Archive for Dezember, 2009


Baukasten Neujahrsansprache

Wegen gewisser Eigentümlichkeiten unseres Kalenders ist ein Jahr ein recht langer Zeitraum, in dem sich vieles ereignet und die Erinnerung an das vergangene Jahr verdeckt. Deshalb fällt kaum jemals auf — wenn nicht versehentlich einmal vom staatlichen Rundfunk die Ansprache vom letzten Jahr ausgestrahlt wird — dass diese Neujahrsansprachen des jeweilgen Kanzlerdarstellers verblüffend ähnlich sind. Tatsächlich findet seit vielen Jahren ein Baukasten Verwendung, um den Text für diese überflüssigste Ansprache des Jahres zu generieren. Hier sind die wesentlichen Punkte als Ausschnitt.

Liebe

[ ] Mitbürgerinnen und Mitbürger!
[ ] Bürginnen und Bürgen!
[ ] Schafe!
[ ] Schicksalsgemeinschaft!

Wir blicken zurück auf ein bewegtes und ereignisreiches Jahr _____, das von

[ ] beispiellosen Herausforderungen
[ ] den üblichen Phrasen und Lügen
[ ] Gier und Unverschämtheit
[ ] Realsatire und den Schergen der Mickymaus

geprägt war. Auch im kommenden Jahr _____ werden wir diese Probleme zu bewältigen haben, und ich bin entschlossen, meinen Beitrag mit

[ ] Lach- und Sachpolitik
[ ] Auftritten in Talkshows
[ ] weiterer Ausbreitung der allgemeinen Angst
[ ] photoshopretuschierten Brüsten und Haaren

zu leisten. Dabei werde ich ein starkes Augenmerk auf die unveränderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen legen und mit meiner Politik persönlich dafür Sorge tragen, dass

[ ] in allen Medien vom Aufschwung die Rede ist.
[ ] niemand vernehmbar von der wachsenden Armut spricht.
[ ] das letzte Jahr als goldenes Zeitalter empfunden wird.
[ ] sich nichts ändert.

Aber damit dies auch gelingt,

[ ] müssen wir alle
[ ] müsst ihr
[ ] müssen vor allem die Armen und Mittellosen

einen fühlbaren Beitrag zum Gelingen leisten. Dazu gehört es auch, dass alle Menschen in Deutschland

[ ] unverzagt und optimistisch
[ ] gefühllos, blind und taub
[ ] ohne aktive Großhirnrinde
[ ] wie seelenlose Roboter

ihren Beitrag dazu leisten, dass

[ ] der DAX in den Himmel schießt.
[ ] es für Einige weiterhin aufwärts geht.
[ ] der Vampirismus Grundlage des Miteinanders bleibt.
[ ] Arbeit in China teurer als in Deutschland ist.

Mit dieser Haltung wird es uns allen gelingen, die Krise zu überwinden, wie ich es euch auch schon in den vorhergehenden Jahren gesagt habe. Die besondere Situation des kommenden Jahres _____ erfordert aber zudem

[ ] Nacktscanner für Hartz-IV-Empfänger,
[ ] Steuerfreiheit für Milliardäre,
[ ] automatische Waffen für die Polizei,
[ ] durchgehende Internetzensur,
[ ] mehr Null-Euro-Jobs,

und als flankierende Maßnahme

[ ] die Streichung der Grundrechte im Grundgesetz,
[ ] die Kürzung von Hartz-IV um hundert Prozent,
[ ] die Errichtung von Arbeitserziehungscamps,
[ ] ein weiteres militärisches Abenteuer der BRD,
[ ] die Anreicherung des Trinkwassers mit Diazepam,

damit unserer Zukunftspolitik auch ein

[ ] nachhaltiger Erfolg
[ ] widerstandsfreies Akzeptieren

beschieden ist. Ich vertraue darauf, dass durch die Unterstützung der gleichgeschalteten Presse alle Menschen in Deutschland Verständnis für die alternativlosen Maßnahmen zur Überwindung der Krise haben werden und mit großer Anteilnahme verfolgen werden, wie

[ ] die Demokratie in Afghanistan verteidigt
[ ] jeder Widerstand durch die Stasi 2.0 gebrochen
[ ] Deutschland an den Meistbietenden verhökert
[ ] unseren amerikanischen Freunden in den Arsch gekrochen

wird. Mein ganz besonderer Dank für die kontinuierliche Arbeit an der Ausrichtung der öffentlichen Meinung geht an

[ ] Ursula von der Leyen und Wolfgang Schäuble.
[ ] Benedikt XVI und Margot Käßmann.
[ ] AP, die DPA und den Springer-Verlag.
[ ] die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft.
[ ] alle Hersteller von Psychopharmaka.

