Tag Archive: Zukunft


Brise

Dass man in die falsche Richtung geht, kann man unter anderem daran bemerken, dass man die Zukunft als einen störenden Gegenwind empfindet.

Mit Gruß an Presse und Politik.

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Morgen

Der unmenschliche, krank machende Dauerstress von heute ist die „gute alte Zeit“ von morgen.

Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen…

Büroarbeit erledigen, während das Auto ganz von allein fährt: Das ist die Version [sic!] der Zukunft

Keine Satire, sondern Heise Online: Das Auto als neuer Lebensraum? Vernetztes Fahren wird erforscht

Mit Verlaub, Herr Lumma!

Ich habe mit im Verlaufe des Lesens anschwellender Unlust ihr heutiges Blogposting „Digitalisierung der Gesellschaft: Eine Generation hat versagt“ gelesen, und diese durchgreifende Unlust führte zu einem immer größeren Verlangen, der Entfaltung ihrer Sicht und Gedanken in Sprache einige Worte entgegenzusetzen. Hier sind meine kleinen Fragmente. Ich glaube nicht, dass diese in ihrer aus meiner Sicht recht verbohrten Weltsicht ankommen können, aber für meine eigene psychische Hygiene scheint es mir erforderlich.

Um für andere Leser meines marginalisierten Geschreibes den Zusammenhang herzustellen, muss ich ausgiebige Zitate machen — wer diese im ursprünglichen Kontext lesen möchte, lese zuvor oder begleitend den Text von Nico Lumma.

Wenn man sich die Entwicklung der Digitalisierung in Deutschland und der Welt in den letzten 10 Jahren angeguckt hat, dann muss man leider feststellen, dass die handelnden Personen sowohl in der Wirtschaft, aber auch in der Politik nicht wirklich in der Lage waren, die richtigen Fragen auf die Herausforderungen der Digitalisierung zu stellen

Diese Beobachtung, Herr Lumma, können sie keineswegs nur in Bezug auf die „Herausforderungen der Digitalisierung“ machen. Es handelt sich um einen alldurchwaltenden und sowohl mit ökonomischer als auch grober Gewalt durchgesetzten Unwillen, den vom technischen Fortschritt angestoßenen gesellschaftlichen Wandel so zu gestalten, dass möglichst viele Menschen in den Genuss dieses Fortschrittes kommen. (Wer technischen Fortschritt, also ein Anwachsen menschlicher Möglichkeiten und eine zunehmende Befreiung des menschlichen Daseins aus den gebieterischen Notwendigkeiten der Existenzsicherung als eine „Herausforderung“ bezeichnet, ganz so, als würfe da ein feindseliges Schicksal einen Fehdehandschuh und fordere in dieser Geste zum Kampf auf Leben und Tod, zeigt im Spiegel dieses einen Wortes bereits seine vorbewusste Angst vor jeder möglichen Verbesserung des Lebens der Menschen — was den Aufmerksamen dann die folgende Klage über die Folgen dieser in Deutschland leider sehr allgemeinen Angst besser zu verstehen hilft.)

An die Stelle der Gestaltung des Entstehenden tritt die Verwaltung des Gegenwärtigen — deren juristische Maßgaben vom Gesetzgeber vorsätzlich so beschaffen werden, dass sie möglichst viel Dasein jenseits der Segnungen des technischen Fortschritts als eine Rechtsnorm zementieren. Welcher und wessen Lobbyismus in den Dunkelkammern des Deutschen Reichstages zur real existierenden Kryptokratur (niemand weiß mehr, wer wirklich herrscht) der Bimbesrepublik Deutschland führt, können sie mit halbgeöffneten Augen sogar der bürgerlichen Tagespresse entnehmen, da einige besonders grelle Exzesse so gleißendhell durch die Risse in der Mauer des Verschweigens hindurchscheinen, dass auch der geübte Nach-Richten-Ton der agenturzentral gesteuerten journalistischen Arschlöcher¹ mit seinen leichtgängigen, pseudoobjektiven Euphemismen nicht mehr hinreicht, die gewünschte kollektive Verdrängung zu erzwingen. Diese Verdrängung wird dann mit anderen Mitteln erreicht, insbesondere mit der mechanischen Produktion von immer neuen Nach-Richten, die die Nach-Richt von gestern zielsicher zum Vergessen von morgen machen. Wer redet denn heute noch von einer immer noch amtierenden Bundesregierung, die ohne strafrechtliche Konsequenz das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland gebrochen hat, wenn sich alle medial gerichtete Aufmerksamkeit auf das abgehörte Wischofon der Kanzlerdarstellerin konzentriert. Die achtzig Millionen anderen Wischofone, Computer, IP-gerouteten Festnetzanschlüsse etc. in der BRD, also dieser jenseits allzu üblicher Spionage in Machtzentren eigentliche Skandal, sind ja darüber längst schon vergessen. Es ist doch erstaunlich, dass jeden Tag genau so viel passiert, dass es in die fünfzehn Minuten der Tagesschau passt…

Was das für die Digitalisierung und — viel schlimmer: — für die Menschen, die den Genuss der technischen Möglichkeiten der Digitalisierung ihrem Dasein hinzufügen möchten, bedeutet, habe ich im Sommer 2009 anlässisch der bevorstehenden empörenden Alllüge eines Wahlkampfes in einer letzten Erklärung an die Politiktreibenden in der BRD zusammengefasst. Die Themen mögen heute andere sein, die Haltung ist unverändert die selbe. (Nein, nicht die gleiche, sondern die selbe.)

