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Zeitreisedenkende

Wenn Menschen über Reisen in die Vergangenheit spekulieren, sorgen sie sich darum, dass sie die Gegenwart radikal verändern könnten, wenn sie während ihrer Zeitreise etwas Kleines tun. Aber kaum jemand in der Gegenwart — und niemand, der jetzt über Zeitreisen spekuliert — glaubt wirklich daran, dass er die Zukunft radikal verändern könnte, indem er jetzt etwas Kleines tut.

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Denken und Glauben

Denken ist Betrachtung, Mühe und Anstrengung, damit der Verstand zu besserem Wissen und Können kommen möge; Glauben ist Ignorieren, Trost und Hoffnung, damit sich die kalte Psyche nur um so bequemer und selbstverliebter in ihrer Unwissenheit suhlen kann.

Denken

Wie gern doch Menschen ihr Gehirn dazu verwenden, zu denken, dass sie denken.

Vom intelligenten Schauen

Sir Arthur Conan Doyle, ein Schriftsteller, der übrigens allen Ernstes von den recht dürftigen Darbietungen der Spiritisten seiner Zeit überzeugt wurde und allein deshalb nicht selbst als ein Mensch von besonderer intellektueller Disziplin gelten kann, hat die immer noch recht populäre literarische Figur des „intellektuellen“ Detektives Sherlock Holmes erfunden und in etlichen Kurzgeschichten und einer Handvoll Romanen ausgebreitet. Sherlock Holmes ist auch heute noch eine Ikone der Massenkultur, eine Figur, die zum Inbegriff des nüchternen, logischen Beurteilens der Fakten zum Auffinden einer hinter den Fakten versteckten und interessanten Wahrheit geworden ist.

Dabei ist Holmes‘ zumeist angewendete „Schlussmethode“ völlig ungeeignet und funktioniert in dieser Form nur im Sandkasten einer fiktiven Romanwelt. Die „Methode“ des Detektives besteht nach seinen „eigenen“ Aussagen darin, alle Möglichkeiten auszuschließen, so dass das Verbleibende, so unwahrscheinlich es auch anmuten mag, die Wahrheit sein muss. Diese „Methode“ ist schon deshalb absurd, weil sie voraussetzt, dass ihr Anwender sich aller Möglichkeiten auch gewahr ist, dass er also über eine vollständige Kenntnis des Kosmos verfügt. Eine solche Annahme mag dem Größenwahn munden, der sich nur dürftig verlarvt hinter dem Narzissmus des Menschen verbirgt, für die ernsthafte geistige Tätigkeit ist sie ein lähmendes Gift, das jedes Voranschreiten unmöglich macht.

Es bringt wesentlich bessere Ergebnisse, die Vielzahl der in einer vernünftigen Betrachtung eines Themas aufkommenden Vermutungen direkt zu überprüfen, als sie in der von Doyle propagierten Form indirekt zu behandeln.

Wie ungeeignet diese indirekte „Methode“ für den Erkenntnisgewinn wirklich ist, lässt sich am trefflichsten am Beispiel einer Alltagssituation aufzeigen. Wenn jemand seinen Wohnungsschlüssel nicht findet, könnte er ihn suchen, indem er in dummer Blindheit alle denkbaren Orte durchsucht, an denen dieser liegen könnte. Für die in den Romanen als so überlegen dargelegte Doyle-Methode müssten hierbei auch völlig ungeeignete Orte in Erwägung gezogen werden, etwa der Kühlschrank, das Gehäuse des Fernsehers oder die Kaffeekanne. Jeder wird wohl zustimmen, dass diese Form der „Suche“ nicht das Potenzial in sich trägt, schnell zum Ziele zu führen oder auch nur eine brauchbare Einsicht in den gegenwärtigen Ort des Schlüssels zu liefern. Da tröstet dann auch nicht der „Erkenntnisgewinn“ nach Doyle, dass, wenn alle Orte bis auf einen Ort durchsucht worden sind, doch wenigstens Gewissheit darüber erlangt wurde, dass sich der Schlüssel an diesem Orte befinden müsse; eine intellektuelle Gewissheit, die ihre stolze „Größe“ dadurch beweist, dass sie gar nicht mehr nachschauen muss — als ob das etwas hülfe, wenn man auf der Suche nach einem Schlüssel ist!

