Der Grund, weshalb ein Mensch trotz erheblicher Einsichtsfähigkeit weiterhin daran glauben kann, er habe in einem vollständig determinierten Universum so etwas wie einen „freien Willen“ — also eine unabhängige Instanz der Persönlichkeit, die ihn frei handeln lässt — liegt neben der Wucht der psychischen Illusion im Spiegel des Bewusstseins auch in einer einfachen Verwechslung: Gern wird die Tatsache der physikalischen Determiniertheit aller Erscheinungen des Universums mit der Möglichkeit der Vorhersage künftiger Verläufe dieser Erscheinungen verwechselt, obwohl dies zwei sehr verschiedene Dinge sind.

Das Unvorhersagbare ist nicht einen Deut weniger determiniert, nur weil es wegen seiner Komplexität nicht vorhersagbar ist.

Kaum jemand würde einem toten materiellen Gegenstand wie einem Würfel so etwas wie einen Willen zusprechen. Der Würfel verhält sich nicht anders als etwa ein Kieselstein oder ein Teller, er erfährt aufgrund seiner Masse die Gravitation und aufgrund der Form und Textur seiner Oberfläche eine Reibung auf der Unterlage und gegen die Luft. Dennoch ist es nicht vorhersehbar oder steuerbar, welche Bahn ein Würfel nehmen wird, den man über einen Tisch rollt. Natürlich bleibt damit auch im Vorfeld eines solchen Wurfes ungewiss, welche der möglichen Flächen am Ende oben liegen wird — eben das ist ja der Grund, weshalb sich Würfel so hervorragend als handlicher Generator für Zufallszahlen eignen und so gerne in Spielen verwendet werden, in denen ein unvorhersehbares Element eingeführt werden muss.

Der Würfel folgt dabei den gleichen einfachen Gesetzen, denen auch jedes andere Objekt — zumindest jedes andere makroskopische Objekt — unterworfen ist, dies geschieht hier allerdings in einem komplexeren System aus Unterlage, Anfangsimpuls, Materialeigenschaften und Luftwirbeln, das sich rechnerisch mit keiner Vorrichtung modellieren lässt, die einfacher wäre als die Gesamtheit und Einsheit des Systemes.

Tatsächlich ist der Verlauf eines Wurfes in diesem System dermaßen empfindlich gegen kleine Veränderungen des Anfangszustandes und der Bedingungen in seiner Umgebung, dass selbst eine solche „Modellierung“ durch exakte Nachbildung des Systemes nicht mehr möglich ist. Es ist nicht einmal möglich, ein derart empfindliches System aus der Gesamtheit aller Erscheinungen herauszulösen, um es isoliert und „für sich“ zu untersuchen. Die Empfindlichkeit des Verlaufes und Ergebnisses gegen kleine Veränderungen einer Vielzahl seiner Parameter betrifft auch die von globalen Zusammenhängen verursachten Erscheinungen des Luftdruckes und der Luftfeuchte; Verschmutzungen der Tischplatte oder des Würfels im molekularen Maßstab können entscheidenden Einfluss auf das System nehmen; sogar eine kleine lokale Schwankung der Gravitation durch ein vorbeifahrendes Auto oder gar die Stellung des Mondes können entscheidend werden. Die Grenzen des betrachteten Systemes gegen die Gesamtheit aller Erscheinungen sind nicht erkennbar, es ist meines Erachtens sogar sinnlos, von einem abgrenzbaren System zu sprechen.

Obgleich hier keine „Freiheit“ gegenüber den alles determinierenden physikalischen Gesetzen vorliegt, kommt es zu einem Verhalten, das im Einzelfall nicht mehr vorhersagbar ist — alle möglichen sinnvollen Vorhersagen des hervorgerufenen Ereignisses sind statistischer Natur.

