Tag Archive: Vernunft


Wider die Vernunftlähmung

Als sein Zeitgenosse „Lasst uns vernünftig bleiben, auch wenn unsere Gegner es nicht sind“ sagte, antwortete der Vorübergehende etwas lauter als gewohnt: „Nein. Genau das ist der dumme, narzisstische Weg, angetrieben von der süßen Illusion endloser Kräfte, Zeit und Möglichkeiten, auf dem man nichts erreicht und alle seine begrenzte Kraft in einen aussichtslosen Scheinkampf steckt — bis man schließlich erschöpft feststellt, verloren zu haben, obwohl man die besseren Argumente hatte. Wenn du dich mit einem Schwein im Schlamm raufst, wirst du dabei zwei Dinge feststellen: Dass ihr euch beide dabei dreckig macht, es dem Schwein aber gefällt“. Und der Vorübergehende setzte fort: „Wenn jemand unvernünftig ist und dir damit Kraft rauben will, sag es ihm und beantworte auch gern Rückfragen, damit Vernunft einziehen kann! Wenn er dir gegenüber auf seiner Unvernunft beharrt und in seinem Versuch, deine Kraft auszulutschen, nicht nachlässt, bitte ihn freundlich, sachlich und erklärungsbereit, damit aufzuhören! Für sich selbst mag er gern unvernünftig sein, es ist ein Freier Mensch. Und wenn er dann immer noch nicht aufhört, vernichte ihn, so unvernünftig das auch sein mag! Es ist kein Gegner, sondern ein Feind; ein Mensch mit dem kein Frieden möglich ist, weil er keinen Frieden will“.

„Das klingt brutal“, sagte der Zeitgenosse.

„Es ist vernünftig, so lange du dabei vernünftig bleibst„, antwortete der Vorübergehende lächelnd.

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Auswärtiges Denken

Wenn Politik etwas mit Vernunft zu tun hätte, hätten wir keine Politiker im Parlament, sondern vernünftige Mitmenschen

@yt@diasp.de

Wurzel

Alle größeren zivilisatorischen Probleme entstehen nur daraus, dass zu viele Menschen die Vernunft lediglich für eine mögliche Herangehensweise unter vielen halten.

Richtung und Garheit

Es tut halt so sauwohl, keinen Verstand zu haben, dass die Sterblichen um Erlösung von allen möglichen Nöten lieber bitten, als um Befreiung von der Torheit.

Erasmus von Rotterdam

Logorrhoe — Wie durchfallhaft leicht doch das Reden aus den Mündern der Menschen in der classe politique quillt, seit es von Massenmedien verstärkt und an Millionen Ohren getragen wird, nur um zwischen den Ohren sogleich wieder im endlosen Strom des bullshits vergessen zu werden! Die Qualifikation, die einen Menschen immer wieder in die Medien und damit in die industriell erzeugte Relevanz bringt, besteht im reflexartigen Herauslassen von heißluftgefüllten Sprechblasen zu jedem nur erdenklichen, durch das Tagesgeschehen aktuell gewordenen Thema. Der Umweg der Worte über das Gehirn ist dabei nur störend, weil er den Sprechvorgang verlangsamt und damit jemanden anders den Vortritt lässt, was für die Selbstvermarktung des Sprechenden unerwünscht ist. Die greifbare Verblödung ganzer Völker hat ihre Wurzeln in den unmittelbaren, die Aufmerksamkeit an sich reißenden, lichtschnellen Medien, die auf keiner Seite ihres Apparates eine Anstrengung des Verstandes und eine Besinnlichkeit der Betrachtung befördern. Der körperlich eher schwächliche Mensch hat es mit den Möglichkeiten seines Gehirnes und der sozialen Kommunikation weit gebracht, wie eine Betrachtung seines zivilisatorischen Standes zeigt — aber seit dem Siegeszug von Radio und Fernsehen geht es rasendschnell bergab.

Magno cum clamore — Im Jahre 2000 erhielten David Dunning und Justin Kreuger den Ig Nobelpreis für Psychologie auf ihre Arbeit mit dem bemerkenswerten Titel „Ungebildet und ahnungslos davon: Wie Schwierigkeiten in der Wahrnehmung der eigenen Inkompetenz zu aufgeblähter Selbstbewertung führen„. Dieser Titel könnte das inoffizielle Motto aller Nachrichtensendungen und Talkshows sein, um jene Menschen zu charakterisieren, deren Reden dort an die Ohren eines Millionenpublikums getragen wird.

