Archive for März, 2009


Der Müll im Briefkasten

In ihrem Briefkasten steckte eine Menge Müll. Jene Art von Müll, wie sie Werber in ihrem recht einseitigen Bedürfnis nach Kommunikation entwickeln. Ein Teil dieses Mülles steckte in einem Briefumschlag, der recht „offiziell“ aussah, und seinen Charakter nur dadurch verriet,  dass seine Anschrift schlicht „an alle Bewohner des Hauses in der …str. 1“ lautete. Das sah sie aber erst auf dem zweiten Blick, nachdem sie den Brief geöffnet hatte, um darin eine Hochglanzwerbung und einen vorgedruckten Vertrag von RWE für ihre zukünftige Gaslieferung vorzufinden. Natürlich war die gesamte Aufmachung des Briefes  dergestalt, dass man seinen werbenden Charakter nicht sofort erkannte und durchaus auf die — mutmaßlich von den Werbern gewünschte — Idee kommen konnte, dass es sich um einen Änderungsvertrag für die gegenwärtige Gaslieferung handele.

Sie sagte, wie unerträglich sie es fände, dass sie jeden Tag mit einem derartigen Müll zugeballert wird, dass sie in diesem täglichen Wahnsinn der Werbung zuweilen kaum noch die richtigen Briefe finden könne. Alle diese Druckwerke, die nicht auf dem ersten Blick als Reklame erkannt werden können, erfordern ja doch einen kleinen Moment der Aufmerksamkeit, der Bewertung — und wenn diese Aufmerksamkeit durch eine geeignete Gestaltung des Werbebriefes erzwungen wird, kann dies schon einmal eher unfriedliche Wünsche hervorrufen. So auch in diesem Fall, in dem sie am liebsten „zurückgemüllt“ hätte.

Das war indes leicht durchzuführen. Denn der „Brief“ enthielt auch einen Antwortumschlag, und an der Stelle, an der man für gewöhnlich eine Briefmarke anzubringen pflegt, befand sich ein kleines Kästchen mit dem freundlichen Hinweis „Das Porto zahlt RWE für sie“. Das ließen wir uns nicht zweimal sagen, wir zerrissen die völlig unerwünschte „Post“ und steckten die Fetzen in den Rückumschlag. So bekommt RWE jetzt zurück, was die Mehrzahl der Empfänger gewiss nicht wünscht, und wenn diese Art feed back häufiger gegeben würde, denn könnte sich sogar einmal der Stil der Reklame in einer Weise verändern, die wünschenswert ist.

Wie sinnlos doch die sanften Bäume sterben müssen!

Was die Kinder bekommen

In der BR Deutschland wachsen immer mehr Kinder in Armut auf, was ja auch wegen des damit verbundenen Entrüstungspotenziales gern einmal zum „politischen“ Thema für Stammtische und Talkshows gemacht wird. Was aber fehlt diesen Kindern, was haben sie für Wünsche? Der ARD-Videotext berichtet gegenwärtig (Seite 162, Stand: 24. März, 9:15 Uhr) kurz von einer Studie über in Armut aufwachsende Kinder, die von Forschern der Universität Bielefeld in Zusammenarbeit mit dem Kinderhilfswerk „Die Arche“ erstellt wurde:

Befragt nach ihren Wünschen für ein „gutes Leben“ nennen die 6- bis 13-jährigen vor allem „von den Eltern geliebt zu werden“, „genug zu essen zu bekommen“, „gute Freunde“ und „immer jemanden zu haben, der sich kümmert“.