(Für die Korinthenkacker unter meinen Lesern: Natürlich ist der Würfel ein vorsätzlich einfach gewähltes Beispiel, und es erscheint durchaus möglich, die beschriebenen Probleme bei der Betrachtung dieses Systemes teilweise in den Griff zu bekommen. Wer ein hoffnungslos unvorhersagbares Systemverhalten erzeugen will, der nehme sich einen einfachen Luftballon und blase ihn auf, ohne ihn zuzuknoten. Wenn man den Ballon loslässt, wird die darin befindliche Luft wegen des Druckes der gedehnten Umhüllung durch die Öffnung nach außen gedrückt und erzeugt dabei einen Rückstoß, dieser treibt den Ballon durch das Zimmer. Dabei nimmt der Ballon eine Bahn in Zeit und Raum, die nicht vorhersagbar ist, obwohl alle beteiligten physikalischen Kräfte von sehr einfacher und vollständig deterministischer Natur sind. Am Ende seiner Bahn in diesem Versuch liegt der Ballon als schlaffe Hülle irgendwo im Zimmer herum und ist damit auch ein Bild für das, was von der aufgeblasenen Illusion übrig bleibt, das sich alles Determinierte auch prognostizieren lässt. Jedes Kind kann diesen Versuch nachvollziehen, und ich bin überzeugt, dass die meisten Kinder viel weniger Probleme als viele Erwachsene damit haben, grundsätzliche Grenzen der Einsichtsfähigkeit zu akzeptieren.)

Die Tatsache, dass etwas vollständig durch einfache Gesetze determiniert ist, bedeutet also noch lange nicht, dass wir es auch so gut wissen können, dass es für uns mit einer Vorhersage greifbar wird. Es gibt prinzipielle Grenzen des Wissenbaren, und die sich jenseits dieser Grenze unvorhersehbar verhaltenden Erscheinungen der Realität sind wohl eher der überwiegende Anteil aller Erscheinungen.

Aber zöge jemand aus dem nicht vorhersagbaren Verhalten eines gerollten Würfels den Schluss, es müsse sich beim Würfel nicht um ein schlichtes physikalisches Objekt, sondern um eine Wesenheit mit einem freien und eigenen Willen handeln, so bezichtigte man diesen Jemand mit gutem Recht eines primitiven animistischen Aberglaubens. Man trifft diese Form des Aberglaubens manchmal bei Glücksspielern an, die mit der Roulettekugel, dem Geldspielgerät oder dem Würfel sprechen oder andere, wirkungslose Versuche der Beschwörung machen — und manchmal auch bei verzweifelten Anwendern eines Computers, die sich mit teils zornigen Worten und sogar gewalttätigen Gesten an die „widerspenstige“ und unter fehlerhafter Software laufende Maschine wenden. Es ist jedem Denkenden klar, dass es sich hier nicht um Objekte handelt, die einen „Willen“ und eine von der Einsheit des Universums losgelöste „Freiheit“ ihres Verhaltens hätten; die unangemessene, abergläubische Kommunikation mit diesen Dingen erscheint als Dummheit.

Nur eine Ausnahme gibt es, ein komplexes System gibt es, dem auch viele durchaus intelligente Menschen die Möglichkeit zum freien, nicht-determinierten Handeln zusprechen, und das ist der Mensch selbst — und in diesem Fall neigen Menschen auch zum bequemen Denkverzicht und verwechseln Determinismus mit der Vorhersagbarkeit. Wenn diese Menschen „Freiheit“ sagen, denn meinen sie damit eine Freiheit, „tun zu können, was sie wollen“. Dabei übersehen sie freilich, dass sie nicht „wollen können, was sie wollen“.

Auch die Illusion der Willensfreiheit könnte sich bei einer Ausweitung der Kenntnisse leicht als eine Form des primitiven, animistischen Aberglaubens erweisen, durchaus vergleichbar mit der Dummheit eines Craps-Spielers, der vor dem Wurf mit den Würfeln spricht…