Tag Archive: Bitteres


Eingangs

Wenn die Erde einen Eingang hätte, könnte man über dem Tor ein Schild zur Information der Besucher anbringen: Die Jahrzehnte vergehen, die Zustände bleiben, die Menschen beschäftigen sich unterdessen mit Banalitäten und ihrem eigenen Größenwahn.

Namensgebung

Der Vorübergehende sagte zur schwangeren Zeitgenossin: „Nenn dein Kind bitte ‚Karstadt RWE Deutsche Bank‘, damit es vom Staat BRD auch immer schön geschützt, gefördert, gefüttert und gehört wird, statt nur mit den Lippenbekenntnissen im Wahlkampf psychisch ausgebeutet zu werden“.

Kümmern

Angesichts eines Arztes, der eine kranke, kraftlose und unter Schmerzen leidende, sich mit letzter Energie zum Arzt schleppende, über achtzigjährige Frau an der Praxistür abwies, weil er gerade nicht tätig werden könne, weil es ein Problem „mit dem Server“ gäbe, sagte der Vorübergehende äußerst unhöflich: „Dann kümmern sie sich mal schön um den Server, der scheint es ja zu brauchen“, was beim medizinischen Technokraten aus der Gesundheitshölle schon mehr als nur eine Spur von Wutanfall provozierte. Beim Weggehen sagte er noch zu der Frau: „Dieser Arzt wäre auch im Dritten Reich etwas geworden, nicht so ein Mengele, denn dafür fehlt ihm das Format, aber so ein kleineres, gut von den Zuständen lebendes Ärztchen im Dienste der Volkshygiene“. Und er setzte fort, etwas trauriger: „Die Zustände, die du erlebst, sind die Zustände, die deine Generation geschaffen hat“.

Verdienstorden

„Wenn die Menschen es schließlich schaffen, an ihrer Dummheit auszusterben“, sagte der Vorübergehende zu seinem Bruder im Staub, „dann hatten sie niemals etwas Besseres verdient. Nach uns die Kakerlaken!“

Und führe uns nicht in Versuchung…

Die Versuchungen, die aus dem Glauben der Glaubenden an ihren G’tt erwachsen — von der Kinderquälerei über die Willkürjustiz über das Selbstmordattentat bis hin zum Menschengemetzel des Krieges — waren für die Menschheit stets fürchterlicher, brutaler und mörderischer als die von vielen Glaubenden so sehr gefürchteten Versuchungen durch Satan. Und keine Religion hatte bislang genug Kraft, sich in einer Haltung der Bescheidenheit und Empathie von dieser Versuchung abzuwenden.

Anklage

Jeder ruhige, sensible, aufgeschlossene, friedliebende und intelligente Mann, der, obzwar heterosexuell, den größten Teil seines Lebens verschmäht als Single leben muss, ist eine stille und völlig ungehörte Anklage gegen die Tatsache der Zuchtwahl durch die Frauen.

In dir

„Die Antwort liegt in dir, tief in dir“, sagt der Vergewaltiger zu seinem Opfer.

Lehre

„Ich musste die vermutlich fünfzehn besten und kraftvollsten Jahre meines Lebens in einer schweren Depression verbrennen“, sagte der Vorübergehende zum Sklaven seiner dummen Hoffnung, „um zu verstehen, dass die meisten meiner Mitmenschen noch mehr Angst und noch weniger Freude in sich tragen, als ich es in dieser ganzen höllischen Zeit jemals für möglich und erträglich gehalten hätte. Niemals kann ihre Bitterkeit zu Licht werden, niemals können sie verstehen, dass es nur eine Freiheit in ihrem Dasein geben kann: Die Freiheit von Angst“.

Wathosen

„Zu guter Letzt“, sagte der Vorübergehende in seiner zerfallenden Heimat zu seinem Bruder im Staub, „werden sie den Leuten Wathosen geben, damit sie besser und mit geringerer Gesundheitsgefahr durch den Schlamm kommen, und VR-Brillen, damit sie sehen können, wie es einmal war. Und sie werden das Ergebnis ihres Zerstörungswerkes ‚Blühende Landschaften‘, ‚Park‘ und ‚Liebe zum Quartier‘ nennen, und wer es entgegen seinem atemberaubenden Ekel und seiner ob solcher Intelligenzbeleidigungen aufkommenden Wut schafft, ihnen zu widersprechen, wird von einer Horde dienstbereiter Journalisten und unbezahlter Lumpenpropagandisten als ein gefährlicher Antidemokrat und Nazi gebranntmarkt, mit dem niemand mehr etwas zu tun haben sollte“.

Handvoll

„Viele Beziehungen scheitern daran“, sagte der Vorübergehende zu seiner Zeitgenossin, „dass Menschen allen Ernstes daran glauben, dass sie mit den zwei Handvoll Liebe, die sich ab und an einander geben können, für ihr gesamtes Leben in der kalten Welt haushalten können müssten, statt sich eine andere Lebenswirktlichkeit zu suchen oder zu schaffen“.

Lesebuch

„Tatsächlich sind Gesichter die Lesebücher des Lebens“, sagte der Vorübergehende zu seiner Zeitgenossin, „und die vielen täglich von der Contentindustrie in Glotze und Presse präsentierten, chirurgisch optimierten, nahezu faltenfreien Gesichter der Bekannten, Schönen, Herrschenden, Reichen und Besitzenden lassen bei ihrer Lektüre vermuten, dass sie zu Menschen gehören, die niemals in ihrem Leben wirklich gelacht haben, sondern höchstens ein von den Prostituierten abgeschautes, falsches, professionelles Lächeln zustande brachten“.

Zwanzig Jahre später

„In zwanzig Jahren“, sagte der Vorübergehende zum Zeitgenossen, „wird die jetzt jugendliche Generation diese Zeit als eine ‚gute, alte Zeit‘ bezeichnen und sich nach ihr zurücksehnen“.