Das politischen Pläne und Forderungen für diese Kinder sehen freilich ein bisschen anders aus. So gern die Kinder auch von den Eltern geliebt werden wollen und so berechtigt dieser Wunsch auch ist, so sehr sollen die Eltern von einer so genannten „Familienpolitik“ und mit der Peitsche ihrer wirtschaftlichen Not gedrängt werden, ihr Kinder so früh und so ganztägig wie möglich in herzkalten Verwahranstalten abzulegen, damit auch wirklich beide Eltern auf einem immer größer werdenden, staatlich subventionierten und durch behördlichen Zwang mit Menschen versorgten Elendsarbeitsmarkt zu Hungerlöhnen den Reichtum der Besitzenden erhalten und mehren. Anstelle des „guten Essens“ gibt es für immer mehr Kinder eben das, was ihre verarmenden Eltern bei diversen Billigketten gerade noch kaufen können; die „guten Freude“ werden — ebenso, wie das soziale Umfeld der Erwachsenen — darin geopfert, dass selbst noch von jenen Menschen „Mobilität“ im steten Hetzen nach einer zum Selbstzweck gewordenen Verwertschöpfung der Arbeitskraft gefordert wird, deren Arbeitskraft niemand mehr bezahlen will. Um die Kinder kümmern sollen sich unterdessen diverse Pädagogen und andere Päderasten , die dafür bezahlt werden, dass sie den Kindern möglichst allsinnlich vermitteln, dass es sich beim konkret erlebten Elend um ein richtiges und gutes Leben handelt. Dass die rot-grünen Gesetze des Schröder-Regimes, unter deren derartige Bedingungen geschaffen wurden und die trotz des allumfänglichen Scheiterns ihrer Grund legenden Ideen unter der jetzigen Koalition aufrecht erhalten werden, ausgerechnet nach einem Herrn Hartz benannt wurden, dessen Charakter als Bestecher und windiger Vermittler von Prostituierten überdeutlich geworden ist, das ist ein treffliches Spiegelbild der politischen Korruption und allgemein geforderten und geförderten Prostitution, unter denen diese Zustände in Deutschland erst entstanden sind.

Auch im Wahljahr 2009 gibt es keine Anzeichen dafür, dass sich die politische Gestaltung des gesellschaftlichen Miteinanders fortan an der Sicherung existenzieller menschlicher Bedürfnisse orientieren wird. Und. Wenn die demnächst wieder allgegenwärtigen Hausierer der politischen Beglückungsideen — bevor sie sich nach der Wahl wieder im Berliner Bunker verschanzen werden — ihr recht einseitiges und gegen die Mehrzahl der Menschen in Deutschland gerichtetes Gedankengut mit irgend etwas belegen müssen, denn werden sie einfach die Profiteure des zivilisatorischen Rückbaus fragen.

Vielen Dank für den Hinweis an M.

Der süße Herr Jesus

Es finden doch seit Paulus in jedem Zeitalter die Christen ihre neue Methode, aus Jesus eine leicht konsumierbare Ware zu machen. Warum sollte dem toten Jehoschua denn auch erspart bleiben, immer wieder für dreißig Silberlinge verkauft zu werden — zumal, wenn er dabei auch noch so lecker ist. Der Mangel an schokoladigem Geschmack war doch schon immer eines der größten Probleme der Hostie im Konsumismus…

Danke für den Hinweis an M.

Zum Klatschen der Hand

Die unter den Bedingungen einer wenig lebensfreundlichen Zivilisation so gern hervorgekramte Liebe zur Natur, in der Regel mit einem Übermaß der Verkitschung verwürzt, sie endet schon beim Anblick einer einzigen Stechmücke.

Der Platz des Kindes

Jeder so genannte „Kinderspielplatz“, der künstlich mit Zäunen von einer nicht mehr für irgendein harmloses Spiel geeigneten Unwelt abgegrenzt werden muss, er ist ein Spiegelbild der Tatsache, dass Kinder in einer Welt, die unter dem erbarungslosen Diktat einer totalen Verwirtschaftung allen menschlichen Wollens und Strebens geformt wird, keinen Platz mehr haben.

