Tag Archive: Alltag


Sommerneige

Hinter dem im Mai erneuerten Maschendrahtzaun, schäbig, sechs Sonnenblumen; die unteren Blätter welkend. Dahinter die Engel aus dem Himmelreich des Spießers: Gartenzwerge. Deren einst obszöne Farben von zwanzig Wintern gebleicht wurden. Hinter alldem geht sie unter, die unbesiegte Sonne, weil. Sie keine andere Wahl hat.

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Äußere Werte

Sehr alltäglicher Anblick. Eine Frau, die ihr ganzes Leben nach dem Grundsatz auszurichten scheint, dass sie für Intelligenz und „innere Werte“ keine Drinks spendiert bekommt.

Der Streugutbehälter

Foto eines Streugutbehälters mit einem Graffito bestehend aus einem Penis und einem Herzen

Streugutbehälter sind ja zur Aufnahme von Substanzen gemacht, die vereiste Wege begehbar machen sollen… 😉

Umweltverträglich

In die Tüte „Capri-Sonne“ den mitgelieferten Strohhalm stechen, sie mit hörbarem Schlürfen aussaugen und den leeren Beutel in den richtigen Müll werfen — es ist ja ein „Grüner Punkt“ draufgestempelt.

Die Empfehlung

Man muss schon sehr dumm sein, wenn man den werbenden Aufdruck „Von Zahnärzten empfohlen“ auf einer Packung Zahncreme für eine gute Empfehlung hält. Wenn es etwas gibt, was dem Zahnarzt kein Einkommen schafft, denn sind es gesunde Zähne — und wenn es etwas gibt, was sich ein Zahnarzt schon aus wirtschaftlichen Gründen wünschen müsste, denn ist es ein Mund voller Ruinen…

Dieser Aufdruck ist nur ein Spiegelbild der Tatsache, für wie erfolgreich die Werber ihre Maßnahmen zur möglichst weitgehenden Verdummung der Menschen halten.

Schweinehochzeit Re Neunzig

Ein Problem der Geschichtsbücher besteht darin, dass sie die Geschichte lehren. Denn diese. Ist die schriftlich überlieferte Vergangenheit. (Sonst handelte es sich um Archäologie.) Doch während des größten Teiles der Vergangenheit unseres gegenwärtig wirksamen Kulturprozesses hinterließen nur die herrschende Klasse und ihre beflissenen Speichellecker aus dem Klerus und ihre sonstigen Schergen schriftliche Zeugnisse, während die Mehrzahl der Menschen nicht des Lesens und Schreibens kundig war. Was in der Sicht der Geschichtsbücher als die beschriebene Lebenswirklichkeit der Menschen aufscheint und von dort in das allzu unkritische Hirn des Lesenden und Beschulten gestempelt wird, ist lediglich die recht einseitige Sichtweise der Schreibenden und damit der Herrschenden. Wie hingegen die Herrschaft bei ihren Opfern, den oft willkürlich und gewaltsam Beherrschten, gefühlt wurde und das Leben prägte, ist im besten Falle in stark geschönter Form schriftlich aufgezeichnet und damit überliefert, um dem herrschaftlichen Narzissmus allzu derbe kognitive Dissonanzen bei seiner von „Gottes Gnaden“ eingesetzten Selbstinszenierung zu ersparen. Tatsächlich ist es bis auf den heutigen Tag gar nicht so sehr anders geworden, denn was sich in Form der Presse und des Verlagswesens an schriftlicher Mitteilung mit der Rotationsmaschine, der Druckerpresse und industrieller Methodik massenhaft vermehren und in dieser Form vor das Auge der Massen stellen lässt, ist ebenfalls die Sichtweise einer von „Geldes Gnaden“ eingesetzten, besitzenden und herrschenden Klasse und damit einer gesellschaftlichen Minderheit, deren Bild von der Wirklichkeit der Mehrzahl der Menschen arg verzerrt ist. In der jüngeren Zeit hat erst das Internet einen Raum geschaffen, der zu einer gewissen Demokratisierung der öffentlich zugänglichen Mitteilung führte — und damit sehr schnell Begehrlichkeiten nach einer Unterdrückung des Mitgeteilten bei den Besitzenden und Herrschenden erweckte. Eingang in spätere Geschichtsbücher werden diese Mitteilungen wohl nur in wenigen Ausnahmefällen finden, wenn überhaupt.

