Tag Archive: Weltraumfahrt


Rakete

Darin, dass Milliardäre wie Elon Musk und Jeff Bezos unter hohem finanziellen Einsatz ihre eigenen Weltraumprogramme vorantreiben, spiegelt sich ihr Wunsch, den alten, verbrannten und vergifteten Planeten Erde dereinst verlassen und ihr Werk an einem anderen Ort fortsetzen zu können, nachdem Erde und Menschheit vollständig ausgebeutet wurden.

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Technische, weltraumfahrende Zivilisationen

Nachdem die laufende Analyse der Daten des Weltraumteleskopes Kepler zeigt, dass Planeten um sonnenähnliche Sterne nichts Ungewöhnliches sind und dass folglich auch günstige Bedingungen für die Entstehung kohlenstoffbasierten Lebens innerhalb unserer Galaxie verbreitet sind, stellt sich nur noch eine Frage: Wo sind die technischen, weltraumfahrenden Zivilisationen? Sie müssten doch längst auch hier sein, wenn sie sich nur forschend ausbreiten. In „nur“ wenigen Millionen Jahren sollte die ganze Galaxie — bis auf einige problematische Regionen in der Nachbarschaft hochenergetischer Prozesse — voll davon sein. Ja, selbst wenn diese Außerirdischen Jahrmillionen lang gegeneinander Kriege geführt hätten, müsste es eine siegreiche Zivilisation geben, die in wenigen Millionen Jahren nahezu allgegenwärtig in der Galaxie wäre.

Offenbar sind sie nicht hier. Warum ist das so? Für mich drängen sich die folgenden möglichen Antworten auf diese Frage auf:

