Tag Archive: Gespräch


Vom Erklären

Der Vorübergehende sagte zu seiner Zeitgenossin: “Ich kann versuchen, dir etwas zu erklären; und vielleicht ist das kritikwürdig, vielleicht mache ich es nicht besonders gut, lasse Dinge weg, die ich dir sagen müsste, schweife an anderer Stelle ab, zähle Dinge auf, die schon klar sind, verwende schwerverständliche Chiffren und unpassende Metaphern, wo klare Begriffe besser wären. Aber ich kann es beim besten Willen nicht für dich verstehen, ganz gleich, wie sehr ich mich auch bemühe”.

Der Fluchende

Durch den kühlen, nur sparsam sonnigen Novemberabend ging eben völlig unauffällig ein Mann längs der Hildesheimer Straße, der plötzlich ohne sichtbaren Anlass innehielt und laut und lästerlich, aber teilweise auch unverständlich zu fluchen begann. Ich fragte ihn, ob alles in Ordnung sei, und er sagte sehr ruhig und gefasst, ganz anders, als ich es in dieser Situation erwartet hätte: “Es ist alles in Ordnung. Mir ist etwas eingefallen, und ich habe mir schnell Luft verschafft, das war alles”.

Und ich dachte mir: Dieser Mann ist ein passendes Bild dafür, was die “Freiheit” bedeutet, seine Meinung äußern zu dürfen, so lange diese Äußerung nichts bewirkt.

Einzigartig

“Jeder Mensch ist einzigartig?”, sagte der Vorübergehende zu seiner esoterisch angehauchten Begleiterin, “Ich würde dir das gern glauben, aber ich bin neulich feierabends in einer Straßenbahn gefahren, und da habe ich sie gesehen, diese gepressten Bewusstlosen in einer gleichförmigen Masse, die sich alle alle damit über ihr Dasein hinwegtrösteten, dass sie während der Fahrt von ihrer großen Bedeutung tagträumten.”

Fassade

Der Vorübergehende sagte zu seiner Begleiterin: “Ich habe nichts gegen eine hübsche Fassade. Aber eine Fassade ohne etwas dahinter nennt man nun einmal eine Ruine.”

Gesellschaftskrankheiten

Er sagte mir, dass er nicht gern über Politik spräche. Und. Dass er gar nicht verstehen könne, wieso Menschen Stunden um Stunden darüber redeten und wieso sie es mit einer derartig fiebereifrigen Hingabe täten. Die Politik, sagte er, sie sei doch nur verlogen, kriminell und abstoßend, auf Lug und Korruption gebaut, ein Tummelfeld von Menschen, die niemand seinem Dasein hinzufügen möchte; darüber so ereifert zu reden hätte für ihn den gleichen Liebreiz, als spräche man begeistert über schwere, leidvolle Krankheiten.

Gruß an M.

Wer es nicht sieht

Er sagte, dass er sich die wenigen Filme, die er noch schaut, lieber über Pirate Bay herunterlädt; nicht nur, weil er damit ein paar Euro spart, sondern auch, weil er bei den dort erhältlichen Kopien nicht eine gefühlte Minute lang den sinngemäßen Hinweis “Raubkopierer sind Verbrecher” ertragen muss, wenn er doch eigentlich einen Film sehen möchte.

Negatives Zeug

Zeitgenossin: Du redest immer nur negatives Zeug. Ich will das nicht mehr hören, davon kriegt man ganz negative Gedanken.

Nachtwächter: Du meinst also, es hilft dir, wenn du Begriffe wie “negativ” verwendest, um hinter diesem unbeholfen objektivierenden Blendblah vor deinen eigenen Gedanken zu verbergen, dass dir etwas nicht gefällt. Weil. Du damit deinen Geist so umnebelst, dass du gar nicht mehr bemerkst, wie kindisch der Kern deiner Aussage klingt: Mir gefällt nicht, was du da beschreibst — egal, ob es wahr ist oder nicht — und nur deshalb will ich es nicht mehr hören. Erzähl mir doch bitte nur noch Dinge, die mir gefallen. Nimm dir doch einfach ein Buch mit hübschen Märchen!

Leere Straße

Wo alle dasselbe denken, wird nicht viel gedacht.

Karl Valentin

Zeitgenossin: Warum gehen die Menschen denn nicht auf die Straße, gegen Hartz IV, gegen den Krieg, gegen das alles?

