbst. Das ist mir schon einige Male passiert, und die Situation war mehrfach kurz vor einer Schlägerei — ich schätze so etwas gar nicht. Doch selbst, wenn es nicht so weit kommt, muss ich mir tonfreie Gesänge und die Beschimpfungen aus dieser enthirnenden Gruppendynamik anhören, nur weil ich offensichtlich anders bin. Damals, als Hannover 96 noch in der zweiten Bundesliga spielte, waren solche Situationen auch unerfreulich, aber wesentlich entspannter, da konnte mir der Fußball noch gleichgültig sein. Das liegt wohl daran, dass unter diesen Bedingungen überwiegend solche Menschen ins Stadion gingen, die sich wirklich für Fußball interessieren; nun überwiegen jedoch diejenigen Menschen, die vor allem individuelle Verantwortungslosigkeit unter Alkoholeinfluss in einem Gruppenprozess erleben wollen. Da ich den Frieden schätze, mache ich um solche Ansammlungen des Mobs einen möglichst großen Bogen. Und deshalb muss ich mich deshalb damit beschäftigen, wann es hier ein Heimspiel gibt, obwohl ich mich gar nicht für Fußball interessiere; und ich muss sogar einen Teil meines Lebens an dieser an sich völlig unwichtigen Information ausrichten, fast so, als würde auch ich mich für Fußball interessieren. Das widert mich an, und deshalb wünschte ich, es wäre anders.

Zeitgenosse: Aber die Roten sind doch die Mannschaft von Hannover, die spielen für uns. Da kann man solche Randerscheinungen doch mal dulden.

Nachtwächter: Wie viele Hannoveraner spielen denn in dieser Mannschaft mit? Ist diese Mannschaft nicht — wie jede Mannschaft in der Bundesliga — ein zusammengekaufter Haufen von Menschen, deren zuvörderste Funktion die von menschlichen Werbeträgern ist? Damit habe ich nichts zu tun, obwohl ich mich gerade in Hannover aufhalte.

Zeitgenosse: Sag mal, findest du nicht, dass du die Dinge manchmal etwas extrem und viel zu negativ siehst?

Nachtwächter: Es ist eben nicht alles relativ und es ist nicht alles leicht umkehrbar. Man kann eine ganze Kanne Sahne ungenießbar machen, indem man ein einziges Tröpfchen Jauche hineinträufelt. Aber man kann nicht eine Kanne voll Jauche mit einem Tröpfchen Sahne genießbar machen.

Faschismus

Zu viel politisches Engagement verwechselt die gesellschaftliche Seuche des Faschismus mit dem historischen deutschen Nationalsozialismus und übersieht darüber den ungebrochenen, menschzerbrechenden Faschismus, der mit industriellen Produktionsbedingungen einher geht.

Ein wirksamer Antifaschismus darf nicht plakativ sein, darf sich nicht von Symbolen blenden lassen wie der Faschismus selbst. Jeder gesellschaftliche Entwurf, der die menschliche Individualität verneint und aus diesem Grunde zerbricht, ist ein faschistischer gesellschaftlicher Entwurf. Der Ameisenstaat — schon ein biblisches Ideal menschlichen Arbeitens und damit Zeichen für die Gefährlichkeit des biblischen Weltbildes — taugt nur als Staat von Gleichen. Faschismus ist insektoider Wahn. Die Betrachtung des Menschen als ein Wesen, das ausschließlich für ein abstraktes, höheres Ziel Normleistungen ohne jegliche höhere mentale Funktion hervorbringen soll, ist insektoider Wahn. Faschismus ist auch ohne einen einzelnen Führer machbar. Eine zum Selbstzweck gewordene Wirtschaft und die Geldherrschaft können für einen funktionierenden Faschismus ausreichen.

Wo wuchs es an?

