Tag Archive: Spiegelbild


Auf die Knie

Bei der Betrachtung eines feierlichen Gottesdienstes sagte der Vorübergehende zu seiner Zeitgenossin: “Menschen, die sich vor jemandem verbeugen oder gar auf die Knie gehen, weil er so groß ist, spiegeln in dieser Geste so lächerlich deutlich wider, dass sie diesen mit ihrer Haltung erst groß machen”.

“Mutti”

Dass es den Menschen in der BRD so leicht fällt, Bundeskanzlerin Angela Merkel spöttisch als “Mutti” zu bezeichnen, ist ein Spiegelbild der gernverdrängten Tatsache, dass Mütter im Regelfall nicht für ihre Kinder da sind, die Entfaltung und jede Erfahrung ihrer Kinder mit willkürlicher Gewalt verhindern, ihren Kindern vorsätzlich Schaden zufügen und ihre Kinder niemals ernst nehmen — denn eines hat noch keine Mutter ihrem Kinde verziehen: Dass der Zwerg einfach wächst und ein richtiger Mensch wird. Die Menschenverachtung der Politik der “alternativlosen Mitte” erscheint als eine natürliche Fortsetzung der grimmigen Nestkälte entvaterter Kinder; die wirtschaftlich so “wertvolle” Entpolitisierung und Infantalisierung ganzer Gesellschaftsschichten setzt einfach nur fort, was früh schon begonnen wurde und sich mit vorbewusster Wirkmacht durch das Leben zieht.

Im Spiegel der Bitcoins

Wenn “Bitcoin” eines deutlich widerspiegelt, dann ist es die vollkommene, psychische Irrationalität des Geldsystemes und der daran geknüpften Idee vom “Wert”.

Star Wars

“Luke Skywalker”, sagte der Vorübergehende zu einem Zeitgenossen, der ihm von einem Disneyfilm erzählte, “ist das US-amerikanische Comic-Abziehbild eines Jihadisten: Ein Mensch, der durch die Religion radikalisiert wird und für ein abstraktes Ziel andere tötet”.

Die Menschen in spätkapitalistischen Gesellschaften unterwerfen sich in blöder Verantwortungslosigkeit einem System, dessen Propagandisten Sicherheit als “Freiheit”, Lohnarbeit als “Autonomie” und Fremdbestimmung als “Selbstfindung” verkauften und tatsächlich — trotz des greif- und offen sichtbaren Unglücks vieler Zeitgenossen — immer noch verkaufen. Die Entfernung zwischen der niemals in der erforderlichen Tiefe betrachteten, lebensverachtenden, alles Miteinander in einen als “Wettbewerb” bezeichneten Kampf auf einem Schlachtfeld voller Überfluss verwandelnden Dummheit der eigenen Gesellschaft und der gruseligen, mörderischen Dummheit des “Islamischen Staates” mag viel weniger weit sein, als es für das “Weiter so” angenehm wäre; die Frage, warum Menschen freiwillig aus der sicheren europäischen Zivilisation in das syrische Gemetzel gehen, wird niemals ohne Hinzutun einer großen Portion Verdrängung betrachtet und damit niemals beantwortet. Wenig überraschend ists, dass die Soldaten unter dem Befehl der Milliardäre gleich hinterherziehen müssen, um “Frieden” und “Freiheit” wiederherzustellen. Der mörderische Terror der “Islamisten” ist ein Spiegelbild des stumpfen, menschenverachtenden Horrors im späten Kapitalismus, dessen obszöne Deutlichkeit den genaueren Blick schwer erträglich macht.

Zeitumstellung

Wer von einer Zeitumstellung spricht, wenn er die Uhr umstellt, zeigt im trüben Spiegel dieses Wortes auch, wie sehr ihm die wegen der Anforderungen des Fabriksystems mechanisch gemessene und von Automaten angezeigte Zeit längst völliger Ersatz für seine Lebenszeit geworden ist.