Was das jenseits der Digitalisierung bedeutet, lässt sich auch in einer langen Liste kaum vollständig darlegen. Deshalb hier nur das Gröbste, Drückendste, Hässlichste, Übelste, Intelligenzverachtendste:

  • Der technische Fortschritt führt dazu, dass mechanische Arbeit zunehmend von Maschinen übernommen werden kann. Das ist für sich betrachtet ein Segen. Die gesellschaftliche Reaktion auf diesen Segen ist es, diesen Segen in der Haltung der Verwaltung des Gegenwärtigen anstelle der Gestaltung des Künftigen in einen Fluch für jene wachsende Schicht der Gesellschaft zu verwandeln, deren Arbeitskraft niemand mehr so bezahlen will, dass auch ein anspruchsloser Mensch davon leben könnte. In der Folge gibt es, mit existenziellen Zwangsmitteln im Rechtsfreien Raum der Jobcenter durchgesetzt, eine kaum verlarvte Kultur der staatlich subventionierten Zwangsarbeit in der BRD. Die classe politique feiert sich für die guten Arbeitslosenstatistiken; die Aufgabe, den technischen Fortschritt so zu gestalten, dass möglichst vielen Menschen ein möglichst gutes Leben ermöglicht wird, wird der Krisenbewältigung kommender Generationen überlassen.
  • Die politisch gewünschten Quasizwangs- und Elendsarbeiter von heute sind die Altersarmut von morgen und ebenfalls der Krisenbewältigung kommender Generationen überlassen. Unterdessen meldet die gewerbsmäßige Lüge des Journalismus die Statistik von heute in der knallend dummen Geste eines nackten Affen, der nur von der Tapete bis zur Wand denken kann, als einen Erfolg. Das ist ja auch einfacher, denn dafür muss nur der Text mit der passenden Länge aus der Presseerklärung des NITF-Feeds in das Redaktionssystem übernommen werden.
  • Wenn der technische Fortschritt eines erfordert, um nicht nur passiv konsumierend in seinen Genuss zu kommen, sondern ihn aktiv für die eigenen Pläne und Ideen einzuspannen und sich nutzbar zu machen, dann ist es das Wissen um Technik, also Bildung. Wer wissen möchte, wie es um die Bildung in der BRD bestellt ist, möge sich bitte anlässlich der nächsten Wahl — sehr viele Wahllokale sind ja Schulen — vor der Stimmabgabe in aller Ruhe das Schulgebäude anschauen und sich dabei bewusst sein, dass der im Regelfall beklagenswerte Zustand des Gebäudes nur der sichtbarste Teil der Bildungsverweigerung im staatlichen System der Zwangsbeschulung ist. Der nicht unmittelbar sichtbare Teil sind die Lehrinhalte, die sich überwiegend immer noch an den Bildungsstandards der Sechziger Jahre orientieren, ganz so, als wäre fünfzig Jahre lang nichts geschehen. Unvergessen der erste Schwung frischer Auszubildender für den damals, Ende der Neunziger Jahre, neu geschaffenen Ausbildungsberuf des Fachinformatikers, lauter junge, meist mit Abitur ausgestattete Menschen, die in Niedersachsen als kommende IT-Facharbeiter ein ganzes vergeudetes Jahr ihres Lebens lang in erschöpfender Ausführlichkeit in geisttoter Zwangsbeschulung ab 7:15 Uhr (nullte Stunde, leider kein Witz) von würdelos ergrauten Oberstudienräten an der Berufsschule gelernt haben, wie ein analoges Telefon funktioniert und wie man Siemens-Telefonanlagen aus den Achtziger Jahren konfiguriert. Der staatlich besoldete Leerkörper hält die Menschen in ihrem Wissensdurst dumm und raubt ihnen die Freude am Lernen, der Staat hält sie arm und verwandelt sie unter Anwendung von existenziellen Zwangsmitteln in würdelose, billige und leicht austauschbare Batterien für den betrieblichen Produktionsprozess, die in dieser Haltung erzeugten und politisch gewünschten Probleme sind Probleme kommender Generationen und werden deshalb in „realpolitischer“ Gleichgültigkeit (die alles gleich gültig macht) und unter Komplizenschaft denkfauler Journalisten verdrängt. Allein über die „Bildungspolitik“ ließe sich bequem ein ganzes Buch schreiben, und zwar ein ausgesprochen tristes und ekliges. Die Möglichkeit zur Gestaltung der Zukunft wird systematisch und gewollt vernichtet, während sinnfreie PISA-Studien eine nummerische Fassbarkeit der vermittelten Bildung vorgeben, in deren „Erfolgen“ sich die Gegenwartsverweigerer medial sonnen können.
  • Wenn durch verbesserte Technik einmal ein bestehendes Geschäftsmodell jener in den Dunkelkammern des Deutschen Reichstages besonders einflussreichen Gestalten gefährdet wird, dann werden einfache und natürliche Nutzungsformen dieser verbesserten Technik direkt kriminalisiert oder zumindest mit erheblichen juristischen Unwägbarkeiten verbunden. Das bisherige Verlagswesen zum Beispiel dankt seine leider noch bestehende gesellschaftliche Rolle einem Oligopol von Produktionsmitteln zur Anfertigung und Verbreitung von Kopien; die Eigenschaft vernetzter Computersysteme zur beinahe kostenlosen Anfertigung und Verbreitung völlig verlustfreier Kopien zerstört die an dieses Oligopol gebundene Möglichkeit zur Gewinnerzielung. Die Reaktion der politiktreibenden Gesellschaftsgestalter auf diese begrüßenswerte Entwicklung ist die Ausbreitung von Rechtsunsicherheit und das Hervorbringen patziger Reaktionen, wenn sie einmal in ihre eigenen Fallen tappen. Für durchschnittlich verdienende Menschen in der BRD ist der Betrieb noch der harmlostesten Website unterdessen zu einem kaum noch tragbaren finanziellen Risiko geworden. Und genau das. Ist. In der Bimbesrepublik Abmahnistan. Von Abgeordneten, die überwiegend Verwaltungsbeamte oder Juristen von Beruf sind. Politisch gewollt.

