Sie hatte lange Zeit in der Verwaltung einer größeren Stadt gearbeitet, und sie blickt auf diese Zeit zurück. Sie erzählt, wie man sich dort am Arbeitsplatz verhielt, und wie absurd ihr das schon damals vorkam. Sie spricht davon, dass alle Kollegen und Kolleginnen am Rechner saßen und versuchten, den Eindruck zu erwecken, sie seien schwer mit irgendwelchen Aufgaben beschäftigt, auch wenn sie gar nichts zu tun hatten. Sie sagt, dass jeder Beteiligte, ja, selbst noch die Vorgesetzten darum gewusst hätten, dass es sich hier nur um simuliertes Tun handele. Aber wenn man sich dort während der Arbeitszeit einmal entspannt hinsetzte, so sagt sie, wenn für jeden sichtbar wurde, dass man gerade einmal nicht angespannt mit etwas beschäftigt sei, und wenn sich das öfter wiederholte, wurde es zur Quelle von sozialen Problemen. Sie fand es kindisch, so zu tun, als ob man etwas täte, und sie saß deshalb öfter entspannt herum und hätte diese kleinen Pausen im monotonen Bearbeiten von Papier auch durchaus genießen können. Aber, so sagt sie, dafür wurde sie von ihren Kollegen und Kolleginnen immer wieder scharf angegangen, wurde mit einem ätzenden Unterton in der Stimme gefragt, ob sie denn gar nichts zu tun hätte, nur weil man ihr eine kleine Pause ansah. Sie hatte Rückgrats genug, darauf immer wieder einmal zu erwidern, dass es doch recht kindisch wäre, wenn man stets so tun müsse, als ob man etwas täte; dass es nichtsnutzig sei und dass doch das Pensum der von ihr erledigten Arbeit für sich selbst spräche und jeden unausgesprochenen Vorwurf der Faulheit widerspräche.

Es war diese Art von Rückgrat, die sie zur Außenseiterin an ihrem Arbeitsplatz machte, zur gemiedenen Frau, so erzählt sie, zu einer Unperson, die aus dem gewöhnlichen menschlichen Miteinander ausgeschlossen wurde: Jemand, den man nicht mehr einlud, wenn es etwas zu feiern gab, ja, sogar jemand, den einige Kollegen und besonders Koleginnen nicht einmal mehr der höflichen Unverbindlichkeit eines Grußes am Morgen würdigten. Das nagte sehr in ihrer Seele, was ich gut verstand, denn ich kenne solche Situationen selbst. Und so fing sie an, sich völlig fehl am Platze zu fühlen; diverse „kleine“ Krankheiten mit eher diffuser Symptomatik wie anfallsartige starke Kopfschmerzen, Magenprobleme und eine wachsende Unfähigkeit, am Abend in den Schlaf zu finden, gesellten sich als somatische Begleitung zu diesem Fühlen. Natürlich wirkten sich diese — in einem langen Prozess der gefühlten Fremdheit und Vereinsamung entstehenden und sich verfestigenden — Krankheiten auch auf das erfüllte Arbeitspensum aus, und der anfänglich im bissigen Worten dünstelnde Vorwurf der Faulheit gewann dadurch eine gewisse materielle Substanz, schien zu einer zutreffenden Beschreibung ihres Wesens geworden zu sein.

Schließlich reagierte ihre direkte Vorgesetzte auf diesen Vorgang. Sie sollte fortan im Keller des Amtes arbeiten, fern von jedem „Kundenkontakt“ (ein verlogenes Wort für die Besucher einer Behörde ist das) und fern von allen Kollegen. Und, so sagte sie, daraufhin wurde es wirklich schlimm, und in einer Arbeitsumgebung, in der die heiteren Strahlen der Sonne durch das Flackern der Leuchtstoffröhren ersetzt wurden und in der niemand einen Kontakt zu „Kunden“ hat, kam es schließlich zu einer immer weiter gehenden inneren Entfremdung von ihr selbst. Die eher diffusen Krankheiten raubten ihr nach und nach einen immer größeren Anteil ihrer Lebenszeit, sie erzählte, wie sie immer stärkere Medikamente benötigte, um überhaupt noch schlafen zu können und wie sich ihre Krankheitszeiten immer mehr ausdehnten, bis ihr „ständiges Kranksein“, das ja zynisch als „nur psychisch“ bezeichnet und betrachtet wurde, schließlich immer wieder dazu führte, dass sie ihrer direkten Vorgesetzten spontan Rede und Antwort stehen musste, was zum Hohn auch noch als „Gespräch“ bezeichnet wurde. In Wirklichkeit ging es nicht um ein Gespräch, sondern sie sollte sich für die Unverschämtheit ihres Krankseins rechtfertigen, was sie natürlich nicht konnte, so dass sie stets in der Defensive war. Diese regelmäßige Demütigung ging so weit, dass jene große Angst vor dem nächsten Tag „auf Arbeit“ ihr Leben überschattete, die wohl schon vorher zu einer eher diffusen Krankheit geführt hatte. Dieser völlig sinnlose Stress führte in seiner täglichen Wiederholung schließlich zu einem vollständigen Zusammenbruch, von dem sie sich bis heute nicht erholt hat — und kein Mensch in ihrer Umgebung hat dafür auch nur eine Spur Verständnis aufbringen können. Ihren ehemaligen Kollegen und Kolleginnen war dies übrigens gleichgültig, sie werden dort immer noch kalt sitzen und so tun, als ob sie angestrengt etwas täten, statt einfach die erquickende Freude einer kleinen, in der leidigen Routine entstehenden Pause für sich in Anspruch zu nehmen.

So kann es hier einem Menschen in Deutschland gehen, wenn er genug Charakter hat, nicht jeden Unsinn am Arbeitsplatz mitzumachen. Der überpersonale Prozess, der über einige Betriebe — gewiss nicht nur in der Verwaltung — abläuft, zermalmt jede Seele, die nur eine Spur von Widerspruch gegenüber dem Sinnlosen hat. Stumpfheit oder sozialer Abstieg, das ist die „Alternative“, vor der sich viele Menschen jeden Tag gestellt sehen.