Tag Archive: Kälte


Begräbnis

„Das Deprimierendste und Zermürbendste an dieser Trauerfeier“, sagte der Vorübergehende nach der Beerdigung, „ist ihr kalter, geschäftsmäßiger Ablauf gewesen“.

Die Bankangestellte

Es begab sich eines Tages, dass der Vorübergehende von einem bettlägerig kranken Freund gebeten wurde, zur Bank zu gehen und ein wenig Bargeld abzuholen und einen Einkauf zu erledigen. Der Vorübergehende sah darin kein besonderes Problem, nahm eine Plastikkarte und eine ihm mitgeteilte vierstellige Nummer entgegen und fuhr auf seinem Fahrrad zur Bankfiliale, um fünfzig Euro aus einem Automaten zu ziehen.

Die beiden Geldautomaten in der Filiale waren kaputt.

Da ging der Vorübergehende in die Schalterhalle und versuchte, mit der Karte am Schalter fünfzig Euro abzuheben. Dies wurde ihm verweigert, und die Bankangestellte sagte: „Das kann ich nicht machen. Sie müssen mir eine Vollmacht und einen Personalausweis vorlegen“. Auch sein Einwand, er könne ohne weiteres die PIN nennen, mit der der Automat Geld herausgibt, wurde nicht akzeptiert.

Daraufhin fragte der Vorübergehende zum Schein mit ruhiger Stimme die Bankangestellte: „Finden sie es nicht auffällig, dass ein relativ primitiver Roboter an ihrem Arbeitsplatz mehr Rechte hat als sie? Dieser zurzeit defekte Roboter hat von ihrem Brötchengeber die Berechtigung erhalten, auf Vorlage einer Karte und Eingabe einer vierziffrigen Zahl mehrere hundert Euro auszuzahlen, aber sie benötigen für eine derartige Berechtigung die Vorlage und mutmaßlich illegal angefertige Fotokopie eines Ausweispapieres der Bundesrepublik Deutschland und eines weiteren Dokumentes. Und finden sie es nicht fürchterlich, dass sie hier noch weiterarbeiten, obwohl ihr Brötchengeber der Meinung ist, einer dummen, programmierbaren Maschine mehr Kompetenz und Rechte als einem Menschen zuweisen zu können und in dieser technokratischen Geste seinem unerfreulichen Menschenbild Ausdruck verleiht? Ich wünsche ihnen noch einen guten Tag“.

Valentinstag

„Ich lebe unter Menschen“, sagte der Vorübergehende zum tauben Ohr neben seinen Füßen, „die sich eigens einen Tag in ihre Kalender stempeln lassen, an dem sie sich mal zeigen, dass sie sich gernhaben“.

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Screenshot via @benediktg@gnusocial.de.

Verwaltet und erkaltet

Der Zeitgenosse des Vorübergehende sagte dem Bettler erbost „Ich bin doch nicht das Sozialamt“, statt ihm einfach nichts zu geben. Der Zeitgenosse des Vorübergehenden dokumentierte mit diesen Worten, dass er die Menschlichkeit schon längst für einen Verwaltungsakt hält, der — auf einen Antrag hin, der für einige fühlende Menschen demütigender und würdezerbrechender als das Betteln ist — vom Staate in einem technisch optimierten Verfahren gewährt werden muss. Kein Wunder, dachte sich der Vorübergehende, dass es so kalt nach Deutschland geworden ist.

Weihnachten

Ein Weihnachtsbaum, der an der ausgesprochen hässlichen und kalten Fassade des hannöverschen Funkhauses aufgestellt ist

Populismus (2)

„Je stumpfer und aussichtsloser die Menschen ihre Leben zu verleben haben, desto schärfer müssen die psychischen Reize werden, mit denen sie sich ihre Zeit auf Erträglichkeit würzen“, dachte sich der Vorübergehende, als ihm jemand die AfD als „Alternative“ nahelegte. Nichts ist kälter als die Psyche.

Je suis stupide

Sie hashtaggen „Je suis Berlin“, ganz so, als ob man hier französisch spräche oder als ob „Ich bin Berlin“ unanständig klänge. In der Schablonen- und Phrasenhaftigkeit der Reaktionen spiegelt sich jener nach pawlowscher Methodik massenmedial aufkonditionierte Reflex wider, der unter Umgehung höherer Funktionen des Gehirnes zum Verhalten (und nicht zum Handeln) wird, und sei es auch noch so dumm, maschinenhaft, kalt und sinnlos — hauptsache, es sorgt für eine schnelle emotionale Abfuhr des Individuums in der gleichsam post- wie parareligiös vorgetragenen Liturgie der Masse.

Tweet von @PolizeiBerlin_E (PolizeiBerlinEinsatz, verifizierter Twitter-Account): Bitte verbreiten Sie keine Videos vom Ereignisort im Netz.So schützen Sie die Privatsphäre der Opfer & ihrer Angehörigen. #Breitscheidplatz

Leider wurde diese für jeden Menschen mit einer Grundausstattung an Empathie nachvollziehbare Aufforderung weder an die direktübertragenden Fernsehsender mit ihren bewegten und bewegenen Bildern direkt vom Tatort noch an die Gossenjournalisten von bild (punkt) de gegeben, die sofort ihren Artikel „mit Video“ fertig hatten und routiniert einen Live-Ticker mit den Bildern des Anschlags nachlegten — beide in erster Linie, um die so geschaffene Aufmerksamkeit für die Werbeplätze umso besser vermarkten zu können. Vermutlich handelt es sich um das gleiche Geschmeiß, das morgen schon in seinen fake news über die gleichermaßen respektlosen wie verlogenen, stets um Aufmerksamkeit buhlenden Internetnutzer reden wird, denen man sofort gesetzliche Schranken und eine weitgehende Zensur auferlegen muss.

Alle Screenshots von bild (punkt) de via @benediktg@gnusocial.de — mich lässt dieses Drecksblatt zum Glück nicht mitlesen, weil ich nicht gewillt bin, Sicherheitseinstellungen meines Webbrowsers zu lockern.

Das Gleichnis vom barmherzigen Sozialpädagogen

Zwei Sozialpädagogen gehen spazieren und sehen einen Mann auf der Straße liegen. Der Mann ist schwer verletzt, liegt in einer beunruhigend großen Blutlache und winselt mit kaum noch vernehmbarer Stimme um Hilfe, sich die Todesangst aus den Augen weinend.

Sogleich schauen sich die beiden Sozialpädagogen an und der eine sagt mit professionell verständnisvoller Stimme zum anderen: „Der, der das getan hat, benötigt dringend unsere Hilfe“. Der andere nickt. Entschlossen und in der Überzeugung, das Richtige und Nötige zu tun, lassen sie den Verletzten liegen und gehen weiter, um den Täter zu finden und ihm zu helfen.

Wenn der verletzte Mann überlebt, bekommt vielleicht auch er eine Hilfe: Einen sozialpädagogisch begleiteten Kurs, in dem er lernt, wie er dem Täter vergibt, sein Trauma überwindet und sich so wiederhergestellt erneut in den Arbeitsmarkt integriert, auf dass er durch freimachende Arbeit wieder ein Gefühl für seinen Selbstwert als Mensch entwickele.

„Logik“ der Kälte

„Ich kann doch nicht jedem helfen“, sagte er und half niemanden.

Über tausend Herzchen…

Tweet von @PolizeiMuenchen, verifizierter Account: Eine traurige Nachricht: Die Zahl der Toten steigt auf 8. #Schießerei #oez #münchen -- Gefällt: 1083