Aber was die Vergangenheit betrifft, ist die Situation nicht gänzlich verloren, gibt es doch Spuren der Lebenswirklichkeit breiterer Massen, die aber ebenfalls nur selten den Weg in Geschichtsbücher finden. Ganz genau so, wie die heutigen Versuche einer gesetzlichen Zensur des Internet die vor unser aller Augen erwachsene Bedeutung des Internet in die Zukunft widerspiegeln werden, sind vor allem willkürlich erscheinende, gesetzliche Verbote aus der Vergangenheit ein Spiegelbild der Lebenswirklichkeit der Mehrheit der Menschen in jener Zeit. Zum Beispiel wurde in der Stadt Bern im Jahre 1367 das Kartenspielen vollständig verboten; dieses nicht, ohne dass dabei in zeittypisch frömmelnder Form ein Stock Spielkarten als „Gebetbuch des Teufels“ gebrandmarkt wurde. Und das legt ein deutliches Zeugnis davon ab, wie bedeutsam die allgemeine Entspannung im Kartenspiele für viele Menschen im 14. Jahrhundert war. Kein Zufall ist es, dass die Bilder des Kartenspieles ein Abbild des Hofstaates waren und bis heute geblieben sind. Das Spielen mit diesen sonst so unantastbaren Symbolen der Herrschaft und damit der als tägliche Unterdrückung fühlbaren Gewalt — sicherlich auch in den damaligen Wirtshäusern unter Verwendung einer oft sehr derben Sprache — verschaffte den in Wirklichkeit wohl eher mit Zwang geknuteten „Untertanen“ ein gewisses Maß subjektiv wirksamer Erleichterung, die als psychische Aushöhlung der Herrschaft einer Minderheit über die Mehrzahl der Menschen nicht geduldet werden sollte und deshalb kriminalisiert und verteufelt wurde.

Ein solcher Hauch des anarchistisch Unanständigen, die Herrschaft Verspottenden und Ablehnenden in der Dynamik eines Kartenspieles lässt sich bis heute erleben, wenn man nur einer Runde Doppelkopf lauscht. Da meldet der eine seine „Schweinehochzeit“ an, während ein anderer Spieler beim Ausspielen seines zweiten Karo Königs breit grinsend „genschert“ und sich — obwohl die „Hochzeit“ mit den beiden „Alten“ (Kreuz Damen) schlicht den „ersten Fremden“ genommen hat — einfach seinen Spielpartner für diese Partie aussucht. 😉

Im Zeitalter des industrialisierten Mordens hat die herrschaftliche Gewalt freilich ein anderes Gepräge bekommen, und die BR Deutschland ist ein weltweit bedeutsamer Exporteur von Kriegswaffen. Und. Die mit Geld vollgesogene und reichlichem Einfluss ausgestattete Industrie, die diese Mordgeräte herstellt, wird von den Darstellern der staatlichen Macht umhätschelt und begünstigt. Ist es da ein Wunder, wenn die realitätsnahe, spielerische Aufbereitung bewaffneter Kampfhandlungen am Computer als „Killerspiele“ verteufelt wird und mit Verboten kriminalisiert werden soll, während das Mordsgeschäft weiterläuft und die Bundeswehrmacht schon an den Schulen um „Menschenmaterial“ werben soll?

Die Joggerin

Sie stand auf dem Bürgersteig auf der anderen Straßenseite. Wir warteten, denn es war eine Ampel, die uns mit rotem Licht zu warten gebot. Sie fiel mir nicht wegen ihres Aussehens oder wegen ihrer Kleidung auf. Sie trug Sportkleidung, dem Sommer der Laufenden angemessen dünn und kurz, in den Ohren der unvermeidliche Stöpsel, der den tosenden Lärm der Straßen meist mit einer „Musik“ zu übertönen sucht, die nicht viel empfindsamer als der Lärm ist, aber rhythmisch aufpeitscht. Sie war ein wenig kleiner als ich, war also recht hochgewachsen, und sie machte den Eindruck, als sei sie das, was der Falschsprech der Werbenden „figurbewusst“ nennt, als habe sie diese modische Vorstufe zur Bulimie. Aber all das war es nicht, was meine Aufmerksamkeit auf sie zog, all das sah ich erst auf dem zweiten Blick. Was ich hingegen auf dem ersten Blick sah, das war die Haltung, in der sie darauf wartete, dass die Ampel grün werde. Sie stand nicht etwa untätig herum, sondern sie lief die ganze Zeit, immerhin fast eine Minute lang, auf der Stelle. Nicht etwa in der unbeschwerten Art eines hüpfenden Kindes, sondern mechanisch. Und. Sie sah bei dieser Verrichtung zur Verbesserung ihrer in Watt messbaren Leistungsfähigkeit ausgesprochen verkrampft und unglücklich aus.

