Tag Archive: Tod


Abwehr

Religion ist nichts weiter als eine Abwehr des gefühlt endlosen Stroms der Ängste, die von der Thanatophobie hervorgebracht werden, und das sich Religion viel deutlicher auf den Tod als auf das Leben ausrichtet, ist das klarste Spiegelbild. Gott ist der Tod selbst. Die missionarischen Mörder, die im Namen ihres Gottes den Tod über die Welt tragen, leben, als hätten sie das verstanden, aber sie denken leider nicht so.

Gewohnheit

Bei vielen Menschen ist das Leben eher so eine Angewohnheit, die ihnen vertraut geworden ist und die sie deshalb nicht aufgeben wollen, als ihre aktiv und bewusst gestaltete, einmalige Zeit.

Blut- und Todeskult

Im Kirchengebäude flüsterte der Vorübergehende zu seinem Begleiter: „Die Freunde möglichst realistischer Darstellungen von Mord und Folter werden in einer kath. Kirche niemals enttäuscht sein“.

Geistestod

„Die Toten“, sagte der Vorübergehende im Vorübergehen an einem Friedhof zu seinem Zeitgenossen, „sind die, in denen nichts mehr wirklich denkt, in denen immer alles schweigt und in denen nichts mehr zur Aufruhr gereizt werden kann, völlig egal, was man mit ihnen macht. Und die idealen, von Politikern herbeigesehnten oder mit Gewalt heranerzogenen ‚Staatsbürger‘ sind ihnen verblüffend ähnlich“.

Die Vorfahren

Als der Vorübergehende mit einem Menschen sprach, der ihm immer wieder von den großen Leistungen Deutschlands in der Vergangenheit und von den großen deutschen Ingenieuren und Wissenschaftlern, Dichtern und Musikern erzählte, sagte der Vorübergehende nur: „Du klingst wie jemand, der lebt und auf seine Familie stolz ist, obwohl in dieser die Toten viel mehr wert sind als die Lebenden“.

Ruhe in Frieden

Dass so häufig „Ruhe in Frieden“ in die Grabsteine gemeißelt wird, ist ein Spiegelbild der Tatsache, dass den Menschen von ihren Mitmenschen so selten ein Leben in Frieden ermöglicht wird.

Die Zombieapokalypse der Gesellschaft

Diese Gesellschaft ist voller Menschen, deren Geist zwar schon mit dreißig Jahren oder noch früher gestorben ist, deren Körper aber erst mit achtzig Jahren beerdigt wird.

Posthume Beliebtheit

„Geizige Menschen“, sagte der Vorübergehende zu seinem Zeitgenossen, „sind nur bei Erben beliebt. Und auch dort erst nach ihrem Tod“.

Sanftmut

Zu seinem Zeitgenossen sagte der Vorübergehende: „Was dir wie eine weise Sanftmut des Alters vorkommt, wie eine Geburt aus Erfahrung und Reflexion, ist eine Schlaffheit und Resignation, die erst von voranschreitender Kraftlosigkeit und schließlich von Leblosigkeit gefolgt werden wird“.

Rechtschreibfehler

Als Thomas de Mahy, Marquis von Favras sein Todesurteil las, sagte er „Ich sehe, dass ihr drei Rechtschreibfehler gemacht habt“. Es waren seine letzten Worte. Seit Geist weht seitdem kalt, kernverfehlend und besserwisserisch durch die Schulen, durchs Bürgertum und durchs Internet, leider im Regelfall ohne tödliche Folgen.

Das Schicksal der Radfahrer

Was für ein seltsames Schicksal diese Radfahrer aber auch haben, dass sie niemals von einem Autofahrer totgefahren, sondern stets nur von einem Auto erfasst werden. In der hirnfickenden Pseudoobjektivität der journalistischen Sprachgebräuche in Presse und Glotze spiegelt und bestärkt sich die eiskalte Menschengruppenverachtung der bürgerlichen Gesellschaft, die immer erst dann als Metastase des Faschismus erkannt und verworfen wird, wenn die verachteten Gruppen nach ihrer Herkunft, Sprache, Kultur oder Genetik benannt werden.

Achtung

Die Toten werden mehr als die Lebenden geachtet, nicht zuletzt deshalb, weil sie sich gegen die leicht instrumentalisierbare Heuchelei der Achtung nicht mehr widersprechend zur Wehr setzen können.