Tag Archive: Tod


Morgen

„Es ist morgen nicht besser und auch nicht leichter“, sagte der Vorübergehende zu seinem mürrisch die Passivität und den Bückgang rationalisierenden Zeitgenossen, „aber du bist morgen einen Tag älter“.

Begräbnis

„Das Deprimierendste und Zermürbendste an dieser Trauerfeier“, sagte der Vorübergehende nach der Beerdigung, „ist ihr kalter, geschäftsmäßiger Ablauf gewesen“.

Rest in pain!

Heute vor achtzehn Jahren ist nach einem viel zu langen und vor allem für andere Menschen aufs Ärgste folgenreichen Leben der prägende hannöversche Stadtplaner Rudolf Hillebrecht gestorben, der Zeit seines Lebens und mit beachtlichem Erfolg an der Fortsetzung der britischen Luftangriffe des Zweiten Weltkrieges mit architektonischen Mitteln gearbeitet hat.

Gut, dass dieser Schreibtischtäter nie wieder aufsteht!

Vom Blümchenabwurf auf seinem Grab auf dem Engesohder Friedhof bitte ich abzusehen. Eine gewisse Düngung des wehrlos den Kadaver ertragenen Bodens ist wesentlich angemessener.

Er-Schöpfungsgeschichte

„Es werde Nichts“, sagte der weise Sterbende.

„Es ist ja nicht so, dass die Journalisten überhaupt keinen Begriff von Würde hätten“, sagte der Vorübergehende zum Blinden mit seinen sehenden Augen, „schau nur, sie haben ihren Zuschauern und Zulesern einen ganzen Lastwagen voller Leichen von Flüchtlingen gezeigt, und sie haben keinen einzigen der toten Menschen unkenntlich gemacht. Der Begriff des Journalisten von der Würde spiegelt sich dennoch darin, dass sie das auf dem Lkw aufgedruckte Firmenlogo verpixelt haben“.

Nein, ich bringe das Foto nicht…

Kiosktod

Foto eines Kiosks in Hannover-Linden, dessen Betreiber kürzlich an einem Herzinfarkt gestorben ist -- Kerzen, Blumen und Abschiedsbriefe seiner trauernden Kunden

Als der Kioskbetreiber starb, der einige Straßen in Hannover-Linden mit Tabak, Zigaretten, Bier und Zeitschriften versorgte, füllte sich die entsetzlich leere Ecke seines Ladens mit Kerzen, Blumen und Kondolenzbriefen seiner trauernden Kunden. Dem Angestellten im Supermarkt könnte das nicht passieren, denn er arbeitet, ist als Mensch in dieser Tätigkeit austauschbar und somit in der Wahrnehmung vollständig entmenscht.

„Vollbeschäftigung“ in immer würdeloseren Arbeitsverhältnissen gilt immer noch allen Parteien als wichtiges gesellschaftliches Ziel.

Das Drama

Wenn massenhaft gestorben wird, spricht der Journalist aus Presse und Glotze vom „Drama“, damit die Zuschauer und Zuleser sich auch entspannt zurücklehnen und die Darbietung des medialen Theatersaales genießen mögen. Und zwischendurch: Den Pausensnack aus der Werbung, so lecker, flockig und leicht…

Das Geld

Nach der Massenpanik mit 36 Toten in Schanghai stehen die Menschen in der chinesischen Hafenmetropole unter Schock […] Auslöser waren aber offenbar Coupons oder Neujahrsgeld, das wie 100-Dollarscheine aussah und das jemand aus einem Club im dritten Stock auf den überfüllten Platz geworfen hatte.

Die Leute hätten gerufen „da wird Geld geworfen“; viele hätten die Scheine aufsammeln wollen. Daraufhin sei Chaos ausgebrochen und die ersten seien niedergetrampelt worden, berichteten Augenzeugen

tagesschau.de — 36 Tote bei Massenpanik am Silvesterabend: Shanghai unter Schock

Nachtrag, 2. Januar 2014, 19:15 Uhr

Ein Polizeisprecher wies Berichte von Augenzeugen zurück, wonach nachgemachte Geldscheine, die aus einem Fenster geworfen wurden, das tödliche Gedränge auf der Uferpromenade der Hafenstadt ausgelöst hätten. „Das passierte nach der Massenpanik“, sagte er

tagesschau.de — Nach Massenpanik mit 36 Toten: Polizei in Schanghai räumt Fehler ein

Tuğçe¹

Wenn Türken in der BRD tot sind, scheint es unter bestimmten Umständen durchaus denkbar, dass sie mit großen staatlichen Ehren beerdigt werden und dass es zu einer großen Anteilnahme vieler Menschen kommt, ja, sogar die posthume Verleihung eines Bundesverdienstkreuzes klingt gar nicht mehr absurd. Solange sie freilich in der BRD leben oder gar überleben, interessiert sich niemand für sie.

¹Übrigens, Qualitätsjournisten: Inzwischen gibt es Unicode und man kann solche Sonderzeichen schreiben.

Kein Problem

Hunger tötet jeden Tag mehr Menschen als Ebola in einem ganzen Jahr, wird aber dennoch von den Medien der Staaten und der Milliardäre niemals so drastisch als Problem dargestellt, weil Politiker und reiche Menschen nicht an Hunger sterben können.

Die blinden Empathen

Der Vorübergehende sagte zu seinem aufgeregten Zeitgenossen mit den Augen voller Bilder: „Während sich die Menschen von ihrer leicht entflammbaren Empathie für die Opfer der Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten so sehr mitreißen lassen, dass sie trotz der wahrheitsfressenden Propaganda sich aus sicherer Entfernung zu sagen getrauen, sie stünden auf irgendeiner Seite und irgendeine andere Seite tue böses Unrecht, das so schnell wie möglich beendet werden muss; während all das geschieht und die Kameras der Propagandaministerien bereitstehen, damit auch ja die von den Herrschenden und Besitzenden gewünschten Bilder in die Augen der Welt gerammt werden; während all dies unter großer Anteilnahme der Unbeteiligten geschieht, stirbt in aller Missachtung und seelenlosen Ruhe alle drei Sekunden auf dieser Welt ein Mensch an permanentem Hunger — und einige dieser blinden Empathen machen ihre Altersvorsorge sogar davon abhängig, dass die Spekulation mit Nahrungsmitteln auch ja schön erfolgreich im Sinne eines möglichst großen Profits sei. Der wirkliche Krieg. Ist und bleibt unbemerkt. Und. Ist ein bitterer Vernichtungskrieg, getrieben vom irrationalen Wahnsystem des Geldes“.

Der Unbefußballerte

„Schau dir an“, sagte der Vorübergehende zu seinem Begleiter, „wie sie jetzt zur Fußball-Weltmeisterschaft mit der Lügenkraft der Reklame jedes noch so fernliegende Produkt befußballern. Sogar der Bäcker legt einen Ball neben seine Brötchen, und er hat tolles Fußball-Gebäck im Angebot. Nur dieser Bestatter, der hat seine Särge im Schaufenster nicht aufgeklappt und mit Bällen gefüllt“…