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Verschwörungstheorien

Als der Vorübergehende von seinem Zeitgenossen gefragt wurde, ob er an Verschwörungstheorien glaube, antwortete er nach kurzem Nachdenken nur mit einer Gegenfrage: „Was ist eine Verschwörungstheorie“?

Der Zeitgenosse rang um Worte und benannte Beispiel um Beispiel, eines absurder als das andere, aber konnte auf mehrfache Nachfrage nicht erklären, was eine Verschwörungstheorie sein soll.

Da kam ihm der Vorübergehende zur Hilfe: „Eine Verschwörungstheorie ist es doch, wenn man davon ausgeht, dass Menschen sich dazu verabreden, gemeinsame Ziele zu verfolgen, dass sie sich dann in ihrem Aktionen koordinieren und dabei vor anderen Menschen nicht unbedingt deutlich machen, dass sie zusammenarbeiten, so lange diese Offenheit dem gemeinsamen Ziel mehr schadete als nutzte. Das machen Menschen überall, in jeder Schulklasse, in jedem Büro, in jedem Betrieb, in jedem Verein, in jeder Amtsstube, ja, in jeder Kneipe und auf vielen Kinderspielplätzen. Eine Verschwörungstheorie ist es, wenn man davon ausgeht, dass sich Menschen so verhalten, wie sie sich normalerweise verhalten. Wenn du mich fragst, ob ich an eine Verschwörungstheorie glaube statt mich zu fragen, ob ich an normales menschliches Verhalten glaube, dann halte ich es für möglich, dass du einer langfristigen Verschwörung der Publizistik auf dem Leim gegangen bist, die durchwegs derart abwegige Wörter für das Gemeine und Gewöhnliche im Menschen verwendet, damit vor der Mehrzahl der Menschen besser das Allzumenschliche, Egoistische und Kriminelle in Politik und Wirtschaft verborgen werden kann — und damit jeder als Spinner, Irrer und Nazi bloßgestellt werden kann, der das Allzumenschliche, Gewöhnliche, Gemeine, Egoistische und Kriminelle in Politik und Wirtschaft sieht und benennt“.

Als der Zeitgenosse dann sagte: „Aber Verschwörungstheorien sind absurd“, sagte der Vorübergehende nur: „Viele Theorien sind absurd. Intelligenz zeigt sich nicht nur im folgerichtigen Schließen und Argumentieren, das sogar ein dummer Computer hinbekommt, sondern am Geschmack, den man mit seinen Ideen hat“.

Korruptionstheoretiker

„Ein ‚Verschwörungstheoretiker‘, wie du es so despektierlich in Wiedergabe des Pressetones nennst“, sagte der Vorübergehende zu seinem Zeitgenossen, „ist ein völlig vernünftiger Mensch, der eine völlig nachvollziehbare Annahme macht, um politische Entwicklungen einzuordnen und zu bewerten: Er geht davon aus, dass ein nennenswerter Anteil der Menschen korrumpierbar ist. Wer nicht in diesem Sinne des Wortes ein Verschwörungstheoretiker ist, ist ein dummer Traumtänzer“.

Operation gelungen

Der Vorübergehende unterbrach den Lachanfall seines Zeitgenossen mit den Worten: „Wenn du wirklich glaubst, die Geheimdienste seien vollkommen unfähig und deshalb lächerlich, dann haben die Geheimdienste ihre Arbeit gut gemacht; wenn du wirklich glaubst, der Staat, in dem du lebst, tut jetzt, in diesem Moment jene Dinge nicht, von denen dir zum Auslösen des gewünschten Schreckens immer wieder einmal erzählt wird, dass sie von anderen Staaten getan werden, dann funktioniert die Propaganda“.

Heitere Meta-Verschwörungstheorie zum Nachdenken, in Form einer flappsigen Frage: Haben die Geheimdienste etwa einige besonders knallköpfige Verschwörungstheoretiker fianziert? Das kann natürlich niemand wissen, es wäre ja geheim. Doch wie einige Verschwörungsspinner zu fragen niemals müde werden: Aber wer hat den Vorteil davon?

Eine große Verschwörung

Noch in der lächerlichsten, völlig offensichtlich unbegründeten Verschwörungstheorie spiegelt sich deutlich wieder, wie groß das Maß der Kälte, Fremdheit und Feindlichkeit ist, mit der sich ein gegenwärtig über die Gesellschaften ablaufende Prozess dem einzelnen Menschen gegenüberstellt.