Lassen sie uns gemeinsam diese Arbeit fortsetzen, und sie wird von dem Erfolg gekrönt werden, den wir uns so herbeisehnen! Ich bedanke mich

[ ] für das mir entgegengebrachte Vertrauen
[ ] für die mir zugesteckten Geldbeträge
[ ] für die völlig unkritische Journaille
[ ] für die Kreuze meiner Wähler
[ ] für meine Ausbildung unter Erich und Margot

und wünsche ihnen allen ein gesegnetes und erfolgreiches Jahr _____ und

[ ] einen guten Rutsch in die neue Armut.
[ ] einen ordentlichen, betäubenden Suff.
[ ] gute Unterhaltung.
[ ] feste, inappelable Gläubigkeit an unsere Lügen.
[ ] weitere Vereinsamung, Atomisierung, Passivität.

Gute Nacht, Deutschland!

Advertisements

Denn ein Justiz-Collegium, das Ungerechtigkeiten ausübt, ist gefährlicher und schlimmer, wie eine Diebesbande, vor die kann man sich schützen, aber vor Schelme, die den Mantel der Justiz gebrauchen, um ihre üblen Passiones auszuführen, vor die kann sich kein Mensch hüten. Die sind ärger, wie die größten Spitzbuben, die in der Welt sind, und meritiren eine doppelte Bestrafung.

Friedrich II, König von Preußen

Der europäische Schleier

Es ist doch seltsam. Die gleichen Menschen, die sich so lautstark und recht künstlich emotional über die Verschleierung der Frauen aufregen können, die im größten Teil der islamischen Welt üblich ist, die noch das harmlose Kopftuch für einen verachtenswerten und gefährlichen Gräuel halten, sie wundern sich nicht einen Moment in ihrem Leben darüber, dass die Frauen in der christlichen Welt ihr wirkliches Aussehen hinter einer Maske aus Kosmetik und sonstigem Körperverberg verstecken müssen, dass sie sich sogar zuweilen durchoperieren lassen müssen, um nicht gesellschaftlich ausgegrenzt zu sein. Auch das christliche Europa und sein geistkrankes Bastardkind in Nordamerika hat seine obligatorischen Schleier und Kopftücher für Frauen, genau so augenfällig und verpflichtend wie die Verbergtücher des Orients, nur dass diese um einiges teurer und damit diskriminierender für arme Frauen sind. Allein in diesem Unterschied. Zeigt sich ein Stück des kulturellen Unterschiedes.

The same procedure…

Wenn einem eine dieser kostenlosen Zeitungen entgegenflattert, deren Dicke aus achtzig Prozent schreibunter Reklame besteht, wenn schon das Titelbild dieser kostenlosen Zeitung einen Schornsteinfeger zeigt, der ein Ferkel in seinen Armen hält, dahinter die fotografisch festgehaltenen Lichtblumen einiger Feuerwerksraketen, wenn noch überm Schlag der Text „Das ändert sich ab 2010“ zu lesen ist, wenn allerlei Rückblick auf das gemacht ist, was eigentlich besser in der Gruft des Vergessens liegen bleiben sollte, denn weiß der Betrachter dieser industriell auf Bäumen gestempelten Ödnis, dass die Menschen in wenigen Tagen einen neuen Kalender brauchen, dass die Redaktionen nur noch dünn besetzt sind, dass die Leser einfach mit den gleichen „Inhalten“ gelangweilt werden sollen, mit denen sie schon in der vergleichbaren Situation des vorigen Jahres gelangweilt wurden. Es würde ja auch kaum jemand eine derartige „Zeitung“ aufschlagen, wenn sie nur aus Reklame bestünde.

Und wenn der Betrachter dann auf den Seiten der verkauften Blätter den gleichen Schwachsinn prangen sieht wie in den kostenlosen Blättern, denn weiß er, dass dort aus gleichem Grund in gleicher Weise vorgegangen wird.

Vom Erfolg des Christentums

Ein Blick in ein beliebiges Geschichtsbuch bezeugt Seite auf Seite, Schafott auf Schafott, Grabstein auf Grabstein, Scheiterhaufen auf Scheiterhaufen, Schlachtfeld auf Schlachtfeld, Versklavung auf Versklavung, Foltertechnik auf Foltertechnik, Pogrom auf Pogrom, Willkürurteil auf Willkürurteil, worin der heute sichtbare, weltweite Erfolg des Christentums begründet ist. Und. Ein Blick in eine beliebige Zeitung, in der sich die großkopferten Vertreter dieser Religion hinstellen und so sinnentleert abgehoben von Liebe schwafeln, so dass man geradezu aus jedem klaffenden Wort herausliest, dass diesen Worten auch nur die Erfahrung eines einzigen Steichelns fehlt, belegt, dass die Christen es auch nach zweitausend Jahren Morden noch nicht gelernt haben, sich zu schämen. Vor einem Gericht würde das keinen Eindruck von Einsicht oder gar tätiger Reue machen und keine Grundlage für eine positive soziale Prognose abgeben…

Wer Augen hat, zu sehen, der sehe!

