Die Menschen im Land der Dummen sind ein eigenartiges Volk. Sie sind wie besessen vom Zählen und den dabei entstehenden Zahlen. Sie glauben fest daran, dass sich alles seiende in Zahlen angemessen ausdrücken lässt.

So hört man im Land der Dummen ganz viele Zahlen, alles ist gezählt, gemessen und vermessen. Einem Menschen im Land der Dummen reicht es nicht, einfach zu spüren, dass es kalt draußen ist, um sich dem Wetter entsprechend anzuziehen. Nein, der Bewohner Dummlands braucht eine Zahl, eine Temperaturangabe in Grad Celsius, damit Wärme und Kälte für ihn so Interessant werden, dass er sich entsprechend verhält. Man könnte wohl die Einwohnerzahl Dummlands drastisch reduzieren, indem man eines kalten Wintertages alle Thermometer um vierzig Grad nach oben verstellte — diese Menschen würden in ihrer leichten Sommerbekleidung in den Schneestürmen erfrieren.

Und so sieht man überall in Dummland Dinge, die Zahlen zeigen. In Dummland wird einfach alles in Zahlen ausgedrückt. Die Zeit ist nicht mehr der zu nutzende Jetztmoment des Daseins mit allen Gefahren und allen Glücksmöglichkeiten, sondern nur noch das, was die Uhren messen und damit das, was das Leben in Termine zerschneidet. Kein Haushalt in Dummland, in dem sich nicht wenigstens fünf Geräte finden ließen, an denen der Dummländer die Zeit ablesen könnte — und zwar auf jedem der Geräte eine andere. Sogar in die „intelligenteren“ Kaffeemaschinen, die der zahlenhörige Dummländer braucht, um mit morgendlichem Wachtrunk seinen Körper an die gemessene, in Zahlen ausgedrückte Zeit anzupassen, zeigen eine Zeit in Zahlen an und fangen sogar zur rechten Zeit mit der Zubereitung der braunen Brühe an. Überall hängen Kalender, damit man Gelegenheit hat, ganze Monate in voraus abzuzählen und irgendwelchen Tätigkeiten zuzuteilen. Und wenn man etwas tut in Dummland, dann muss man dabei immer zählen — es gibt für Blogger sogar Listen von zweihundert Dingen, die jeder in Dummland einmal getan haben sollte, die können dann einfach abgehakt werden; und wer die zweihundert Dinge mit seinem Dasein nicht vollständig aufgezählt kriegt, der hat eben ein langweiliges Leben.

Aber auch sich selbst und ihr körperliches Sein betrachten die Dummländer in erster Linie als ein Zahlenwerk. Wenn ein Dummländer einmal krank wird, geht er zu einem Arzt in Dummland, und dieser Arzt nimmt dann eine Blutprobe, eine Urinprobe, eine Stuhlprobe und sendet diese Ausflüsse des kranken Körpers an ein Labor. Das Labor macht daraus große Auflistungen von Zahlen. Zu diesen Zahlen gesellen sich die beiden Zahlen, die den Innendruck der Blutgefäße angeben, die in einer Minute gezählten Herzschläge und eventuell noch die Körpertemperatur. Der Arzt vergleicht diese Zahlen dann mit einer anderen Aufstellung von Zahlen, nämlich den zu erreichenden Normwerten; und dann behandelt er einfach die abweichenden Zahlen mit Mitteln, die solche Zahlen ändern können. Wenn mehrere Zahlen daneben liegen, dann bedarf es sogar noch zusätzlicher Mittel gegen die sich gegenseitig beeinflussenden Zahlenänderungen durch die gleichzeitig angewendeten Mittel. Und wenn die Zahlen wieder im vorgesehenen Bereich sind, dann wird dem Dummländer erzählt, dass er völlig gesund sei. Natürlich sind die vorgegebenen Zahlen so gesetzt, dass Gesundheit eine seltene Ausnahme ist, damit sich das Ganze für den Arzt, den Apotheker und die beteiligten Labore auch auszahlt — schließlich werden sie für Krankheit bezahlt, nicht für Gesundheit. Wenn jemand sich als gesund erweist, ist er in aller Regel noch nicht gründlich genug untersucht worden — und es zahlt sich aus, wenn man noch einmal nachzählt.

