Tag Archive: Westerwelle


Wahr und unwahr

Wahr ists, dass Guido Westerwelle, Außenminister der BRD und großer Vorsitzender der FDP, in einem Interview ausgerechnet gegenüber der Bildzeitung gesagt hat, dass er das Deck nicht verlassen werde, wenn es stürmt.

Unwahr ists hingegen, dass Guido Westerwelle oder die Bildzeitung einmal darauf hingewiesen hätten, dass dieser „Sturm“ nur deshalb entsteht, weil die Mannschaft auf dem sinkenden Schiff FDP so heftig pustet.

Völlig unbemerkt ists dabei geblieben, wie der Herr Wirtschaftsm… Außenminister und Vorsitzende der FDP sich in seinem Interview mit der Bildzeitung außenpolitisch positioniert hat, als es um die Frage der Positionierung der Bundesrepublik in der EU ging:

Ich denke nicht, dass uns Europa oder der Schutz unserer Währung mehr Geld kosten, als uns die EU bringt. Wir Deutsche exportieren immer noch mehr in die Niederlande als nach China, mehr nach Frankreich als in die USA und mehr nach Belgien als nach Indien. Ein Viertel bis ein Drittel unserer Arbeitsplätze hängt direkt von unserer Vernetzung in Europa ab.

Die Frage, wie die BR Deutschland zurzeit offiziell zum geeinigten Europa steht und aus welchen Gründen sie diese Stellung einnimmt (und vielleicht auch wieder aufgeben könnte), klärt sich beim Lesen der Worte des Herrn Außenministers. Kleiner Tipp für jene, denen es noch nicht klar ist: Mit der europäischen Geschichte, die leider auch eine Geschichte sinnloser Kriege ist, hat es eben so wenig zu tun wie mit irgendwelchen kulturellen Erwägungen oder gar mit Diplomatie.

Werbeanzeigen

Auswärtiges Denken

Doch wo lohnt sich heute denn Leistung, wenn ein Ackermann oder Zetsche auch nur 24 Stunden pro Tag hat und Millionen bekommt, während sich ein Arbeiter 8 Stunden auf dem Bau abquält und trotzdem nur noch mit dem Zahlen der Rechnungen hinterher kommt, weil seine Frau als Altenpflegerin im chronisch überbelegten Altenheim, in dem mindestens noch zwei Pfleger mehr von Nöten wären, um die Menschen ansatzweise menschenwürdig zu versorgen, sich den Rücken kaputt arbeitet. Ist der Rücken einmal kaputt ist dann auch Schicht im Schacht. Die Chancen stehen nicht schlecht, daß die Zuzahlungen zur ärztlichen Behandlung der durch Leistung erworbenen Rückenschäden das Budget der Familie übersteigen während die Kinder der Familie sich nicht einmal mehr Hoffnungen machen, über Hartz IV hinaus zu kommen. Lehrstellen gibt es nicht, Studium nicht finanzierbar, leistungswillig aber nicht leistungsfähig, aufgrund der Rahmenbedingungen.

„Ein feste Burg ist unser Gott“ nimmt Westerwelle infames Gefasel von der „spätrömischen Dekadenz“ auseinander.

Der Esel

Zeitgenosse: Findest du nicht auch, dass Westerwelle ein Esel ist?!

Nachtwächter: Ich soll das auch finden, nur weil es ein Heiner Geißler in ein Mikrofon gerülpst hat? Aber nein doch. Ein Esel ist ja nicht dumm oder gemein, nur ein wenig störrisch; ein hübsches Tier, das nur seiner Natur folgt und damit etwas nerven kann, wenn man andere Pläne hat. Westerwelle hingegen. Folgt keiner unschuldigen, gebieterischen Natur, sondern einer ausgearbeiteten politischen Absicht. Sein Aufgreifen des von der Bildzeitung angeheizten, stammtischrelevanten Blutredens ist völlig planvoll und erfüllt bei einem beachtlichen Anteil der Menschen in der BR Deutschland seine Aufgabe erschreckend wirksam. Die Menschen, die für immer mehr Arbeit immer weniger Geld bekommen und in steigende persönliche Unsicherheit geworfen werden, sie sollen ihre Aufmerksamkeit von den Profiteuren des gegenwärtigen gesellschaftlichen Prozesses weglenken lassen und sich ausgerechnet von jenen ausgebeutet fühlen, die fast gar nichts mehr haben. Man wird es dort, wo man aus solcher fehlgeleiteter Aufmerksamkeit der breiten Massen Ruhe gewinnt, einem gar nicht störrischen, lichtscheuen Gesindel wie diesen Westerwelle danken, dass es so gezielt seine Sprechblase entleert und wohlplatzierte Duftmarken in die Journaille setzt. Westerwelle als einen Esel zu bezeichnen, ist eine Beleidigung. Doch nicht für Westerwelle, sondern für den Esel. Und. Wer einem Mitglied der classe politique wie Heiner Geißler so leicht erlaubt, für ihn zu sprechen und zu denken, hat dumm, kampflos und feige verloren.

Der gesellschaftliche Wandel

Es hat doch einen wirklich faszinierenden gesellschaftlichen Wandel gegeben. In einigen Monaten wird es eine Bundestagswahl geben, und es schaut jetzt schon so aus, als würde nach dieser Wahl eine Frau Bundeskanzler sein, die als Außenminister und „Vizekanzler“ eine Schwuppe(*) zur Seite hat. In den heute bei den jüngeren Menschen so beliebten Achtziger Jahren, die neben viel Bedrückung auch viel Forderung nach gesellschaftlichem Wandel, alternativem Leben und Überwindung der bedrückenden Spießigkeit hervorbrachten, wäre jeder ausgelacht worden, der so etwas für eine relativ nahe Zeit prognostiziert hätte — obwohl sich viele Menschen eine Entwicklung gewüscht hätten, die so etwas möglich macht. Nun ist es so weit, aber irgendwie haben wir uns das damals ganz anders vorgestellt.

(*) Wer sich an diesem, übrigens nicht schimpflich gemeinten Worte stört und etwas mehr political correctness wünscht, ersetze es beim Lesen einfach durch „homosexueller Mann“. 😉