Ver-Halten — Die gegenwärtige psychologische Mode, das gesamte mentale Potenzial eines Menschen als eine unerklärliche black box zu ignorieren und damit zu missachten und sich stattdessen forschend darauf zu konzentrieren, welche Formen der Reizung zu welchen Reaktionen führen, sie spiegelt wider, dass ein großer Anteil der Menschen die Möglichkeiten des Verstandes nicht dazu nutzt, um sich über die eigene Situation und die eigenen Bedürfnisse bewusst zu sein und aus diesem Bewusstsein zielvoll und verantwortlich zu handeln, sondern sich reflexartig, konditionierbar und damit leicht manipulierbar verhält. Die bloße Existenz eines Verstandes stellt noch lange keine Vernunft sicher.

Babels Türme — Die kollektive Religion ist ein vortrefflicher Zement für die individuelle Angst, schnell härtend und nur mit großer Mühe zu zerstören. Ganze Staaten wurden und werden damit aufgebaut, wobei eine gottlose Formulierung dem phobischen Wahn nicht seinen religiösen Charakter nimmt. Um zu erkennen, was die Religion ist, die einen Staat zusammen hält, reicht es, sich anzuschauen, welche irrationalen Grundlagen des Miteinanders durch besondere Tabus und Denkverweigerungen geschützt werden, mindestens durch soziale Gewalt, oft aber auch durch erzwungenes Wohlverhalten durch die Androhung des Todes, durch den kalten Entzug des Lebensnotwendigen oder durch das nur unwesentlich mildere Gefängnis.

Sklaverei — Und der Nachtwächter sagte: Aber natürlich gibt es Arbeit, es gibt jede Menge davon. Geh mit geöffneten Augen durch die Straßen und du siehst überall Unerledigtes, das zum Schaden einzelner Menschen oder der ganzen Gesellschaft liegen bleibt! Das Problem ist nicht ein Mangel an Arbeit, sondern die Tatsache, dass niemand mehr für Arbeit bezahlen will — und die logische Fortsetzung dieses auf Geiz und Gier begründeten gesellschaftlichen Prozesses ist die Wiedereinführung der Sklaverei. Dass die Kochs dieser Welt dir ad nauseam am eigentlichen Problem vorbeireden, belegt nur, dass diese Wiedereinführung der Sklaverei in gewissen Kreisen der classe politique eine längst beschlossene Sache ist.

Rest — Was bleibt von einem Menschen, nachdem seine Angst von ihm genommen wurde? Ein heiteres, angstfreies und damit freies Wesen, das nicht mehr beherrschbar ist; ein Fühlender und Denkender, dessen Einsicht darüber entscheidet, bei welchen Dingen und Tätigkeiten er mitmacht. Dieser „Rest“, dieser eigentliche Mensch ist der Grund, weshalb mit so viel Aufwand dafür Sorge getragen wird, dass allerlei Ängste in den Menschen geweckt werden. Ängstliche Menschen sind leichter regierbare Menschen.

Vom Tun — Was „man“ tun kann, hast du mich gefragt? Und hast nicht dich gefragt, was du tun kannst, gerade dort, wo du wirkst und atmest? Diese Frage kenn ich wohl, sie sucht niemals eine Antwort, sie sucht nur den Grund zu fortgesetztem Schweigen. Die Frage nach dem, was „man“ tun kann, ist die Haltung der verschränkten Hände am brennenden Haus. Geh zur modernen Version der drei Affen; richte deine Augen fest auf das Geflacker des Fernsehers, steck dir die Stöpsel deines iPod in die Ohren und gib mit deinem Mund das wieder, was dir künstlichen Ersatzwelten der Contentindustrie in die Ohren und in die Augen brüllen! Die Dummheit ist dein Recht. Aber. Raub mir nicht meine Zeit! Denn ich weiß, was ich zu tun habe; dort, wo die vorübergehende Trübsal meines heiteren Lebens abläuft.

Die Befreiung

In ihrem unentwegten Streben nach einer möglichst totalen „Marktbefreiung“ erreichen immer mehr Vertreter der classe politique den Zustand der totalen Merkbefreiung.