  1. Eine technische Zivilisation, die auch Weltraumfahrt betreiben könnte, besteht nicht lange genug. Sie rottet sich selbst mit vergleichbaren Geisteskrankheiten wie den menschlichen Atombomben aus, bevor sie einen nennenswerten Einfluss außerhalb ihres Sonnensystemes entfaltet. Was von ihr vor dem kollektiven Selbstmord zurückbleibt und Spuren außerhalb des Sonnensystemes hinterlässt, sind automatische Systeme wie unsere Pioneer-Sonden, vielleicht sogar mit einer Botschaft, die die „Chance“ einer Flaschenpost in der Unendlichkeit hat, jemals gelesen zu werden. Ebenso ist es möglich, dass die Entfaltung einer technischen Zivilisation zwangsläufig zu einer dermaßen großen Veränderung der planetaren Bedingungen führt, dass die Weiterentwicklung durch eine Verschlechterung der Lebensbedingungen begrenzt oder beendet wird.
  2. Es gibt biologische Grenzen der Entwicklung. Die in einem Evolutionsvorgang entstandene Intelligenz, die schließlich zur Technik führt, hat Grenzen, die in ihrem Ursprung begründet sind. Wir Menschen sind dafür selbst ein ausgezeichnetes Beispiel. Unser auf bahaartere, sich von Ast zu Ast schwingende Vorfahren zurückgehender Geist tut sich leicht mit Abläufen, die einer linearen Funktion (zwei Brötchen kosten einen Euro, vier Brötchen kosten zwei Euro) oder einer quadratischen Funktion (in einer Sekunde fällt der Stein fünf Meter, in zwei Sekunden zwanzig Meter, in drei Sekunden fünfundvierzig Meter¹) entsprechen. Im letzteren Fall fällt den meisten Menschen sogar eine nummerische Betrachtung schon schwer, aber sie können dennoch mit beliebigen Gegenständen zielsicher werfen, weil sie ein intuitives und vorbewusstes Verständnis des Zusammenhanges haben. Exponentielle Abhängigkeiten sind den meisten Menschen so fremd, dass selbst gebildete und intelligente Zeitgenossen in der Regel (leider) kein Problem mit der politischen Forderung unentwegten Wachstums haben, obwohl dies auf einem begrenzten Raum (selbst, wenn sich dieser mit Lichtgeschwindigkeit in alle Richtungen ausbreiten sollte) physikalisch unmöglich und daher absurd ist. Die Loslösung des Erkenntnisapparates und die Formalisierung des Denkens (durch symbolische Logik und Mathematik) sind anstrengende und fehlerträchtige Tätigkeiten, an denen die Mehrzahl der lebenden Menschen gar nicht mehr teilhat, die Erweiterung des „begreifbaren“ Bereiches durch solche Werkzeuge des Denkens ist ein mühsamer Prozess, dessen Ergebnisse (und dessen generelle Nützlichkeit) von vielen gar nicht nachvollzogen werden können. Wegen ihrer „Volksfremde“, die die Freude am Wissen und Verstehen als Luxus erscheinen lässt, stehen diese Ergebnisse in ständiger Bedrohung durch kulturellen Wandel. Ein Königreich für eine Stunde in der Bibliothek von Alexandria! (Und einen Dolmetscher für das Altgriechische natürlich…)
  3. Möglicherweise führt die allgemeine Schulung des Verstandes und die Weiterentwicklung dessen, was wir „Intelligenz“ nennen, grundsätzlich — also auch außerhalb der Erde — zu Nihilismus und Depression, da sie den Sinn für die Begrenztheit des eigenen Seins und die Sinnlosigkeit allen Strebens schärft. Der zivilisatorische Prozess fordert dem Individuum zwar ab, dass es einen Teil seiner verfügbaren Zeit und Lebenskraft in eine „Zivilisationsarbeit“ steckt, die nicht mehr direkt der eigenen Lust und dem eigenen Genuss dient, aber dafür bekommt das Individuum gesichertere Lebensumstände zurück, die es aus der unerbittlichen Willkür der natürlichen Abläufe herausholen und damit Freiräume schaffen. In der menschlichen Zivilisation, die uns ja als einzige ein wenig bekannt ist, werden diese Freiräume von den meisten Menschen nicht zur Erbringung weiterer „Zivilisationsarbeit“ genutzt, sondern für allerlei Freuden und Ablenkungen. Tatsachen, die zur vertieften Einsicht führen können und mit einem gewissen Ernst behaftet sind — zum Beispiel die Unausweichlichkeit des eigenen Todes oder die unmittelbare Bedeutung des eigenen Daseins für das menschliche und natürliche Umfeld und die damit verbundene Verantwortung — werden unter Erbietung aller Sinnesreizungen im kleinen Raum des Bewusstseins übertönt. Menschen, die das nicht tun können oder wollen, nehmen nahezu ausnahmslos einen melancholischen Charakter an, den andere als wenig erbäulich und erstrebenswert erachten. Die Frucht des zivilisatorischen Prozesses ist eine Verneinung jener Geistestätigkeit, die den zivilisatorischen Prozess anstieß und hervorbrachte; die Geschichte der technischen und mentalen Entwicklung ein Auf und Ab, nicht allein getrieben vom Geist, sondern auch von einem einst notwendigen evolutionären Vorläufer des bewussten Geistes, der älter und wirkmächtiger ist als jener: von der Psyche; einem Abgrund kaum bewusstseinsfähiger Regungen, der in seinem alleinigen Streben nach Lust jede höhere Leistung verschlingt. Jeder Fortschritt findet darin eine Grenze, wenn er erst einmal den kurzen Taumeltanz des Daseins dürftig gesichert hat.
