Tag Archive: Zynismus


Gefällt mir, Mundgeruch gelöst, Pluseins

Meldung der Berliner Morgenpost: 'Zwei schwere Explosionen bei Marathon in Boston'. Darüber der Button von Facebook mit der Aufschrift 'Gefällt mir'. Darunter eine Google-Anzeige 'Mundgeruch gelöst'.

Ohne Worte.

Quelle des Screenshots: Website eines qualitätsjournalistischen Verlagsangebotes.

Sterilisierter Spaß

Der Vorübergehende sagte zu seinem jungen, studierenden Zeitgenossen: „Du hast eine Zukunftsaussicht vor dir, und du lebst in einer Zeit, in der alles Miteinander unter dem asozialen Imperativ der Ökonomie betrieben wird. Das eröffnet dir Möglichkeiten. Ich kann dir nur empfehlen, dich sterilisieren zu lassen, aber niemals einer Frau davon zu erzählen. Wie sehr die Frauen beim Verführen und beim Sex zur Hochform auflaufen werden, wenn sie nur die Aussicht auf ungeschützten Geschlechtsverkehr mit einem Mann im Wohlstand haben, den sie mit der flutschen Bärenfalle ihrer Vulva in die Unterhaltsknechtschaft zwingen können, wirst du dann erleben. Und. Du wirst jede Menge Spaß haben. Kinder gibt es genug, wenn du Kinder willst, kannst du ja jederzeit eines adoptieren.“

Krieg

Wenn der Krieg von Frankreich um die Vorherrschaft in einer ehemaligen Kolonie und gegen Religioten mit nichtchristlicher Religion geführt wird, ist dieser von Staats wegen betriebene Terrorismus für die Presse und die Stimmen im flackernden Volksempfänger kein Krieg mehr, sondern nur ein „militärisches Engagement“, das sich „gegen den islamischen Terrorismus“ richtet. Wie engagiert doch in diesem Neusprech die staatliche Gewaltdrohung und -anwendung klingt! Man könnte beim Klang dieses Wortes beinahe an eine Bürgerinitiative für einen Kinderspielplatz denken…

Tochter Zion, freue dich!

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Tochter Zion

Wenn Christen trotz mindestens eines Jahrtausends der Pogrome und der Entrechtung von Juden zum feierlichen Hohn in der Weihnachtszeit „Tochter Zion, freue dich“ absingen, zeigt sich darin die ganze eiskalte Hirn- und Heillosigkeit der christlichen Religion.

Terror und Normalität

Und zwischendurch Raider, den Pausensnack…

Einwurf von B. zur Werbepause in der Nachrichtensendung

An dem Tag, an dem jemand unter großer medialer Beachtung und immer wieder im bewegten und bewegenden Bild gezeigt in Oslo eine Bombe zündete und auf Utøya mehrere Dutzend Jugendliche erschoss, sind völlig unbeachtet von den gleichen Medien, die in dieser sich anbietenden, so fesselnden Verpackung des Terrors ihre Reklame für bunteres Leben, käufliche Freiheit und kalorienreduzierte Nahrung transportierten, ca. 30.000 Kinder verhungert. Das. Ist so unbeachtet und damit so vergessen, weil es so normal ist.

Der heilige Zynismus

Jehovas gerechtes Gericht wird an all denen vollzogen, die sich durch Satans verschmutzte 'Luft' beeinflussen lassen

Wie lieblos, menschenverachtend und zynisch das Reden religiöser Fanatiker vom keineswegs nur heimlich herbeigesehnten „gerechten Gericht“ ihres Gottes ist, wird am deutlichsten fühlbar, wenn man ihre angstausbreitenden Worte und Bilder — dieses Beispiel stammt aus dem Buch „Die Offenbarung, ihr großartiger Höhepunkt ist nahe“ der Zeugen Jehovas — in einer Zeit vor Augen hat, in der Menschen nicht den perversen, aber für jeden leidlich geistig gesunden Menschen harmlosen Fantasien dieser Seelenfresser, sondern den realen, zur Katastrophe werdenden Naturgewalten ausgeliefert sind und alles verlieren, um ihr Leben fürchten müssen und sterben.

