Tag Archive: Sprache


Aus der Schweiz betrachtet

Dem Wutbürger im Internet tritt in manchen Leitmedien ein Wutjournalismus gegenüber, der Schimpfen, Weghören und Kommunikationsverweigerung zu Tugenden erklärt

Neue Zürcher Zeitung — Journalismus im Kampfmodus: Hetzer, Idioten und Dumpfbacken

Harte Arbeit

Jedes Mal, wenn einer dieser schmierigen SPD-Politiker angesichts der gestrigen Wahlniederlage bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen davon faselt, dass die als „wir“ bezeichnete SPD bis zur Bundestagswahl noch „harte Arbeit“ in der „Vermittlung ihrer Inhalte“ zu bewältigen habe, muss ich unwillkürlich an den Fliesenlegerhelfer denken, der für einen Mindestlohn, von dem man in der BRD nicht leben kann, malocht — getrieben vom SPD-gewollten Hartz-IV-Jobcenterterror, ausgebeutet in SPD-gewollter Zeitarbeit, verspottet in SPD-naher Presse als ein Proll, Dummkopf und Neofaschist, weil er eine Partei, die alle seine für Menschen mit normaler menschlicher Empathiefähigkeit nachvollziehbaren Lebensinteressen mit Füßen tritt und dabei zum höheren Hohn auch noch mit „sozialer Gerechtigkeit“ werbelügt, mangels Selbsthass nicht mehr wählen kann. Was die schöngerechneten Zahlen sinkender Arbeitslosigkeit bedeuten, mit denen der falsche Glanz angeblicher Erfolge allmedial ins „politische Bewusstsein“ geätzt werden soll, weiß dieser an seinem eigenen Leben und am Leben seiner Freunde wohl zu deuten und zu verstehen. So viel Bier, dass man sich als Betroffener der SPD-Politik die SPD „schönsaufen“ kann, gibt es im ganzen Lande nicht. Selbst zwanzig Prozent. Wären noch ein viel zu gutes Ergebnis gewesen. Denn die Profiteure der SPD-Politik sind eine sehr kleine Minderheit, ihre Opfer hingegen sind die vielen Menschen, die mit wahrhaft harter Arbeit den Profit jener Minderheit zu steigern helfen und dafür nichts als Verachtung empfangen.

Ermittlungen

„Das Wort ‚Ermittlungsausschuss‘ ist beinahe ein richtiges Wort“, sagte der Vorübergehende zum Zeitungsgläubigen und Wahlberechtigten, „es fehlt nur ein einziger Buchstabe, um Absicht, Funktion und Aufgabe einer solchen Institution zutreffend zu beschreiben: Es handelt sich um einen ‚Ermittlungsausschluss‘, und die ‚Ergebnisse‘ des pressewirksam mit lautem Tamtam simulierten ‚Aufklärungswillens‘ spiegeln dies nur zu deutlich wider“.

Spiegelbild des Schimpfes

„Jedes Mal, wenn ich ‚linksgrün versifft‘ lese“, sagte der Vorübergehende im Vorübergehen, „denke ich mir, dass jemand ‚rechtsbraun gehirngewaschen‘ ist“.

Verwaltet und erkaltet

Der Zeitgenosse des Vorübergehende sagte dem Bettler erbost „Ich bin doch nicht das Sozialamt“, statt ihm einfach nichts zu geben. Der Zeitgenosse des Vorübergehenden dokumentierte mit diesen Worten, dass er die Menschlichkeit schon längst für einen Verwaltungsakt hält, der — auf einen Antrag hin, der für einige fühlende Menschen demütigender und würdezerbrechender als das Betteln ist — vom Staate in einem technisch optimierten Verfahren gewährt werden muss. Kein Wunder, dachte sich der Vorübergehende, dass es so kalt nach Deutschland geworden ist.

Kindergeschwätz

Die Kinder der Judenmörder sprechen von der „christlich-jüdischen“ Leitkultur, die es gegen die „Islamisierung“ zu verteidigen gelte.

Je suis stupide

Sie hashtaggen „Je suis Berlin“, ganz so, als ob man hier französisch spräche oder als ob „Ich bin Berlin“ unanständig klänge. In der Schablonen- und Phrasenhaftigkeit der Reaktionen spiegelt sich jener nach pawlowscher Methodik massenmedial aufkonditionierte Reflex wider, der unter Umgehung höherer Funktionen des Gehirnes zum Verhalten (und nicht zum Handeln) wird, und sei es auch noch so dumm, maschinenhaft, kalt und sinnlos — hauptsache, es sorgt für eine schnelle emotionale Abfuhr des Individuums in der gleichsam post- wie parareligiös vorgetragenen Liturgie der Masse.

