Tag Archive: Bitteres


Schloss

So genanntes Liebesschloss an einer Brücke

Menschen, die in einer noch romantischen Stimmung glauben, dass ihre „Liebe“ am trefflichsten durch ein stabiles, mechanisches Vorhängeschloss aus bestem Stahl symbolisiert wird, sollten sich nicht darüber verwundern, wenn sie sich nach Auflösung des letzten romantischen Nebels in einer Beziehung wiederfinden, die an ein Gefängnis erinnert.

Für U.

Habgier

It’s tenderness, we are living on
So it’s not wonder that we’re all gone

De/Vision: Free From Cares

Es war Habgier, die einen Menschen mutmaßlich dazu brachte, einen Bombenanschlag mit geplanten Todesopfern zu begehen, um einen Börsenkurs zu manipulieren und daraus Profit zu schlürfen. Habgier, jene psychische Regung, die noch vor wenigen Jahrhunderten gemeinhin als eine Todsünde betrachtet wurde, heute aber unter den Begriffen des „Kapitalismus“, des „Marktes“, des „Handels“ und der „Börse“ verlarvt wird, damit sie zur treibenden Grundlage des Miteinanders aller Menschen auf der Welt werden kann.

Zwei Hannoveraner

„Zwei weltweit bekannte Hannoveraner gibt es“, sagte der Vorübergehende zu seinem Zeitgenossen, „Fritz Haarmann und Gerhard Schröder. Und letzterer. War mörderischer“.

Im Supermarkt

Ein psychisch Verkrüppelter, der noch weniger Wunsch als Kraft zum Gehen hat, einer von denen, die jede verfügbare Angst dafür aufbieten, um sich am selbstbestimmten Leben zu hindern, legt mit einer mechanisch wirkenden Geste, der man die Übung ansieht, eine Flasche mit einem Getränk in den Einkaufswagen. Auf dem Etikett steht „Aktiv und Vital“. Er bezahlt. Und er glaubt daran.

Triumph des Unwillens

Taten entstehen nicht aus dem Willen, sondern aus dem Tun. Wie viel Mieses doch schon durch jene überwältigend vielen, vielen Menschen entstanden ist, die taten und tun, was dem ihnen mit allerlei Mitteln aufgeprägten oder aufgezwungenen Willen anderer Menschen entspringt! Überall stehen die Denkmäler für diese psychisch programmierten, biologischen Roboter, die unwillens sind, ihr eigenes Leben zu verleben und im Zweifelsfall jeden anderen umbringen würden, der auf sein eigenes Leben Wert legt.

Verwaltet und erkaltet

Der Zeitgenosse des Vorübergehende sagte dem Bettler erbost „Ich bin doch nicht das Sozialamt“, statt ihm einfach nichts zu geben. Der Zeitgenosse des Vorübergehenden dokumentierte mit diesen Worten, dass er die Menschlichkeit schon längst für einen Verwaltungsakt hält, der — auf einen Antrag hin, der für einige fühlende Menschen demütigender und würdezerbrechender als das Betteln ist — vom Staate in einem technisch optimierten Verfahren gewährt werden muss. Kein Wunder, dachte sich der Vorübergehende, dass es so kalt nach Deutschland geworden ist.

„Hater“

Der Vorübergehende sagte auf den Vorwurf, er sei ein hater kurz, schnell und beinahe etwas zu unüberlegt: „Ich bin lieber ein Hasser als ein Heuchler“.

Der vorletzte Gedanke

„Ich bin nur noch müde davon, traurig zu sein; ich werde jetzt einfach weitermachen, ohne etwas dabei zu fühlen“, sagte sich der Mordläufer vor seinem Mordanschlag.

Problemfrei

„Die Evolution“, sagte der Vorübergehende nach dem Überfliegen einer Tageszeitung voller Krieg, Gier und Dummheit, „hat kein Problem mit hässlichem und grausamen Geschehen“.

Die neue Nachbarin

Die deutsche Frau von nebenan sagte über die neue Nachbarin mit ihren fünf lebhaften Kindern: „Was für eine asoziale Frau“. Die türkische Frau von der anderen Seite nebenan sagte: „Was für eine gesegnete Frau“.

Das Gleichnis vom barmherzigen Sozialpädagogen

Zwei Sozialpädagogen gehen spazieren und sehen einen Mann auf der Straße liegen. Der Mann ist schwer verletzt, liegt in einer beunruhigend großen Blutlache und winselt mit kaum noch vernehmbarer Stimme um Hilfe, sich die Todesangst aus den Augen weinend.

Sogleich schauen sich die beiden Sozialpädagogen an und der eine sagt mit professionell verständnisvoller Stimme zum anderen: „Der, der das getan hat, benötigt dringend unsere Hilfe“. Der andere nickt. Entschlossen und in der Überzeugung, das Richtige und Nötige zu tun, lassen sie den Verletzten liegen und gehen weiter, um den Täter zu finden und ihm zu helfen.

