Tag Archive: Vergötzung


Museum

Das Museum ist ein humanistisches Bastardkind der Kirche, und es transportiert auch die gleiche Verachtung der Möglichkeiten des Lebens in sich. Die in jedem Museum sichtbare Geste des Götzendienstes, mit welcher die Leistungen der Elite einer vergangenen Zeit zur andächtigen Schau und zur Verehrung an die Wand gestellt werden, teils nur aus dem einen Grunde, weil sie eben alt sind, sie ist ein Spiegelbild der Angst vor der Zukunft und der Missachtung der gegenwärtigen Möglichkeiten. Und. Während sich in dieser gesellschaftlich angesehenen Haltung der Blick nach rückwärts windet, hat sich längst die Angst vor der Zukunft, die übrigens immer auch eine Angst vor der Gegenwart und der mit ihr verbundenen Verantwortung ist, in die Seelen der ach so andächtig Blickenden mit ihrem eingeübten Kulturwürdigungsgesicht gesenkt. Jene zweifellos lebenden Genies der Gegenwart, deren feines Fühlen ihnen verbietet, ihren Drang zum Schaffen in der Werbebranche oder einem anderen Zweig der Industriekultur vermarktbar zu machen, fallen unterdessen in das persönliche Elend und die gesellschaftliche Verachtung. Das Museum ist ein Friedhof der Kultur, und die in seinen scheinheiligen Hallen von den Anwesenden abverlangte Geste der Andächtigkeit entspricht der aufgesetzten Würde einer Bestattung. Sie ist auch oft. Genau so. Schamlos verlogen.

Kreuz-Weise? Kreuzweise!

Mensch Jesus, bleib oben,
Sonst schlagn die dich tot!

Bettina Wegener

Jesus aus Nazaret starb nicht am Galgen auf Golgata.

Er starb und stirbt Tausende und Tausende der Tode. (Und gar mancher dieser Tode ist schlimmer und grausamer als das barbarische römische Justizmorden.)

Er — der übrigens nur wenig von formeller Religion gehalten haben soll — starb das erste Mal, als Saulus auf dem Wege nach Damaskus seine historisch gewordenen Hirnblitze ( Apg. 9 ) sah und darin einen nützlichen Leichnam für seinen gekränkten Narzissmus halluzinierte und aus diesem Kadaver eine Religion zimmerte.

Er — der übrigens niemals selbst auch nur einzige Zeile niedergeschrieben hat, die sich bis heute erhalten hätte und der deshalb offenbar nichts von einer auf ihn basierenden Schriftreligion hielt — starb bei allen gläubigen Empfängern der Briefe, die dieser Saulus lieber unter seinem neuen Namen Paulus verfasst hat, um der Welt zu erzählen, dass seine Halluzination der neue und einzige Gott für alle sei. Dass dieser sich Paulus nennende Saulus einer jüdischen Sekte angehörte, deren bis zur Neurose perfektionistische Form der Religionsausübung von Jesus immer wieder in ätzender Form kritisiert wurde, ist offenbar niemandem aufgefallen, und es schert sich bis heute keiner darum. Schon Paulus hat sich einen Dreck für die wirkliche Person hinter diesem Jesus interessiert und fand seine eigenen Trugbilder viel attraktiver — und genau so geht es bis heute den Judasfreunden, die diesen ganzen Unfug glauben und die sich Christen nennen.

Er — der einmal gesagt haben soll: “Ich lebe, und ihr sollt auch leben” — starb, als die paulusgläubigen römischen Sklaven singend und schafdoof in den Tod gingen und damit das System der Sklaverei erhielten. Ganz so. Wie es Paulus gefiel, damit er auch weiter Gefallen an seinem Sklaven hat. Er stirbt bis heute, wenn Christen in einem bekannten Danklied den Satz “Danke für meine Arbeitsstelle” singen und damit die heutige Form der abstrakten Arbeit heilig sprechen, den Armen zur Knechtschaft und den Besitzenden zum sprudelnden Reichtum und zum Wohlgefallen.

Er — nach Aussagen seiner frommen Gegner ein “Fresser und Weinsäufer und Freund aller Sünder” — starb, als Menschen ihre Sexualität von sich abspalteten und sich deshalb psychisch und körperlich selbst zerfleischten. Bis heute stirbt er in jeder Neurose, in jeder Bulimie, in jeder Unfähigkeit zur Liebe. Und. Alle diese Krankheiten sind nur moderne Bastardkinder der älteren Krankheit der Askese, der sinnlichen Selbsttötung als Lebensentwurf.