Wie schon gesagt, diese kurze Liste ist sehr fragmentarisch. Der bei genauerer Prüfung Nichts sagende Begriff der „Digitalisierung“ kommt darin gar nicht erst vor, wohl aber die allgemeineren Begriffe „Technik“ und „Fortschritt“. Das ist Absicht. Es wird nicht die „Digitalisierung“ unterbunden, sondern die Technik und der Fortschritt.

Und nein, Herr Lumma, das geht nicht erst seit zehn Jahren so, sondern schon so lange, wie ich bewusst denken kann.

Die deutschen Intellektuellen sind beim Thema Digitalisierung eher ein Totalausfall, da sind in den letzten 10 Jahren kaum Impulse gekommen

Die Intellektuellen… in einer Gesellschaft, die Scharfsinn, bedächtiges Erwägen mitsamt der damit verbundenen Langsamkeit, Gründlichkeit und Bildung verachtet und in der Menschen die medial hochgespülte Dummheit geistiger Stanznieten zum Maßstab ihres eigenen Seins machen, hat „Intellektualität“ längst schon keinen Wert mehr. In der Folge erwächst eine gesellschaftliche Führungsschicht, in der man seinen Narzissmus füttert, indem man den akademischen Grad wie eine Zier vorm Namen trägt; einen Grad, den man nur schon dadurch erworben hat, dass man auf das Deckblatt seiner intellektuellen Bankrotterklärung das Wort „Dissertation“ geschrieben und eine falsche Eidesstattliche Versicherung als „Eigenständigkeitserklärung“ angefügt hat.

Entschuldigung, aber es fällt mir schwer, angesichts solcher markant duftenden Hirnfürze noch sachlich zu bleiben. In der Hirnmassenstanze des contentindustriellen Apparates der breit wirksamen Medien herrscht strikte Antiintellektualität. Wer mir das nicht glauben will, opfere bitte einfach eine Stunde seiner beschränkten Lebenszeit und glotze eine beliebige Spätabend-Talkshow der gehobenen, mit einer Haushaltssteuer finanzierten, quasistaatlichen Fernsehsender der BRD. Wer es dann immer noch nicht merkt, wird auch durch viele weitere Erläuterungen meinerseits nicht mehr erreicht.

Die Auswirkungen dieser geforderten und geförderten Antiintellektualität kann auch jeder selbst ausprobieren. Einfach auf einer Party in einem halbwegs geeigneten Kontext sagen: „Von Mathematik habe ich keine Ahnung“ und die verständnisvollen Blicke und die Zustimmung wahrnehmen. Danach noch einmal auf der gleichen Party vor anderen Menschen noch einmal den gleichen Test mit dem Satz „Die Eulersche Identität lässt mich einen tiefen, schönen Zusammenhang in der gesamten Mathematik erahnen, und das finde ich faszinierend“ machen und die verständnislosen, angstvoll verstörten Blicke registrieren. Natürlich geht das auch mit „Von Computern habe ich keine Ahnung“ und „Ich halte den Quicksort-Algorithmus, der so einfach und doch so leistungsfähig ist, für eine große geistige Leistung“… oder mit einem beliebigen anderen Gebiet, das sein schönschwallendes Geschwafel nicht nur in einer postmodernistischen Haltung psychischer Beliebigkeit „Wissenschaft“ nennt, sondern überprüfbares (also: falsifizierbares) Wissen schafft.