Während ich diese Zuspitzung des freudlosen Körperkultes sah, die bei allen Reizen des davon davon betroffenen Menschen etwa so viel sex appeal wie eine tote Maus voller Maden hatte, dachte ich mir, dass man doch alle Energieprobleme damit lösen könnte, dass man Laufräder für Menschen mit einem Generator versieht. Und. Solchen Menschen in kraftvollen, werbenden Bildern erzählt, wie gesund doch die Übung sei, in solchen Rädern zu laufen und zu laufen. Zur schnelleren Amortisation kann man solchen Menschen gewiss auch etwas Geld für ihr „Training“ abnehmen.

Platz!

Er ist zwei Köpfe kleiner als ich. Und. Er bettelt. Er ist einsam, denn das ist die Folge eines Lebens als gesellschaftlicher Außenseiter. Das ist wohl auch der Grund, weshalb seine Stimme einen Klang bekommen hat, der in gleicher Weise zynisch und aggressiv wie angenehm zurückhaltend ist. Der Jüngste ist er nicht mehr, aber das sieht man erst auf dem zweiten Blick.

Denn. Obwohl er einsam ist, ist er nicht allein. Er führt einen Hund mit sich, und das ist das Bemerkenswerte an dieser Begegnung. Denn neben seinem Hund. Wirkt er noch kleiner. Sein Hund ist eine riesen Deutsche Dogge, und man fragt sich bei diesem Anblick unwillkürlich, wo wohl die versteckte Kamera ist — zu surreal sieht die Szene aus. Aber es ist keine versteckte Kamera. Es ist Wirklichkeit.

Als er mich anbettelt, gebe ich ihm zu verstehen, dass ich selbst vom Betteln lebe; wir teilen eine Zigarette von meinen letzten Krümeln Tabak und ein paar warme Quäntchen Wort, von denen wir Herzen der Gosse oft zu wenig bekommen. Und irgendwann frage ich ihn zwischen Wetter und sporadischen Erlebnissen und Plänen und Taten und Träumen, wie er sich überhaupt mit einem so großen Köter durchschlägt, der doch wohl auch einen großen Hunger hat.

Die Antwort ist nur im ersten Moment verblüffend. Er braucht, so sagt er, den Hund, um die Wohnung halten zu können. Das Futter für den Hund ist niemals das Problem, denn der Metzger gibt dem Hund bereitwilliger als jedem Menschen das, was er nicht mehr verkaufen kann. Aber nicht nur der Metzger sei so gestrickt, setzt er fort, sondern alle geben ihm mehr beim Schlauchen, wenn er mit dem Hund an der Straße steht, ja, es reicht für die Bude und einen täglichen Bauchvoll. Er hat den Hund damals eigentlich nur von einem Bekannten genommen, der für längere Zeit ins Krankenhaus musste, weil er es nicht übers Herz brachte, dass dieser tolle Hund im Tierheim landet, und irgendwie schlägt man sich ja immer durch. Doch dann entdeckte er sehr schnell, dass es sich mit dem Hund müheloser und besser bettelt, dass die Menschen viel eher zum Geben bereit sind, wenn sie ein Tier in Armut sehen. Als wenn sie einen Menschen in Armut sehen. Und schließlich sagt er noch, dass er in den Augen der ganzen Arschlöcher hier als verarmter Mensch noch wertloser als jedes Haustier ist, und genau das. Hat er lernen müssen in den letzten Jahren. Und. Wie er das so bitter sagt, klingt er gar nicht grimmig, obwohl er mit seinen kurzgeschorenen Haaren und seinem recht kalten Blick sehr aggressiv aussieht, sondern er klingt. Sehr resigniert. Ganz wie jemand, der von seiner Gesellschaft in täglicher Dressur mit Zuckerbrot und Peitsche gelernt bekommen hat, was sein Platz ist.

Und er sagt, nicht im bellen Kommandoton, sondern in eigentümlich leiser und fast lieber Stimme zu seinem Hund: „Platz!“

Mit fröhlichem Gruß an A.