Er — der auf die formelle Anrede eines Fragestellers einmal erwidert haben soll, dass er nicht “gut” genannt sein möchte, weil niemand als Gott allein gut sei — starb, als die Gläubigen des Paulus ein paar Jahrhunderte später erbost darüber stritten, ob ihr Jesus nun wesensähnlich oder wesensgleich zu Gott sei. Und. Als die Vertreter der letzteren Auffassung, die aus diesem Streit als Sieger hervorgingen, die Vertreter der ersteren Auffassung zu gottlosen Menschen erklärten, die für ewig in der Hölle zu brutzeln haben. Und. Genau So. Gilt es bis heute.

Er — der überliefert wurde als einer, der jede Form der Herrschaft durch Menschen über Menschen nicht für den Willen Gottes hielt — starb, als der heilige Hirnfurz des Paulus unter dem römischen Kaiser Konstantin zur neuen Staatsreligion des imperium romanum wurde. Als. Der von Paulus deformierte Jesus die staatliche Gewalt heiligen musste, so mörderisch sie auch wütete. Das tut dieser Jesus bis heute von seinem heiligen Galgen herab, dieser nützliche Kadaver der Herrschenden und Besitzenden und Großmörder aller Zeiten.

Er — der von der frommen Elite seiner Zeit gesagt haben soll, dass sie sich vor die Türe stelle, die in ein besseres Leben führt; dass sie dort selbst nicht hindurchgingen, aber auch niemanden anders hindurchließen — starb und stirbt am Petersplatz, wo sich ein Hurenbock nach dem anderen hinstellte und sich als “Heiliger Vater” anreden und als Stellvertreter Gottes betrachten ließ und lässt, ja, bis heute so anreden und betrachten lässt. Auch. Von den staatlichen und wirtschaftlichen Verdummungsanstalten in Form des Rundfunks und der Presse.

Er — der überliefert wird als einer, der gleich einem durchgeknallten, auf einem Trip hängengebliebenem Hippie jede Form der Gewalt in jeder Situation abgelehnt haben soll — starb und stirbt, wenn sich seine selbsternannten Verwalter gestikulierend vor die Waffen stellen und in “seinem” Namen ihre Zaubersprüche abmurmeln, damit diese Waffen auch ja ein gesegnetes Morden für die Wahrung der Besitzstände der Herrschenden und Besitzenden vollbringen. Er stirbt auch im “geistlichen Beistand” für die Soldaten, damit diese auch ja ein billiges und williges Kanonenfutter abgeben.

Er — der angeblich in den formellen Gottesdiensten seiner Zeit so viel Heuchelei erblickte und dies in derart trefflicher Form zum Ausdruck brachte, dass man ihn schließlich deswegen umbrachte — starb und stirbt auf den Schlachtfeldern der vielen vielen “heiligen” Kriege in “seinem” Namen, vom ersten Kreuzzug, über den Tag, an dem der Katholik Adolf Hitler die Worte “Wir werden in diesen Krieg ziehen wie in einen Gottesdienst” aus den Volksempfängern schallen ließ, bis hin zu den jüngsten crusades US-amerikanischer Präsidenten.

Er — der berichtet wird als einer, der in Bezug auf eine Ehebrecherin einmal die recht anzüglichen Worte “Ihr wird viel vergeben, denn sie hat viel geliebt” gesprochen haben soll — stirbt in jeder mit der politischen Macht der heutigen Paulusjünger, Galgenanbeter und Judasfreunde verhinderten Empfängnisverhütung oder Abtreibung, bei der ein Mensch draufgeht, lebenslang als Krüppel leidet oder — noch viel schlimmer — als unerwünschter Mensch (oft gar als Ergebnis einer Vergewaltigung) psychisch so deformiert wird, dass von einem Leben keine Rede mehr sein kann.