In einer Gesellschaft, in der man sich offen mit Ahnungslosigkeit und dem Unwillen zum Verstehen brüsten kann, wird Dummheit kultiviert und der menschliche Verstand — immerhin das, was Menschen zu mehr als einem nackten Affen macht — in die Mülltonne geworfen. Was soll in einem solchen Umfeld von „Intellektuellen“ kommen? Blogpostings von Nico Lumma etwa? :mrgreen:

Nach dem Niedergang der New Economy in Deutschland wurde die Digitalisierung reduziert auf die Fragestellung, wie sich Medien verändern und welche Auswirkung die Digitalisierung auf das Urheberrecht und die damit verbundenen Geschäftsmodelle hat

Seit das Internet die Universitäten und dunklen Zimmer der Nerds verlassen hat, seit den staunenden Messegästen auf der CeBIT 1995 von einer Horde besinnungsloser Reklamelügner der damals hochmodern anmutende Webbrowser Netscape nebst lächerlicher Geschäftsideen in die Augen gerieben wurde, gibt es diese rein ökonomische Betrachtung der Digitaltechnik — was umso erstaunlicher ist, als dass sich mit einem Computernetzwerk, dessen wichtigste Funktion es ist, mit geringem Aufwand verlustfreie Kopien digitaler Güter anzufertigen, selbst kaum ein Geschäft machen lässt. Es gibt im Internet keine „knappen“ Güter und damit nicht die Möglichkeit, ein Geschäft aus dieser Knappheit zu machen. Die Versuche einer künstlichen Verknappung (zum Beispiel durch Technikverhinderungen wie DRM) sind auf diesem technischen Hintergrund letztlich allesamt zum Scheitern verurteilt — da kann kriminalisiert werden, was da wolle!

Die Frage, welche Bedeutung ein Netzwerk von Computern hat, das das Potenzial in sich trägt, Menschen zusammenzubringen, aus ihrer eigenen Atomisierung herauszureißen, sie wahrnehmen zu lassen, dass sie in ihren Gedanken, ihrem Elend, ihren Hoffnungen, ihren Ängsten, ihren Beobachtungen und ihrem Wissen nicht allein sind, wird hingegen so gut wie gar nicht gestellt. Jedenfalls nicht von denen, die ihre Fragen zu den Fragen einer ganzen Gesellschaft machen können.

So wurde bereits im Dezember 2001 in der amerikanischen Wired über „The Future of War“ geschrieben und aufgezeigt, wie stark die Privatsphäre des Einzelnen in Gefahr ist. 12 Jahre später hat Deutschland zwar ein Cyber-Abwehrzentrum, aber der Verfassungsschutz ist nicht in der Lage, herauszufinden, dass Spitzenpolitiker vom amerikanischen Geheimdienst überwacht wird. [sic!] Warum? Weil es einfach niemanden interessiert hat

Und weil der so genannte „Verfassungsschutz“ (dieses zusammengesetzte Nomen ist in seinen beiden Wortbestandteilen so himmelsschreiend unwahr, dass ich es nicht ohne Anführungszeichen schreiben kann) andere politische Aufgaben zu erfüllen hatte und zu erfüllen hat. Zum Beispiel Punkbands wie Feine Sahne Fischfilet zu beobachten und viele Seiten des so genannten „Verfassungsschutzberichtes“ mit den Aktivitäten dieser Musiker zu füllen. Oder Mörderbanden wie den so genannten „NSU“ über die Vergütungen für V-Leute Geld zuzustecken und hinterher die Akten über die eigene Tätigkeit zu vernichten. Die vorgebliche Aufgabe des so genannten „Verfassungsschutzes“ ist vor allem vorgeblich, diese staatliche Organisation dient völlig anderen politischen Plänen.

Wir sind ein reiches Land, das sich auf seinen Lorbeeren ausruht, anstatt Anstrengungen zu unternehmen, dass die Vorteile der Digitalisierung konsequent genutzt werden

Und das beste daran: Ganz viele, die in diesem Hartz-IV-SPD-haften „Wir“ eines SPD-Mitgliedes zusammengefasst sind und als „reich“ gerufen werden, werden dabei immer ärmer. In diesem Spiegelbild zeigt sich die Menschenverachtung dieses „Wir“. Ich bin jedenfalls kein Land. Ich lebe in einem Staat, der sich über ein Land ausgebreitet hat und sich natürlich gern mit diesem Land identifizieren lässt, weil Landschaften, Kultur und Geschichte nun einmal hübscher anzuschauen sind als das Wesen jedes Staates, als die institutionisierte, mit Gewaltdrohung aufrechterhaltene Herrschaft zu Gunsten einer kleinen Clique und zu Lasten der Mehrzahl der Menschen, die unter den Bedingungen dieses Staates ihr Dasein fristen müssen. Wie die Herrschaftsorgane dieses Staates im Auftrag der wirklich (also wirksam) Mächtigen und Besitzenden dieses Staates mit Technik und Fortschritt umgehen, ist bereits weiter oben kurz gestreift — und es betrifft keineswegs nur diesen Fetisch der „Digitalisierung“, den Nico Lumma wie eine Monstranz durch seinen Text trägt.

Übrigens, Herr Lumma: Die Vorratsdatenspeicherung, die zusammen mit der Bestandsdatenauskunft das PRISM der BRD darstellt, wird mit ihrer SPD kommen. Genau, wie vor etwas mehr als zehn Jahren die Militarisierung der Außenpolitik mit ihrer SPD gekommen ist. Und die Errichtung eines staatlich subventionierten Elends- und Billigarbeitsstriches unter der Hartz-IV-Peitsche. Und die nach Riester benannte Übergabe der Rentenversicherung an die AWD-Klinkenputzer mit ihren „Lebensversicherungen“. Und der Beginn der salamitaktischen Abschaffung der staatlichen Sozialversicherungen. Und in alledem zeigt sich ein klarer roter Faden. Blutrot. Sie, Herr Lumma, sind da drin. In dieser SPD, deren Spur sich blutrot übers ganze Land legt. Sie. Sind. Das. Hören sie damit auf, vielleicht ordnen sich dann auch wieder ihre Gedanken!