Ein vernünftiger Mensch wird eben anders herum vorgehen. Er wird sich darüber bewusst sein, dass er nicht alles weiß, sonst brauchte er den Schlüssel ja gar nicht zu suchen. Also wird er darüber nachdenken, wo der Schlüssel sein könnte. Im Zuge dieser geistigen Tätigkeit wird er sich zu erinnern versuchen, wie er in die Wohnung gegangen ist, welche Orte in der Wohnung er aufgesucht hat und was er dort getan hat, um auf diese Weise Hypothesen zu bilden, wo er den „verdammten Schlüssel“ hingelegt haben könnte. (Er kann ja in Abhängigkeit von den Umständen des Verlegens durchaus einmal im Kühlschrank oder gar in der Kaffeekanne sein, und auch noch an ganz anderen, vielleicht noch absurderen Orten. Aber die Regel ist das eben nicht.) Die durch geistige Tätigkeit gebildeten Hypothesen werden dann auf eine direkte und einfache Weise durch schlichtes Nachschauen überprüft und dabei werden so lange Hypothesen widerlegt, bis sich die richtige zusammen mit dem Schlüssel findet. Die direkte Suche unter Verwendung des Verstandes ist der indirekten nicht nur deshalb überlegen, weil sie im Gegensatz zu jener durchführbar ist, sondern auch, weil sie einen intellektuellen Prozess voranträgt, der die Suche unterstützen hilft. Die in der geistigen Beschäftigung mit dem Thema aufkommenden Gedanken sind dazu geeignet, weitere sinnvolle Gedanken hervorzubringen. So wird etwa schnell eine Erinnerung daran aufkommen, wann das letzte Mal in einer ähnlichen Situation der Schlüssel verlegt oder verloren wurde und wo sich dieser dann schließlich fand — zum Beispiel unterm Sessel, weil er beim Ausziehen und Ablegen der Hose aus der etwas zu weiten Hosentasche herausgerutscht ist. Wenn etwa dieses Mal die gleiche Hose getragen wurde, können solche im Denkprozess aufkommenden Assoziationen den Vorgang der Suche erheblich abkürzen. Sie sind eben ein Zeichen vernünftiger Beschäftigung mit einem noch unbekannten Sachverhalt.

Die „Doyle-Methode“ ist vor allem dort sehr beliebt, wo dem Irrationalismus ein intellektueller oder gar wissenschaftlicher Anstrich gegeben werden soll. Ihr erster Glaubenssatz lautet: „Es kann nicht widerlegt werden, also muss es wahr sein“. Bei dieser „Argumentation“ verschiebt sich der Schwerpunkt der Aufmerksamkeit vom Wissen auf das Unwissen, und es nimmt nicht wunders, dass bei einer derart ausgerichteten Aufmerksamkeit nur wenig neues Wissen gefunden wird, aber dafür vieles, was mangels harter Belege geglaubt werden soll. Auf diesem Hintergrund ist es auch gar nicht erstaunlich, dass Doyle selbst ein Anhänger des Spiritismus war, denn dieser geschäftlich interessante und von allerlei Betrug geprägte Aberglaube passt zu einer solchen Auffassung. Es ist nun leicht möglich, die Postulate des Spiritismus zu „belegen“, indem eine beeindruckende Menge alternativer Erklärungen für die darin auftretenden Phänomene in mehr oder weniger überzeugender Form widerlegt werden und anschließend behauptet wird, dass die spiritistische Erklärung noch am besten passt. Und es ist völlig unmöglich, ein beliebiges Postulat zu widerlegen, denn hierfür müsste eine unendliche Reihe von Überprüfungen durchgeführt werden.

