Tag Archive: Zahl


Richtung und Garheit (24)

Bestechung ist wie ein Zauberstein dem, der sie gibt; wohin er sich kehrt, hat er Glück.

Die Bibel, Spr. 17, 8

Zahl — Eine Zahl bildet vielleicht keinen Aspekt der Realität ab, aber sicher eine Eigenart der menschlichen Wahrnehmung dieser Realität. Beim Wahrnehmen ist der Mensch dazu imstande, beliebige Entitäten zu abstrakten Klassen anzuordnen; diese innere Gehirntätigkeit wird dann — wie bei jeder anderen Wahrnehmung auch — als äußere Wahrheit empfunden. In diesem speziellen Prozess der Wahrnehmung tritt eine neue Erscheinung auf, die sich darin äußert, dass die wahrgenommenen Klassen identische Anzahlen von Elementen enthalten können. Sechs Tassen Kaffee, sechs Bücher und sechs ehemalige Freundinnen haben nichts gemeinsam, außer der Gleichzahl von Elementen in den jeweils wahrgenommenen Klassen. Diese „Sechsigkeit“ der betrachteten Klassen wird im abstrakten Zahlwort Sechs zusammengefasst, gedacht, behandelt; und alles, was diese in Klassen zusammengefassten Entitäten auszeichnet, versinkt im Sumpf des hirngeborenen Begriffes. Die Mathematik, eine strikt deduktive Wissenschaft, die von vielen Menschen als Inbegriff der objektiven Klarheit und Wahrheit erachtet wird, ist nichts weiter als eine dumpfe Hirnsucht, die im günstigen Fall Aufschluss über die evolutionär gewachsene Abbildung der Realität im menschlichen Gehirn zu geben vermag. Dass Menschen ihre Hirnsüchte mit der Realität verwechseln, ist allerdings keine neue Erscheinung der menschlichen Geschichte.

Fünfzehn — Das klassische hebräische Schriftsystem kannte keine Trennung zwischen Buchstaben und Zahlzeichen, jedes Lautzeichen der Schrift konnte auch als Zahl verwendet werden. In der Zeit, in der dieses System entstand, gab es keinen Bedarf an großen Zahlen, es verfügt daher nicht über ein Stellenwertsystem wie die heute international (auch im Neuhebräischen) gebräuchlichen arabischen Ziffern. Stattdessen gab es eine Gruppe von Zeichen für die Einer, eine weitere für die Zehner und eine dritte für die Hunderter. Zwar gab es mit dieser Doppeldeutigkeit der Schrift immer wieder einmal Spielereien, aber im Alltagsgebrauch wurden die Zahlen sehr regelmäßig ausgedrückt, um Missverständnisse zu vermeiden. In diesem regelmäßigen Gebrauch gab es nur eine Ausnahme, und diese betraf die Zahl Fünfzehn. Um diesen Zahlwert zu notieren, wurde nicht Jod (10) und He (5) geschrieben, sondern Waw (6) und Teth (9) — denn die Buchstaben Jod und He sind eine Kurzform des alten Gottesnamens, der seit mindestens zwei Jahrtausenden so tabuisiert ist, dass sein Gebrauch gemieden wird. So kann in einer von Religion geprägten Gesellschaft auch fern jedes religiösen Kontextes die Vernunft auf der Strecke bleiben.

Vier — Auch die Römer haben Zahlen mit Buchstaben ihres Alfabetes notiert, und auch sie gingen dabei recht regelmäßig vor. Allerdings. Kannten auch sie eine Ausnahme in ihrer ansonsten völlig regelmäßigen Schreibweise. Die Zahl Vier wurde nicht gemäß der allgemeinen Regel als „IV“, sondern als „IIII“ geschrieben. Der Hintergrund dieser Ausnahme ist, dass IV die gängige Abkürzung des römischen Hauptgottes Jupiter (lat. Iove) war, und dass man deshalb die Verwendung dieser beiden Buchstaben zur Niederschrift einer Zahl als eine Form der Gotteslästerung ansah. Auf jedem mit römischen Zahlen beschrifteten Ziffernblatt einer modernen Uhr — ja, selbst auf einem solchen Ziffernblatt an einem christlichen Kirchturm, wo so etwas recht häufig zu sehen ist — legt die Schreibung der vierten Stunde als „IIII“ ein Zeugnis davon ab, dass inmitten aller Modernität die alten Götzen unverändert auf ihrem Thron sitzen und ihre mit Aberglauben überfütterte Macht gern auf die Mächtigen unter den Menschen übertragen.