Er — der so viel von der Liebe erzählt haben soll — stirbt in jedem Entwurf einer kalten, körperlosen Form des Miteinanders, auf welchem die Gläubigen des Paulus den Stempel “Liebe” geprägt haben sollen, bis hin zum heutigen Geschäft mit der von unterbezahlten Elendsarbeitern ausgeübten “Pflege”, bei dem vor kirchennahe Organisationen ihren Schnitt machen. Und. Er stirbt in der Betrachtung des Geschlechtsverkehrs als “eheliche Pflicht”, die man zu erfüllen hat, fast so, wie den “Dienst am Vaterland”.

Er — von dem die unbekannten antiken Autoren einen ganzen Stammbaum seines Vaters Josef überliefert haben — stirbt an der psychischen Kastration, die sich im Gefasel von der “unbefleckten Empfängnis Mariens” Bahn brach und bricht und darauf basierend einen Verzicht auf jeglichen Sexualgenuss fordert. Vieles von der Kälte in den heutigen Gesellschaften ist eine Spätfolge dieser christlichen Sexualverdammung und sich über Jahrhunderte erstreckenden religiösen Verschneidung der Gläubigen. Welchen Zweck. Der Stammbaum dieses Mannes da haben soll, kann einem auch der geschwätzigste Theolügner des Christentums nicht in einleuchtender Weise erläutern. Deshalb redet man in den Lügendiensten auch nicht so viel darüber, sondern fordert lieber die Menschen zur Enthaltsamkeit auf.

Er — der zwar kein Asket gewesen sein soll (vielleicht sogar ein kleines Wämplein hatte, so gut, wie er sich oft irgendwo einlud), aber zu einer allgemeinen Haltung der Sorglosigkeit in Fragen des Essens aufgerufen haben soll — stirbt in der Heiligung des Konsums. Und. Zwar genau so, wie er schon vorher in der so genannten “Eucharistie” starb, dem magischen Essen einer trockenen Hostie, die im faulen Zauber des “Gottesdienstes” als heilbringendes Opfer aus Menschenfleisch gedacht ist. Der Judas, auf dem ihr Christen euren mörderischen Judenhass basieren lasst, der hat ihn “nur” verraten und verkauft, aber ihr Christen esst ihn auch noch auf!

Er — der doch schon so lange tot ist, dass sich niemand sicher sein kann, dass er überhaupt einmal gelebt hat — starb und starb und stirbt und stirbt und wird immerfort gemordet. Und. Alle seine Mörder sind brave Christen, die dem Paulus jedes seiner eiskalten Worte abgekauft haben und sich deshalb einen Scheißdreck für Jesus interessieren. Weil. Sie sich auch sonst einen Scheißdreck für Menschen interessieren, jedenfalls für andere Menschen als sich selbst.

Und. Er — der so viele warme und noch viel mehr wirre Reden gehalten haben soll — kann doch gar nichts dafür, dass Paulus so einen tollen, goldenen Galgengötzen aus ihm geschnitzt hat. Niemand interessiert sich für seine Reden. Wenn sich die Christen für Jesus aus Nazaret interessierten, gäbe es weniger Christen. Die Christen interessieren sich mehr für Paulus, der ihren Narzissmus heiligt, für gutes Essen, dass ihnen alles andere ersetzen muss, für die Abwehr ihrer Angst, die sie in der Religion finden und für ein neues Auto und einen größeren Fernseher — auf wie viel und wessen Blut dieser “Segen” gedeiht, ist ihnen dabei recht gleichgültig. Und. Die Christen interessieren sich brennend für die Unterdrückung jeder Strebung, die ihren primitiven, barbarischen und narzisstischen Interessen zuwider läuft. Deshalb stört sich keine christliche Kirche jemals an einen Krieg oder an diesem brutalen Gemetzel an ganzen Völkern und Kulturen, das mit dem Wort von der “Globalisierung” bezeichnet wird. Sie. Stört sich auch niemals an der Indoktrination der Kinder in staatlichen Schulen und an der Unterdrückung von anders gläubigen Menschen, sondern macht aktiv mit.

Verstehst du, Schwester?

Das ist der Grund, weshalb ich kein Christ sein kann. Ich habe nicht nur die Gewalt des Christentums am eigenen Leibe gespürt, ich habe zu allem Überfluss auch noch die Bibel gelesen. Ich müsste mich selbst belügen, um Christ zu sein. Und? Wie soll ich das anstellen? Ich glaube diesem Paulus und allen seinen Nachfolgern nicht ein einziges, den Menschen mit heftig knallender Angstpeitsche eingepeitschtes Wort.

