Tag Archive: Bitteres


Lehre

„Ich musste die vermutlich fünfzehn besten und kraftvollsten Jahre meines Lebens in einer schweren Depression verbrennen“, sagte der Vorübergehende zum Sklaven seiner dummen Hoffnung, „um zu verstehen, dass die meisten meiner Mitmenschen noch mehr Angst und noch weniger Freude in sich tragen, als ich es in dieser ganzen höllischen Zeit jemals für möglich und erträglich gehalten hätte. Niemals kann ihre Bitterkeit zu Licht werden, niemals können sie verstehen, dass es nur eine Freiheit in ihrem Dasein geben kann: Die Freiheit von Angst“.

Wathosen

„Zu guter Letzt“, sagte der Vorübergehende in seiner zerfallenden Heimat zu seinem Bruder im Staub, „werden sie den Leuten Wathosen geben, damit sie besser und mit geringerer Gesundheitsgefahr durch den Schlamm kommen, und VR-Brillen, damit sie sehen können, wie es einmal war. Und sie werden das Ergebnis ihres Zerstörungswerkes ‚Blühende Landschaften‘, ‚Park‘ und ‚Liebe zum Quartier‘ nennen, und wer es entgegen seinem atemberaubenden Ekel und seiner ob solcher Intelligenzbeleidigungen aufkommenden Wut schafft, ihnen zu widersprechen, wird von einer Horde dienstbereiter Journalisten und unbezahlter Lumpenpropagandisten als ein gefährlicher Antidemokrat und Nazi gebranntmarkt, mit dem niemand mehr etwas zu tun haben sollte“.

Handvoll

„Viele Beziehungen scheitern daran“, sagte der Vorübergehende zu seiner Zeitgenossin, „dass Menschen allen Ernstes daran glauben, dass sie mit den zwei Handvoll Liebe, die sich ab und an einander geben können, für ihr gesamtes Leben in der kalten Welt haushalten können müssten, statt sich eine andere Lebenswirktlichkeit zu suchen oder zu schaffen“.

Lesebuch

„Tatsächlich sind Gesichter die Lesebücher des Lebens“, sagte der Vorübergehende zu seiner Zeitgenossin, „und die vielen täglich von der Contentindustrie in Glotze und Presse präsentierten, chirurgisch optimierten, nahezu faltenfreien Gesichter der Bekannten, Schönen, Herrschenden, Reichen und Besitzenden lassen bei ihrer Lektüre vermuten, dass sie zu Menschen gehören, die niemals in ihrem Leben wirklich gelacht haben, sondern höchstens ein von den Prostituierten abgeschautes, falsches, professionelles Lächeln zustande brachten“.

Zwanzig Jahre später

„In zwanzig Jahren“, sagte der Vorübergehende zum Zeitgenossen, „wird die jetzt jugendliche Generation diese Zeit als eine ‚gute, alte Zeit‘ bezeichnen und sich nach ihr zurücksehnen“.

Umweltheld

Auch für jene, die nicht an einen katastrophalen Klimawandel glauben, stimmt es: Wladimir Putin hat mit seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine mehr für die Klimapolitik der Bundesrepublik Deutschland getan als alle Bundesregierungen der letzten zwanzig, dreißig, vierzig Jahre — egal, welche Lügen auf den Wahlplakaten standen, egal welches Blau in ergreifenwollenden Sonntagsreden vom Himmel heruntergelogen wurde und ebenso egal, welche politische Partei man betrachtet.

Trennung

„Von den meisten Menschen habe ich mich erst richtig getrennt“, sagte der Vorübergehende zum Traurigen, „nachdem ich sie noch einmal wiedergesehen habe“.

Wo das Frauenbild herkommt

„Es gab in meinem Leben eine Phase, in der ich eine Menge Geld verdient habe“, sagte der Vorübergehende zu seiner Zeitgenossin, „und in dieser Phase wurde ich auch von Frauen als viel attraktiver wahrgenommen, ja, sogar manchesmal scharf und mit äußerst kecken Fingern angegangen, in einer Weise, die, wenn sie umgekehrt von einem Mann ausginge, klar als sexuelle Belästigung betrachtet würde. Ich war kein anderer Mensch als heute, ich habe nicht besser ausgesehen, wenn ich auch aus beruflichen Gründen oft einen feinen Zwirn tragen musste, ich hatte keine anderen Interessen, ich hatte nur Geld. Das reicht, damit die Säfte in die Möse fließen. Und jedesmal, wenn ich über mein Leben und meine Gedanken zu diesem Leben sprach, trat mir eine kalte, professionell anmutende Empathiesimulation gegenüber, die den Rest der durchaus überzeugend aufgeführten weiblichen Darbietung so deutlich entlarvte, dass ich mich davor zu ekeln begann“.