Aber nun ist es immer ein Leichtes, zu sagen, dass die anderen Schuld haben, also die Generation der aktuell über 50-jährigen und an Ihnen das Versagen festzumachen. Vielmehr stellt sich mir die Frage, inwieweit meine Generation ein Anteil daran hat, dass die ältere Generation an dem Thema der Digitalisierung meilenweit vorbeigeschlittert ist. Wieso haben wir es eigentlich nicht hinbekommen, bereits vor 10 Jahren darauf hinzuweisen, dass man sich auf den unterschiedlichsten Ebenen auf den digitalen Wandel einstellen muss?

Ach, wo hätten „wir“ denn darauf hinweisen sollen — ich bin übrigens über 50-jährig — und wo wäre einer solchen Stimme jenseits der für die meisten Menschen eher fernliegenden Internetöffentlichkeit Raum gegeben worden, um in die Gesellschaft hineinwirken zu können? In einem strikt antiintellektuellen Umfeld, das von der Angst vor dem Kommenden und von der suchtartigen Lust an Ablenkung vom Wesentlichen geprägt ist, eine Kombination, die zum Kaufgrund für Medien wird? Gerade als gewerbsmäßiger Lügner — sie sind doch Werber, oder?! — sollten sie recht genau wissen, über welche psychologischen Hebel man den Menschen etwas andreht. Ich habe schon vor zwei Jahrzehnten unter kontinuierlicher narzisstischer Kränkung lernen müssen, dass ich mir den Mund fusselig reden kann, ohne dass dadurch Einsichten bei anderen Menschen entstehen; und habe mich im Laufe der Zeit einfach darauf verlegt, meine wenigen wichtigeren Texte ungekennzeichnet, wie eine kryptische Flaschenpost für die Nachmirkommenden, ins Internet zu werfen. Ich sitze in der Bahn, der Weg zum Grab gebahnt, die Bremse blutet vor sich hin.

Ich bin ja bei weitem nicht der Einzige, der versucht, das Thema Digitalisierung auf die Agenda zu setzen […]

Völlig unabhängig davon, ob sie „dieses Thema auf eine Agenda setzen“ — was für ein herrischer Sprachgebrauch eines Ohnmächtigen ist das denn bitte?! — steht dieses Thema ganz weit oben auf der Agenda, und zwar im übergeordneten Kontext einer sehr geschäfts- und herrschaftsfördernden umfassenden Verdummung, Enteignung, Überwachung, Verarmung und Technikverhinderung. Die schönen, flutschen gadgets mit NSA-Schnorchelschnittstelle und eingebauter Körpertrackingwanze als Medienabspiel- und Netzkonsumgeräte sind unzweifelhaft digital, und sie sind ein bedeutender, großer Markt. Ich für meinen Teil sitze an meinem Schattenplatz neben der unvermeidlichen Mülltonne im Lande Überdruss und freue mich über die Möglichkeiten, die am Rande des über die Gesellschaft ablaufenden Prozesses noch deren gegeben sind, die sich nicht in Dummheit gefallen. Dass eine promovierte Physikerin wie Dr. Angela Merkel, der es gewiss einmal nicht an einer guten Auffassungsgabe gemangelt hat, nach der Verschrumpelung ihres Intellektes im politischen Apparat einer geistverachtenden Gesellschaft nicht dazu imstande ist, ihre Kommunikation abzusichern, während der von ihr eingesetzte Innenminister Dr. Hans-Peter Friedrich „uns“ dazu auffordert, angesichts der unverschämten, respektlosen und unmenschlichen Überwachung jeglicher menschlicher Kommunikation durch den paranoiden, kranken und kaputten Staat USA doch einfach zu verschlüsseln, erfüllt mich mit ganz großer, geradezu glucksender Heiterkeit. Oder, um es in Richtung der Politiktreibenden aus einer sich christlich nennenden politischen Partei mit diesem Jesus aus Nazaret zu sagen, um den jeden Sonntag so ein Gewese gemacht wird: „So bringt ein jeder gute Baum gute Früchte, der faule Baum aber bringt schlechte Früchte„.

Wir haben in Deutschland viel zu viel Zeit damit verbracht, kollektiv abzuwarten, ob man noch mal aus dieser Digitalisierungsnummer wieder rauskommen könnte. Der Zug ist abgefahren, seit mindestens 15 Jahren bereits. Es kommt jetzt darauf an, dass die beiden Generationen zusammen den Transformationsprozess der Gesellschaft begleiten, damit wir gestärkt aus der Digitalisierung hervorgehen.