Das verstehst du nicht, Schwester?

Deine Dummheit, Schwester, ist selbstverschuldet. Habe den Mut, vom Gehirnbesitzer zum Gehirnbenutzer zu werden, und du wirst ganz schnell verstehen, warum unter den vielen tausend Dankgebeten der christlichen Religion nicht einmal ein Dank für den Verstand des Menschen hörbar wird. Der Verstand muss in der Religion des Paulus und des Judas unterdrückt werden, denn er nimmt dieser psychischen Fessel ihre Kraft.

Wenn du bei deiner Dummheit bleibst, überrascht mich das nicht. Du reihst dich in eine lange Reihe von dummen Menschen durch die Zeiten ein und glaubst dabei den Beistand eines Jesus zu haben, der gesagt haben soll: “Der Weg ist breit, der ins Verderben führt, und viele sinds, die auf ihm gehen. Aber der Weg ins Leben ist eng, und nur wenige gehen darauf.”

Wenn du mich nicht verstehst, wenn du mich als einen Ungläubigen, Gottlosen, vom Teufel Besessenen ansiehst, denn reihst du dich in diese lange lange Reihe durch die Zeiten ein. Und längs dieser Reihe stehen die rauchenden Scheiterhaufen und die von Raben umflatterten Galgen und die mit Schmerz umflochtenen Räder und die Folterkammern und die Bordelle des Vatikans und legen ein zum Himmel schreiendes Zeugnis von den Zeiten ab, in denen die christliche Religion Grundlage der Gesellschaft war. Der Gott, an den du glaubst, der Gott, für den Zeit keine Bedeutung hat, wird die Geschichte genau so sehen — und deine Position darin. Und das. Ist der Platz den du selbst im Geschehen einnimmst, meine stinkende Schwester. Augen und Ohren und einen Kopf hast du: Zu den Risiken und Nebenwirkungen deiner Haltung schlage ein beliebiges Geschichtsbuch auf, und zu Jesus aus Nazaret schlage deine Bibel auf und vergiss mal für eine Woche den Paulus!

Und wenn du denn immer noch nicht verstehst, meine kindische Schwester, denn ist das dein Problem. Ich bin dafür nicht zuständig, lass mich bitte damit in Ruhe. Und wenn du es irgendwann, wenn die Barbarei sich wieder ausbreitet, zu meinem Problem machen willst und mich in meiner Andersgläubigkeit — es gibt keinen Menschen, der ungläubig wäre — bedrängst und verfolgst, denn wisse, dass ich dir nicht eine andere Backe hinhalten werde, sondern für das Recht auf mein verdammtes, von Geistarmen wie dir ständig angeknabbertes Dasein einstehen werde. Wenn es wirklich sein muss, auch in einem Kampf auf Leben und Tod. Jesusse, die wie ein blökendes Schaf freiwillig zum Metzger trotten, hatte diese ganze Geschichte schon genug. Die halten sich alle für so weise durch das Kreuz, aber sie können mich mal kreuzweise.

Und jetzt geh, Schwester! Du hast noch etwas zu lesen…

Wer sich hier angesprochen fühlt, ist gemeint. Wer männlichen Geschlechtes ist, lese einfach Bruder. Wer kopfschüttelnd und voller Unverständnis diesen langen Text gelesen hat, verzeihe mir bitte, aber nach diesem Gespräch mit einer christlichen Fundamentalistin musste es einfach raus, mir wäre sonst die Gallenblase explodiert — deshalb ist vieles auch ein bisschen roh formuliert.

An Stelle eines Nachrufes

Klei mi ann Mors!

Ein breit niederdeutsch sprechender Obdachloser aus Seelze bei Hannover zu den “Inhalten” der Nachrichtensendungen und Zeitungen. In feinerem Schriftdeutsch bedeutet dies ungefähr “Kratz mich am Hintern!”.

