Tag Archive: Windows


Oktober 2014, nicht Oktober 1995

„Faszinierend“, sagte der Vorübergehende, „wie die Computerzeitschriften und ihre Websites jetzt überall Bilder von einem Windows-Desktop mit einem geöffneten Startmenü zeigen, als ob es sich bei dieser Möglichkeit des Programmstarts — wie damals, im Jahr 1995 — noch um eine Neuigkeit handele…“

Geld ist doch kein Problem…

Auch wenn die Schulen verschimmeln, öffentliche Leihbüchereien geschlossen werden, Straßen und Brücken in schlechtem Zustand sind, verarmte Menschen verhungern oder erfrieren, für eines ist in Niedersachsen doch immer noch genug Geld vorhanden und wird mit vollen Händen zum Fenster raus… ähm… ausgegeben: Um für unangemessen hohe Kosten veraltete Technik weiterverwenden zu können.

Und nein, das Ende des offiziellen Supports für Windows XP am 8. April ist keine über Nacht gekommene Katastrophe, sondern über Jahre von Microsoft angekündigt.

Den Aufschub der Umstellung bezahlt das Land aus Steuermitteln. […] Im Gespräch mit c’t während der CeBIT meinte Microsoft-Manager Oliver Gürtler allerdings, dass der Preis für so eine Verlängerung der Support-Laufzeit so hoch ist, dass er selbst für viele Firmen zu teuer sein dürfte

Der Unterschied zwischen einer wirtschaftlichen Unternehmung und dem Land Niedersachsen ist nun einmal, dass die wirtschaftliche Unternehmung mit beschränkten Mitteln wirtschaften muss, während das Land Niedersachsen einfach mit Zwangsmitteln (und vorwiegend zu Lasten der weniger Begüterten) eingezogene Steuergelder für technische Idiotie verschwenden kann. Leider ist in der BRD nur die Steuerhinterziehung strafbar, nicht jedoch der Raub an der Gemeinschaft durch sinnlose Geldausgaben.

Gruß auch an die Sonderspezialisten von T-Systems und dem Landesbetrieb für Statistik und Kommunikaitionstechnologie Niedersachsen!

Microsoft BOB

Microsoft BOB aus dem Jahr 1995 ist ein interessanter (und völlig gescheiterter) Versuch, den Computer „benutzerfreundlicher“ zu machen, indem eine Benutzerschnittstelle geschaffen wird, die alle Arbeiten trivialisiert. Es war dem Anwender möglich, Briefe zu schreiben (und natürlich auch zu drucken), E-Mail (über einen kostenpflichtigen Dienst, der nicht mehr existiert) zu versenden und zu empfangen, seine Termine, Finanzen und Haushaltsangelegenheiten zu verwalten und ein mitgeliefertes Geografie-Quiz zu spielen. Bei alledem musste er nichts vom Dateisystem oder dem darunterliegenden Computer verstehen.

BOB ist eine 16-Bit-Windowsanwendung, die als Standarddesktop anstelle von Windows 95 ode Windows 3.1 verwendet werden konnte. Auch technisch wurde bei der Gestaltung des Desktops Neuland betreten, denn die gesamte graphische Darstellung ist mit Vektorgrafiken realisiert und kann sich somit an jede Bildschirmauflösung anpassen.

Weil die Jüngeren gar nichts mehr davon zu wissen scheinen, habe ich ein Video einer BOB-Sitzung angefertigt. Von den BOB-Anwendungen zeige ich allerdings nur die Textverarbeitung, den Kalender, das Adressbuch und das Geografie-Quiz. Auf der anderen Seite lasse ich kaum eine der vielen „Spielereien“ in BOB aus und zeige, wie man Assistenten und Räume wechselt oder die Einrichtung eines Raumes bearbeitet; zwei Dinge, die für die Anwendungen völlig unerheblich sind.

Auch, wenn heute rückblickend ein anderer Eindruck entsteht: BOB richtete sich nicht in erster Linie an Kinder oder Idioten. Bedient werden sollten damit Heimanwender, während sich die parallel laufende Entwicklung von Windows 95 an professionellere Anwender richtete. (Nein, das ist kein Witz, das ist Microsoft.) Die BOB-Anwendungen sind für einen exquisit häuslichen Kontext gemacht, und die gesamte Umgebung sollte offenbar eine gewisse „Gemütlichkeit“ ausstrahlen.