Landesväterchen und Landesmütterchen

Wie bereitwillig Eltern doch sind, wenn es darum geht, das allgegenwärtige, allsehende Auge des menschenverachtenden Überwachungsstaates an ihren eigenen Kindern zu reproduzieren — und wie wenig sie bereit sind, ihren eigenen Kindern so etwas wie ein Menschenrecht einzuräumen, einfach nur, weil sie lebende Menschen sind. Natürlich. Aus den “besten” Gründen. Und damit genau so wie die Horch- und Mordstaaten der Jetztzeit.

Cocacola

Cocacola ist die konsumierbare Zusammenfassung jener US-amerikanischen Psychohölle, die wie eine Sintflut über die ganze Erde geschwappt ist und scheinbar jede Vernunft mit sich gerissen hat. Das großindustriell hergestellte Getränk schmeckt unerträglich süß, es macht zahnlos, fett und krank — und eine ganze Armee von Hirnbekämpfern, Lügnern und psychischen Aufheizern wird mit Millarden von Dollar dafür bezahlt, den Menschen überall und jederzeit zu erzählen, es handele sich dabei um Sport, Musik, Freude, Freiheit, Spaß und gutes Leben. Und jenen, die den ungesunden Trank nicht trinken mögen, denen aber dennoch die alldurchwaltende Reklame in das Hirn gebissen hat, werden dann “gesündere” Plörren zum Kauf angeboten.

Gefahrene

Das so breitmedial angepriesene und demnächst sicherlich Alltag seiende “selbstfahrende” oder gar “autonome Auto” ist nichts weiter als die Kontinuität des Kinderwagens im Leben widerwillig großgewachsener Menschen — und an die Stelle der “Unterhaltung” durch den Griff nach einem darin angebrachten Gehängsel aus bunten, sinnlosen Figuren, die auch gern mal ein Tönchen von sich geben, wenn sie ergriffen werden, treten nahezu bruchlos die Wischgesten über die Oberflächen der Internetgenussgeräte, um sich während der automatischen Fahrt oder anderer Passivitätsphasen ein bisschen Input in die darbenden Sinne zu geben; ein dürrer kommunikativer fast food gegen den Hunger nach Menschsein. Im Spiegelbild solcher als “Bequemlichkeit” und “Sicherheit” verkaufter Technikverwendung zeigt sich der infantile Charakter der Gesellschaft genau so deutlich wie das auf infantilem Niveau zurückgebliebene Denkvermögen.

Lebensendfigur mit Flügeln

Engelsfigur auf einem Grabstein auf dem hannöverschen Friedhof Engesohde

Immer wieder verblüffend, wie viele menschförmige Figuren mit Flügeln sich auf Friedhöfen finden, um den Tod vergessen zu machen, und wie sie mit tristem Blick steinern zu den Vorübergehenden schauen, ganz wie ein Spiegelbild der bunten, kalten Psyche beim Prozess der Verdrängung.

Dass ausgerechnet Journalisten kritisch anmerken, dass social media dazu führen, dass sich Menschen vollständig innerhalb ihrer selbstgeschaffenen filter bubble bewegen, ist nur der dürftig verlarvte und zudem lächerlich-erbärmliche Trauergesang darüber, dass es nicht mehr Journalisten im Dienst und Brot zentral herausgegebener Print- und Rundfunkmedien sind, die für andere Menschen darüber entscheiden, was für ihr Leben relevant und wichtig ist und wie sie dies auszudeuten haben — mit dem Ergebnis, dass bei vielen Menschen nach ernsthafter Selbstbefragung herauskäme, dass die letzte verbliebene Nachricht von lebenspraktischer Relevanz die Wettervorhersage für den morgigen Tag geworden ist.

“Warum kratzt du mich?” — “Ich bin Journalist und weiß genau, wo es dir juckt”.

Scheinbefriedigung

“Wenn Werber so etwas wie ‘Jedes Jahr ein neues Smartphone‘ auf Plakate stempeln lassen”, sagte der Vorübergehende zu einem, der nicht mehr hören konnte, “dann dokumentieren sie in diesem Spiegelbild nur in gleichermaßen obszöner wie realsatirischer Weise, was die konsumistische Antwort auf das Bedürfnis vieler Menschen nach befriedigender und erfreulicherer Kommunikation ist”.

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