Die Zahllosen — So selbstverständlich uns die Fähigkeit zum Zählen vorkommt, sie ist nicht angeboren oder natürlich, nicht einmal für kleine Anzahlen. Es gibt (in unserer Zivilisation als „primitiv“ bezeichnete) menschliche Kulturen, in deren Sprache es nur drei „Zahlwörter“ gibt, die als „eins“, „zwei“ und „viele“ übertragen werden könnten. Eine fröhliche Sorglosigkeit spiegelt sich in dieser sprachlichen Erscheinung, ganz so, als gäbe es im Miteinander dieser Menschen nur drei Zustände der Verfügbarkeit von Dingen, nämlich „ich habe noch eines“, „ich habe zwei davon und kann dir eines abgeben“ und „kein Problem, es ist genug da“. Wie könnte unsere Zivilisation doch profitieren, wenn dieser Teil der „Primitivität“ sich in ihr ausbreitete!

Triskaidekaphobie — Wer es erstaunlich findet, dass in Deutschland Menschen in irrationale Befürchtungen versinken, nur weil auf dem gerade vordersten Kalenderblatt als Wochentag ein „Freitag“ und als Tageszählung ein Dreizehnter zu lesen ist, der sollte daran denken, dass der Aberglaube noch wesentlich absurder möglich ist. In den USA haben viele Häuser „offiziell“ kein 13. Stockwerk, die Zählung geht von der 12 direkt zur 14. Die Tatsache, dass sich die abergläubische Angst nicht auf die 14. Etage verlagert, welche ja in Wirklichkeit die 13. ist, zeigt die kurzsichtige und deshalb uneinsichtige Idiotie des Aberglaubens. Aber bislang ist bei niemandem die Idiotie so weit gegangen, dass er ein dreizehntes Monatsgehalt abgelehnt hätte. Und. Das zeigt den Glauben, der auf der anderen Seite des Aberglaubens steht und der ebenfalls ein Glaube in Zahlen ist.

Sieben — Von den sieben „Weltwundern“ der Antike ist nur noch eines erhalten, und dieses sind die großen Pyramiden in der Nekropole zu Gizeh. An diesen monströsen Todmalen ist vieles beeindruckend, am meisten aber sicherlich die Tatsache, dass sie auch nach so vielen Jahrtausenden so gut erhalten sind, während jüngere Pyramiden der ägyptischen Herrscher viel stärker vom Zerfall betroffen sind. Der Grund für die gute Erhaltung der großen Pyramiden ist, dass daran offenbar hoch motivierte Menschen sehr sorgfältig und präzise gearbeitet haben, während spätere Bauwerke des antiken Ägypten mit Sklavenarbeit errichtet wurden und deshalb eine gewisse Schlampigkeit in der Ausführung aufweisen. Dies kann auf dem Hintergrund betrachtet werden, dass der ägyptische Staat in der Vierten Dynastie kein Geldsystem kannte, und dass deshalb die Abgaben an das Staatswesen (und damit an die herrschenden Priester und den Pharao) in Form von Naturalien und in Form von Arbeitsleistung zu erfolgen hatten. Offenbar führte der „Mangel“ eines abstrakten Zahlungs- und Tauschmittels bei vielen in diesem Staat lebenden Menschen zu einer intrinsischen Motivation, in ihrem Tun Qualität hervorzubringen, und diese Qualität hält dem Zahn der Zeit gut stand, bis auf dem heutigen Tag. Kaum gab es jedoch in Ägypten eine Form des Geldes (Edelmetall als Tauschmittel), kaum verlagerte sich der Wertbegriff auf dieses Abstraktum, schon waren die staatlichen Prunkbauten von jener Schäbigkeit der Ausführung geprägt, wie sie von Sklaven und gedungenen Arbeitern hervorgebracht wird. Und zwar. Bis auf den heutigen Tag. Einzig das Ausmaß der Schäbigkeit der produzierten Güter ist im Laufe der Jahrtausende immer mehr gewachsen — und zwar mit zunehmender Abstraktheit des einzig als Wert erachteten Geldes.