Letzteres gilt übrigens auch für so gesichertes Wissen wie das Gravitationsgesetz, das sich mit Leichtigkeit dadurch widerlegen ließe, dass man auch nur an einem einzigen Ort im Kosmos seine wenigstens zeitweilige Ungültigkeit aufzeigt. Wer damit anfangen will, stelle sich irgendwo mit einem Stein hin und lasse ihn immer wieder fallen und warte darauf, dass er einmal schweben bleibt oder gar nach oben fällt! Das Scheitern dieses mühsamen und zeitaufwändigen Ansinnens belegt mikroskopisch wenig und widerlegt nichts. Kein geistig gesunder Mensch käme auf die Idee, einen solchen Versuch ernsthaft zu unternehmen. Und. Die meisten Menschen begnügen sich in dieser Sache mit der einfachen Beschreibung eines nummerischen Zusammenhanges, der von den beteiligten Massen und vom Quadrat ihrer Entfernung abhängig ist, und der immer und immer wieder in allen Größenordnungen beobachtbar ist. Dass dieser Zusammenhang nicht beweisbar ist, nehmen sie hin, weil sie wissen, dass sie nicht alles wissen können.

Anders hingegen die Vertreter der Irrationalität. Diese postulieren Thesen über gewisse Bereiche der Wirklichkeit, die ohne Kenntnis der Thesen gar nicht beobachtbar wären, und sie schließen aus der Unmöglichkeit, diese zu widerlegen, auf die Korrektheit ihrer Thesen. Ob es sich bei den Thesen um Geisterglauben, UFOs, große Verschwörungen oder die gegenwärtigen pseudowissenschaftlichen Theorien des menschlichen Wirtschaftens geht, immer gibt es einen beachtlichen Mangel an harten stützenden Daten und Beobachtungen*, immer wird den wenigen gesicherten Fakten eine einseitige Behandlung zuteil, immer wird darauf verzichtet, Aussagen großer Tragweite direkt zu belegen.

So lange dies jemand nur für seinen eigenen Trost täte, wäre es dumm und harmlos. Wenn jemand meint, dass Jesus Christus ihm tief im Herzen berühre oder das er geistigen Kontakt zu seiner verstorbenen Großmutter erhalten habe, will ich ihm das nicht nehmen, obwohl ich angesichts solchen Futters für den Narzissmus starke Bedenken bekomme. Das Problem fängt dort an, wo daraus weitreichende Folgerungen für andere Menschen abgeleitet werden, wo gar gesellschaftliche Konsequenzen gefordert und mit psychischer oder staatlicher Gewalt durchgesetzt werden, die tief in das Leben anderer Menschen einschneiden. Ob es sich hier um die Idioten handelt, die unter dem irreführenden Wort vom „Kreationismus“ ihre Religion in den Rang einer Wissenschaft erheben wollen, oder ob es sich um die ungleich gefährlicheren Idioten handelt, die von einer Wissenschaft des Wirtschaftens sprechen und aus dieser Sicht den Umbau ganzer Gesellschaften fordern, die Vorgehensweise ist immer gleich. Es gibt keinen direkten Beleg für ihre Thesen, nur im Sinne der Religion oder Ideologie ausgedeutete, indirekte Belege, die sich in erster Linie gegen andere Erklärungsmodelle richten. Diese Ausrichtung gegen andere Modelle verbindet sich meist mit einem gehörigen Maß Polemik. Der Schaden, der aus solchem notdürftig rationalisierten Denkverzicht über die Menschen in den gegenwärtigen Gesellschaften gegossen wird, ist gewaltig.

* Weder hat sich ein Trümmerteil eines abgestürzten UFOs angefunden, das klar als außerirdisch indentifiziert werden konnte, noch hat ein Spiritist oder „mental begabter“ Mensch seine Darbietungen unter scharfen Laborbedingungen erbringen können, noch existieren irgendwo über das bloße, von Koinzidenzen erzeugte Unbehangen hinaus gehende Belege für riesige Verschwörungen. Die jüngsten Ideen der Wirtschaftswissenschaft für den Umbau der Gesellschaften sind vor aller Augen gründlich gescheitert, und die Grundlage dieser Forderungen bestand vor allem in der ideologischen Interpretation statistisch ermittelter Daten. Es ist alles Mumpitz.