Tag Archive: Wahlkampf


Das Wort zur Wahl

Postdemokratie: Der Begriff bezeichnet ein Gemeinwesen, in dem zwar nach wie vor Wahlen abgehalten werden, […] in dem allerdings konkurrierende Teams professioneller PR-Experten die öffentliche Debatte während der Wahlkämpfe so stark kontrollieren, dass sie zu einem reinen Spektakel verkommt, bei dem man nur über eine Reihe von Problemen diskutiert, die die Experten zuvor ausgewählt haben. […] Im Schatten dieser politischen Inszenierung wird die reale Politik hinter verschlossenen Türen gemacht: von gewählten Regierungen und Eliten, die vor allem die Interessen der Wirtschaft vertreten.

Colin Crouch, 2004

Triell

Man sollte so eine Sendung nicht Triell nennen. Man sollte sie „anderthalb Stunden deines Lebens, die du nicht zurückbekommst“ nennen.

Betrugstechnik

Wer davon leben will, dass die Menschen auf einen Betrug reinfallen, der muss alles dafür tun, dass ihnen das offensichtlich Absurde und mit Leichtigkeit als falsch und erlogen Aufzeigbare plausibel erscheint. Egal, ob die Wirksamkeit wirkstoffloser Zuckerkugeln in der Homöopathie behauptet wird, ob perpetua mobilia als Freie-Energie-Maschinen verkauft werden oder ob die Hartz-IV-, Riester- und Lohndumping-SPD aus der Position einer aktiv gestaltungsmächtigen Regierungspartei allen Ernstes damit wirbt, dass sie sozialpolitische Kompetenz habe, die sie nach der Wahl endlich zu Sozialpolitik machen wolle — mit dem überall plakatierten Gesicht von Gerhard Schröders Generalsekretär als „Sympathieträger“.

Es ist eine große Zeit für Betrüger, der Enkeltrick ist Fleisch geworden.

Wind

Als der Vorübergehende im Vorübergehen an einem Fernseher Herrn Armin Laschet, den Kanzlerkandidaten der CDU, sinngemäß sagen hörte, dass man standhaft bleiben müsse, wenn einem der Wind des Wandels ins Gesicht blase, sagte er: „Wenn man die Zukunft als einen Gegenwind empfindet, sollte man sich über seine Richtung Gedanken machen“.

Bretter, die die Welt bedeuten

Angesichts der dramatischen Werte für die Union setzen CDU und CSU darauf, dass Laschet in der Fernsehrunde mit einem kämpferischen Auftritt das Ruder herumreißt

Deutlicher als mit der Benennung einer politischen Diskussion als „Auftritt“ könnte man es gar nicht mehr machen, als was die politischen Parteien einen Wahlkampf betrachten: Als eine Theateraufführung, bei der Schauspieler den Wahlberechtigten fiktionale Erzählungen vorspielen.

Finger

Aus dem Schlammloch schaut noch eine schlammbedeckte Hand, um mit dem moralischen Zeigefinger auf mich und dich und dich zu zeigen.

Die Tür

Sie stellen sich vor die Tür, hinter der die großen Antworten warten, und sie sehen zu, dass auch niemand anders durch diese Tür gehe, hinter der man überlegen müsste, wie eine Gesellschaft aussähe, in der ein Großteil der Arbeit von Maschinen erledigt wird, in der nicht mehr alles verbrannt werden kann, was brennbar ist und in der man zum ersten Mal seit Jahrhunderten das menschenfressende Fetischbild des immerwährenden Wachstums anzweifeln muss, nebst seinem Sidekick, dem heiligen Markt der Krämer und Spekulanten — alles sicher kommende Entwicklungen, wenn es keinen Rückfall in ein zweites Mittelalter geben soll; Entwicklungen, in denen auch das Potenzial eines besseren Lebens für viele Menschen steckt, so man ihnen nicht völlig irrational begegnet. Und damit wirklich niemand durch diese Tür geht, wiederholen sie in endlosem Gemurmel das immer wieder Gleiche, um es in jeden Kopf zu meißeln, und sie bemerken nicht einmal, dass ihnen immer weniger zugehört wird. Sie gehen nicht durch die Tür, hinter der eine andere Zeit liegt, sie verhindern mit Gewalt und Propaganda, dass andere durch diese Türe gehen und sie werden hinter sich die Trümmer einer rauchenden Welt zurücklassen, in der alles verbrannt wurde, was brennbar ist.

Plastik statt Pappe

„Es ist schon seltsam“, sagte der Vorübergehende im heiteren Schreiten längs der mit Wahlplakaten dekorierten Straßen, „dass alle diese Parteien, die sich in ökologischen und in Umweltforderungen zu überbieten suchen, ihre gleichermaßen um Aufmerksamkeit schreienden und inhaltsleeren Plakate nicht mehr auf kompostierbarer Pappe an den wehrlosen Laternen anbringen, sondern sie auf Kunststoff drucken lassen: Ein Werkstoff, der hunderte von Jahren halten würde, der aber nach der Wahl in den Ofen gesteckt wird, um ihn zu verbrennen und zu verstromen. Das ist wohl ihr Beitrag zur Mobilitätswende, wenn sie so ein bisschen dafür sorgen, dass Strom für die Elektroautos da ist“.

Grüßchen an C.

Trotz der Flut

So lange in der Bundesrepublik Deutschland Dörfer und Wälder zerstört werden, um im großindustriellen Maßstab Braunkohle aus der Erde zu graben — eine Substanz, für die es nur eine Nutzungsform gibt, nämlich sie anzuzünden, damit sie brenne — so lange soll mir kein dafür verantwortlicher Politiker mit seinen Lügen über den Klimaschutz und seinen diversen Verteuerungsideen „wegen des Klimas“ kommen. Egal, aus welcher Partei. Und erst recht egal, ob gerade eine schreckliche Flutkatastrophe geschieht, die diesem asozialen Pack von verlogenen Heuchlern als praktische Wahlkampf-Kulisse dient, um sich in Gummistiefeln vor die Kameras zu stellen und plitscheplatsch zum Hohn für die Toten den Furz ihrer Lügen aus dem eklen Arschmund zu entlassen.

Selbstverteidigung

In diesem Wahlkampf werde ich die möglichst vollständige Zerstörung von so geannten „Wahlplakaten“ — völlig gleich, von welcher Partei diese in den leider ansonsten wehrlosen öffentlichen Blickraum gepflastert werden — als einen Akt der Selbstverteidigung und der Notwehr betrachten, und ich fordere jeden Menschen mit Restverstand auf, es genau so zu sehen und zu machen. Man kann sie abreißen, zertreten, besprühen, mit Farbbeuteln bewerfen, mit Chemikalien anätzen oder auflösen, unter Zuhilfenahme von Brandbeschleunigern anzünden oder wegsprengen.

Die hämisch dargebrachte Intelligenzverachtung des kommenden Wahlkampfes hinzunehmen, ohne einen ganz deutlichen Widerspruch hör- und sichtbar zu machen, gibt der Intelligenzverachtung des kommenden Wahlkampfes Recht.

Ich habe den Krieg gegen Vernunft und Verstand nicht angefangen.

Augen sind wehrlos. Gut, dass wir Hände haben.

Im 21. Jahrhundert

Ich denke, also bin ich… hier falsch.

Sofa

In diesem Wahlkrampf zum Bundestag liegen sie alle im Schlamm und glauben fest daran, dass es ein bequemes Sofa sei.