Neues Werkzeug

Seit der Vorwurf der „Verschwörungstheorie“ zur Diskreditierung anderer Menschen und Meinungen allein schon aus dem einen Grund nicht mehr verwendbar ist, dass sich zu viele dieser „Verschwörungstheorien“ als Wahrheit und klandestine politische Praxis herausgestellt haben, brauchten jene, die professionell (also: erwebsmäßig) andere Menschen und Meinungen diskreditieren, kleinhalten und nach Möglichkeit auch unterdrücken, ein anderes, noch unverbrauchtes sprachliches Werkzeug für ihre spezielle, propagandistische Form der Menschenbehandlung. Wie schnell sie sich doch aus diesem Mangel heraus auf das im August des Jahres 2016 von Bundeskanzlerin Angela Merkel geprägte Wort „postfaktisch“ gestürzt haben, auf das wahre deutsche Unwort des Jahres!

Die Jury, die das „Wort des Jahres“ kürt, besteht vor allem aus Journalisten. Von daher ist diese Auswahl nicht überraschend.

Check your privileges

Die Tatsache, dass sie eine beliebig kompliziert gestaltbare Kunstsprache verwenden und nach Möglichkeit auch anderen Menschen an vielen Stellen aufnötigen wollen, spiegelt nur wider, wie privilegiert jene Gestalten sind, die so vorgehen.

Gelaberkompetenz der Kompetenzforderer

Politiker, Journalisten und „Alphablogger“, die aufmerksamkeitsheischend in Kameras, Mikrofone und Social-Media-Diensten von der fehlenden „Digitalkompetenz“ unter den Menschen in der BRD sprechen, sind gar nicht so sehr anders als Analphabeten, die vom fehlenden Interesse der Menschen an Literatur daherlabern, obgleich sie kaum ihren eigenen Namen entziffern können, wenn er geschrieben vor ihnen steht.

Mit Gruß an die Förderer, Verlinker und Nachplapperer der netzpolitischen SPD-Tarnorganisation D64!

Digitalkompetenz

„Digitalkompetenz“, sagte der Vorübergehende, „was für ein schwachsinniges Wort, und wie oft es von völlig kompetenzfreien Gestalten im Munde geführt wird, weil es so einen schönen Klang hat, dass die Inhaltslosigkeit dahinter nicht auffällt. Von seiner Bedeutung her mutet es an, als ginge es um die Fähigkeit, Nullen von Einsen unterscheiden zu können. Angesichts solcher Blendwörter wäre in der Tat viel gewonnen, wenn wenigstens die meisten Menschen es endlich schafften, die Nullen schnell und ohne langes Nachdenken zu erkennen und mit ihnen so umgingen, wie es ihnen gebührt“. Nach kurzem Nachdenken fügte der Vorübergehende an: „Das gilt insbesondere für führende Nullen„.

Fakt

Fakten, Fakten, Fakten…

Aus einer frühen Reklame für das „Nachrichtenmagazin“ Focus

Einer dieser aufdringlichen, modernen Kampfbegriffe des gegenwärtigen Etablissments hat bei mir schon vollständige Wirkung entfaltet und wird von mir genau so behandelt wie der prolle, unsinnige Nazivergleich, der ihm in seinem dumpfen Schimpf übrigens recht nahe steht, so gut das auch hinter der rationalisierenden Fassade dieses Unwortes der Jetztzeit versteckt werden soll: Jedes Mal, wenn ich aus Feder oder Mundwerk eines Journalisten, Politikers, Soziologen oder sonstigen Volksbeeinflussers das analyseverneinende Wort „postfaktisch“ zur Bewertung jeweils unerwünschter Meinungen, Einlassungen, Geschehnisse und Lügen lese, höre ich auf der Stelle mit meiner Lektüre auf und wende mich etwas Erfreulicherem zu. Zum Glück gibt es davon noch genug.

Nichts gegen manipulative Propagandaversuche, alle versuchen so etwas manchmal… aber so plump, in ihrer ständigen Reproduktion einfallslos und in ihrer Darbietung intelligenzverachtend müssen sie doch nicht sein. Zeige mir doch mal einer, der das „postfaktische Zeitalter“ so demonstrativ, triumphierend und lächerlich im Munde trägt wie der Pfaffe die Monstranz mit der laschschmeckenden Hostie vor sich her, wo und wann dieses in solchem Sprech implizit behauptete „faktische Zeitalter“ war! Am Ort und in der Zeit meines Lebens war das jedenfalls nicht. Und zwar. Nirgends.