Ich weiß jetzt nicht, wer dieses SPD-artige „Wir“ sein soll, aber ich gehöre da nicht zu. Und. Ich werde jeden Tag gestärkt durch die „Digitalisierung“, oder genauer gesagt: Durch eine Technik, die mir Möglichkeiten eröffnet, die ich nicht mehr missen möchte. Nur von der Politik erwarte ich gar nichts mehr, außer eine ständige Verschlechterung meiner Lebensbedingungen und der Lebensbedingungen aller anderen Menschen in Deutschland. Schon gar nicht von der SPD-Politik, die als ehemalige Fortschrittspartei mit Kohlebergbau und Vorratsdatenspeicherung und Standesrechten für die Verlegerbrut und Massenverarmung und „Deregulierung“ zu Lasten der Meisten und zu Nutzen der Besitzenden und Agenda 2020 und Hartz V den „Transformationsprozess der Gesellschaft“ im 21. Jahrhundert vorantreibt, dass es einem nur so gruselt.

Herr Lumma, ich wünsche ihnen auch weiterhin viel Spaß an der Ersatzhaltestelle — und beim kostenlosen Content-Liefern an die „Huffington Post“ für den Reibach der Tomorrow Focus AG. In der antiintellektuellen Gesellschaft der BRD sind sie voll angekommen. Und. Das merkt man.

Fußnoten

¹Ich habe länger als eine Minute über dieses unsaubere Wort nachgedacht. Es ist nicht wohlklingend, aber es ist angesichts der charakterlichen Defizite, die für eine Tätigkeit in der Contentindustrie unabdingbar sind, angemessen. Leider.

Der Blick ins Schwarze

Nichts macht so deutlich, dass Deutschland keine erstrebenswerte Zukunft haben wird, wie das Wahlkampf-Gerede jener Gerontokraten aus der classe politique über die „Zukunft“ und die dafür erforderliche „Innovation“: Siebzigjährige, die ihren voranschreitenden Zerfall in einer dick aufgetragenen Maske aus Kosmetik und Photoshop vor den Kameras der Werber und vor den Zuschauern an den Endgeräten verbergen, um den Show-Maßstäben zu genügen; Menschen, die ihre Zukunft schon vor zehn, wenn nicht gar zwanzig oder dreißig Jahren hinter sich hatten; sie reden vom Morgen wie ein Blindgeborener über das lebendige Grün der Bäume, und sie bemerken oft nicht einmal, dass ihr „Morgen“ heute längst schon zum „Gestern“ geworden ist. Es kommen gewiss welke Tage.

Das Gegenteil von Zukunft

Sie sagte: Das Gegenteil von Zukunft ist nicht die Vergangenheit. Das Gegenteil von Zukunft ist die Herkunft.

Übermorgen

Weit in die Zukunft gedacht. So könnte der Flipper von übermorgen aussehen

Voraussagen aller Art erweisen sich als besonders schwierig, wenn sie die Zukunft voraussagen sollen… 😉

Der Scan stammt aus einer Zeitschrift des Jahres 1985. Besonders beachtenswert ist die damalige Vorstellung zukünftigen Designs. Die Konstruktion der Beine ist nicht zweckmäßig und nicht stabil, die beiden nach vorne weisenden Beine brechen geradezu vom Hinschauen. Aber auch die Hochrechnung der Zustände in den Achtziger Jahren — damals standen Flipper häufig in Kneipen und an vergleichbar öffentlichen Orten und wurden viel und gern bespielt — ist beachtlich. Es ist offenbar trotz des sich bereits abzeichnenden Siegeszuges der Mikroelektronik niemand auf die Idee gekommen, dass so ein klotziges und wegen seiner Mechanik fehleranfälliges Gerät wie ein Flipper einmal ein sehr seltener Anblick werden könnte, wenn man „weit“ genug in die Zukunft denkt. Auch konnte sich offenbar trotz der ersten Videospiele noch niemand vorstellen, dass das Display auf der Frontscheibe einmal neben der Anzeige der Punktzahlen eine erhebliche Aufwertung erfahren würde, indem dort Teile des Spielgeschehens in Animationen und kleinen Videospielen dargestellt werden. Alle Annahmen, die heute über die Zukunft gemacht werden und den Menschen plakativ vor Augen gestellt werden, sind mit vergleichbaren Schwächen behaftet. Dies gibt auch dann (und vielleicht sogar gerade dann), wenn diese Annahmen von Experten gemacht werden — dieses hier vorgestellte „Gerät aus der fernen Zukunft“ war ein Exponat auf einer Fachmesse für Automatenaufsteller.

Vom Glauben an die Zukunft

Der Glaube an eine größere und bessere Zukunft ist einer der mächtigsten Feinde gegenwärtiger Freiheit.

Aldous Huxley

Der verzweifelte Pionier

Die Raumsonden Pioneer 10 und Pioneer 11 sind die ersten von Menschen angefertigten Objekte, die das Sonnensystem verlassen. Deshalb wurde von den Konstrukteuren an die recht geringe Wahrscheinlichkeit gedacht, dass eine außerirdische Zivilisation in vielen Jahrmillionen einmal dieses technische Artefakt unserer Kultur finden könnte, wenn sich unterdessen die Menschheit schon längst in Wohlgefallen, Sternenstaub und Vergessen aufgelöst hat. Auf den Sonden ist eine außerordentlich haltbare, vergoldete Plakette aus Aluminium angebracht, die mit einer eingravierten Zeichnung von unserer Existenz berichten soll.