Die Gutes und die Böses tun

Zeitgenosse: „Findest du nicht, dass die Religion einen Wert hat, dass sie immerhin Menschen dazu bringt, Gutes zu tun, für wohltätige Zwecke zu spenden, die Welt erträglicher zu machen?“

Nachtwächter: „Nein. Ganz im Gegenteil. Wenn ich die Wahl habe zwischen einem Menschen, der aus eigener Einsicht das so genannte ‚Gute‘ tut und einem anderen Menschen, der es tut, um einem Gotte zu gefallen oder sich einen spirituellen Vorteil mit seinem Tun zu verschaffen, denn bevorzuge ich den Menschen mit der eigenen Einsicht. Und wenn ich die Wahl habe zwischen einem Menschen, der aus eigener Einsicht das so genannte ‚Böse‘ tut und einem anderen Menschen, der es tut und Frömmigkeit heuchelt und allerlei Luftschlösser baut, um es als religiöse Gerechtigkeit hinzustellen, denn bevorzuge ich auch beim so genannten ‚Bösen‘ den Menschen mit eigener Einsicht. Religion ist nicht einmal ansatzweise ein Ersatz für Bewusstsein, Selbstreflektion und Verantwortung. Religion ist die bückgeistige Abgabe der eigenen Möglichkeiten an eine Institution, auch um den Preis, dass man damit dümmer und manipulierbarer wird. Es gibt keine Alternative zum eigenen Bewusstsein.“

Vom intelligenten Schauen

Sir Arthur Conan Doyle, ein Schriftsteller, der übrigens allen Ernstes von den recht dürftigen Darbietungen der Spiritisten seiner Zeit überzeugt wurde und allein deshalb nicht selbst als ein Mensch von besonderer intellektueller Disziplin gelten kann, hat die immer noch recht populäre literarische Figur des „intellektuellen“ Detektives Sherlock Holmes erfunden und in etlichen Kurzgeschichten und einer Handvoll Romanen ausgebreitet. Sherlock Holmes ist auch heute noch eine Ikone der Massenkultur, eine Figur, die zum Inbegriff des nüchternen, logischen Beurteilens der Fakten zum Auffinden einer hinter den Fakten versteckten und interessanten Wahrheit geworden ist.

Dabei ist Holmes‘ zumeist angewendete „Schlussmethode“ völlig ungeeignet und funktioniert in dieser Form nur im Sandkasten einer fiktiven Romanwelt. Die „Methode“ des Detektives besteht nach seinen „eigenen“ Aussagen darin, alle Möglichkeiten auszuschließen, so dass das Verbleibende, so unwahrscheinlich es auch anmuten mag, die Wahrheit sein muss. Diese „Methode“ ist schon deshalb absurd, weil sie voraussetzt, dass ihr Anwender sich aller Möglichkeiten auch gewahr ist, dass er also über eine vollständige Kenntnis des Kosmos verfügt. Eine solche Annahme mag dem Größenwahn munden, der sich nur dürftig verlarvt hinter dem Narzissmus des Menschen verbirgt, für die ernsthafte geistige Tätigkeit ist sie ein lähmendes Gift, das jedes Voranschreiten unmöglich macht.

Es bringt wesentlich bessere Ergebnisse, die Vielzahl der in einer vernünftigen Betrachtung eines Themas aufkommenden Vermutungen direkt zu überprüfen, als sie in der von Doyle propagierten Form indirekt zu behandeln.

Wie ungeeignet diese indirekte „Methode“ für den Erkenntnisgewinn wirklich ist, lässt sich am trefflichsten am Beispiel einer Alltagssituation aufzeigen. Wenn jemand seinen Wohnungsschlüssel nicht findet, könnte er ihn suchen, indem er in dummer Blindheit alle denkbaren Orte durchsucht, an denen dieser liegen könnte. Für die in den Romanen als so überlegen dargelegte Doyle-Methode müssten hierbei auch völlig ungeeignete Orte in Erwägung gezogen werden, etwa der Kühlschrank, das Gehäuse des Fernsehers oder die Kaffeekanne. Jeder wird wohl zustimmen, dass diese Form der „Suche“ nicht das Potenzial in sich trägt, schnell zum Ziele zu führen oder auch nur eine brauchbare Einsicht in den gegenwärtigen Ort des Schlüssels zu liefern. Da tröstet dann auch nicht der „Erkenntnisgewinn“ nach Doyle, dass, wenn alle Orte bis auf einen Ort durchsucht worden sind, doch wenigstens Gewissheit darüber erlangt wurde, dass sich der Schlüssel an diesem Orte befinden müsse; eine intellektuelle Gewissheit, die ihre stolze „Größe“ dadurch beweist, dass sie gar nicht mehr nachschauen muss — als ob das etwas hülfe, wenn man auf der Suche nach einem Schlüssel ist!