Tausend Jahre vergessen

Joachim Kardinal Meisner predigte auf einem Soldatengottesdienst in Köln, dass sich sogar im Himmel noch die Balken biegen wollten:

Es hat jemand gesagt, entweder betet der Mensch Gott an oder sich selbst. Letzteres ist ein großes Unglück und eine Gefährdung für den Frieden in der Welt. Die Geschichte weiß das zu Genüge zu berichten. Gerade unser Volk ist von den Folgen der Selbstvergötzung stigmatisiert. Das Hitler-Regime als tragische Ersatzreligion ist mit seinen 60 Millionen Toten die schlichte Folge, dass sich der Mensch an die Stelle Gottes gesetzt hat. Hier hieß es nicht mehr: „Wie im Himmel, so auf Erden“, sondern „Wie auf Erden, so im Himmel“. Das „Heil Hitler!“ war der grausame Ersatz für den Heiland Jesus Christus. Ich durfte im September 2009 im Dom zu Münster einen 31-jährigen Priester seligsprechen, der 1941 im KZ Dachau von den Nazis umgebracht worden war, weil er gesagt hatte: „Wer Christus den Jugendlichen aus den Herzen reißt, ist ein Verbrecher!“ Die Kirche war der große Störenfried in diesem von Größen- und Rassenwahn geprägten Naziregime.

Nun, Euer Eminenz, mir scheint, in ihrer Erinnerung der jüngeren Geschichte der röm.-kath. Kirche in Deutschland klafft eine kleine Lücke von tausend Jahren. Selbst ihnen, Eminenz, müsste doch gleißendhell auffallen, dass so ein Pfaffe mit Rückgrat, der in einem letztlich sinnlosen, aber doch wenigstens aufrechten Martyrium im Mordlager verreckt, eine recht seltene Erscheinung ist. Oder haben sie etwa tausende oder doch wenigstens hunderte dieser Priester mit so einer „Seligsprechung“ ehren und damit zur Verehrung freigeben können? Nein, natürlich nicht. Und warum nicht? Weil es nur wenige Ausnahmen unter den Priestern waren, die unter den Bedingungen des „Dritten Reiches“ in dieser Weise bis zum Äußersten gingen und dafür schließlich starben. Und das. Haben die Priester ihrer hl. röm.-kath. Kirche im „Dritten Reiche“ mit den meisten anderen willkürlich auswählbaren Gruppen von Menschen unter der Herrschaft des beliebtesten deutschen Kanzlers der bisherigen Geschichte gemeinsam gehabt. Und die aus der Geistlichkeit ihr Rückgrat der Staatsgewalt zum Zerbrechen hingestellt haben, sie waren meist einfache Menschen, die in dieser Haltung…

Hohe Geistliche der röm.-kath. Kirche beim so genannten 'Deutschen Gruß'

…durchaus im Gegensatz zur Kirchenführung standen. Denn bei ihnen, Euer Eminenz, die sie so gern die alten Geschichten mit einem zwar recht sympathischen, aber oft auch etwas wirren jüdischen Wanderprediger und ein paar Fischern und schrägen Typen drumherum hervorkramen, um mit diesem legendären Stoff auf der Psyche der Menschen Klavier zu spielen, ja, auch bei ihnen erweist sich das Sprichwort als sehr wahr, dass der Fisch vom Kopfe her zu stinken beginnt. Damals wie heute.

Kennen sie eigentlich den antiken Bericht von diesem Jesus aus Nazaret und die paar Quäntchen Wort, die in diesem Schmöker Jesus aus Nazaret zugeschrieben werden? Das sollten sie ruhig einmal lesen. Am besten, sie fangen mit dem dreiundzwanzigsten Kapitel des Evangeliums nach Matthäus an. Da ja auch in ihren Kreisen, Eminenz, das Picken von glaubensstärkenden Rosinen aus diesem Text so unglaublich beliebt ist, mag ich mich auch nicht zurückhalten und hole dort einmal eine besonders dürre und sehr nahrhafte Schrumpeltraube heraus, damit sie nicht geistig darben müssen:

Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr der Propheten Gräber bauet und schmücket der Gerechten Gräber und sprecht: Wären wir zu unsrer Väter Zeiten gewesen, so wollten wir nicht teilhaftig sein mit ihnen an der Propheten Blut! So gebt ihr über euch selbst Zeugnis, daß ihr Kinder seid derer, die die Propheten getötet haben.

Mt. 23, 29-31

Wenn man sie so schamlos herumlügeln hört, Euer Eminenz, denn könnte man doch wirklich denken, er spräche von Euch, dieser Jesus…

Kein Wunder, dass ihresgleichen überall so gern altrömische Martermordpfähle aufhängt, um auch immer vor Augen zu haben, wie erfreulich tot und stumm der jetzt ist, dieser Jesus.

Quelle des Fotos

So freut euch doch!

Erlebter Zynismus ists, wenn der Denkende und Fühlende müßigen Schrittes an der wie ein Schneehügelchen anmutenden Gedenkstätte für die ermordeten Juden aus Hannover vorbei geht, und wenn in gleichen Moment aus einer gar nicht so großen Ferne ein Chor die deutlich verständlichen und auffordernden Worte „Tochter Zion, freue dich!“ in die „heilige“ Nacht singt.