Über das religiöse „Denken“

Denkt daran, dass Glaube und Zweifel nicht zur selben Zeit in den Gedanken existieren können, denn das eine wird das andere verdrängen. Sollte Zweifel an eurer Tür klopfen, dann sagt zu diesen skeptischen, rebellischen Gedanken: „Ich will bei meinem Glauben bleiben und bei dem Glauben meines Volkes. Ich weiß, dass es dort Glück und Zufriedenheit gibt und ich verbiete euch, agnostische, zweifelnde Gedanken, das Haus meines Glaubens zu zerstören. Ich gebe zu, dass ich den Werdegang der Schöpfung nicht verstehe aber ich akzeptiere deren Tatsache. Ich gestehe ein, dass ich die Wunder der Bibel nicht erklären kann und ich werde nicht versuchen, das zu tun aber ich akzeptiere das Wort Gottes. Ich war nicht mit Joseph Smith aber ich glaube ihm. Mein Glaube kam nicht durch Wissenschaft zu mir und ich werde der sogenannten Wissenschaft nicht erlauben, ihn zu zerstören.“

Thomas S. Monson
Apostel in der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen)

Jede religiöse*** Gemeinschaft möchte das „Denken“ ihrer Mitglieder so formen, dass es nach den folgenden Regeln abläuft:

  1. Gute Gefühle über die Glaubensgemeinschaft bestätigen die Wahrheit all dessen, was in der Glaubensgemeinschaft als „Wahrheit“ angenommen wird. Die Anwendung des Verstandes und eine nachvollziehbare, belegte und den Tatsachen verpflichtete Argumentation sind ungeeignete Mittel zur Wahrheitsfindung. Erfahrene, vorbildhafte Anhänger der Glaubensgemeinschaft benennen ihre guten Gefühle einfach als die Einsicht in die „Wahrheit“ durch die Gegenwart und Offenbarung Gottes*; der Satan** hingegen ist für alle ihre schlechten Gefühle verantwortlich. Diese recht kindische Haltung wird in allen Schriften und sonstigen Mitteilungen der Glaubensgemeinschaft als vorbildlich und nachahmenswert dargestellt.
  2. Sollten die guten Gefühle einmal bei jemanden ausbleiben, denn hat er etwas falsch gemacht. Dieser Fehler ist eine Schuld. Zum Beispiel hat er über die religiösen Grundlagen oder einige besonders abstruse Lehren in der Glaubensgemeinschaft nachgedacht, statt einfach daran zu glauben und sich an den guten Gefühlen zu erfreuen, die durch diesen Glauben erst ausgelöst werden. Diese „falsche Haltung“ wird innerhalb der Glaubensgemeinschaft „Zweifel“ genannt, sie kommt vom Satan** und ist sehr gefährlich.
  3. Wenn ein Anhänger einer Glaubensgemeinschaft beim sorgfältigen Untersuchen eines beliebigen Themas zu einer Auffassung kommt, die dem guten Gefühl angesichts der religiösen*** Deutung dieses Themas widerspricht, denn ist das gefühlsmäßig bestätigte „Ergebnis“ vorzuziehen und als „Wahrheit“ zu betrachten. Das leicht manipulierbare Gefühl eines Menschen — eine schwankelmütige, psychische Erscheinung, die sich schon durch ein bisschen Musik oder Atmosphäre beeinflussen lässt — ist ein wichtigerer Anzeiger für die „Wahrheit“ als jede wissenschaftliche Erkenntnis und als jede Einsicht, die sich beim Betrachten des Offensichtlichen selbst einem Kinde als naheliegend aufdrängte.
  4. Phasen der persönlichen Niedergeschlagenheit, Verwirrung, Angst, Unruhe und der von diesen unguten Gefühlen ausgelöste Drang zum Denken sind in Umkehrung des letzten Punktes deutliche Zeichen dafür, dass man sich mit der „Unwahrheit“ beschäftigt. Dieser Zustand wird durch das erneute Anlegen der Scheuklappen des Glaubens beendet, die dabei aufkommenden guten Gefühle werden als göttliche* Bestätigung des Glaubens betrachtet. Diese Erfahrung muss anderen mitgeteilt werden, damit diese auch wissen, wie sie sich zu verhalten haben, sollten auch ihre Verstandesfunktionen einmal unwillkürlich einsetzen. Um diese ganz normale und angemessene Reaktion auf eine permanente intellektuelle Zumutung zu behandeln, verfügt jede Glaubensgemeinschaft über ein ganzes Instrumentarium von monotonen, hypnotischen Techniken, die wieder gute Gefühle und einen sedierten Verstand verursachen können; vom Rosenkranz bis zum Fernseher.
  5. Jedes schlechte Gefühl über die Gesamtheit des Glaubenssystemes, und sei es auch noch so winzig und dumpf, ist äußerst gefährlich. Es ist ein Zeichen, dass erhebliche persönliche Missstände vorliegen, die durch Glauben bearbeitet werden müssen.
  6. Wenn die Führer der Glaubensgemeinschaft ihre Auffassungen zu einem Punkt verkündet haben, ist das weitere Nachdenken darüber beendet. Führer gibt es immer, auch dort, wo so getan wird, als gäbe es keine Führer.