Die Pioneer-Plakette

Vor einer schematischen Darstellung der Sonde — diese hat der „Empfänger“ ja vor sich — ist ein nackter Mann und eine nackte Frau dargestellt. Unter dieser Darstellung befindet sich eine stark schematisierte Darstellung unseres Sonnensystemes und links von dieser Zeichnung eine Positionsangabe unserer Sonne, die mithilfe der Positionen von 14 Pulsaren und dem Abstand vom Zentrum der Galaxie mitgeteilt wird. Der dritte Planet im schematischen Sonnensystem ist hervorgehoben, von ihm aus geht die Sonde auf Reisen. Da zu den Pulsaren auch ihre gegenwärtige Frequenz angegeben wird und sich diese Frequenzen im Laufe der Zeit reduzieren, ist auch der ungefähre Zeitpunkt des Sondenstartes ermittelbar, wenn dieses Objekt einmal gefunden und die Botschaft verstanden wird. Die numerischen Angaben sind im Binärsystem gegeben, als Bezugsgröße dient der ebenfalls in Form einer Zeichnung dargestellte Hyperfeinstruktur-Übergang eines Wasserstoffatomes.

Es ist ein in seiner Verzweiflung und Hilflosigkeit geradezu rührender Versuch, etwas von der vergänglichen menschlichen Zivilisation in den kalten Kosmos hinein mitzuteilen. Dieser Versuch zeigt vor allem, dass die Menschen sich keine andere Lebensform als Menschen vorstellen können, deshalb wird in dieser Zweckgrafik eine Form der Wahrnehmung vorausgesetzt, die spezifisch menschlich ist. Ich würde keine hohe Wette darauf halten, dass eine gänzlich unirdische Intelligenz diese Zeichnung überhaupt als eine Form der Mitteilung erkennen kann, und ob die zweidimensionale Projektion der Wirklichkeit in Form einer Zeichnung verständlich ist, darf ebenfalls bezweifelt werden. (Schon die grundlegende Annahme, dass völlig anders entstandene Wesen in ihrer Wahrnehmung ähnlich stark visuell wie Menschen geprägt sein sollten, ist fragwürdig.) Wenn dieser Teil des Kommunikationskanales aber wider meiner Erwartung gut gewählt sein sollte, denn dürfte die im Menschenpaar dargestellte Zweigeschlechtlichkeit der Menschheit für einiges Rätselraten sorgen, und die erhobene Hand des Mannes wird gewiss nicht als ein Gruß erkannt werden, sondern eher Spekulationen um künstliche Gliedmaßen nähren. Die für uns so leicht verständliche Darstellung des Sonnensystemes wird ebenfalls ihre Rätsel aufgeben, vor allem werden sich die Empfänger fragen, wieso eigentlich alle dargestellten Objekte den gleichen Abstand voneinander haben und wieso eines dieser Objekte — es soll der Saturn mit seinem wunderschönen Ringsystem sein — in deutlicher Weise durchgestrichen ist, und ob das wohl darauf hindeute, dass wir dieses Objekt abgebaut oder vernichtet hätten. Und. Die verwendete Metapher des Pfeiles, um die Richtung der Sonde anzudeuten, ist ebenfalls ein Kandidat für schwere Missverständnisse. Was immer eine außerirdische Intelligenz in diese Grafik hineindeuten wird — das Objekt wird ja wenigstens sicher als künstlich erkannt, wenn es überhaupt im weiten Nichts gefunden wird, und es wird deshalb wohl auch untersucht werden und zu allerlei Spekulationen Anlass geben — es wird beinahe nichts mit dem zu tun haben, was wir damit sagen wollten. Die warme Hirnsucht der Wissenschaftler, die mit den Pioneer-Sonden das erste Mal richtige Raumfahrt betrieben haben, über diesen Kanal ein Zeichen für die Existenz der Menschheit zu setzen, läuft ins Leere. Die Menschheit wird unerkannt aussterben. Zum Glück wird das Aussterben auf diese Weise nicht noch schmerzlicher.

Wenn diese Platte überhaupt an jemanden etwas mitteilen kann, denn an die Menschen, die diese Platte in den Weltraum geschossen haben. Und. Das ist die Mitteilung, wie fremd wir wirklich im Raume sind, wie sehr wir nur zur vertrauten Erde gehören. Es wäre viel gewonnen, wenn dieser Teil der Botschaft bei allen Menschen ankäme und sie dazu brächte, ihre planetare Heimat nicht länger unter der hirntoten Ideologie eines unbegrenzten Wachstums bis zur Vernichtung auszubeuten. Aber. Auch diese Kommunikation scheint hoffnungslos. Allein schon deshalb. Hoffnungslos, weil die einzige und sehr hitzig geführte Diskussion, die damals in den USA am Thema dieser Platte entbrannte. Nur. Das eine Thema kannte, ob man die menschlichen Geschlechtsteile denn so unverhüllt den Außerirdischen zeigen könnte.

Bei den zensierten Bloggern

Um zu sehen
Was noch kommen wird
Nahm er eine Zeitmaschine
Zu reisen dorthin
Da sich die zensierten Blogger treffen.

Eine weite Reise
In die Zukunft
War es nicht.

Kaum stieg er aus
Da war er überrascht
Ob des hellen bunten Ortes
Da sie beisammen saßen.
Und. Auch des
Heitren Miteinanders
Im Exil.