  4. Es ist gut möglich, dass der Energieaufwand für interstellare Raumfahrt eine Grenze ist. Schon die Energie, die erforderlich ist, um mit einer Rakete die Gravitation der Erde zu verlassen, ist für Alltagsmaßstäbe beeindruckend, und beim Versuch, auf einer Bombe sitzend die Erde zu verlassen, kam es immer wieder zu schweren Unfällen. Bei der Reise durch den interstellaren Raum sind weitere Probleme zu bewältigen, deren Schwere zurzeit gar nicht zu ermessen ist. Da die Reisenden auf ihrem langen Weg durchs Nichts ein Stück lebenserhaltendes Ökosystem mitnehmen müssten, das selbst dann unter Energieaufwand erhalten werden müsste, wenn während der Reise auf jegliche Beschleunigung verzichtet wird, besteht in jedem Fall ein Energieproblem. Und natürlich benötigt das Gefährt auch eine Wartung, und zwar über sehr lange Zeiträume hinweg in einem energiearmen Umfeld ohne nützliche Sonnen in der unmittelbaren Nähe. Ob dieses Energieproblem lösbar ist, kann niemand sagen; es könnte sein, dass es sich um eine prinzipielle Grenze handelt, die für ein in unserem Sinn „intelligentes“ Individuum in seinem komplexen und empfindlichen Fließgleichgewicht zu seiner Umgebung nicht einmal dann überwindbar wäre, wenn mit „gentechnischen“ Methoden spezielle Weltraumwesen erzeugt werden könnten. (Die Ethikdiskussionen, die bei einem solchen Unterfangen unter Menschen aufkämen, möchte ich mir gar nicht vorstellen. Menschen haben schon ein Problem damit, wenn mit technischen Verfahren Pflanzen verändert werden, weil dies ein „Frevel“ an der „guten“ Natur sein soll — dass sie die Natur für so „gut“ halten, ist freilich eine zivilisatorisch bedingte Luxusillusion, kombiniert aus dem klebrigen Idyll von Disneys Bambi-Film und der Tatsache, dass die meisten Menschen nicht mehr ihr Essen zusammensuchen müssen und nicht mehr von anderen Tieren verfrühstückt werden. Siehe den vorherigen Punkt.)
  5. Das Sonnensystem könnte Bestandteil eines interstellaren „Naturschutzgebietes“ sein, das man mit gewissem Aufwand von äußeren Einflüssen abschirmt, um Entwicklungen ohne diese Einflüsse studieren zu können. In diesem Fall wären sehr wohl einige Außerirdische „hier“, kleine Forschertruppen, die mit ihrer nach unseren Maßstäben geradezu magischen Technik alles daran setzten, unbemerkt zu bleiben, sich aufs Beobachten zu beschränken und die Beobachtungen zu dokumentieren. Wir, die wir uns „homo sapiens“ nennen — allein die Selbstbezeichnung als „weiser Mensch“ ist die Verneinung jeder Bedeutung des Wortes Weisheit — sind dabei für jene ungefähr so interessant wie für uns die Tiere im Zoo interessant sind; eine im Alltag nicht vorkommende Kuriosität aus fernen Welten, bei der man sich manchmal unwillkürlich fragt, was wohl in ihren Köpfen vorgehen mag.
  6. Generell ist es möglich, dass Vertreter einer außerirdischen Zivilisation längst hier sind, dass sie aber für unseren begrifflichen Apparat so fremd sind, dass wir sie gar nicht als solche bemerken, wenn sie in Erscheinung treten. Es gibt keinen Grund, warum sie auch nur ähnliche Formen wie das von der Erde her vertraute Leben haben sollten. Es gibt keinen Grund, warum ihre Tätigkeiten in zeitlichen Abläufen erfolgen sollten, die für unseren Wahrnehmungsapparat kenntlich sind. Was wir als auffällig wahrnehmen, bewegt sich in einer bestimmten Geschwindigkeit (wie unsere früheren Fressfeinde oder wie andere Menschen) und verhält sich in einer bestimmten Weise, alles andere ist für Menschen eher indifferent. Die meisten Menschen bemerken beispielsweise nicht, dass sich Pflanzen bewegen, weil dies für menschliche Sinnesleistungen unmerklich langsam geschieht (von der Mimose oder der Venusfliegenfalle einmal abgesehen, und deshalb sind diese Pflanzen auch Kuriositäten für uns). Auch die Technik einer anwesenden außerirdischen Zivilisation müssten wir nicht unbedingt bemerken. Innerhalb eines einzigen Menschenalters sind aus schwergewichtigen, großen Computern kleine telefonartige und prinzipiell dezentral vernetzbare Taschencomputer geworden, deren Leistungsfähigkeit zudem pro Einzelgerät um mehrere Größenordnungen zugenommen hat — und vorher war die Idee eines kleinen Computers kaum vorstellbar, nicht einmal für Autoren der science fiction. Alfred Elton van Vogt² schrieb noch 1952 in seinem Roman „Das Reich der 50 Sonnen“ eine bemerkenswerte Vorstellung der Technik des von ihm herbeifantasierten Raumfahrtzeitalters nieder: „Er setzte sich an sein Pult und zog sein Berufswerkzeug aus der Tasche: einen Rechenschieber mit einem daran befestigten Radiogerät, das ihn mit dem nächsten Elektronengehirn — in diesem Falle dem des Schiffes — verband„. Auf die Idee, dass Fortschritt etwas anderes hervorbringen könnte als mächtige „Elektronengehirne“ konnte van Vogt bei aller Phantasie nicht aufkommen.
  7. Zu guter Letzt könnten wir auch einfach die erste technische Zivilisation in dieser Galaxie sein. Das ist zwar unwahrscheinlich, aber es ist aus eine Tatsache, dass eine der Zivilisationen die erste sein muss. Eine solche erste Zivilisation würde genau das oben beschriebene Paradoxon beobachten — und einige Angehörige dieser Zivilisation würden sich recht ähnliche Gedanken machen wie jene, die ich hier kurz notiert habe…