Als damals die DDR von der BRD aufgekauft wurde (entschuldigt bitte, aber heute ist mir nach etwas Zynismus), gab es von Seiten der politischen Kaste der BRD einen kleinen, dummen Spruch, mit dem man diesen Akt der nationaltaumelnden Bevölkerung noch etwas schmackhafter machen wollte: „Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört.“

Heute kann sich ein wacher Mensch schon einmal fragen, an welchen Stellen in der neuen, größeren BRD eigentlich der ganze Spitzel- und Propaganda-Apparat der ehemaligen DDR angewachsen ist. Zum Beispiel kann der Unterschied zwischen der ARD-„Tagesschau“ und der Nachrichtensendung des DDR-Fernsehens, der „Aktuellen Kamera“, schon einmal sehr klein wirken, wenn man erlebt, was momentan in der Tagesschau schon einmal verschwiegen wird. Und das, obwohl im Moment nicht nur das Sommerwetter, sondern auch das politische Sommerloch vorgezogen zu sein scheint. :mrgreen:

Krippe

Krippe (die) — im ursprünglichen Wortsinn ein im Stall angebrachter Futtertrog für die von Menschen gehaltenen, gezüchteten Tiere. In aktueller politischer Deutung ein Ort, an dem schon die jüngsten Kinder institutionell enteltert und in abstrakte soziale Zusammenhänge eingebettet werden sollen, auf dass sie den Zustand der völligen Selbstentfremdung ihres späteren Daseins als Batterie im betrieblichen Produktionsprozess vertraut finden mögen. In diesem Sinne sind auch die heute als „Krippen“ bezeichneten Orte Futterplätze, es handelt sich um Orte der frühen Verfütterung des Menschenmaterials an die Profiteure einer monströs und molochartig gewordenen Wirtschaft.

Was man nicht glauben soll

Glaube nichts auf bloßes Hörensagen hin, und glaube nicht an Überlieferungen, nur weil sie alt sind.

Buddha

Lärmverschmutzung

Es überrascht einen fühlenden Menschen, der unter dem besinnungslosen Tosen der Städte leidet, eigentlich nicht: In letzter Zeit sind in Deutschland sogar einige Vögel nachtaktiv geworden, weil sie sich tagsüber nicht mehr untereinander „verständigen“ können. Das ist der ganz normale Wahnsinn der totalen Automobilmachung.

Ich persönlich kenne kaum noch einen Denkenden, der nicht einen großen Teil seines Lebens in die ruhigeren Nachtstunden verlegt hätte. Des Tages werden alle Gedanken unter einem Teppich aus Lärm erstickt.

Wer mich nur wenig kennt und mit mir spricht, wundert sich manchmal darüber, dass ich scheinbar völlig verschiedene Begriffe wie MySpace und YouTube mit Leichtigkeit durcheinander bringen kann. Das wird von manchen Menschen für eine bei mir vorliegende Schwäche des Geistes gehalten.

Diese Menschen denken etwas zu kurz, und sie können kein Englisch. Bei beiden Benennungen handelt es sich um ein Pronomen, gefolgt von der Bezeichung für etwas Leeres. Und in beiden Fällen ist diese Bezeichnung sehr zutreffend, wie man beim Schauen auf die zugehörigen Websites bemerkt. Auf dieser Ebene betrachtet, sind diese beiden Begriffe wirklich sehr ähnlich, und dass ich sie immer wieder einmal verwechsele, ist nicht etwa ein Zeichen der Dummheit, sondern der Einsicht.

Dass irgendwelche Werbemenschen und selbst ernannte Wortführer eines so genannten „Web 2.0“ diese Schrotthaufen im Internet als „social software“ bezeichnen, also ungefähr als eine „Programmierung für das zwischenmenschliche Miteinander„, ist ein unter den Bedingungen des allgemeinen menschlichen Ausverkaufs leider nur zu gewöhnlicher Zynismus. Wohl dem, der umgeben von solcher Menschenverachtung nicht stumpf wird.

Der Spiegel der Buchstaben

Jedes Buch hat etwas von einem Spiegel; der Leser spiegelt sich selbst durch den mentalen Vorgang des Lesens in dem wider, was er gerade liest. Das gilt auch für die so genannten „heiligen“ Bücher. Aber es sind zu viele Ochsen, die dort hineinschauen und denn anfangen, sich in diesem Spiegelbild für Apostel zu halten.

Anschauungsmaterial bietet so mancher Missionar, der den Menschen auf der Straße eine Kante ans Bein labert, wenn sie ihm nur eine Gelegenheit geben. Der heutige kannte sein Buch nicht einmal besonders gut.