Nachtwächter: Was sollen sie da? Sollen sie auf der Straße leben? Oder sollen sie ordentlich und bürgerlich bei ihrer Polizei eine Demonstration anmelden, einen Widerstand aufführen, für eine halbe oder ganze Stunde als vorübergehendes Verkehrshindernis in Erscheinung treten, einem Auto mit aufmontierten Megafon hintergehen und vergessen werden? Und wenn das: Wofür sollen sie auf die Straße gehen? Wissen die Menschen nach über einem Jahrzehnt einer Politik, die ihnen aus den Mündern aller Medien als “alternativlos” bezeichnet wurde, überhaupt noch, dass etwas anderes möglich ist? Woher sollen sie das wissen? Können sie die Probleme der herrschenden Klasse und die vorgeblichen “Sachzwänge” zum Durchsetzen des Programmes der herrschenden Klasse noch von ihren eigenen Wünschen und von ihren eigenen Bedürfnissen als Mensch unterscheiden? Und wie sollen sie es nennen, unter welcher Idee und für welche Veränderung sollen sie eine Stimme erheben? Welche Werte sollen im Schatten der Bildzeitung, der “Polit-Talkshows” und der breiten Propaganda der INSM den vielen Einzelnen die zielführende Gewissheit geben, in ihrer Drangsal nicht allein zu sein? Nicht darauf zurückgeworfen zu sein, die Zähne zusammenzubeißen, sich durch das Dasein zu wursteln und angstvoll zu hoffen, dass das denkbare persönliche Unglück an ihnen vorbeigeht und jemanden anders trifft? Und sich zu trösten, mit der ganzen Breite des angebotenen Trostes im Unterhaltungsprogramm, im Supermarkt und im Versandhauskatalog über das mögliche Leben hinwegzutrösten, damit die Zustände, die solchen Trost erforderlich machen, auch ja unter einem See des klebrigen, einlullenden Trostes unversehrt erhalten bleiben? Oder sollen sie vereinfachenden Parolen folgen, die ihnen vorgesagt werden und die leicht nachzusprechen sind? Das tun sie doch schon, und die vorgegebenen Parolen werden industriell und mit hohem Aufwand produziert und allgegenwärtig präsentiert. Schau dort, im Schaufenster der Volksbank: “Kluge Köpfe riestern”! Die Köpfe der Menschen, denen nur das “Hartzen” oder das Annehmen unterbezahlter Elendsarbeit in Verhinderung des “Hartzens” übrig bleibt, sind also dumm — das erklärts doch, zwar nicht gut, aber eingängig und auch für den RTL-Dauerglotzer “verständlich”. Die Leere der Straße, die dich so nach einer revolutionären Bewegung der Menschen auf die Straße sehnen lässt, Schwester, sie ist nur das Spiegelbild der intellektuellen und ethischen Leere, die dort entsteht, wo die Mehrzahl der Menschen einer kleinen Gruppe anderer Menschen mit der Macht und der Fähigkeit, ihre Interessen und ihre Gedankenwelt in die Öffentlichkeit auszubreiten, die Deutungshoheit über die Belange ihres eigenen Lebens gibt. Das ist nichts Neues, wenn man diese Struktur betrachtet; die “Kirche” hat einen anderen Namen bekommen, und in dieser Unveränderung immer noch viele Anhänger, die ihre Zweifel an den gepredigten “höheren” Ideen und ihre unmittelbaren Erfahrungen im kindischen Hoffen auf ein kommendes Heil verdrängen. Wenn das einmal überwunden wird, kann die Straße der Prozessionen und Demonstrationen auch leer bleiben, denn es ist mehr geschehen, als jemals zu erwarten war.

Gruß an Sigrid

Das Gegenteil von Zukunft

Sie sagte: Das Gegenteil von Zukunft ist nicht die Vergangenheit. Das Gegenteil von Zukunft ist die Herkunft.

Der “saubere” Sport

Zeitgenosse: Bei der Fußball-WM sind bis jetzt alle Doping-Tests negativ ausgefallen.

Nachtwächter: Der Sport ist sauber, und die Kittel der spezialisierten Sportärzte sind weiß. Bei der Tour de France sind bis jetzt auch alle Doping-Tests negativ ausgefallen.

Nachgeben

Zeitgenossin: Der Klügere gibt nach.

Nachtwächter: Und so kommt es zur despotischen Weltherrschaft der Dummheit.

Schlaf

Sie sprach das Wort “Schlaf” immer mit einem eigenartigen, erlösenden Unterton aus, beinahe so, wie ein wirklich religiöser Mensch unwillkürlich den Namen “Jesus” ausspricht. In dieser Nebenschwingung ihrer Sprache sagte sie mehr über ihren Hang, sich so weit wie möglich in sich selbst zurückzuziehen, als mit allen ihren eigentlichen Worten.

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