Ein vernünftiger Mensch wird eben anders herum vorgehen. Er wird sich darüber bewusst sein, dass er nicht alles weiß, sonst brauchte er den Schlüssel ja gar nicht zu suchen. Also wird er darüber nachdenken, wo der Schlüssel sein könnte. Im Zuge dieser geistigen Tätigkeit wird er sich zu erinnern versuchen, wie er in die Wohnung gegangen ist, welche Orte in der Wohnung er aufgesucht hat und was er dort getan hat, um auf diese Weise Hypothesen zu bilden, wo er den „verdammten Schlüssel“ hingelegt haben könnte. (Er kann ja in Abhängigkeit von den Umständen des Verlegens durchaus einmal im Kühlschrank oder gar in der Kaffeekanne sein, und auch noch an ganz anderen, vielleicht noch absurderen Orten. Aber die Regel ist das eben nicht.) Die durch geistige Tätigkeit gebildeten Hypothesen werden dann auf eine direkte und einfache Weise durch schlichtes Nachschauen überprüft und dabei werden so lange Hypothesen widerlegt, bis sich die richtige zusammen mit dem Schlüssel findet. Die direkte Suche unter Verwendung des Verstandes ist der indirekten nicht nur deshalb überlegen, weil sie im Gegensatz zu jener durchführbar ist, sondern auch, weil sie einen intellektuellen Prozess voranträgt, der die Suche unterstützen hilft. Die in der geistigen Beschäftigung mit dem Thema aufkommenden Gedanken sind dazu geeignet, weitere sinnvolle Gedanken hervorzubringen. So wird etwa schnell eine Erinnerung daran aufkommen, wann das letzte Mal in einer ähnlichen Situation der Schlüssel verlegt oder verloren wurde und wo sich dieser dann schließlich fand — zum Beispiel unterm Sessel, weil er beim Ausziehen und Ablegen der Hose aus der etwas zu weiten Hosentasche herausgerutscht ist. Wenn etwa dieses Mal die gleiche Hose getragen wurde, können solche im Denkprozess aufkommenden Assoziationen den Vorgang der Suche erheblich abkürzen. Sie sind eben ein Zeichen vernünftiger Beschäftigung mit einem noch unbekannten Sachverhalt.

Die „Doyle-Methode“ ist vor allem dort sehr beliebt, wo dem Irrationalismus ein intellektueller oder gar wissenschaftlicher Anstrich gegeben werden soll. Ihr erster Glaubenssatz lautet: „Es kann nicht widerlegt werden, also muss es wahr sein“. Bei dieser „Argumentation“ verschiebt sich der Schwerpunkt der Aufmerksamkeit vom Wissen auf das Unwissen, und es nimmt nicht wunders, dass bei einer derart ausgerichteten Aufmerksamkeit nur wenig neues Wissen gefunden wird, aber dafür vieles, was mangels harter Belege geglaubt werden soll. Auf diesem Hintergrund ist es auch gar nicht erstaunlich, dass Doyle selbst ein Anhänger des Spiritismus war, denn dieser geschäftlich interessante und von allerlei Betrug geprägte Aberglaube passt zu einer solchen Auffassung. Es ist nun leicht möglich, die Postulate des Spiritismus zu „belegen“, indem eine beeindruckende Menge alternativer Erklärungen für die darin auftretenden Phänomene in mehr oder weniger überzeugender Form widerlegt werden und anschließend behauptet wird, dass die spiritistische Erklärung noch am besten passt. Und es ist völlig unmöglich, ein beliebiges Postulat zu widerlegen, denn hierfür müsste eine unendliche Reihe von Überprüfungen durchgeführt werden.