Die gegenwärtige Zivilisation, die übrigens das bemerkenswerte Wort von der „Zivilisationskrankheit“ hervorgebracht hat — ein Wort, das es wirklich wert ist, dass man es bemerkt — sie wird keinen Deut weniger barbarisch allein schon dadurch, dass sie ihre Barbarei als Kultur zu tarnen versteht.

Die Telefonzelle

Vor noch gar nicht so langer Zeit gab es Telefonzellen. Sie waren nicht nur gelb und wegen dieser Signalfarbe sofort sichtbar, sie waren auch Zellen, also abgeschlossene Räume im öffentlichen Raum. Die Tür war schwer und dämpfte den Schall; die Geräusche von außen drangen nur gedämpft hinein und das in der Zelle geführte Telefonat drang nur gedämpft nach außen. Diese Form spiegelte die Auffassung wider, dass ein Gespräch, und sei es auch ein Telefongespräch, einer gewissen Privatheit bedarf, die auch mit gestalterischen Maßnahmen zu schützen ist — und zwar völlig unabhängig davon, wie banal oder persönlich wichtig die Inhalte eines solchen Gespräches sind.

Die Telefonzelle ist genau so aus dem öffentlichen Blickraum verschwunden, wie die Anschauung einer schützenswerten Sphäre des Privaten für obsolet erklärt und aus dem öffentlichen Bewusstsein entfernt wird. Die öffentlichen Münzfernsprecher der heutigen Zeit stehen ungeschützt vor dem Tosen der Straße im Freien, und die Menschen, die sich dieser Apparate bedienen, kämpfen gegen dieses Hindernis für das sprechende Miteinander an, indem sie mit sehr lauter Stimme in das Mikrofon sprechen, so dass eventuell umstehende Menschen sehr leicht dem Gesprächsverlauf folgen können. Die meisten Menschen haben heute jedoch ein Handy. Und. Sie benutzen es an allen nur denkbaren Orten. Überall lassen sich heute die kleinen Geschäfte, die bitteren Familiendramen, die Freundschaften und die schutzlos gewordenen Beziehungen akustisch verfolgen, sie werden dem Ohr geradezu aufgedrängt. Niemand scheint mehr ein Empfinden dafür zu haben, dass für eine persönliche Kommunikation ein geschützter, privater Raum von Nöten ist. Es mag eine pure Koinzidenz sein, dass die Austilgung dieses Empfindens durch die Neugestaltung des öffentlichen Münzfernsprechers nur kurz nach der so genannten „Wiedervereinigung“ erfolgte, aber es ist auch eigentümlich passend, dass diese Neugestaltung in eine Zeit fiel, in der die im Alltag fühlbare Illusion des Kontrastes zu einem Überwachungsstaat DDR nicht länger aufrecht erhalten werden musste; eine Entwicklung, an deren Ende die heutigen staatlichen Allheitsträume einer totalen Prävention und Überwachung stehen, die zu einem angemessenen Unbehagen führen, das sich im Wort von der Stasi 2.0 Bahn bricht.

Werbung ist Lüge!

Damals, als die Grenzen zwischen der DDR und der BRD geöffnet wurden und als noch niemand den kommenden Aufkauf der DDR durch Unmengen Geldes und vielleicht noch größere Mengen professionell vorgetragener Lügen ahnen konnte, strömten viele Menschen aus der DDR in die BRD, um sich das ihnen unbekannte Deutschland einmal anzuschauen. Es war eine bemerkenswerte Zeit, in der man vieles über die gut verdrängten, wirklichen Zustände in der BRD durch direkten Augenschein lernen konnte, wenn man nur hinschaute und die Menschen aus dem Andersdeutschland nicht — wie es leider allgemein üblich war — als primitiv und rückständig ansah, nur des Witzes und des rohen Spottes würdig.