Leichenfledderer

Angesichts der Katastrophe — wieso schreibt die Journaille eigentlich bei diesem Thema so gern Tragödie, ganz so, als ob es ein aufgeführtes Schauspiel wäre, von dem sich die Menschen entspannt zurückgelehnt unterhalten lassen sollen — auf der Loveparade hat es sich das Fachblatt für geile Bilder und widerlichen Gossenjournalismus, die Bildzeitung, nicht nehmen lassen, schnell noch ein wenig in den Leichen zu fleddern und Google-Ads zu geeigneten Suchbegriffen zu schalten, damit die Toten auch ja noch ordentliche page impressions und Werbegeld für den Springer-Verlag bringen:

Todesopfer Loveparade -- Loveparadebesucherin erlag ihren Verletzungen. Mehr auf Bild.de -- www (punkt) bild (punkt) de (slash) Opfer_Loveparade

Ich empfehle übrigens angesichts derartiger Ads, ruhig einmal angewidert darauf zu klicken und dabei zu hoffen, dass es auch richtig teuer für die Entseelungsreste wird, die auf diese Weise Geschäft machen. Den Browsertab kann man getrost schließen, bevor die grelle Website der Bildzeitung vollständig geladen ist. Es kostet schon, wenn Google den Klick registriert hat.

Gefällt mir

Ein entsetzliches Bild -- und darüber der Button mit der Aufschrift 'Gefällt mir'

Der Tod presented by AWD

Ich habe die zynische, fernseh-gerechte funeral show um einen Robert Enke, der mit seinem Freitod gewiss einen unerträglichen Zustand beendet hat, nur ganz am Rande (und ohne allzuviel eigene Betroffenheit, weil sich genügend Menschen aus meinem direkten Umfeld zum Freitod entschließen) mitbekommen, während ich bettelte, und ich fand diesen sehr kurzen Einblick bereis widerwärtig und menschenverachtend genug, um mich davon mit Grauen abzuwenden. An sich wollte ich kein Wort mehr zu diesem Thema verlieren, das morgen schon in den Medien von den neueren Themen verdrängt wird, nachdem es seine emotionale Energie verloren hat. Aber da an diesem Ort im Internet auch ein Tagebuch der Kälte entstehen soll, muss ich es einfach anmerken. Ich glaubte ja zunächst, es handele sich bei dem Eindruck, den ich bekam, um eine einmalige Entgleisung der Regie, aber ich habe im Laufe des Tages in einer Reihe von Gesprächen erfahren, dass solch Szene mehrfach zu sehen war.

Immer wieder einmal, wenn die Musik spielte und das Fernsehen keine tollen, bewegten und bewegenden Bilder dieser „Trauer“ nach übelsten Hollywood-Vorbild hatte, weil eben in der Dramaturgie ein Moment des Innehaltens vorgesehen war, schwenkte die Kamera langsam durch die Menge, um dann für längere Zeit auf dem Logo des AWD zu verweilen, damit es sich dem Betrachter auch ja recht einpräge. Es war für den unverhohlen werbenden Zweck offenbar nicht ausreichend, immer wieder einmal wie beiläufig zu erwähnen, dass es sich bei dem dank einer ordentlichen Zahlung von jedem Lokalkolorit freigeschmirgelten Stadion um die „AWD-Arena“ handele, auch das daran angebrachte Logo der AWD Holding AG musste so richtig zur Geltung gebracht werden, damit auch der Letzte noch bemerke, von wen wohl wofür das Geld an das ARD-Staatsfernsehen der BRD geflossen sein mag. Diesem ausgesprochen lichtscheuen Gesindel ist es offenbar völlig gleichgültig, in welchem Kontext so wertneutral beflissen die Reklame transportiert wird, da wird nicht einmal vor einer medialen Leichenfledderei zurückgeschreckt. Man könnte denken, dass die Werber im Auftrage des AWD bedauert hätten, nicht noch ein großes Logo auf den Sarg pflastern zu können.

Der Tod presented by AWD. Ein tolles Feature in der ARD, sehr „ergreifend“, vor allem im Magen! Wenn ich mir nur vorstelle, dass in einer nicht unerheblichen Zeit meines Lebens mit dem Logo dieser seelischen Eisblöcke, Finanzdrückertreiber und zynischen Allvermarkter auf meiner Brust herumlaufen müsste, denn würde ich mich wohl auch vor dem nächsten Zug werfen.

Oh nein, Leute, nicht ich bin hier pietätlos und zynisch…