Letzteres gilt übrigens auch für so gesichertes Wissen wie das Gravitationsgesetz, das sich mit Leichtigkeit dadurch widerlegen ließe, dass man auch nur an einem einzigen Ort im Kosmos seine wenigstens zeitweilige Ungültigkeit aufzeigt. Wer damit anfangen will, stelle sich irgendwo mit einem Stein hin und lasse ihn immer wieder fallen und warte darauf, dass er einmal schweben bleibt oder gar nach oben fällt! Das Scheitern dieses mühsamen und zeitaufwändigen Ansinnens belegt mikroskopisch wenig und widerlegt nichts. Kein geistig gesunder Mensch käme auf die Idee, einen solchen Versuch ernsthaft zu unternehmen. Und. Die meisten Menschen begnügen sich in dieser Sache mit der einfachen Beschreibung eines nummerischen Zusammenhanges, der von den beteiligten Massen und vom Quadrat ihrer Entfernung abhängig ist, und der immer und immer wieder in allen Größenordnungen beobachtbar ist. Dass dieser Zusammenhang nicht beweisbar ist, nehmen sie hin, weil sie wissen, dass sie nicht alles wissen können.

Anders hingegen die Vertreter der Irrationalität. Diese postulieren Thesen über gewisse Bereiche der Wirklichkeit, die ohne Kenntnis der Thesen gar nicht beobachtbar wären, und sie schließen aus der Unmöglichkeit, diese zu widerlegen, auf die Korrektheit ihrer Thesen. Ob es sich bei den Thesen um Geisterglauben, UFOs, große Verschwörungen oder die gegenwärtigen pseudowissenschaftlichen Theorien des menschlichen Wirtschaftens geht, immer gibt es einen beachtlichen Mangel an harten stützenden Daten und Beobachtungen*, immer wird den wenigen gesicherten Fakten eine einseitige Behandlung zuteil, immer wird darauf verzichtet, Aussagen großer Tragweite direkt zu belegen.

So lange dies jemand nur für seinen eigenen Trost täte, wäre es dumm und harmlos. Wenn jemand meint, dass Jesus Christus ihm tief im Herzen berühre oder das er geistigen Kontakt zu seiner verstorbenen Großmutter erhalten habe, will ich ihm das nicht nehmen, obwohl ich angesichts solchen Futters für den Narzissmus starke Bedenken bekomme. Das Problem fängt dort an, wo daraus weitreichende Folgerungen für andere Menschen abgeleitet werden, wo gar gesellschaftliche Konsequenzen gefordert und mit psychischer oder staatlicher Gewalt durchgesetzt werden, die tief in das Leben anderer Menschen einschneiden. Ob es sich hier um die Idioten handelt, die unter dem irreführenden Wort vom „Kreationismus“ ihre Religion in den Rang einer Wissenschaft erheben wollen, oder ob es sich um die ungleich gefährlicheren Idioten handelt, die von einer Wissenschaft des Wirtschaftens sprechen und aus dieser Sicht den Umbau ganzer Gesellschaften fordern, die Vorgehensweise ist immer gleich. Es gibt keinen direkten Beleg für ihre Thesen, nur im Sinne der Religion oder Ideologie ausgedeutete, indirekte Belege, die sich in erster Linie gegen andere Erklärungsmodelle richten. Diese Ausrichtung gegen andere Modelle verbindet sich meist mit einem gehörigen Maß Polemik. Der Schaden, der aus solchem notdürftig rationalisierten Denkverzicht über die Menschen in den gegenwärtigen Gesellschaften gegossen wird, ist gewaltig.

* Weder hat sich ein Trümmerteil eines abgestürzten UFOs angefunden, das klar als außerirdisch indentifiziert werden konnte, noch hat ein Spiritist oder „mental begabter“ Mensch seine Darbietungen unter scharfen Laborbedingungen erbringen können, noch existieren irgendwo über das bloße, von Koinzidenzen erzeugte Unbehangen hinaus gehende Belege für riesige Verschwörungen. Die jüngsten Ideen der Wirtschaftswissenschaft für den Umbau der Gesellschaften sind vor aller Augen gründlich gescheitert, und die Grundlage dieser Forderungen bestand vor allem in der ideologischen Interpretation statistisch ermittelter Daten. Es ist alles Mumpitz.