Betroffenheit — Wenn die Menschen um mich herum auch nur halb so betroffen davon wären, dass ihnen ganz persönlich ein so genanntes “Grundrecht” nach dem anderen entzogen wird und dass ihnen ihr Leben vergällt, geraubt und enteignet wird, während eine kleine Clique von Besitzenden und Mächtigen sich am geraubten Lohn ihres Schweißes mästet, wie sie über den Tod eines sich durch bloßes Hinschauen als recht künstlich erweisenden Produktes der Contentindustrie betroffen fühlen gemacht werden, denn wäre ich für die Zukunft dieser Gesellschaft sehr viel optimistischer. Die industriell erstellte Unterhaltung — auch in ihren scheinbar ernsteren Inhalten, auch in ihren Meldungen vom Tod eines so genannten stars, bei dem bestenfalls die Selbstverstümmelung und die Monstrosität der Fleischvermarktung astronomische Ausmaße angenommen haben — sie ist in ihrer Abstopfung der Sinne und des Sinnes nichts als Unten-Haltung. Für diesen Zweck spielt es keine besondere Rolle, ob man einen mit Drogen vollgepumpten und schwer kranken Musiker unter der Marschmusik der Werbetrommeln durch die gewaltigen Bühnen der Welt hetzt, oder ob man einen toten Körper ausweidet. Ja, Letzteres ist vielleicht sogar attraktiver fürs Geschäft. Die Leichenfledderei ist eröffnet; der “Markt” kann jetzt noch einmal überflutet werden mit bislang unveröffentlichten Studioaufnahmen, privaten Fotos, den greatest hits und anderen Schlägen.

Modernität — In gewisser Weise war Michael Jackson ein sehr modernes Produkt der Contentindustrie, deshalb geriet er auch im Fortlaufen des Prozesses in relative Vergessenheit. Seine frühen Musikvideos waren beachtliche Werke, die mit hohem Aufwand eine künstliche, traumartige Welt an das kollektive Auge der Wachenden brachten, seine Bühnendarbietungen waren von der Perfektion des geldernsten show business geprägt. Niemand hat sich daran gestört, dass die Musik, die doch vorgeblich über diese Medien transportiert werden sollte, hinter der Darbietung zurücktrat. Selbst das Vollplayback stellte für keinen der Fans dieses Sängers ein Problem dar. Auch der Körper Michael Jacksons wurde völlig in den Dienst dieser vollumfassenden show gestellt und mit ärztlichen Mitteln von seinen natürlichen Beschaffenheiten wie der Hautfarbe oder der Form des Gesichtes “befreit”. Dass dabei alle afrikanischen Züge aus der Marktware des Körpers von Michael Jackson verschwanden, spiegelt — wie auch die typischen Rollen der Nachkommen ehemaliger zwangsversklavter Menschen aus Afrika in den Hollywood-Produktionen — den ebenfalls modernen Rassismus in den Vereinigten Staaten von Amerika wider. Und. Dass schließlich, nach Jahren der chirurgischen Umgestaltung des Körpers die Nase von Michael Jackson wegfaulte, ist ein trefflicher Spiegel dafür, wie das alles zum Himmel stinkt.

Existenzfragen — Als jemand, der auch gern einmal eine entspannte Stunde in der Mülltonne des Internet wühlt, habe ich schon viel Absurdes gelesen. Zum Beispiel las ich, dass eine ganze Handvoll außerirdischer Zivilisationen regelmäßig die Erde besuchen, ohne dass sie irgendwelche physikalischen Spuren dieser Besuche zurücklassen; dass das Apollo-Programm der USA nicht stattfand, sondern in geheimen Studios auf der Area 51 gedreht wurde; oder auch, dass Adolf Hitler noch lebt und am Südpol darauf wartet, die Herrschaft über die Welt antreten zu können. Eine sehr naheliegende Spekulation habe ich hingegen nie gelesen, obwohl viel mehr dafür gesprochen hätte, und das ist die Spekulation, dass Michael Jackson gar nicht (mehr) existiert hat. Wie trefflich hätte sich auf der Grundlage dieser einen Spekulation alles erklären lassen! Das sich ständig verändernde Gesicht; die Wechsel in der Hautfarbe, die fühlbare Künstlichkeit aller Meldungen; die sonderbare Scheu und die Vorkehrungen bei öffentlichen Auftritten, die bis zum Tragen einer chirurgischen Gesichtsschutzes gingen; das Vollplayback zu den Darbietungen eines weniger zum Singen talentierten Balletttänzers, der unter dem blendgrellen Schutz der Scheinwerfer den Jacko macht — die hierzu erforderliche Maske hätte jeder modellieren können, der als Maskenbildner für Horrorfilme geübt ist. Die Vorstellung, dass alle diese Zeichen darauf hindeuteten, dass sich hinter ihnen keine existierende Person mehr befand, drängt sich geradezu auf. Und. Selbst, wenn man — wie ich — diesen paranoiden Schluss nicht ziehen mag, kann man sich durchaus die traurige Frage stellen, wie lange vor seinem Tod der king of pop schon zu leben aufgehört hat. Und. Diese Frage wird fast zwangsläufig von der Frage gefolgt, wann wohl das eigene Leben unter den Bedingungen der Verwirtschaftung aufgehört hat.