(Man konnte übrigens auch vieles über die BRD und über die DDR lernen, indem man seinerseits mit viel Zeit im Gepäck das „andere Deutschland“ besuchte und einen offenen Geist mit sich führte. Das habe ich mit großem Genuss immer wieder getan, und bei aller Tristesse, ich habe es auch genossen. Deprimierend war allerdings der Kontakt mit jenen „Wessies“, die in der neuen Situation nichts besseres zu tun wussten, als die Läden in der DDR leer zu kaufen, weil ja alles „so schön billig“ war. Immerhin: Allein an diesem asozialen Verhalten hätten die Menschen in der DDR merken müssen, wie groß die Armut und die Lebensnot in der BRD wirklich waren. Jetzt werden es viele aus direkter Erfahrung wissen.)

Interessant war, in welcher Weise diese Menschen aus der DDR auf die für sie ungewohnte Warenflut in den Kaufhäusern der BRD reagierten. Es ist ja nicht so, dass ihnen die angebotenen Produkte fremd gewesen wären; sie kannten selbstverständlich auch Waschmittel, Zahnbürsten, Trinkwasser und Toilettenpapier. Was sie nicht kannten, war, dass es von jeder dieser Produktgattungen mehrere Dutzend unterschiedlich benannter und verpackter Angebote in verschiedenen Preisklassen gibt. Diese Menschen, die es gewohnt waren, sich mit einem überschaubaren und damit auch durchschaubaren Angebot zu bescheiden, wussten angesichts dieses Angebotes gar nicht mehr, was sie kaufen sollten. Wenn sie dann einmal eine Kaufentscheidung zu fällen hatten, denn griffen sie sich oft die unterschiedlichen Packungen und lasen, was darauf gedruckt war; in der selbstverständlichen Erwartung, dass es etwas mit den realen Eigenschaften und Vorzügen des Produktes zu tun haben müsse. Die „Wessies“, die Zeuge dieses verzweifelten Lesens wurden, haben darüber gespottet und gelacht — und hinter dem leichtfertigen Spott stand das viel zu wenig bewusste Wissen, dass die Anpreisungen auf den Packungen nichts über das darin Verpackte aussagen, dass also die Menschen in der BRD mit den Mitteln der Werbung jeden Tag ihres alltäglichen Lebens belogen werden, dass sie das auch wissen und dass sie sich stumpf daran gewöhnt haben. Schade, dass damals zu viele Menschen aus der DDR viel zu verblendet waren, um das so wahrnehmen zu können, wie es ist.

Diese stumpfe Gewöhnung ist etwas, das überwunden werden sollte. Foodwatch hat den „Goldenen Windbeutel 2009“ für die dreisteste Werbelüge verliehen. Unter den zur Auswahl stehenden Kandidaten hat bei einer öffentlichen, über das Internet zugänglichen Wahl der mit hohem Aufwand beworbene Trinkjoghurt „Actimel“ das Rennen gemacht, vielleicht auch deshalb, weil es unmöglich geworden ist, der damit verbundenen, allgegenwärtig platzierten Werbelüge zu entkommen. Die Werbung sagt dem Inhalt der kleinen Fläschchen nach, dass er „wetterfest“ machte und die „Produktion lebenswichtiger Abwehrzellen“ ankurbele und auf diese Weise Infektionen vorbeuge. In Wirklichkeit ist das Gesöff nicht wirksamer als ein beliebiger anderer Joghurt, aber es ist wesentlich teurer, enthält wesentlich mehr Zucker und sorgt durch seine aufwändige Verpackung für ein Anwachsen der Müllberge. Foodwatch schrieb hierzu in angemessener Klarheit:

Die absolute Werbelüge. Actimel ist teuer, überzuckert, produziert einen Haufen Müll und ist nicht besser als ein gewöhnlicher Joghurt. Von wegen starke Abwehrkräfte! Den Actimel-Produzenten von Danone sowie Werbefigur Kachelmann wünsche ich für diese Abzocke eine heftige Erkältung an den Hals.