Der fünfte März

Знаете, товарищи, что я думаю по этому поводу: я считаю, что совершенно неважно, кто и как будет в партии голосовать; но вот что чрезвычайно важно, это – кто и как будет считать голоса

Stalin

Morgen, am fünften März vor neunundsechzig Jahren, am fünften März des Jahres 1953, starb Josef Wissarionowitsch Stalin — und setzte noch im Verrecken ein Denkmal dafür, dass es den Menschen in Russland nicht gelungen ist, einen verbrecherischen und mörderischen Diktator abzuschütteln, wenn dieser nur verbrecherisch und mörderisch genug gegen die Bevölkerung seines Staats vorging und ansonsten in der alldurchwaltenden Propaganda als „Mann, auf den alle friedliebenden Menschen der Welt blicken und hoffen“ dargestellt wurde. Wer nicht glaubwürdig genug ausdrücken konnte, dass er daran glaubte, starb im Gulag oder durch Genickschuss.

Als Josef Stalin in der Nacht vom ersten auf den zweiten März einen Schlaganfall in seinem Schlafzimmer erlitt, sich deshalb nicht mehr bewegen konnte und auch auf ein Klopfen nicht mehr reagierte, getraute sich am nächsten Tag bis tief in die Nachtstunden hinein keiner seiner Mitarbeiter, das Zimmer einfach zu betreten, um mal nachzuschauen, denn das wäre ein sicheres Todesurteil gewesen, wenn Stalin dieses Eindringen als Anschlagsversuch bewertet hätte. So lag Stalin stundenlang hilflos in der Angst und Einsamkeit, die er selbst im ganzen Land ausgebreitet hat.

Bei der Beisetzung Stalins auf dem Roten Platz war die Anteilnahme der Bevölkerung und der internationalen Anhängerschaft so groß, dass über fünfhundert Menschen im Gedränge zu Tode kamen.

Sein kranker, von Empathie, Selbstreflektion und Einsicht unbelasteter Geist spukt bis heute gruslig durch die Reihen jener Friedens- und Menschenfreunde, die vorgeben, Wohltäter zu sein, die unser aller Leben verbessern wollen [Archivversion]. Wehe den Menschen, wenn diese können, wie sie wollen!

Und wehe den Menschen unter dem Herrschaftsanspruch Wladimir Putins!

Mal

„Die Kinder der Täter bauen das Mahnmal“, sagte der Vorübergehende im Vorübergehen am Mahnmal zu seiner Begleiterin, „nicht die Kinder der Opfer. Mehr muss man über Funktion und Neurose des Mahnmales nicht wissen. Die Juden sind in der nichtjüdischen Gesellschaft viel beliebter, wenn sie tot sind. So erhebende, feierliche Gedenkstunden mit so ergreifender Musik!“

Stille

Es gibt immer wieder Menschen, die aus Erfahrung sprechen. Doch viel häufiger begegnet man im Alltag den Menschen, die aus Erfahrung schweigen.

Meinungsfreiheit

Die Meinungsfreiheit wurde den Menschen nur deshalb so gern in diversen Verfassungstexten und Grundrechtserklärungen gewährt, weil die meisten Menschen seit Jahrhunderten gar keine selbst ausgebildete und anderen Menschen vermittelbare Meinung haben, sondern einfach wiedergeben, was ihnen zuvor mitgeteilt wurde und bei ihnen psychisches Wohlbefinden auslöste. Seit die Mitteilung von Meinungen preiswert, einfach, effizient und unkontrollierbar geworden ist und sich die schon vorher in Jahrhunderten eingeschliffene Übernahme der angenehm klingenden und lustvoll auszusprechenden Meinungen von allen formalen Anforderungen emanzipiert hat, ist diese einst allzuleicht gewährte Meinungsfreiheit ständigen politischen Angriffen ausgesetzt und wird wohl in absehbarer Zeit „zum Schutz der Freiheit und der Demokratie“ völlig abgeschafft werden.