Existenz — Der Kosmos existierte, bevor er von messenden und zählenden Menschen wahrgenommen wurde, und er wird sich auch trefflich zu behelfen wissen, wenn sich kein messender und zählender Mensch mehr mit der Abbildung des Kosmos in seinem Hirne beschäftigt. Das Wort „Wahrnehmung“ deutet schon in seiner sprachlichen Form an, dass bestimmte Aspekte aus der Realität genommen und in dieser Form für wahr gehalten werden, während andere Aspekte der Realität für die konstruierte Wahrheit verworfen werden. Diese Abbildung im menschlichen Individuum hat nichts mit der Einsheit des Kosmos zu tun, sie ist in Wirklichkeit eine „Wahnnehmung“, jenseits derer es gut möglich ist, dass in der Realität nichts außer der Einsheit des Kosmos existiert. Und zwar ist diese „Wahnnehmung“ eine. Der kein Mensch entkommen kann. Es wäre gut, wenn dies jedem Menschen in jedem Moment seines Seins bewusst wäre.

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Vom Verstummen

Alle offiziellen Maßnahmen und Förderungen der Republik Irland können es nicht aufhalten, dass die — in meinen Ohren übrigens recht wohlklingende — irische Sprache vom endgültigen Verklingen bedroht ist. Es hilft nicht einmal, dass für die verbliebenen, vielleicht sechzig- bis achtzigtausend aktiven Sprecher des keltischen Idioms alle Ausschilderungen zweisprachig gehalten sind, dass das Irische zur offiziellen Amtssprache der Republik erhoben wurde, dass es im staatlichen Rundfunk verwendet wird und dass es an den regulären Schulen als Pflichtsprache gelehrt wird.

Wer in Irland „etwas werden will“, lernt Englisch und spricht es im Alltag so oft wie möglich, um darin eine große Geläufigkeit zu bekommen. Die englische Sprache ist der Schlüssel für den individuellen sozialen Aufstieg geworden. In der allgemeinen Wahrnehmung sind die Sprecher des Irischen vor allem zurückgebliebene, bäuerliche Menschen in schlechter sozialer Lage; niemand mag gern zu dieser Klasse gehören. Dass sich einige gewohnheitsmäßig gebrauchte Redensarten halten, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass für die meisten Iren die gesprochene, geschriebene, gedachte und zum Handeln führende Sprache die englische geworden ist, während eine ganze Sprachkultur immer mehr auf eine folkloristische Dekoration reduziert wird.

Jede Sprache formt das Denken ihrer Sprecher. In der irischen Sprache gibt es eine bemerkenswerte grammatikalische Erscheinung bei den Zahlwörtern. Die meisten modernen Sprachen kennen den Unterschied zwischen Kardinalzahlen (eins, zwei, drei) und Ordinalzahlen (erster, zweiter, dritter). Diese beiden Kategorien sind auch im Irischen bekannt. Darüber hinaus gibt es im Irischen noch zwei weitere Kategorien von Kardinalzahlen, die verschiedene Formen bilden. Die eine Form wird verwendet, wenn Gegenstände gezählt werden (amháin, dhá, trí), die andere Form wird verwendet, wenn Personen gezählt werden (duine, beirt, triúr).

In dieser grammatikalischen Eigenheit der irischen Zahlwörter spiegelt sich ein großer Respekt vor der Person als solcher; ein Widerstreben. Menschen. Mit den gleichen begrifflichen Kategorien zu erfassen, die für materielle Werte und Gegenstände gebraucht werden. Wo in der Abstraktion der Zahl rechnerisch alles miteinander kommensurabel gemacht werden kann, baut diese Sprache ein (schwaches) begriffliches Hindernis auf und zeigt somit ein aus der Vergangenheit herüberhallendes Bewusstsein darüber, dass sich das Leben eines Menschen nicht beliebig verrechnen lässt.

Von daher ist es gar nicht überraschend, dass eine so denkende Sprache unter den Bedingungen des gegenwärtig über die Gesellschaften ablaufenden Prozesses verstummt — dieses Verstummen der einst europaweit gesprochenen keltischen Sprachen begann bereits im ausgedehnten imperium romanum, und es setzt sich bis heute fort.

Dank an I., der mich auf diese Eigenart des Irischen und ein paar Hintergründe aufmerksam gemacht hat, und: Viel Erfolg auf der Hannover-Messe! Ich hoffe, die Zahlwörter in einer mir vollständig unverständlichen Sprache sind richtig geschrieben… 😉