Neith

Giovanno Domenico Cassini, Professor der Astronomie und Mathematik an der Universität zu Bologna und ab dem Jahre 1669, in Anerkennung seiner Leistungen, auch Direktor der königlichen Sternwarte zu Paris, war zu seiner Zeit einer der großen Astronomen, obwohl er sich in seinem Weltbild den Vorgaben des Vatikans beugte und sich aus diesem Grund wohl um einigen Ruhm gebracht hat. Er war dennoch ein ausdauernder und sorgfältiger Beobachter des Firmamentes und hatte hervorragende Teleskope zur Verfügung. 1665 bestimmte er die Rotationsperiode des Jupiter anhand von Beobachtungen des Großen Roten Fleckes, er berechnete die Rotationsdauer der Venus und des Mars und fand 1668 eine praktikable Methode zur Zeitbestimmung und damit zur Navigation auf hoher See, indem die Position des Jupitermondes Io als astronomische Uhr genutzt wird. 1675 entdeckte und beschrieb er jene Lücke im Saturnring, die heute noch die Cassinische Teilung genannt wird.

Cassini veröffentlichte nicht jede seiner Beobachtungen. Manche hielt er zurück, weil sie seinem Weltbild widersprach, und manche andere hielt er einfach deswegen zurück, weil er nicht zum vorschnellen Veröffentlichen neigte. Ersteres ist leider heute noch in der Forschung üblich, und letzteres ist leider heute nicht mehr in der Forschung üblich, da sich das Ranking eines Wissenschaftlers stark an der Quantität seiner Veröffentlichungen misst.

Im Jahre 1672 sah Cassini durch sein Teleskop zum ersten Male neben dem Planeten Venus ein kleines Objekt, welches er spontan für einen Mond hielt. Er benannte dieses Objekt nach einer ägyptischen Göttin als Neith.

Er mag diesen Namen gewählt haben, weil das Objekt so schwierig zu beobachten war, denn der griechische Schriftsteller Plutarch berichtete von einem verhüllten Bildnis der Göttin Neith, das mit dem Spruch „Ich bin alles was war, was ist und was sein wird, keinem Sterblichen wird es jemals möglich sein, meinen Schleier von mir zu nehmen“ geschützt wurde. Diese Annahme ist allerdings spekulativ.

Sicher ist hingegen, dass der Venusmond nach dieser ersten Beobachtung für 14 Jahre nicht mehr in den Aufzeichnungen Cassinis auftauchte. Ob Cassini wohl das eine ums andere Mal sein Teleskop nächtens zur Venus gerichtet hat und versucht hat, seine Beobachtung zu wiederholen, wissen wir nicht. Im Jahre 1688 konnte Cassini sein Objekt zum zweiten Male beobachten, und dieses Mal nahm er es auch in sein offizielles Journal auf, so dass der mutmaßliche Venusmond unter Astronomen bekannt wurde.

Aufgrund der Leuchtkraft wurde das Objekt auf ein Viertel der Venusmasse geschätzt, und es zeigte genau wie die Venus Phasen, die den Phasen des Erdmondes vergleichbar waren.

Getragen von der Autorität Cassinis wurde dieser Mond für eine reale Möglichkeit gehalten. Und obwohl er schwierig zu beobachten war, wurde er in den folgenden Jahrzehnten immer wieder beobachtet: im Jahre 1740 von James Short, im Jahre 1759 von Andreas Meyer, und im Jahre 1761 sogar vom berühmten Mathematiker und Astronomen Joseph-Louis Lagrange. (Ja, das ist der mit dem Restglied der Taylor-Formel.) Insgesamt wurde Neith im Jahre 1761 von fünf verschiedenen Beobachtern achtzehn Mal gesichtet; im Jahre 1764 gab es acht weitere Sichtungen durch zwei Beobachter. Das war Grund genug, die Sache ernst zu nehmen, so schwierig das Objekt auch zu beobachten sein mochte.

Und deshalb haben viele andere Astronomen in dieser Zeit ebenfalls versucht, Neith zu beobachten und genügend Daten für die Berechnung einer Umlaufbahn zu sammeln — und haben es nicht geschafft. Hier lag ein seltsames Phänomen vor. Es gab namhafte Beobachter, die durch die Veröffentlichung falscher Daten nichts mehr gewinnen konnten, und es gab viele, die diese Beobachtung nicht reproduzieren konnten. Doch die Vorstellung, dass die berichteten Beobachtungen vorsätzliche Lüge sein könnten, war schlechterdings absurd.