Es wird Zeit, dass es niemand mehr stumpf hinnimmt, wenn Reklame, Verpackung und Etiketten wie gedruckt lügen. Der Spott über „diese Dummen aus der DDR“ fällt nämlich auf jene zurück, die sich ohne Widerstand und ohne zum Handeln führende Einsicht immer noch jeden Tag belügen lassen. Diese sind die eigentlichen Dummen, und oft sind sie sogar die Betrogenen, wenn sie das ganze mit Lügen an die „Zielgruppe“ gebrachte Zeug auch kaufen. So lange nicht auf den Etiketten steht, was sich in der Verpackung befindet, und so lange sich nicht in der Verpackung befindet, was auf den Etiketten steht, so lange kann kein Mensch selbst bestimmen, was er kauft.

Der sich Verabschiedende

Er sagte: „Das bisschen Lust ist doch das ganze Elend des Lebens nicht wert.“

Und. Angesichts der Tatsache, dass „das bisschen Lust“ noch eingeschränkt, vergällt, beschädigt wird, mag man ihm nicht mehr widersprechen.

Richtung und Garheit (21)

Bitte langsam sprechen — Wenn man das Wort „Kapitalismus“ langsam genug ausspricht, so dass sich im Sprechen sein Geschmack auf der Zunge entfalten kann, denn stellt die fühlbar gewordene Sprache das Vertraute im fremden Wort her, indem das Ohr „Kapital ist Mus“ hört.

Theater — Jedes Mal, wenn irgendwo unter dem alles erstickenden Tuch des Familiären ein schreckliches Verbrechen geschieht, offenbaren die Medien der Contentindustrie ihren Charakter. Sie sprechen in ihrer Berichterstattung von einem „Familiendrama“ oder von einer „Tragödie“, beides dem Theater und dem Film entlehnte Begriffe. In dieser Wortwahl spiegelt sich trefflich das Dargebotene als eine Inszenierung; nicht etwa die berichtete Tat, sondern ihre unterhaltsame mediale Aufbereitung.

Recherche — Es ist sehr einfach, den Unterschied zwischen Bloggern und Journalisten zu erkennen. Wenn beide das gleiche tun, sagt der Blogger „ich google„, und der Journalist sagt „ich recherchiere„.

Je me cherche moi-même — Im Vorübergehen ein Schaukasten. Etliche Zettel werben für Quacksalberei und „esoterische“ Angebote. Darunter auch ein Kurs zur so genannten „Selbstfindung“, natürlich gewiss nicht billig. Könnte ein Wort klarer machen, wie entfremdet die Menschen von sich selbst sind? Und könnte ein Angebot klarer machen, wie gut das Geschäft mit der Entfremdung der Menschen von sich selbst ist.

Werbung — Die Werbung ist ein besserer Spiegel der Gesellschaft als jede noch so vorgeblich „kritische“ Reportage in jenen Medien, die sich in erster Linie über den Transport von Werbung finanzieren. Die Werbung muss nur richtig gelesen werden. Jede Lüge der Werber offenbart die Wahrheit, die sich hinter ihr verbirgt. Die vielen Quacksalbereien und „Gesundheitsprodukte“, die darin angeboten werden, sind ein Spiegelbild der allgemeinen Krankheit; die Tatsache, dass Lebensmittel als „ökologisch“ und „biologisch“ angeboten werden, ist ein Spiegelbild der Tatsache, dass die Menschen vor allem denaturierte und widerliche Nahrung in sich hineinstopfen müssen; die kosmetischen Produkte, mit denen Menschen ihre wahre Erscheinung verbergen, spiegeln die Tatsache, dass jeder Mensch sich nur unter einer Maske in der Öffentlichkeit zeigen kann, die sein wahrstes und innerstes Sein verbirgt; der ständige Appell an „Fitness“ und „Kraft“ ist eine Reflektion der allgemeinen Lethargie und Kraftlosigkeit; die bild- und wortreich beschworene Freiheit spiegelt die umfassende Versklavung und Verknastung der meisten Menschen in einem Käfig von Sachzwängen und existenziellen Ängsten; das allgegenwärtige Ideal der Jugend in allen Bildern ist der trübe Widerschein der Tatsache, dass den Menschen ihre wirkliche Jugend geraubt wird; die in ekstatischen Bildern aufgezeigte Freude des Genusses ist das Gegenbild des allgemeinen Unglücks der lebenden Menschen; die vielen erotischen Angebote und „Partnerbörsen“ geben zutreffend wieder, dass den Menschen befriedigende Sexualität und tieferes Miteinander fehlt; der ständige Verweis auf „billg“ und „sparen“ ist schließlich das Spiegelbild der allgemeinen und stetig zunehmenden Verarmung eines immer größeren Anteiles der Menschen. Man könnte in der Tat eine ganze Zusammenstellung des Pathologischen in der heutigen Gesellschaft mit Bildern und slogans aus der Werbung illustrieren.

