Tag Archive: Tod


Vorausschau zurück

„Die alle Brücken hinter sich abreißen“, sagte der Vorübergehende zu seiner Zeitgenossin, „sehen neue Brücken vor sich, auf denen sie ihre Stiefel im Schnee erproben wollen. Nur sehr selten und niemals ohne eine damit verbundene, tiefe existenzielle Krise verlässt ein Mensch alles, was er kennt, ohne dabei etwas anderes, vertraut und gar nicht allzu neu anmutendes vor sich zu sehen. Die, die verlassen, verlassen nicht, sondern gehen zum Gleichen oder zu seinem ebenso vertrauten Spiegelbild: Von der Religion zur anderen Religion oder zur Ideologie, von der mies bezahlten Arbeit zum ungerecht entlohnten Job, vom Lebenspartner zur verblüffend ähnlichen großen Liebe, von der Arbeiterbewegung zum Faschismus, von der repräsentativen ‚Demokratie‘ mit ihrer Parteienoligarchie zur Diktatur, vom Pazifismus zum gerechten Krieg. Ohne eine tiefe und persönliche existenzielle Krise und das damit verbundene Leiden ist noch niemand wirklich klug, heiter, klar und einsichtig geworden; und wer nicht klug wird, bleibt sein Leben lang ein Häftling der eigenen Psyche, voller Angst vor allem Neuen und reißt erst dann die Brücken ab, wenn er tot ist“.

Wenn jemand stirbt

Wenn jemand stirbt, ist das Schlimmste für die Weiterlebenden die Einsicht, dass sie fortan ohne ihn auskommen müssen und auskommen werden. In dieser Einsicht spiegelt sich die für Narzissten völlig ungenießbare zusätzliche Einsicht, dass sich der Kosmos prächtig ohne einen selbst behelfen wird, die dann aber schnellstmöglich wieder vergessen wird — was schade ist, denn sonst wäre das Leben der Menschen viel heiterer, wärmer und vernünftiger.

Wehrlos

Im Vorübergehen am Mahnmal sagte der Vorübergehende zu seinem Zeitgenossen: „Niemand ist so wehrlos wie die Toten, die von den lebenden Nachfolgern ihrer Mörder instrumentalisiert werden“.

Der fünfte März

Знаете, товарищи, что я думаю по этому поводу: я считаю, что совершенно неважно, кто и как будет в партии голосовать; но вот что чрезвычайно важно, это – кто и как будет считать голоса

Stalin

Morgen, am fünften März vor neunundsechzig Jahren, am fünften März des Jahres 1953, starb Josef Wissarionowitsch Stalin — und setzte noch im Verrecken ein Denkmal dafür, dass es den Menschen in Russland nicht gelungen ist, einen verbrecherischen und mörderischen Diktator abzuschütteln, wenn dieser nur verbrecherisch und mörderisch genug gegen die Bevölkerung seines Staats vorging und ansonsten in der alldurchwaltenden Propaganda als „Mann, auf den alle friedliebenden Menschen der Welt blicken und hoffen“ dargestellt wurde. Wer nicht glaubwürdig genug ausdrücken konnte, dass er daran glaubte, starb im Gulag oder durch Genickschuss.

Als Josef Stalin in der Nacht vom ersten auf den zweiten März einen Schlaganfall in seinem Schlafzimmer erlitt, sich deshalb nicht mehr bewegen konnte und auch auf ein Klopfen nicht mehr reagierte, getraute sich am nächsten Tag bis tief in die Nachtstunden hinein keiner seiner Mitarbeiter, das Zimmer einfach zu betreten, um mal nachzuschauen, denn das wäre ein sicheres Todesurteil gewesen, wenn Stalin dieses Eindringen als Anschlagsversuch bewertet hätte. So lag Stalin stundenlang hilflos in der Angst und Einsamkeit, die er selbst im ganzen Land ausgebreitet hat.

Bei der Beisetzung Stalins auf dem Roten Platz war die Anteilnahme der Bevölkerung und der internationalen Anhängerschaft so groß, dass über fünfhundert Menschen im Gedränge zu Tode kamen.

Sein kranker, von Empathie, Selbstreflektion und Einsicht unbelasteter Geist spukt bis heute gruslig durch die Reihen jener Friedens- und Menschenfreunde, die vorgeben, Wohltäter zu sein, die unser aller Leben verbessern wollen [Archivversion]. Wehe den Menschen, wenn diese können, wie sie wollen!

Und wehe den Menschen unter dem Herrschaftsanspruch Wladimir Putins!