Sie saßen lautstark beieinander:
Ein jeder twitterte und bloggte;
Man machte weiter wie gehabt.
Doch bald schon wurde er bemerkt,
Der Neue.
Und. Man war froh
Wegen frischen neuen Geistes —
Denn auch im Lachen fühlten sie die Ödnis.

Doch
Noch bevor er sprechen konnte
Zu stellen seine Fragen
Hoben sie schon an
Ihn zu begrüßen:
„Willkommen bei den Bloggern im Exil!“,
Sagte der eine.
„Sitz bei uns,
Wir schlagen dich mit Rat!“
Keine Pause, schon ein andrer:
„Schreib nicht so lange Texte,
Am Bildschirm liest man ungern!“
Er musste es wohl wissen,
Ihn las ja damals jeder.
Ein Vierter sprach:
„Bring Videos und Witz,
Das gibt dir noch mehr Leser!“;
Und ein Fünfter:
„Der letzte Schrei der Technik
Ist stets ein gutes Thema.“ —
das iPhone trägt er hier selbst noch.
„Vergiss niemals zu twittern
Es verdoppelt deinen Traffic!“,
sprach ein Sechster,
gleich gefolgt von einem Siebten:
„Medien, Film und Fernsehn
Ists, was jeden intressiert,
Schreib dazu, der Erfolg ist dir gewiss.“

So sprachen sie
Pausenlos vom Bloggen
Und hörten gar nicht erst
Was der Besucher wollte.

Und in einer kleinen Pause
Des unentwegten Schwatzens
Meldete
Aus einer dunklen Ecke
Einer sich dazwischen.
Er hatte kein Gesicht mehr.
Seine Stimme schrie im Flüstern
Und stellte doch nur eine Frage:
„Neuling,
Hast du deine Leser
Ausgestattet?“

„Sag, Gesichtsloser,
Was meinst du nur mit ‚ausgestattet‘?“
Sprach der Reisende erstaunt.

„Haben sie von dir gelernt,
Dass ihre Trübsal nicht allein ist?
Und? Dass man
Ihr widerstehen kann?
Ja? Muss?
Wissen sie,
Jetzt,
Wo sie dich nicht mehr haben,
Selbst sich auszudrücken?
Aus ihrem eignen Leben?
Kennen sie deine Texte?
Werden sie in den Archivdiensten
Danach suchen?
Sie anderen als Tipp zustecken?
Dass die Namenlosen
Eine Stimme sich schaffen?
Haben sie
Gelernt, den Medien zu misstrauen?
Und? Die Lügen der Herrschaft
Jeden Tag aktiv
Zu korrigieren?
Auch ohne dich?
Oder war alle deine Mühe
Ein Wölklein Staub im Wind,
Hinfortgeblasen
Vom Sturm
Des immer wieder Neuen?“,
das war seine leise Antwort.

Am hellen Tisch der Lautestete,
Leise geworden, sagte er:
„Das sind die,
Denen das Bloggen
Nicht ein Selbstzweck war;
Die, denen man mit ihrem Blog
Auch ihr Lebenswerk zerstörte.
Leise und ohne Gesicht
Sind sie unter uns.“
Am Ort
Da sich die zensierten Blogger treffen
War das Gespräch
Verstummt.

Ideologie

Die Ideologie ist ein psychisches Bastardkind der Religion und hat die gesamte Schlechtigkeit der Religion geerbt. So jung die Idee ist, dass man Gesellschaften nicht mehr unter der althergebrachten Geistesknute einer Religion, sondern stattdessen unter der moderner und aufgeklärter eingewickelten Geistesknute einer Ideologie zusammenzuhalten sucht, so dick wäre das Schwarzbuch, das man mit den Barbareien im Namen irgendwelcher Ideologien — sei es der Kommunismus, sei es die Idee des Marktes als Grundlage des menschlichen Miteinanders oder sei es die vollends irrationale Idee eines unbegrenzten Wachtums auf der Grundlage begrenzter Ressourcen — auf tausenden bluttriefender Seiten mit Dokumenten des intellektuell begründeten Unmenschentums im Namen des Fortschrittes füllen könnte. Es stünde einem Schwarzbuch der Religion wohl in keinem Punkte nach, weder in seinem Umfang, noch in der mechanisch anmutenden, wahnhaften Kälte der darin dokumentierten Lebensverachtung. Zukünftige Generationen, so es sie überhaupt geben wird, werden es zu schreiben haben.  Und.  Sie werden sich vor die Aufgabe gestellt sehen, die psychischen Mechanismen, die Religion und die als Ideologie verpackte Parareligion hervorbringen zu überwinden, endgültig zu überwinden.  An die zurzeit existierende Menschheit zu glauben, käme einer Kapitulation des Intellektes gleich.

Finsternis

Der Volksmund, dieser ungehörige Sprecher der ungebildeten Einsicht, er sagt manchmal beiläufig und fern von jedem wirklichen Bewusstsein, dass große Dinge ihre Schatten voraus werfen würden — und er bringt damit die Erfahrung von Generationen der so Sprechenden zum Ausdruck, dass der oft groß angekündigte gesellschaftliche Wandel für viele Menschen einer Verfinsterung ihres Lebens gleich kommt.