Tag Archive: Sprache


Verwaltet und erkaltet

Der Zeitgenosse des Vorübergehende sagte dem Bettler erbost „Ich bin doch nicht das Sozialamt“, statt ihm einfach nichts zu geben. Der Zeitgenosse des Vorübergehenden dokumentierte mit diesen Worten, dass er die Menschlichkeit schon längst für einen Verwaltungsakt hält, der — auf einen Antrag hin, der für einige fühlende Menschen demütigender und würdezerbrechender als das Betteln ist — vom Staate in einem technisch optimierten Verfahren gewährt werden muss. Kein Wunder, dachte sich der Vorübergehende, dass es so kalt nach Deutschland geworden ist.

Kindergeschwätz

Die Kinder der Judenmörder sprechen von der „christlich-jüdischen“ Leitkultur, die es gegen die „Islamisierung“ zu verteidigen gelte.

Je suis stupide

Sie hashtaggen „Je suis Berlin“, ganz so, als ob man hier französisch spräche oder als ob „Ich bin Berlin“ unanständig klänge. In der Schablonen- und Phrasenhaftigkeit der Reaktionen spiegelt sich jener nach pawlowscher Methodik massenmedial aufkonditionierte Reflex wider, der unter Umgehung höherer Funktionen des Gehirnes zum Verhalten (und nicht zum Handeln) wird, und sei es auch noch so dumm, maschinenhaft, kalt und sinnlos — hauptsache, es sorgt für eine schnelle emotionale Abfuhr des Individuums in der gleichsam post- wie parareligiös vorgetragenen Liturgie der Masse.

Neues Werkzeug

Seit der Vorwurf der „Verschwörungstheorie“ zur Diskreditierung anderer Menschen und Meinungen allein schon aus dem einen Grund nicht mehr verwendbar ist, dass sich zu viele dieser „Verschwörungstheorien“ als Wahrheit und klandestine politische Praxis herausgestellt haben, brauchten jene, die professionell (also: erwebsmäßig) andere Menschen und Meinungen diskreditieren, kleinhalten und nach Möglichkeit auch unterdrücken, ein anderes, noch unverbrauchtes sprachliches Werkzeug für ihre spezielle, propagandistische Form der Menschenbehandlung. Wie schnell sie sich doch aus diesem Mangel heraus auf das im August des Jahres 2016 von Bundeskanzlerin Angela Merkel geprägte Wort „postfaktisch“ gestürzt haben, auf das wahre deutsche Unwort des Jahres!

Die Jury, die das „Wort des Jahres“ kürt, besteht vor allem aus Journalisten. Von daher ist diese Auswahl nicht überraschend.

Check your privileges

Die Tatsache, dass sie eine beliebig kompliziert gestaltbare Kunstsprache verwenden und nach Möglichkeit auch anderen Menschen an vielen Stellen aufnötigen wollen, spiegelt nur wider, wie privilegiert jene Gestalten sind, die so vorgehen.

Gelaberkompetenz der Kompetenzforderer

Politiker, Journalisten und „Alphablogger“, die aufmerksamkeitsheischend in Kameras, Mikrofone und Social-Media-Diensten von der fehlenden „Digitalkompetenz“ unter den Menschen in der BRD sprechen, sind gar nicht so sehr anders als Analphabeten, die vom fehlenden Interesse der Menschen an Literatur daherlabern, obgleich sie kaum ihren eigenen Namen entziffern können, wenn er geschrieben vor ihnen steht.

Mit Gruß an die Förderer, Verlinker und Nachplapperer der netzpolitischen SPD-Tarnorganisation D64!

Digitalkompetenz

„Digitalkompetenz“, sagte der Vorübergehende, „was für ein schwachsinniges Wort, und wie oft es von völlig kompetenzfreien Gestalten im Munde geführt wird, weil es so einen schönen Klang hat, dass die Inhaltslosigkeit dahinter nicht auffällt. Von seiner Bedeutung her mutet es an, als ginge es um die Fähigkeit, Nullen von Einsen unterscheiden zu können. Angesichts solcher Blendwörter wäre in der Tat viel gewonnen, wenn wenigstens die meisten Menschen es endlich schafften, die Nullen schnell und ohne langes Nachdenken zu erkennen und mit ihnen so umgingen, wie es ihnen gebührt“. Nach kurzem Nachdenken fügte der Vorübergehende an: „Das gilt insbesondere für führende Nullen„.