Sättigungsbeilage — Auf einer Packung Müllfraß, so genannte „Erdnussflips“, findet sich die Angabe „Mit 32 Prozent Erdnüssen“. Der Denkende fragt sich unwillkürlich, ob die restlichen 68 Prozent wohl Sägespäne seien.

Schule — Die Gebäude einer staatlichen Zwangsschule lassen sich sofort als Schulgebäude erkennen. Ihre architektonische Ästhetik ist nach dem Vorbild der Fabrik geschaffen. Darin spiegelt sich wider, dass das Schulsystem ein Kind des Fabriksystemes ist, dass seine Aufgabe nicht die Vermittlung von Wissen oder gar Bildung ist, sondern die Zurichtung von Menschen zu leicht verwertbaren und leicht austauschbaren Batterien im betrieblichen Produktionsprozess.

Freizeit — Über dem Eingang ein beleuchtetes Schild, Aufschrift „Freizeitparadies“. Es ist eine Spielhalle. Geht man hinein, so sieht man darinnen Menschen, die in scheinbarer Gefühllosigkeit und ohne ein Zeichen besonderer Freude mechanisch Geld in laute, flackernde und schnelle Maschinen werfen. Kein Wort wird miteinander gesprochen, nur ein unterdrückter Fluch ist manchmal zu hören oder eine Bitte beim Wechseln der Banknoten. Wenn das das „Paradies“ ist, möchte man die Hölle gar nicht mehr sehen.

Fiat nox — Die ununterbrochene, nächtliche Beleuchtung der Städte hat für die Menschen in den Städten sogar die Sterne vom Himmel gefegt, nur wenige sind noch sichtbar. Der gestirnte Nachthimmel ist fremd geworden. Kein Wunder, dass diese Menschen allerhand andere „Stars“ anhimmeln.

Auswärtiges Denken (44)

Diese Medien haben allen Grund, von ihrer eigenen Verantwortung abzulenken .

Der Umzug von einem privat gehosteten Blog nach WordPress.com ist ein schmerzhafter Umzug. Dies gilt auch denn, wenn die technische Seite eines solchen Umzuges relativ problemlos war. Diese besteht einfach darin, die Beiträge des alten Blogs zu exportieren, das neue Blog bei WordPress.com anzumelden und die Exportdatei dort wieder zu importieren. Der Vorgang braucht zwar angesichts der immensen Textmenge, die sich über zweieinhalb Jahre angesammelt hat, recht viel Zeit, aber er funktioniert trotz der verschiedenen WordPress-Versionen völlig fehlerfrei. Ich hätte Schlimmeres befürchtet. (Erfahrung ist eben die Summe von Misserfolgen.)