Ende des wirren, hochspekulativen Textes, mit dem ich meine persönliche science-fiction-Quote für dieses Jahr erfüllt habe. 😉

¹Ähm, ja, ich weiß… das sind Näherungen, um die Zahlen anschaulich zu halten. Physiker, Newtonfans und Neurotiker mögen bitte beide Augen kurz zukneifen und darüber hinwegsehen. Für die quadratische Abhängigkeit der Falltiefe (und der Geschwindigkeit) von der Zeit sind die genauen Zahlen eher unerheblich. Wo man den Wert der Erdbeschleunigung nachliest, wenn man ihn nicht kennen sollte, weiß ich, und dass er nicht 10 m/s² ist, weiß ich auch.

²Da ich davon ausgehen muss, dass A. E. van Vogt vielen Menschen nicht bekannt ist: Es handelt sich um einen Autor der science fiction, der in seinen frühen Jahren eine gewisse Nähe zu Ron L. Hubbard, den Gründer von Scientology, hatte, sich aber schnell deutlich distanzierte. Die meisten seiner Geschichten sind heute vergessen, aber seine Erzählung Discord in Scarlet wurde auch für die heutige Populärkultur prägend — sie bildete die Vorlage für den großartigen Film „Alien“ aus dem Jahr 1979, obwohl A. E. van Vogt nicht erwähnt wurde. Er hat später vor Gericht einen Vergleich erstritten und 50.000 Dollar für die filmische Bearbeitung seines Stoffes bekommen.

Stephen Hawking

Es wäre (vermutlich nicht nur) mir lieber und näher, er spräche aus seiner akademischen Parallelwelt über das Leben der Menschen als über eine Menschheit, die ohne Weltraumfahrt aussterben wird.

Vom leeren Traum

Es ist doch erstaunlich, dass ausgerechnet die Weltraumfahrt zur Leinwand für die ganzen warmen Träume der Populärkultur geworden ist und in vielen populären Produktionen der science fiction von meist bescheidener Qualität zum extern getriggerten Träumen angeboten werden kann. In Wirklichkeit. Ist der Weltraum beinahe überall in seiner unvorstellbaren Größe nur leer und kalt. Im Wahnbild der mit menschlichen Großrauschträumen gefüllten Weltraumfahrt spiegelt sich die Verantwortungslosigkeit, mit der die Menschen dazu bereit sind, die Erde als ihre eigene Heimat zu verbrauchen und wegzuwerfen; und die wirkliche Beschaffenheit des Weltraumes ist ein treffliches Spiegelbild der Leere und Kälte dieser Haltung.