Wenn der verletzte Mann überlebt, bekommt vielleicht auch er eine Hilfe: Einen sozialpädagogisch begleiteten Kurs, in dem er lernt, wie er dem Täter vergibt, sein Trauma überwindet und sich so wiederhergestellt erneut in den Arbeitsmarkt integriert, auf dass er durch freimachende Arbeit wieder ein Gefühl für seinen Selbstwert als Mensch entwickele.

Nach der Wahl gefragt

Nach der Wahl gefragt, warum „wir“ diese AfD-Wähler haben, holte der Vorübergehende tief Luft und fing zu sprechen an:

  1. Leute, die Positionierung und Auftreten der AfD für eine gute Grundlage der Politik halten, sind vor noch gar nicht so vielen Jahren von der CDU/CSU bedient worden. Es gibt in der BRD einen beachtlichen Anteil von Menschen mit einem geschlossenen, „rechten“ Weltbild. Ich schätze diesen Anteil (aus dem Bauch heraus, ohne systematisch erfasste Daten) auf rd. zehn Prozent; in einigen Regionen (große Städte) weniger, in anderen Regionen (kleine Städte, Land) deutlich mehr. Es gefällt mir nicht, dass es diese Menschen gibt, aber das ändert leider nichts an ihrer Existenz. Diese Wahlberechtigten finden ihr Weltbild seit vielen Jahren nicht mehr in CDU/CSU repräsentiert und politisch wirkmächtig. (Das ist stark vereinfacht, denn auch die SPD hatte einen durchaus einflussreichen rechten Flügel; tatsächlich dürfte ein erklecklicher Anteil der AfD-Wähler von der SPD kommen.) Diese „Rechten“ sind nicht irgendwelche Verlierer oder Subkulturanhänger, sondern mitten im Bürgertum verwurzelt. Eine NPD hätten diese Menschen nicht wählen können. Die AfD verkauft sich hingegen erfolgreich als bürgerlich genug, um diesen Wählern zu munden.
  2. Die „große Koalition“ mit ihrer Politik des „Alternativlos“ — TTIP/CETA nur als ein aktuelles Beispiel — weckt bei vielen Menschen den Wunsch nach Alternativen. Die AfD nennt sich – der Werber, der sich das ausgedacht hat, war gut! – sogar selbst eine Alternative. Die anderen antretenden Parteien (mit leichter Ausnahme der Linkspartei, aber auch das blättert langsam ab) hingegen wirken als Bestandteil des gleichen Apparates, der zu überwinden ist. Und eine Stimme für die AfD ist nicht „verschwendet“, sondern hat eine gute Chance, an eine Partei zu gehen, die über fünf Prozent erzielt. Ich gehe davon aus, dass diese Konstellation bei vielen Wählern einen Ausschlag gegeben hat. Übrigens lesen die meisten Wähler vorm Kreuzchenschlagen nicht die Wahlprogramme der Parteien. Das ist angesichts der Tatsache, dass die Wahlprogramme nach der Wahl in der politischen Praxis bedeutungslos sind, auch gar nicht verwunderlich. Kraft und Lebenszeit sind nun einmal beschränkt und werden nur dann für sinnlose Tätigkeiten aufgewändet, wenn diese sinnlosen Tätigkeiten wenigstens einen sinnstiftenden Lustgewinn versprechen.
  3. Im gesamten Gefüge der BRD entsteht beim bloßen Hinschauen der Eindruck gewaltiger Korruption. Das geht von Hauptstadtflughäfen und vergleichbare Milliardengräber des gegenwärtigen Prachtentfaltuingsdranges bis hin zu Autokonzernen, die sich offenbar gut genug in Politik und Verwaltung »einkaufen« konnten, dass es niemals zu ernsthaften Messungen der Emissionen kam, sondern zu manipulierbaren Messverfahren, die dann auch manipuliert wurden. Diese ganze… sorry für das wenig analytische Wort… Scheiße lässt sich am einfachsten und vermutlich am trefflichsten durch Korruption erklären. Ernsthafte Versuche, diese Korruption aufzuklären, zu beenden und die Verantwortlichen haftbar zu machen, gibt es nicht, was einen gewissen Verdacht der allgemeinen Mittäterschaft erweckt. Währenddessen rottet die Infrastruktur weg, verschimmeln die Schulen, verarmen immer mehr Menschen, verblödet die nachwachsende Generation. Mit Ausnahme der Linkspartei und der AfD gibt es keine chancenreich wählbare Partei, der die Wahlberechtigten Abhilfe zutrauen; der CDUSPDCSUFDPGRÜNETC-Apparat hat jegliche Glaubwürdigkeit in der Korruptionsbekämpfung verloren.
