Tag Archive: Bitteres


Trennung

„Von den meisten Menschen habe ich mich erst richtig getrennt“, sagte der Vorübergehende zum Traurigen, „nachdem ich sie noch einmal wiedergesehen habe“.

Wo das Frauenbild herkommt

„Es gab in meinem Leben eine Phase, in der ich eine Menge Geld verdient habe“, sagte der Vorübergehende zu seiner Zeitgenossin, „und in dieser Phase wurde ich auch von Frauen als viel attraktiver wahrgenommen, ja, sogar manchesmal scharf und mit äußerst kecken Fingern angegangen, in einer Weise, die, wenn sie umgekehrt von einem Mann ausginge, klar als sexuelle Belästigung betrachtet würde. Ich war kein anderer Mensch als heute, ich habe nicht besser ausgesehen, wenn ich auch aus beruflichen Gründen oft einen feinen Zwirn tragen musste, ich hatte keine anderen Interessen, ich hatte nur Geld. Das reicht, damit die Säfte in die Möse fließen. Und jedesmal, wenn ich über mein Leben und meine Gedanken zu diesem Leben sprach, trat mir eine kalte, professionell anmutende Empathiesimulation gegenüber, die den Rest der durchaus überzeugend aufgeführten weiblichen Darbietung so deutlich entlarvte, dass ich mich davor zu ekeln begann“.

Der fünfte März

Знаете, товарищи, что я думаю по этому поводу: я считаю, что совершенно неважно, кто и как будет в партии голосовать; но вот что чрезвычайно важно, это – кто и как будет считать голоса

Stalin

Morgen, am fünften März vor neunundsechzig Jahren, am fünften März des Jahres 1953, starb Josef Wissarionowitsch Stalin — und setzte noch im Verrecken ein Denkmal dafür, dass es den Menschen in Russland nicht gelungen ist, einen verbrecherischen und mörderischen Diktator abzuschütteln, wenn dieser nur verbrecherisch und mörderisch genug gegen die Bevölkerung seines Staats vorging und ansonsten in der alldurchwaltenden Propaganda als „Mann, auf den alle friedliebenden Menschen der Welt blicken und hoffen“ dargestellt wurde. Wer nicht glaubwürdig genug ausdrücken konnte, dass er daran glaubte, starb im Gulag oder durch Genickschuss.

Als Josef Stalin in der Nacht vom ersten auf den zweiten März einen Schlaganfall in seinem Schlafzimmer erlitt, sich deshalb nicht mehr bewegen konnte und auch auf ein Klopfen nicht mehr reagierte, getraute sich am nächsten Tag bis tief in die Nachtstunden hinein keiner seiner Mitarbeiter, das Zimmer einfach zu betreten, um mal nachzuschauen, denn das wäre ein sicheres Todesurteil gewesen, wenn Stalin dieses Eindringen als Anschlagsversuch bewertet hätte. So lag Stalin stundenlang hilflos in der Angst und Einsamkeit, die er selbst im ganzen Land ausgebreitet hat.

Bei der Beisetzung Stalins auf dem Roten Platz war die Anteilnahme der Bevölkerung und der internationalen Anhängerschaft so groß, dass über fünfhundert Menschen im Gedränge zu Tode kamen.

Sein kranker, von Empathie, Selbstreflektion und Einsicht unbelasteter Geist spukt bis heute gruslig durch die Reihen jener Friedens- und Menschenfreunde, die vorgeben, Wohltäter zu sein, die unser aller Leben verbessern wollen [Archivversion]. Wehe den Menschen, wenn diese können, wie sie wollen!

Und wehe den Menschen unter dem Herrschaftsanspruch Wladimir Putins!

Mal

„Die Kinder der Täter bauen das Mahnmal“, sagte der Vorübergehende im Vorübergehen am Mahnmal zu seiner Begleiterin, „nicht die Kinder der Opfer. Mehr muss man über Funktion und Neurose des Mahnmales nicht wissen. Die Juden sind in der nichtjüdischen Gesellschaft viel beliebter, wenn sie tot sind. So erhebende, feierliche Gedenkstunden mit so ergreifender Musik!“

Stille

Es gibt immer wieder Menschen, die aus Erfahrung sprechen. Doch viel häufiger begegnet man im Alltag den Menschen, die aus Erfahrung schweigen.

Meinungsfreiheit

Die Meinungsfreiheit wurde den Menschen nur deshalb so gern in diversen Verfassungstexten und Grundrechtserklärungen gewährt, weil die meisten Menschen seit Jahrhunderten gar keine selbst ausgebildete und anderen Menschen vermittelbare Meinung haben, sondern einfach wiedergeben, was ihnen zuvor mitgeteilt wurde und bei ihnen psychisches Wohlbefinden auslöste. Seit die Mitteilung von Meinungen preiswert, einfach, effizient und unkontrollierbar geworden ist und sich die schon vorher in Jahrhunderten eingeschliffene Übernahme der angenehm klingenden und lustvoll auszusprechenden Meinungen von allen formalen Anforderungen emanzipiert hat, ist diese einst allzuleicht gewährte Meinungsfreiheit ständigen politischen Angriffen ausgesetzt und wird wohl in absehbarer Zeit „zum Schutz der Freiheit und der Demokratie“ völlig abgeschafft werden.