Sowohl mit religiös wie auch mit ideologisch verblendeten Menschen ist — übrigens völlig unabhängig von der konkreten Religion oder Ideologie — das Argumentieren sinnlos, kraftraubend und eine Verschwendung beschränkter Lebenszeit, die man, so man sie dafür aufwändet, nicht zurückbekommt. Wer eine Tatsache ablehnen will, wird für seine Ablehnung immer Gründe finden, gute müssen es ja für diesen Zweck nicht sein. Und diese Gründe, die meist in lebenslangen Kaskaden auseinander entstehen, bis endlich wenigstens einer gefunden ist, der als rational unangreifbare Festung erbaut ist, werden immer mindestens so überzeugend sein, dass sie den ablehnenden Menschen selbst überzeugen, so absurd sie auch sein mögen. Fürwahr, da hört jeder Streit auf, wenn man bemerkt, dass man nicht unendlich Kraft und Zeit dafür hat. Aber man ist gegenüber den intellektuell Unbewaffneten nicht vollends wehrlos, wenn sie in der warmen und sämigen Wonne ihrer dummen, lustsuchenden Psyche ein lebenslanges Vollbad nehmen; es bleibt immer noch der ätzende Spott auf die Dummheit und die Selbstverranntheit religiös und ideologisch verblendeter Menschen, und es bleibt immer noch das viel sinnvollere Gespräch mit den vielen Menschen, die Argumenten gegenüber offen sind.

Aber wehe, wehe, wehe den denkenden und fühlenden Menschen, die vor Religion und Ideologie nicht fliehen können und nur ein Leben im tierernst-psychischen Sumpf der Anderen vor sich haben! Möge wenigstens ihre Leiche lächeln!

Vergessen

Als der Vorübergehende in einem Nachruf die Phrase „Wir werden sie niemals vergessen“ las, wusste er, dass das Vergessen schon längst begonnen hat.

Christliche Sänfte

Das Unerträgliche am Paradies der Christen ist es, dass man dorthin nur im Sarg getragen werden kann.

Totenstarre

Als der von bürgerlicher Esoterik Verblendete zu ihm sagte, der Tod sei nur ein Übergang, ein Wechsel, eine Bewegung, ein Neuanfang, da hätte der Vorübergehende beinahe gefragt: „Wie gleichförmig, langweilg, reglos, repetitiv muss das Leben eines Menschen geworden sein, dass er sich eine Quatschreligion ausdenkt, in der er alle eigentlichen Attributes des Lebens dem Tode zuschreibt?“. Aber er hat es nicht gefragt, denn es wäre sowieso zu spät gekommen. Nachdenken und lernen können nur die Lebenden.

Wohnungspolitik

Als der Zeitgenosse ihm sagte, dass er den Eindruck habe, die Mieten würden erstmals seit Jahren ein bisschen sinken, sagte der Vorübergehende: „Dann sieht es jetzt also so aus, als würde das Coronavirus durch erhöhte Sterbezahlen in den Städten eine wirksamere Wohnungspolitik betreiben als sämtliche politische Parteien der Bundesrepublik Deutschland in den letzten vierzig Jahren“.

Bei Gott

Als der Vorübergehende über einen Verstorbenen hörte, er sei jetzt bei Gott, dachte er sich, dass dieser Mensch während seines Leben wohl nicht bei Gott gewesen sein wird.

Der Kern der Religion

„Menschen, die kaum wissen, was sie mit ihren paar Jahren Lebenszeit anfangen sollen und die schon diese fressende, grollende Leere in sich spüren, wenn sie seuchenbedingt mal ein paar Monate lang weniger Ablenkung als gewohnt haben“, sagte der Vorübergehende zu seinem Gefährten, während sie an einer Kirche vorübergingen, „wünschen sich ein ewiges Leben“.

101-Jährige schleicht sich aus Senoirenheim -- Um ihrer Tochter zum Geburtstag zu gratulieren, hat sich eine 101 Jahre alte Frau aus einem Braunschweiger Seniorenheim geschlichen. Sie habe dafür den Notausgang genommen, teilte die Polizei gestern mit. Gegenüber den Beamten bestritt sie zunächst, dass sie in dem Altenheim lebt. Im Gespräch mit der Tochter stellte sich aber heraus, dass sie dort seit zwei Wochen wohnt, ihre Tochter aber schmerzlich vermisst. Zumindest aus dem Streifenwagen heraus konnte die Seniorin ihre Tochter kurz sehen, bevor die Polizisten sie ins Heim zurückbrachten.

Wer in einen der diversen rechtsfreien Räume in der BRD kommt, die im Regelfall von den großen christlichen Kirchen der BRD errichtet wurden und die für obszön viel Geld des Staates und der staatlich vorgeschriebenen Zwangsversicherungen aufrechterhalten werden (ohne die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen angemessen zu entlohnen), hat keine Menschenrechte mehr und ist reine Verfügungsmasse geworden. Das damit verbundene unmenschliche Unrecht wird von allen Behörden und Polizeien der BRD mit aller Gewalt unterstützt, es macht im Wirtschaftsfaschimus ja jeder nur seinen Dienst. Es ist gut, das zu wissen und immer ein wirksames Gift dabei zu haben. Lieber ein Ende in schmerz- und bewusstloser Atemdepression als ein bewusstes Erleben der finanziell äußerst lukrativen Entrechtung und Verwurstung.

Ich habe das schon mit acht Jahren als vollständig entrechteter Mensch in der christlichen Folterhölle eines ev.-luth. Kinderheimes gelernt. Andere lernen es leider erst, wenn sie alt sind und sich kaum noch helfen können.