  4. Wenn ich „national“ fühlen würde, überkäme mich gewiss angesichts der „Bananigkeit“ dieser Bundesrepublik immer wieder ein Anfall aus Scham und Wut. So ist es bei mir nur noch Zynismus.
  5. Das bestimmende Lebensgefühl vieler Menschen in der BRD ist unter den hier herrschenden und politisch gewollten Umständen ANGST geworden. Angst ist… ja, ich weiß, wie heiter das klingt… ein erhebliches Unlustgefühl, dass selbst bei halbwegs brauchbarer (und Kraft kostender) Verdrängung im gesamten Alltag latent weiterwirkt und den davon befallenen Menschen stark beeinträchtigt. Die AfD — von mir wird diese Abk. gern auch als „Angst für Deutschland“ gedeutet — appelliert direkt an existierende Ängste im Hartz-IV-, Wohnungsmangel- und Niedriglohn-Staat BRD, statt sie hinter den ansosten überall gleichlautenden und nirgends glaubwürdigen Floskeln von „Zukunft, Wachstum, Bildung, Natur, Jugend und Gesundheit“ zu verschweigen. Die AfD bietet nicht die psychische Verdrängung und das „Weiter so“ als Angstabwehr an, sondern eine „andere“ Politik; bis zur Endlösung des Angstproblemes (das natürlich von der AfD völlig im Sinne des Neurotikers gedeutet wird) weiter. Das ist im Moment im chancenreich wählbaren Parteienspektrum ein Alleinstellungmerkmal. Ich kann mir vorstellen, dass sich etliche Wähler der AfD regelrecht „befreit“ fühlen.
  6. Die unmittelbar existenziell wirksame Angst wurde nicht von der AfD erzeugt, sondern durch die gewollte Politik der CDUSPDCSUFDPGRÜNETC. Die jetzt in die BRD kommenden Kriegsflüchtlinge werden als Mitbewerber in einem eng gewordenen Raum von Lebensmöglichkeiten gesehen und katalysieren den individuellen Angstprozess weit über die potenzielle Wählerschaft einer AfD hinaus.
  7. Der gesamte journalistische Betrieb hat — nach einigen Kampagnen, die selbst dem schlichtesten Geist als Kampagnen auffallen mussten — jegliche Glaubwürdigkeit verloren. Das Schlimme am „Lügenpresse“-Ruf derer, die vom islamisierungsbedrohten Abendland faselten, um sich selbst zu beschreiben, das Schlimme an diesem Ruf ist seine deutlich gefühlte Wahrheit. Die gesamte „Linke“ in der BRD hat es versäumt, diese Wahrheit aufzugreifen und in substanzielle Kritik sowie erfolgversprechende Agitation zu verwandeln — vermutlich aus einem falsch verstandenen Antifaschismus heraus, der sich darin genügt, immer das Gegenteil jeweiliger faschistoider Bewegtheit zu vertreten, nicht merkend, dass das Spiegelbild des Faschismus nicht der Antifaschismus ist, sondern nur sein Spiegelbild. Damit wurde dieses wichtige politische Thema dem politischen Mitbewerb überlassen. Die Folgen sind unter anderem Wahlergebnisse mit zwanzig Prozent für die AfD.
  8. Die tagespolitisch aktuelle Armenien-Resolutions-Arschkriecherei von Kanzlerin Angela Merkel gegenüber der gegenwärtigen türkischen Regierung unter Recep Tayyip Erdoğan hat bei mir nur dazu gefürt, dass ich mal wieder getwittert habe. Trotz der unfeinen und wenig sachlich erscheinenden Sprache stehe ich inhaltlich völlig dahinter. Das waren volle zwei bis drei Prozent vom heutigen AfD-Erfolg. Der gesamte Vorgang war einfach nur widerwärtig. So viel kann ein Mensch weder saufen noch kiffen, als dass das anders wahrgenommen werden könnte. Dieser unwürdige Akt fügt sich in eine Reihe mit dem Verhalten der BRD-Regierung in der Böhmermann-Affäre.
  9. Angela Merkel muss weg. (Ernstgemeint. Und nein, nicht wegen der Flüchtlinge. Wegen des Gesamtwerkes. Wegen der Menschen in der BRD. Wegen der Menschen in Europa. Wegen eines »Atomausstieges«, der durch Verfeuerung von Braunkohle getragen wird. Und wegen ihrer einlullend nichtssagenden Sprechblasen, zu denen sie mit den Händen das Bild einer Vulva formt, während sie daran arbeitet, die gesamte Gesellschaft in etwas umzubauen, in dem sehr viele Menschen nicht leben wollen.)

Der Vorübergehende hätte noch lange weitersprechen können, aber weil es eh niemand hören wollte, hörte er einfach damit auf.