Kot statt Nektar

In dem Toilettenpapier, das auf ihrem Klo herumliegt, sind runde Noppen mit einem Durchmesser von etwas mehr als einem Millimeter eingeprägt. Diese sollen wohl dem weichen Stoff eine gewisse Rauigkeit geben, um die Reinigungswirkung beim Abwischen der perianalen Regionen zu verbessern.

So weit, so sinnvoll.

Doch wo nicht mehr in erster Linie das Sinnvolle vermarktet wird, sondern angesichts einer scheinbaren Vielfalt der recht gleichen Produkte verschiedener Hersteller nur noch ein image, da genügt das Sinnvolle eben nicht. Und. Deshalb kommt es zum Design. Die kleinen Noppen sind in Form eines regelmäßigen Musters angeordnet. Die Grundform ist eine Raute, mit der sich der endlose Streifen des aus der Maschine quellenden Papieres dicht kacheln lässt, damit es auch schön regelmäßig wirkt. Innerhalb jeder Raute ist ein Kreis geprägt. Und. In der Mitte jedes Kreises ein Schmetterling, gut erkennbar an seinen vier großen Flügeln und den deutlich gezeichneten Fühlern; ein Hauch von frohebuntem Flattern eines Nektarschlürfers dort, wo er nicht erwartet werden kann.

Während ich auf dem Klo saß, betrachtete ich müßig dieses Muster, das in einem idiotischen Prozess des Wirtschaftens mechanisch hervorgebracht wurde. Als ich fertig war, wischte ich die verschmierten Fäzes an meinem Arsch mit Schmetterlingen ab. Und. Ich konnte dabei den Gedanken nicht mehr abschütteln, dass brummblaue Schmeißfliegen doch etwas passender gewesen wären.

Guten!

Die Sprecher des Niederdeutschen sind mir allein deshalb sympathischer als die Sprecher des Hochdeutschen, weil sie die Menschen schlicht mit „Moin!“ begrüßen.

Anders, als die meisten Sprecher des Hochdeutschen vermuten würden, hat das nichts mit dem „Morgen“ zu tun — deshalb ist dieser Gruß auch Abends im Gebrauch. Das niederdeutsche Wort „moi“ bedeutet einfach nur „gut“. Wenn man von der Grußformel schon einen Teil weglässt, um sie in der alltäglichen Verflachung kürzer zu machen, denn ist es doch besser, wenn der recht redundante Teil mit der Angabe der Tageszeit wegfällt. Wo mir im größten Teil Deutschlands einfach nur ein mürrisches „Morgen“, „Tach“ oder „`n Abend“ als Gruß entgegen geworfen wird, da sagt man mir in Küstennähe einen „Guten“ zu.

Und nein, „Grüß Gott!“ geht gar nicht!

Die selbsterfüllende Prophetie

Man kann ja eh nichts ändern„, sagt Zeitgenosse Mauerglück. Und. Versteckt sein „ich“ hinter dem unpersönlichen „man“, um der Schwere seines Sitzfleisches allgemeine Gültigkeit zu geben. „Die machen ja eh, was sie wollen„. Mit diesem Mantra auf den Lippen, das wie mechanisch jedes Mal wiederholt wird, wenn die eigene Verantwortung hör- und fühlbar wird, tut er nichts.  Verschanzt sich mit verschränkten Händen in die geile, bunte Ersatzwelt der Massenmedien, ein dröges Surrogat für das Leben. Unterdessen steht das Kartenhaus seiner Lebenslügen in Flammen, niemand löscht den Brand, und „die da oben“ haben schon längst ihre Schäfchen ins Trockene gebracht.

Überall in Deutschland redet Zeitgenosse Mauerglück genau so. Und. Ist genau so untätig. Kein Wunder, dass er mit seinem unverschämt fatalistischen Reden Recht behält.

Die Versagerin

Zeitgenossin: „[…] und meine Mutter hält mich sowieso für eine völlige Versagerin.“

Nachtwächter: „Und das Schlimmste daran. Ist. Dass deine Mutter darin völlig recht zu haben scheint. Wenn man sich dein Leben anschaut, bist du auf ganzer Linie gescheitert. Aber eines. Fragt sich deine Mutter oder ein anderer Mensch niemals: Ob dein ‚völliges Versagen‘ darauf zurückzuführen sein könnte, dass dir in deinem Leben völlig falsche Aufgaben gestellt wurden; Aufgaben, an denen du einfach scheitern musstest. Niemand erwählt sich, ein Versager zu sein.“