Der Weg damit hieß: weg damit!

Irgendwo zwischen der Transformation von Frauenstudien zu Gender Studies und der Transformation von Universitätsjuristen zu Risikomanagern scheinen wir die Klitoris verloren zu haben.

Alice Dreger

Liebe

„Sie behandeln die Autos viel besser als menschliche Wesen“, sagte der Vorübergehende zu seiner Zeitgenossin, „sie geben ihren Autos reichlich und regelmäßig Liebe“.

Ruine

Nach seinem Besuch beim Mitmenschen Spießer notierte der Vorübergehende: „Die Wohnung war für den Anschein schön und hell, aber der Rest des Lebens wohnte wohl schon seit Jahrzehnten in einer dämmrigen Ruine aus Angewohnheiten und Angstabwehr“.

Die Influencerin

…und am Ende des anstrengenden Tages wird zur Entspannung diese Influencerin angeschaut, dieses Bewundernswerte, die immer so hübsch aussieht mit ihrer stundenlang hergestellten Frisur und Schminkung, und diese erzählt mit wie gewohnt etwas übertriebener Gestik und viel zu dynamischer Stimme — irgendwie muss man ja den längst erlittenen Verlust echter Gefühle überspielen — dass sie heute das schönste Kleid trägt, das sie jemals getragen hat, natürlich nicht, ohne die Nennung der Marke zu vergessen und ihren Abonnenten einen 10-Prozent-Rabatt-Link in die Videobeschreibung zu setzen. Wenn man hinschaut, was sie trägt, ist es eine eng anliegende Zwangsjacke mit sehr fest gezogenen Gurten. Hach, wie sich die Nippel ihrer Brüste auf dem straffen Stoff abzeichnen!

#allesdichtmachen

„Dieses #allesdichtmachen war schon ziemlich dumm“, sagte der Vorübergehende zu seiner Zeitgenossin, „aber es war keine Verhöhnung der Toten und der von der Seuche betroffenen Lebenden, sondern eine Verhöhnung des politisch-journalistischen Komplexes, seiner Kommunikationsversuche, seiner Pathossimulation, seines zynischen und billigen Applauses für jene, die die Arbeit machen, und seiner menschenverachtenden marktkonformen Seuchenbekämpfung. Die tägliche Verhöhnung der Opfer kommt immer noch zusammen mit manifester Coronaleugnung aus den Staatskanzleien der BRD-Bundesländer und von der Berliner Regierungsbank, und sie ist viel empörender — und nach über einem Jahr angesammelten Kenntnisstandes der Täter übrigens auch vorsätzlich körperverletzend und mörderisch: Während die Büros voll sind und die Schulen unter dem Banner angeblicher Bildung und angeblichen Kindswohles zu Zwangsorten der Volksdurchseuchung gemacht werden, gibt es nächtliche Ausgangssperren, als käme die Seuche vom fahlen Mondlicht und aus der frischen Luft angeflogen und breitete sich nicht dort aus, wo Menschen lange Zeit in geschlossenen Räumen beieinander sein müssen. Die Dummheit von #allesdichtmachen ist nur ein ziemlich unterbelichtetes Spiegelbild, das angemessen verspottet gehört, während der Angriff und die erbarmungslose Kritik ausschließlich denen zu gelten hat, die für das Ausbleiben wirksamer Seuchenbekämpfung verantwortlich sind und dabei so korrupt sind, dass sie mindestens zum Teil offenkundig in die eigene Tasche gewirtschaftet haben. Wenn man ein Verschwörungstheoretiker wäre, könnte man auf die Idee kommen, #allesdichtmachen sei heimlich von der Bundesregierung veranstaltet worden, um vom eigenen Versagen und von der eigenen Korruption abzulenken“.

Totenstarre

Als der von bürgerlicher Esoterik Verblendete zu ihm sagte, der Tod sei nur ein Übergang, ein Wechsel, eine Bewegung, ein Neuanfang, da hätte der Vorübergehende beinahe gefragt: „Wie gleichförmig, langweilg, reglos, repetitiv muss das Leben eines Menschen geworden sein, dass er sich eine Quatschreligion ausdenkt, in der er alle eigentlichen Attributes des Lebens dem Tode zuschreibt?“. Aber er hat es nicht gefragt, denn es wäre sowieso zu spät gekommen. Nachdenken und lernen können nur die Lebenden.