Fakt

Fakten, Fakten, Fakten…

Aus einer frühen Reklame für das „Nachrichtenmagazin“ Focus

Einer dieser aufdringlichen, modernen Kampfbegriffe des gegenwärtigen Etablissments hat bei mir schon vollständige Wirkung entfaltet und wird von mir genau so behandelt wie der prolle, unsinnige Nazivergleich, der ihm in seinem dumpfen Schimpf übrigens recht nahe steht, so gut das auch hinter der rationalisierenden Fassade dieses Unwortes der Jetztzeit versteckt werden soll: Jedes Mal, wenn ich aus Feder oder Mundwerk eines Journalisten, Politikers, Soziologen oder sonstigen Volksbeeinflussers das analyseverneinende Wort „postfaktisch“ zur Bewertung jeweils unerwünschter Meinungen, Einlassungen, Geschehnisse und Lügen lese, höre ich auf der Stelle mit meiner Lektüre auf und wende mich etwas Erfreulicherem zu. Zum Glück gibt es davon noch genug.

Nichts gegen manipulative Propagandaversuche, alle versuchen so etwas manchmal… aber so plump, in ihrer ständigen Reproduktion einfallslos und in ihrer Darbietung intelligenzverachtend müssen sie doch nicht sein. Zeige mir doch mal einer, der das „postfaktische Zeitalter“ so demonstrativ, triumphierend und lächerlich im Munde trägt wie der Pfaffe die Monstranz mit der laschschmeckenden Hostie vor sich her, wo und wann dieses in solchem Sprech implizit behauptete „faktische Zeitalter“ war! Am Ort und in der Zeit meines Lebens war das jedenfalls nicht. Und zwar. Nirgends.

Studienkreis

Wenn man sich zusammensetzt, um seine Vorurteile und seinen Aberglauben zu kultivieren und zu verstärken und überall durchzusetzen, klingt das Wort „Studienkreis“ viel vornehmer, gebildeter und rationaler als das Wort „Stammtisch“, und das macht die Beliebtheit dieses Wortes bei Blendern aller Art aus. In der englischsprachigen Welt (also in Deutschland) bevorzugt man allerdings bei der Kultivierung gehobenen und mit viel Geld und politischen Gestaltungswillens gemästeten Bullshits seit einiger Zeit das Wort „Think tank“.

„Hater“

Eine Rhetorik wie ein Todesstreifen, hinter dem sich ein Berufsopfer verkrochen hat.

N.N. eben zu mir

Als dem Vorübergehenden von einer Zeitgenossin das Wort „Hater“ in die Ohren geätzt wurde, sagte er nur: „Ich weiß nicht, was ‚Hater‘ sein sollen und was das ständige Weitertragen dieses von Journalisten und Menschenbeeinflussungsprofis geprägten Wortes soll, das schon heute zur Grundlage der nächsten Internetzensurbestrebungen geworden ist, die morgen noch schlimmer sein werden. Ich weiß nur, dass es Menschen gibt, die ich meinem Dasein gern hinzufüge, dass es Menschen gibt, die ich in meinem Dasein ertragen kann und dass es Menschen gibt, die ich meinem Dasein nicht hinzufüge. Ich empfehle dir das zur Nachahmung, und es ist nirgends leichter als im Internet. Wenn du aber mit ‚Hatern‘ diskutieren willst, dann sei dir darüber gewahr, dass eine Diskussion auf beiden Seiten die Grundannahme voraussetzt, dass der jeweils andere auch einmal recht haben könnte. Wenn diese Grundannahme nicht da ist, handelt es sich nicht um eine Diskussion, sondern um einen rhetorischen Schaukampf oder eine ins rhetorische verlagerte Gewalt, wie du sie regelmäßig in Scheindiskussionen von Politikern und Journalisten erleben kannst“.

Die Waffe aus dem Darknet

„Oh, der Journalist hat dir erzählt, dass die Waffe des Mörders von München ‚aus dem Darknet‘ stamme?“, sagte der Vorübergehende zu seiner verängstigten und komputerunkundigen Zeitgenossin, und er setzte fort, ohne sich unterbrechen zu lassen: „Wie kann man denn eine Waffe herunterladen? Der Waffenhandel wurde vielleicht über das ‚Darknet‘ verabredet (wobei ich mich gleich frage, woher die Ermittler das überhaupt wissen wollen), aber die Waffe kam mit der Post oder einer Spedition. Früher, als du die Dinge noch zu verstehen glaubtest, hat man solche Geschäfte meist telefonisch gemacht, und kein Journalist hätte dir damals erzählen können, dass die Waffe des Mörders aus dem Telefonnetz stamme, ohne dass du laut losgelacht hättest“.

Wie manipulierbar doch das Unwissen macht, das von Journalisten nicht beendet, sondern erhalten und zur regelrechten Volksverdummung ausgebaut wird!

Dummheit ist der Rohstoff der Zukunft.

Wert

Maches hat einen Wert, und anderes hat einen Marktwert — ein Wort, das nur deshalb von Werbern und Journalisten erfunden wurde, um das deutliche, auf den wahren und Waren-Charakter der jeweiligen gesellschaftlichen Fetische hinweisende Wort „einen Preis“ zu vermeiden.