Damit sind zwar die alten Texte „gerettet“, haben ihre Stimme im Netz behalten, aber die Freiheiten, die ich in den letzten Jahren zu schätzen gelernt habe, sie sind verloren gegangen. Das fängt bereits in der Präsentation an, ohne sich darauf zu beschränken, denn ich kann jetzt nicht mehr mein eigenes Theme verwenden, sondern muss mit den hier angebotenen Themes vorlieb nehmen. Diese passen nicht gut zu meinem bisherigen Stil eines „hellen dunklen“ Erscheinungsbildes, und ich entschied mich deshalb lieber für einen Bruch, für schlichtes Schwarz auf Weiß. Es sieht für mich kalt und kahl aus, erinnert mich an jene Zeiten, in denen ich noch wohnhaft war und nach einem Umzug vor einer leeren Wohnung voller Kartons saß, um in den weißgetünschten Wänden zu ersticken. Nur, dass das hier ein Dauerzustand bleiben wird. Immerhin konnte ich ein eigenes Bild im Kopfbereich des Blogs setzen, und da entschied ich mich nach längerem Nachdenken für ein Motiv, das mir im letzten Jahr vor das Objektiv geriet: Die Fassade einer Mietskasene im warmen Abendlicht, Balkon an Balkon gleichförmig in Reih und Glied, und ein Bewohner meinte in diesem Umfeld, die Vorzüge seines Deutsch-Seins dadurch zeigen zu müssen, dass er ein kleines Fähnchen im stinkenden Wind wehen ließ. Es ist ein deprimierendes Bild, wie aus einer Emigration, nur, dass hier nicht das Land verlassen wurde. Ebenfalls deprimierend ist es, dass so viele Menschen in der BR Deutschland auf den persönlichen Schaden in ihrem Leben reagieren, indem sie in Symbole flüchten, die ein gesellschaftliches Gefüge repräsentieren, dass ihrem Leben eben diesen Schaden zugefügt hat.

Die umgezogenen Texte sind übrigens ebenfalls beschädigt. Alle internen Links verweisen auf die alten Adressen und funktionieren hier nicht mehr.

Auch ist mir jede Freiheit in den verwendeten Plugins genommen. Hatte ich zuvor eine „dynamische Blogroll“, die auf einen als Plugin eingebetteten RSS-Aggregator aufbaute und zeigte, an welchen Stellen etwas aktuell veröffentlicht wurde, so bleibt mir jetzt nur die Blogroll in Form einer schlichten, alphabetisch sortierten Linkliste. Auch für jene Handvoll Leser, die gern und regelmäßig durch den Aggregator gestöbert hat, ist das schade. Hier kann ich nichts vergleichbares machen, und einen technisch minderwertigen Ersatz will ich gar nicht erst versuchen.

Dass ich jetzt nicht mehr über einen Shell-Zugang auf dem Server verfüge, der meine Texte in das Netz trägt, ist für mich ebenfalls ein Problem. Ich bin es gewohnt, einen regelmäßigen Backup zu automatisieren, um im Falle schwerer Pannen das Schlimmste verhindern zu können, und diese Gewohnheit hat mir schon einmal den Hals gerettet, als ein Cracker mit einem Angriff auf ein harmloses und wenig gelesenes Blog erfolgreich war.

Darüber hinaus fühle ich mich etwas unwohl, weil das Blog nun in fremden Händen liegt. Ich weiß nicht, was die Zukunft aus WordPress.com machen wird, und es kann sein, dass dieses Angebot irgendwann einmal für mich unzumutbare Auflagen haben wird oder mir Kosten verursachen wird, die ich als obdachloser Bettler nicht mehr tragen kann. Immerhin sind Blogs bei WordPress.com schon seit einer erheblichen Zeit werbefrei geblieben, es scheint also so zu sein, dass sich WordPress.com mit seinen kostenpflichten Erweiterungen für kostenlose Blogs gut selbst trägt. Dennoch: Auch hier kann der allgemeine Zusammenbruch der Wirtschaft zum Tragen kommen, und der erste Umzug könnte für mich schnell der Beginn eines virtuellen Nomadenlebens werden, das sich dann endlich an mein nicht-virtuelles Leben angepasst hätte. Das ist keine beruhigende Vorstellung. Aber es ist — wenn es so kommt — nicht zu ändern. Ich habe mich längst daran gewöhnt, als ein Vorübergehender zu leben. Sobald hier das erste gelayerte Werbebanner aufscheint, bin ich weg.