Das Ende der Pop-Ikonen — So modern das Produkt Michael Jackson zu seiner Zeit auch gewesen sein mag, es spiegelt einen Zwischenstand im Prozess der Musikvermarktung durch die Contentindustrie wider. Der Prozess lief weiter, und er hat solche Produkte obsolet gemacht. Dort, wo man Profit daraus schlürft, “Musik” für den Massenmarkt zu erstellen, wurde längst begriffen, dass selbst eine vom Fraß des Marktes übrig gelassene Restpersönlichkeit eben noch eine Persönlichkeit ist und als solche Probleme bereiten kann, die eine Vermarktung behindern. Deshalb werden heute noch synthetischere Produkte auf den Markt gespien, Gestalten, für die man zielgruppengerecht eingängige Funktionsmusik komponieren lässt, mit der sie dann für ein paar Wochen oder einen Sommer lang mit aller Macht in die Rundfunkempfänger gepresst werden, auf dass es zu einem Geschäft komme. Das sich auf diesem Wege irgendwelche Menschen zu fans entwickeln, die eine abstrakte persönliche Beziehung zu diesen Gestalten aufbauen, ist dabei explizit unerwünscht. Gewünscht sind austauschbare Nanoprominente für den Augenblick, die ohne Schmerzen für das kleine Investment in ihrem künstlichen Ruhm wieder fallen gelassen werden können. Was den Menschen heute als Glimmerwelt des show business vor Augen gestellt wird, hat längst schon das volle Gepräge jedes anderen Wirtschaftens und erachtet seine Arbeiter (darin seid gewiss: Show ist harte Arbeit!) als Menschenmaterial, als austauschbare Batterie im industriellen Produktionsprozess. Dem entsprechend gering ist auch die Mühe, die zur Jetztzeit in der Vermarktung von Musik aufgewändet wird, sie spiegelt wider, dass es sich hierbei um ein Einwegprodukt handelt, das benutzt und anschließend weggeworfen wird. Wo die zu Verbrauchern degradierten Menschen sich dann aber billigerweise so verhalten, wie es dem billigen Produkte gegenüber angemessen ist, da ist das Klagen der Industrievertreter laut und jämmerlich und ihre Forderung nach einer staatlichen, schwer strafbewehrten Kriminalisierung natürlicher technischer Möglichkeiten unerträglich. Internet und Filesharing hin und her, ich habe keinen einzigen richtigen fan von Michael Jackson erlebt, der nicht eine vollständige Sammlung aller seiner Alben im Regal gehabt hätte — und wie schon gesagt, auch die jetzige totale Ausweidung des toten Jackos wird ein großes Geschäft werden, ganz genau so kalt und skrupellos wie die Ausweidung des lebenden Jackos…

Moin U., datt hätt je nit gedacht, datt ik di zitier, watt?!

Sisyphos

Und weiter sah ich den Sisyphos in gewaltigen Schmerzen: wie er mit beiden Armen einen Felsblock, einen ungeheuren, fortschaffen wollte. Ja, und mit Händen und Füßen stemmend, stieß er den Block hinauf auf einen Hügel. Doch wenn er ihn über die Kuppe werfen wollte, so drehte ihn das Übergewicht zurück: von neuem rollte dann der Block, der schamlose, ins Feld hinunter. Er aber stieß ihn immer wieder zurück, sich anspannend, und es rann der Schweiß ihm von den Gliedern, und der Staub erhob sich über sein Haupt hinaus.