Ein Mensch aus Dummland kann auch nicht einfach essen, was ihm schmeckt, nur weil er Hunger hat. Schon gar nicht, wenn er öfter mit einem Arzt zusammen war. Da muss es doch etwas zu zählen geben, und es wird ihm auch etwas zum Zählen geliefert. Aus einfachen, billig bis kostenlos erhältlichen Werken kann der Mensch in Dummland entnehmen, welchen zahlenmäßigen Bedarf er an gewissen, zahlenmäßig erfassten Bestandteilen des Essens hat, und wenn er darauf nicht achtet, wird das als Problem betrachtet und er muss damit beginnen, sich bewusst — also alles durchzählend — zu „ernähren“. In der Regel merkt der Mensch aus Dummland, dass er ein derartiges Problem hat, wenn er sich auf eine Waage stellt und die darauf angezeigte Zahl außerhalb des genormten Bereiches liegt. Dummländer, die sich in Essensfragen für schlau halten, haben selbstverständlich eine Waage zu Hause stehen, selbst wenn sie gegen die von Tabellen auferlegte Religion verstoßen und immer wieder mit Sahnetörtchen und Schokolade „sündigen“. Im Essen fromme Dummländer achten gar nicht mehr auf ihren Hunger, sondern tanken sich selbst auf, wie man eine Maschine mit den erforderlichen Brennstoffen befüllt — keine andere Religion der Welt hat derart schwierige Speisevorschriften wie das tiefgläubige Essen nach Zahlen in Dummland. Dumme Dummländer, die die schlauen Dummländer für dumm halten, halten sich nicht an dieses Werk von Vorschriften und brüllen im Schnellimbiss: „Ich will ne Currywurst! Ich will mich nicht ernähren, ich will fressen!“

Doch bei aller Liebe zur Zahl, für die Mathematik und die mathematische Logik geht den Menschen im Land der Dummen jedes Verständnis ab. Das zeigt sich schon daran, dass sie eigentlich nicht gut zählen und noch schlechter rechnen können — man siehts deutlich am überteuerten Tinnef, den sie sich kaufen. Deshalb haben die Menschen in Dummland eine blinde, kindische Zahlengläubigkeit; so bald ihnen jemand eine Zahl nennt, erstarren sie in Ehrfurcht und sind jeder Möglichkeit der Widerrede beraubt. So ähnlich muss das bei wirklich frommen Menschen sein, wenn man in einer Streitfrage die passende Stelle aus der jeweiligen heiligen Schrift zitieren kann. Die heilige Zahl wurde gesprochen, der Streit ist beendet.

Wenn sie wieder in Dummland sind, probieren sie es doch einfach einmal aus. Sagen sie nicht einfach, dass es beunruigend ist, dass die Sommer immer wärmer werden, da nickt zwar jeder, aber es bewegt keinen. Sondern sagen sie, dass in den letzten dreißig Jahren eine Erhöhung der Durchschnittstemperatur in der nördlichen Hemisphäre um 7,8 Prozent verzeichnet wurde und dass es in Folge der dadurch verursachten Verlagerung der sich im Frühjahr und Herbst bildenden Wirbelsysteme um 4,3 Grad in nördlicher Richtung eine allgemeine Steigerung der durchschnittlichen Niederschlagsmengen um 13,4 Prozent und des Weiteren eine Steigerung der Häufigkeit von Starkregenereignissen der Kategorien zwei und drei um über 400 Prozent zu einem zeitweise versechsfachten Wasserdurchsatz der nordeuropäischen Flusssysteme gekommen sei, was die Ursache der katastrophalen Hochwasser der letzten zehn Jahre ist, zumal dem in die Ozeane abfließenden Wasser wegen der um 12,4 Prozent abgeschmolzenen Polkappen ein um 2 prozent erhöhter Widerstand entgegen gesetzt wird; in Extrapolation dieser Entwicklung auf die kommenden zwanzig Jahre ist davon auszugehen, dass die an großen Flüssen liegenden europäischen Großstädte — und das sind ja fast alle europäischen Großstädte — demnächst alljährlich zwei Mal vollständig überflutet würden, selbst das völlige Versinken einiger tiefer gelegener Städte wie Hamburg sei nicht auszuschließen. Nun haben sie kein Nicken mehr, sondern weit aufgerissene Augen, Entsetzen, Angst, echte Katastrophenstimmung und tiefe Bewegung, aber dennoch wird der Mensch aus dem Land der Dummen nichts tun. Ihm ist nämlich eine andere Zahl viel wichtiger, und das ist sein Kontostand.