* Der verwendete Gott ist austauschbar. Es kann auch ein unpersönliches kosmisches Prinzip sein oder die Auffassung, dass Menschen durch Besitz und Konsum glücklich werden.

** Der verwendete Satan ist ebenfalls austauschbar. Er kann auch der Kommunismus sein, der Islam, die Aufklärung oder schlicht die Weltverschwörung. Ein Feindbild ist erforderlich, da sich die daran gebundene psychische Energie (sie stammt aus dem vom hier beschriebenen Prozess verursachten Selbsthass) leicht auf Personen übertragen lässt, was unendlich praktisch ist, wenn man Menschen zum Kämpfen bringen will, ja, selbst zum Kämpfen gegen ihre eigenen Interessen, gegen ihr eigenes verdammtes Lebensrecht.

*** Die verwendete Religion ist ebenfalls austauschbar. Die meisten modernen Religionen geben sich materialistisch. Die angewendeten religiösen Prinzipien bleiben — wenn auch oft mit geringerer Innerlichkeit — die gleichen.

Traumfänger

Über ihrem Bett hing einer dieser indianischen Traumfänger, die zwar nicht besonders gut funktionieren, aber dennoch in einer sich für „alternativ“ haltenden, bürgerlichen Szene sehr beliebt sind. Es war ein sehr großer Traumfänger, ich hatte noch niemals einen so großen gesehen. Und. Ich fragte mich, ob diese Größe in einem Verhältnis zur Größe ihrer Albträume stünde, die mit dem Ende der Nacht noch gar nicht aufhören wollten…

Kaltlicht

Die Dekorationen zum Jahresende, vor allem die leuchtenden, sie bringen es mit sich, dass einem Menschen auch im gut geheizten Raum frösteln kann.

Plüschtier / Engel

Dinge. Hingelegt. Für Robert Enke. Von Menschen, die einige Jahrtausende zu spät zu ihn gingen.

Immer

Ein Brief. Zum Gedenken an Robert Enke. Schneedurchfeuchtet. Verblassend wie das unbeholfen beschworene Immer. Verblassendes Dokument eines Kultes, mit braunen Flecken. Und eines Menschen, der jetzt vom Idol allein gelassen den nächsten Kult sucht. Die nächste. Für immer. Nummer Eins.

Danke für das Foto an C.

Legenden sterben nie

Ein Haufen Müll im Schnee, Plastikmüll. Ertrunkene Grablichter. Mit rostenden Abdeckungen. Gar nicht mehr glänzend. Gedenken. An Robert Enke. In Eilvese. Darauf ein Brief, ein Abschied. An den längst Tauben, Blinden, Verlebten. Legenden sterben nie. Ohne weitere Worte.

Dank für das Foto an C.

Auferstehung unerwünscht

Am alten Kirchhof zu Limmer (bei Hannover) ist am Eingang die folgende niederdeutsche Inschrift zu lesen:

Hier lieget use leiwen Olen.
Herr, lat se deck sien befohlen!
Denn wenn se sollden wedder upstahn,
Müßten wi alle von Hus un Hoff gahn.

Dieser Spruch* ist mit großem Abstand das ehrlichste Wort über die Toten, das ich jemals auf einem Friedhof gelesen habe. Die heutige Zeit mit ihrer Todesverdrängung und dem daraus ersprießenden, krampfhaften Pietismus angesichts des Todes lässt solche Ehrlichkeit wohl nicht mehr zu.

* Sinngemäß übertragen: Hier liegen unsere lieben Alten. Herr, sie seien dir befohlen! Denn wenn diese jemals wieder aufstehen, müssten wir ja alle Haus und Hof verlassen.