Homer, Odyssee, 11. Gesang, 593-600

Sisyphos, Sohn von Aeolos und Enarete, wurde in der griechischen Mythologie als der gerissenste aller Menschen bezeichnet. Nichts. Könnte weniger wahr sein. In Wirklichkeit war diese wie ein Held hingestellte Figur des überpersonalen antiken Kopfkinos das Abziehbild eines verdammten Idioten. Den Prometheus, den kann der Mensch ja noch verstehen, denn dieser konnte nichts mehr machen, wenn jeden Tag der hundsköpfige Adler kam, um seine Leber zu vernaschen. Er war das typische Opfer der Herrschaft, gefesselt, darbend, dürstend und schlaflos, mit Eisen an den Fels gehauen, so blieb ihm keine andere Option, als die ewige Folter des ausgelieferten Gefressenwerdens über sein Dasein ergehen zu lassen und vergebens um Gnade zu flehen. Nichts von alledem findet sich in der Gestalt des Sisyphos. Da ist keine Fessel, die nicht in seinem Kopf gewesen wäre. Wenn er. Nur einen Hauch von Einsicht oder gar Gerissenheit gehabt hätte, denn hätte Sisyphos diesen blöden Stein einfach liegen lassen; soll der Thanatos doch selbst sehen, wie er den Stein mit seiner göttlichen Macht nach oben bringt.

Und ganz genau so dumm. Sind sie alle. Die diesen von Homer im Auftrage der damaligen Herrschenden zum Held gemachten Sisyphos nacheifern. (Vor allem die Pädagogen nehmen ja gern diese jammervolle Pose ein, um ein wenig davon abzulenken, dass sie nicht so sehr arbeiten, sondern vielmehr ihnen ausgelieferte, junge Menschen zu gefügigen und leicht verwertbaren Batterien im betrüblichen betrieblichen Produktionsprozesse machen.)

Übrigens hat Sisyphos bis heute einen gesellschaftlichen Nachklang, denn die so genannten “Wirtschaftswissenschaftler” haben sich ein schönes Wort ausgedacht, um eine kranke Idee in ihrem verdammten Aberglauben damit zu bezeichnen. Dieses Wort lautet “Sisyphismus” und bezeichnet ein System, in dem die Arbeit um ihrer selbst willen — auch dann, wenn die Arbeitenden durch ihre Arbeit keinerlei ökonomischen Vorteil haben — als schätzenswert betrachtet wird. Es ist das System, das den Menschen in der BR Deutschland seit der von Gerhard Schröder angeführten Regierung aus SPD und Grünen mit allerlei irrationaler Propaganda in das Hirn implantiert werden soll, damit es auch ja zum überpersonalen Kopfkino der Jetztzeit werde, woran der Mensch sich selbst und jeden anderen Menschen messe. Der gesamte Wahnsinn eines staatlich subventionierten “Marktes” für schäbig entlohnte Elendsarbeit, der von der derzeitigen großen Koalition fröhlich weiter aufrecht gehalten wird, ist die politisch gewollte Einrichtung eines sisyphistischen Systemes, den Verfluchten zur Last und den Besitzenden zum Wohlgefallen. Ein Unterschied zu Sisyphos besteht freilich; denn wer heute in diesem fremden Film seines mit hohem Aufwand von außen induzierten Kopfkinos nicht Platz nehmen mag, der wird mit existenzbedrohenden Sanktionen gefügig gemacht.

Sisyphosse dieser Zeit, lasst den verdammten Stein liegen! Sollen die fluchbringenden, großkopferten “Götter” sich doch selbst daran zerplagen!

Mit fröhlichem Gruß an Ralf

Zum christlichen Osterfest

Man könnte leicht auf die Idee kommen, dieser Jesus genannte jüdische Rabbi und Religionskritiker Jehoschua aus Nazaret sei gar nicht auferstanden, sondern sein Leichnam sei nur umgezogen. Von der kleinen Gruft nahe Jerusalem in die gleichermaßen geräumigere und engere Gruft der christlichen Kirche, in welcher er seitdem zur öffentlichen Verehrung ausgestellt wird.

Der süße Herr Jesus

Es finden doch seit Paulus in jedem Zeitalter die Christen ihre neue Methode, aus Jesus eine leicht konsumierbare Ware zu machen. Warum sollte dem toten Jehoschua denn auch erspart bleiben, immer wieder für dreißig Silberlinge verkauft zu werden — zumal, wenn er dabei auch noch so lecker ist. Der Mangel an schokoladigem Geschmack war doch schon immer eines der größten Probleme der Hostie im Konsumismus…

Danke für den Hinweis an M.

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