Der gewöhnliche Dummländer fragt nicht nach der Quelle der Zahlen, und so kommt es, dass 76,3 Prozent aller Statistiken, von denen in Dummland gesprochen oder geschrieben wird, eine spontane Erfindung des Sprechers oder Schreibers sind. Sie können sich die Zahlen ruhig einfach ausdenken. Manchmal treffen sie jedoch auf jemanden, der sich der allgemeinen Denkverweigerung nicht anschließt — keine Angst, so jemand wird in Dummland niemals ihr Boss sein — und wissen will, wo sie diese ganzen Zahlen herhaben. In dieser Situation müssen sie natürlich etwas über den Menschen wissen. Wenn er die FAZ nicht liest, sagen sie ruhig, dass sie die Zahlen aus dem letzten Wissenschaftsteil der FAZ hätten und fragen sie ihn, ob sie die Zeitung nicht morgen mal mitbringen sollen — auf dieses Angebot wird regelmäßig verzichtet. Ansonsten nehmen sie Bezug auf ein englischsprachiges Papier der Vereinten Nationen zur Prognose der Entwicklung der Ernährungslage bis zum Jahr 2036, dass sie eben so gern und gefahrlos für ihr haltlos behauptetes Zahlenwerk zum Mitbringen anbieten können. In beiden Fällen haben sie den gleichen Kunstgriff angewandt — sie trafen auf einen ketzerischen Menschen, der die Autorität von Zahlen anzweifelt und konfrontierten ihn einfach mit einer anderen Autorität. Auf Autoritäten fährt man ab in Dummland.

Aber um bei den Zahlen zu bleiben: So bald eine Zahl ins Spiel kommt, kommt den Menschen im Land der Dummen die letzte Logik abhanden und sie verstehen nicht mehr den Unterschied zwischen einer Implikation und einer Äquivalenz. Bei anschaulichen Begriffskategorien ist es ihnen noch klar, dass etwa aus der Tatsache, dass jede Frau ein Mensch ist, nicht umgekehrt die Tatsache folgt, dass jeder Mensch eine Frau ist. Bei den unanschaulichen, aber doch so autoritären Zahlen sieht das aber ganz anders aus. Für die Menschen im Land der Dummen folgt aus dem Glauben, dass sich alles Seiende in Zahlen ausdrücken lässt, unmittelbar die Umkehrung, dass alles nicht sei, was sich nicht in Zahlen ausdrücken lasse; und genau so gehen sie dann auch mit sich selbst und ihrer Psyche um. Und was noch schlimmer und dümmer ist, es folgt daraus für viele auch, dass alles, was sich in einer Zahl ausdrücken lässt, auch existiere.

Die Werber im Land der Dummen wissen das schon lange, sie haben darüber nämlich aufwändige Marktforschung angestellt, die zuverlässige Zahlen zu diesem Thema lieferte. Und deshalb werben sie so gern mit Zahlen.

Da gibt es Shampoos, die den Haaren 20 Prozent mehr Spannkraft und 40 Prozent mehr Glanz geben, und keiner im Land der Dummen fragt sich, mit welchen Geräten man eigentlich die Spannkraft und den Glanz von Haaren misst. Stattdessen wird das Zeug wegen der Zahlen gekauft und bezahlt, das rechnet sich für die, die so berechnend vorgingen. Auch die Gesichtscreme für 40 Prozent weniger Falten verkauft sich gewiss gut. Überall Zahlen, Zahlen, Zahlen und ungezählte gläubige Deppen in Dummland, die dafür zahlen.

Dieser Text wurde übrigens mit 35 Prozent zusätzlicher Satire angereichert.

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