Tag Archive: Weisheit


Gesternwurzel

Das Wissen, Verstehen und Können von heute besteht aus den Irrtümern von gestern, die überprüft, verworfen und neu geformt wurden, um besser zur beobachteten Wirklichkeit zu passen. Die Dummheit von heute besteht darin, die Irrtümer von gestern unter Ausblendung widersprechender Beobachtungen für eine „Wahrheit“ zu halten und zu wiederholen — oder gar: sie anderen Menschen mit Gewalt aufzuzwingen. Die heute für jeden Menschen erforderliche Weisheit besteht darin, die wissende, verstehende und könnende Haltung sicher von der dummen unterscheiden zu können, ohne in die Falle eigener Vorurteile zu fallen. Noch niemand hat Wahres gesprochen, ohne das Bestehende in Frage zu stellen, aber viele sprachen in dieser Haltung Falsches.

Verwechslungsgefahr

Der Vorübergehende sagte zu seinem Begleiter: „Verwechsle niemals die im Zeugnis bewertete Schullaufbahn mit Bildung, verwechsle niemals eine gute Bildung mit Intelligenz und verwechsle niemals eine ausgeprägte und tatkräftige Intelligenz mit Güte, Menschlichkeit, Fähigkeit und Weisheit. Und. Wisse in jeder Situation, was darin das Wichtigste von diesen dreien ist“!

Unglück und Weisheit

Anderen an seinem Unglück die Schuld geben ist ein Zeichen von Dummheit, sich selbst die Schuld zu geben ist der erste Schritt zur Einsicht; weder anderen noch sich selbst die Schuld geben ist ein Zeichen von Weisheit.

Epiktet (griechischer Stoiker, 50-138 n.Chr.)

Der Geist und das Nichts

Das Halbwissen ist siegreicher, als das Ganzwissen: es kennt die Dinge einfacher, als sie sind, und macht daher seine Meinung fasslicher und überzeugender.

Friedrich Nietzsche

Die Wesen, die ihre eigene Art als homo sapiens, als den weisen, wissenden Menschen bezeichnen und betrachten, konnten und können nichts weniger vertragen als die Tatsache ihres eigenen Nichtwissens. Die Weise, wie sie mit einem solchen Nichtwissen umgehen, ist jedoch lehrreich. Lange, bevor die Menschheit durch Denken und systematische Schau an ihren heutigen Grad der Einsicht kam, haben schon Menschen zum Firmament geschaut und dort allerlei Lichter gesehen, die große Sonne am Tag, den Mond in der Dämmerung und in der Nacht die Sterne als hingeworfene Punkte auf dem samtenen Schwarz der Himmelskuppel, meist in kollektiver, regelmäßiger Bewegung, doch einige auch in verwirrenden Bahnen vor dem Hintergrund fester Konstellationen. Es waren viele Menschen wie wir, die dies sahen, und sie hatten ein Gehirn, dessen Leistungsfähigkeit nicht wesentlich geringer war als in unserer Zeit; und vielleicht waren diese Menschen gar noch etwas neugieriger als die meisten heute lebenden, in Bequemlichkeit erstumpften Menschen. Wenn sie des Nachts ihren Kopf auf einen Stein legten und ihren Geist in das sichtbare Firmament fallen ließen, gab es nichts, was sie von diesem kosmischen Theater ablenkte. Sie wussten aus täglicher Erfahrung und aus Überlieferung genau, dass die Mehrzahl der Abläufe in diesem kosmischen Theater sehr regelmäßig und darin verständlich waren, und sie werden dieses Verständnis auch dazu verwendet haben, sich in ihrer Welt ganz ohne Navigationsgerät zu orientieren. Die ungleich komplexeren Bahnen der Planeten unseres Sonnensystemes werden hingegen viel rätselhafter gewesen sein, ihre Beobachtung regte gewiss allerlei geistige Tätigkeit an, von der wir heute nur noch mythologische Spuren durch den Nebel der Überlieferung sehen können — bis heute sind die Planeten nach jenen paganen Götzen benannt, die mit gutem Grund längst auf dem Müllhaufen gescheiterter, verworfener Weltsichten gelandet sind.

Doch so viel sie auch von allem, was sie jede Nacht sahen, verstanden, eines konnten sie einfach noch nicht wissen: Was diese ganzen Sterne eigentlich sind.

Und hier zeigt sich die interessante Eigenschaft des gar nicht so weisen Geistes. Denn des Menschen Geist in seinem lächerlichen Narzissmus kann das Vakuum eines solchen Unwissens über die sinnlich wahrnehmbare Welt nicht ertragen, und deshalb nimmt der Geist dieses Unwissen auch nicht einfach hin und fügt sich weise in seine Beschränktheit, sondern er bildet ein inneres Spiegelbild der äußeren Wirklichkeit ab, das er vollkommen verstehen kann, und er nimmt das Ergebnis dieser psychischen Tätigkeit als die Wahrheit. So kam es zu allerlei Interpretationen des gestirnten Firmamentes, es wurde mit Abbildern des Menschen in seiner Mythologie belegt und es wurden mit allem Scharfsinn der Grohhirnrinde die lustigsten und wirrsten Erklärungen für die unverstandenen Erscheinungen gefunden, eine narzistische Simulation des Verstehens. Aus diesem rein geistigen Material, dieser absurden Kopfgeburt an der Nabelschnur der narzisstischen Illusion, entstanden Kosmologien, Religionen und esoterische Entwürfe, die nichts weiter sind als das verzerrte Spiegelbild des Menschen in seiner Umwelt. Als letzter, leider psychologisch immer noch wirksamer und zuweilen gesellschaftlich verheerender Nachhall dieses Prozesses schleicht sich immer noch der Unfug der Astrologie durch die moderne, sich so gern aufgeklärt nennende Welt, und der etwas weniger offensichtlich aus genau so altem Material gestrickte Wahnwitz der Religion — denn der Narzisst schaut zu gern und immer wieder in den Spiegel und betrachtet sich selbst in seiner infantilen, lächerlichen Allmächtigkeit, die sich doch durch die schlichtesten und alltäglichsten Lebenserfahrungen schon widerlegen ließe.

Wer hingegen wirklich über Weisheit verfügt, der gestattet es den Erscheinungen im Kosmos, das zu sein, was sie sind — auch, wenn sie dabei unverstanden bleiben. Mit der unerfreulichen Beschränktheit seiner Einsicht, Kraft und Zeit findet sich der Weise ab, und er kann sich daran erfreuen, wenn er wirklich einmal etwas versteht, was übrigens ein eher seltenes und meist mühselig errungenes Ereignis ist. Da, wo der Geist vor dem Nichts nicht in sich selbst flieht, sondern die Beschränkung akzeptiert und ihre Möglichkeiten ausschöpft, liegen immer noch ganze Welten möglichen Verständnisses, Fortschrittes, Lebens. Die Konzentration auf das Unwissenbare ist dumm, hält dumm und macht dumm, und sie ist leider so infektiös, wie der infantile Narzismuss attraktiv ist. Die Weisheit eines Menschen zeigt sich darin, dass die Lust am Narzismuss bewusst verworfen wird, und dass die Lust an der Einsicht genossen wird, auch wenn sie mit mehr Mühe und dem wenig erfreulichen Wissen um die eigene Beschränktheit, ja, um die eigene Kleinheit und Sterblichkeit verbunden ist. Der Sekundenglanz des Bewusstseins ist in jedem Fall zu schade, um ihn für einen dürften, einlullenden Ersatz der möglichen Einsicht im narzisstischen Trockenrausch zu verwerfen.