Microsoft BOB wurde ein völliger Fehlschlag. Es wurde einfach nicht gekauft. Auch die Heimanwender bevorzugten das nahezu zeitgleich erscheinende „professionelle“ Windows 95, das ihre Computernutzung nicht durch gnadenlose Trivialisierung einschränkte. Während die Menschen wegen Windows 95 Schlange vor den Fachgeschäften standen, blieb das Paket mit Microsoft BOB wie Blei in den Regalen liegen. Es gab meines Wissens nicht einmal eine deutsche Übersetzung, so grandios war die Ablehnung durch die Menschen, die es eigentlich kaufen sollten. Angesichts der Tatsache, dass der Entwicklungsaufwand für diese GUI monströs und auch recht teuer gewesen sein muss, war es vermutlich der bislang größte geschäftliche Fehlschlag für Microsoft — da half es auch nicht, dass einige Elemente aus BOB später etwas gezwungen und gewaltsam in anderen Microsoft-Anwendungen zweitverwertet wurden, etwa die Assistenten. Ganz im Gegenteil, auch Karl Klammer hat es nicht zu wirklicher Beliebtheit bei Computernutzern gebracht, und wer regelmäßig mit MS Office arbeiten musste, vermisste die Tötungssequenzen für das nervige, vorlaute Stück Draht, das so oft die Aufmerksamkeit von der eigentlichen Arbeit abzog.

Mir persönlich kommt Windows 8 wie das Microsoft BOB der Zehner Jahre vor. Auch hier wurde eine Benutzerschnittstelle geschaffen, die viele Tätigkeiten am Computer trivialisieren soll und Menschen mit einem Minimum an Erfahrung einfach nur nervt. Obwohl Microsoft zumindest aus dem BOB-Fehlschlag gelernt zu haben scheint und deshalb auch noch einen konventionelleren Desktop für „richtige“ Anwendungen anbietet, scheint mir dieses Nebeneinander zweier semantisch inkompatibler Konzepte — einer einfachen Wisch-App-Schnittstelle und einem als App innerhalb dieser Schnittstelle realisierten Desktop — wegen seiner Missverständlichkeit und mentalen Schwergängigkeit zum Scheitern verurteilt. Dass das neue Verfahren zum Programmstart über die „Modern UI“ ohne technische Not als alternativlos präsentiert wird (man beachte: Windows 95 kam noch mit dem alten Programmmanager neben dem neuen Startmenü!), fügt diesen Problemen noch einen Eindruck von Verachtung und mutwilliger Verärgerung der Nutzer hinzu. Ich prophezeihe als ganz schlechter Prophet, dass BOB spätestens im nächsten Jahr als das dann zweitgrößte Desaster aus dem Hause Microsoft feststehen wird…

Windows 8 (Christmas Edition)

Windows 8 (Christmas Edition): Jeden Tag eine neue Kachel klicken und hoffen, dass am 24. Dezember der Mann vorbeikommt, der den alten Desktop zurückbringt.

Wer sich über „Christmas“ aufregt, soll froh sein, dass ich nicht einfach Xmas geschrieben habe…

Freies System unerwünscht

Am heutigen Wahltag wollte ich mich als unheilbar Fernsehverdrossener doch einmal aus der Wahlberichterstattung der ARD „informieren“ und war eigentlich ganz froh darüber, dass dort angeblich ein Live-Stream der Sendung zur Verfügung steht. Aber was ich sah, als ich dieses Angebot nun endlich zum ersten Mal nutzen wollte — ich habe sonst wirklich Besseres mit meiner beschränkten Lebenszeit zu tun — das löste bei mir eine Mischung aus Frust und Erheiterung aus:

Auf Ihrem System steht kein Plugin zur Verfügung, mit dem der Clip abgespielt werden kann. Zum Abspielen dieses Clips fehlt Ihnen das "Windows Media" Plugin. Dieses können sie hier herunterladen.

Das ist ja „nett“, dass ich das Plugin herunterladen kann. Allerdings gibt es dieses Plugin für mein freies Betriebssystem nicht. Und was ich daraus gelernt habe, das ist eine hervorragende Realsatire, wenn man es sich in seinem wörtlichen Klang auf der Zunge zergehen lässt: Wer im quasi-staatlichen Fernsehen der BR Deutschland die Berichterstattung zu einer Wahl verfolgen will, der kann hierfür eben kein freies System verwenden.