Das Schlimmste nach dem Umzug ist wohl aber, dass es nun Monate dauern wird, bis alte Links auf anderen Websites korrigiert sind. Die Tatsache, dass diese frisch belegte Wohnung in einem Ausland, in dem die Freiheit des mitgeteilten Wortes noch einen Wert hat, bei Google und Konsorten noch nicht bekannt ist, verschlimmert diese Situation zusätzlich, denn die umgezogenen Texte können für eine längere Zeit nicht einfach aufgefunden werden. Diese Situation wird sich wenigstens im Laufe der nächsten Wochen verbessern.

Neben diesen bedrückenden Dingen gibt es da noch die kleinen Ärgernisse. Ich kann keinen Einfluss auf die hier verwendete WordPress-Version nehmen, und natürlich ist es die aktuellste. Diese ist leider — anders als meine von Hand gepflegte, uralte Version im vorherigen Blog — eine Bloatware, eine mit Unmengen von JavaScript realisierte Anwendung, die im Browser laufen soll, die aber auf den schmalbrüstigen und alten Geräten, auf die ich in der Regel zurückgeworfen bin, nur noch zäh zu bedienen ist. Das bedeutet, dass ich mich nur noch sporadisch einloggen werde und meine Veröffentlichungen in der Regel mit einem Blogclient verfasse. Deshalb kann es immer wieder einmal vorkommen, dass ein nicht erkannter Spamkommentar hier für längere Zeit stehen bleibt oder ein falsch erkannter echter Kommentar eines „richtigen“ Lesers im Nichts verschwindet. Beides habe ich früher vermeiden können, es ist mir jetzt nicht mehr möglich.

Um die Kommentare in dieser Situation überschaubar zu halten, ist das Blog im Moment so konfiguriert, dass nur Kommentare zu Texten möglich sind, die nicht älter als 60 Tage sind. Auf der anderen Seite ist die Kommentarfunktion jetzt verbessert. Die Kommentare sind in Threads organisiert, so dass eine direkte Antwort auf einen anderen Kommentar möglich ist. Meine alte Bastelei im Kommentarbereich ist damit unnötig geworden, weil sie durch etwas Besseres ersetzt wurde.

Bleibt nur zu hoffen, dass ich so schnell nicht wieder umziehen werde… 😉

Abendstimmung

Wenn die müde Sonne nach der Last eines Tages, an dem nichts Neues unter der Sonne geschehen ist, endlich unter dem Horizont entschwindet, nur um zu sehen, dass auch auf der anderen Hemisphäre der Erdkugel nichts Neues unter der Sonne geschieht; wenn diese wenigen Minuten über einen Menschen hinwegstreifen, in denen sich die ganze Welt in ein rötliches Halbdunkel legt, das des kühlen Märzens bei weitem nicht so warm ist, wie es aussieht; wenn sich die scheinbare Himmelskuppel in den Farben eines Regenbogens verfärbt und die getröstete Seele eine uralte Magie aus der Luft zu atmen glaubt…

Abendstimmung

…dann ist die in totaler Verwirtschaftung deflorierte Erde für einen kurzen Moment wieder zum Menschen kommensurabel geworden; dann erwacht heiter und singselnd eine längst vergessene Ahnung davon, wie das trübe, beschädigte Dasein wirklich sein könnte, ja, wie es sein müsste; und selbst noch die tristeste Industriebrache verliert für einen viel zu kurzen Moment ihre inhärente Hässlichkeit.