Die erste skeptische Stimme wurde im Jahre 1766 laut, als der Direktor der Wiener Sternwarte seine Auffassung publizierte, dass es sich um eine optische Täuschung handeln müsse, die dadurch entstehe, dass die sehr helle Venus vom Hintergrund des Auges zurück in das Teleskop reflektiert werde und so das beobachtete Doppelbild erzeuge. Andere hingegen hielten die Beobachtungen für ein reales astronomisches Objekt und ließen sich auch nicht dadurch beirren, dass die mittlerweile etwas reichlicher dokumentierten Beobachtungsdaten zu keiner Mondbahn um die Venus passen wollten.

Als es im Jahre 1768 eine weitere Beobachtung durch den dänischen Astronomen Christian Horrebow gab, kam es zu drei systematischen Suchaktionen; eine davon geleitet von William Herschel, dem Entdecker des Planeten Uranus. Alle drei mit hohem Aufwand durchgeführten Durchsuchungen des venusnahen Raumes schlugen darin fehl, irgendeinen Venusmond aufzuspüren. Neith schien nicht zu existieren.

Und dennoch wurde weiter versucht, hinter diesem Schleier zu blicken. Im Jahre 1884 beschäftigte sich der Direktor der königlichen Sternwarte zu Brüssel mit den dokumentierten Beobachtungen und schloss aus diesem Datenmaterial, dass sich der „Venusmond“ alle 1080 Tage in der Nähe der Venus beobachten ließ. Daraus zog er den Schluss, dass es sich gar nicht um einen Mond handele, sondern um einen bislang unbekannten Planeten, der die Sonne in 283 Tagen umkreise und deshalb in der beobachten Periode in Venusnähe gesehen werden könne.

Dies wurde zum Anlass, das ganze Datenmaterial noch einmal kritisch zu würdigen. 1887 veröffentlichte die belgische Akademie der Wissenschaften eine ausführliche Analyse der dokumentierten Beobachtungen und konnte in dem sehr umfangreichen Papier für jede mitgeteilte Position Neiths nachweisen, dass es sich in jedem einzelnen Fall um eine Verwechslung mit einem Fixstern gehandelt hatte.

Und. Alle Beobachter haben nur das gesehen — oder besser: in den gestirnten Himmel projiziert — was sie zu sehen erwarteten. Es handelte sich nicht einmal um die schon vermutete optische Täuschung, es war schlicht eine psychische Täuschung.

In einer richtigen Naturwissenschaft lässt sich eine solche psychische Täuschung im Nachhinein erkennen, da sämtliche mitgeteilten Daten überprüfbar sind. In so vielem anderen, was sich „Wissenschaft“ nennt, ist eine derartige Überprüfung niemals möglich — und es ist die so genannte „Wirtschaftswissenschaft“, nach deren „Erkenntnissen“ zurzeit ganze Gesellschaften umgebaut werden. Die Möglichkeit, dass auch hier nur die Erwartungen bestimmter Individuen in komplexe und letztlich unverstandene gesellschaftliche Prozesse projiziert werden, ist für mich angesichts des völligen Scheiterns sämtlicher Absichten eines solchen gesellschaftlichen Umbaues sehr wahrscheinlich. Angesichts des manifesten Unglücks, dass auf diese Weise in das Leben so vieler Menschen gedrungen ist, ist es jetzt höchste Zeit, die Behauptungen anhand von Fakten zu überprüfen und den als Wissenschaft getarnten Wahnsinn zu stoppen.

Der schwerverständliche Schutz

Viele Menschen hätten wohl sehr viel mehr Verständnis für den „Schutz“ des „geistigen Eigentums“, wenn es sich dabei in der Regel auch um ein „geistreiches Eigentum“ handelte. :mrgreen:

Objektive Ironie

Die Ironie ist objektiv, wo sie aus dem niederen intellektuellen Dualismus des „Entweder/Oder“ ein „Sowohl als auch“ formt, das der Realität außerhalb der Grenzen des denkenden Hirnes viel genauer entspricht. Die bei dieser Umformung des Denkens, Betrachtens und Handelns entstehende Erleichterung wird als Heiterkeit fühlbar. Diese Heiterkeit wirkt als unverkrampfte Vernunft in die Welt.