Tag Archive: Vergessen


Sie wissen mehr als Gott

Sagte der Jesus der biblischen Überlieferung, der von seinen Anhängern ja für Gott gehalten wird, noch…

Himmel und Erde werden vergehen […] von dem Tage aber und von der Stunde weiß niemand, auch die Engel nicht im Himmel, auch nicht der Sohn, sondern allein der Vater.

Mt. 24, 35-36

…so scheinen es etliche seiner Nachfolger immer wieder einmal nach der Durchführung reichlich obskurer Berechnungen ein bisschen genauer als ihr Gott zu wissen. Der nächste Doomsday ist am Samstag, den 21. Mai dieses Jahres und am 21. Oktober 2011 wird das gesamte Universum abgerissen.

Meine Vorhersage in dieser Sache: Spätestens Ende Oktober wird der religiöse Fanatiker und Angstausbreiter genau zu sagen wissen, warum und wie er sich so auffällig verrechnet hat, und dann wird er im festen, in täglicher Predigerpraxis gewachsenen Vertrauen auf die selig machende Kraft des Vergessens erst einmal ein bisschen Gras über die ganze Sache wachsen lassen und danach wird er vielleicht seinen Anhängern im Tonfall des unheiligen Profeten ein neues, diesmal “richtig” berechnetes Datum präsentieren.

Ganz genau so, wie es auch die Zeugen Jehovas einige Male gemacht haben, und die können immer noch massenhaft paarweis ihre Vertreter Mitglieder mit einem “Heimbibelkurs” von Tür zu Tür gehen lassen — wobei die jüngeren Opfer der Hirnwäsche durch die Wachtturm-Gesellschaft nichts mehr von den Doomsday-Vorhersagen für die Jahre 1874, 1914, 1925, 1933 (Einsammlung der Gesalbten) und 1975 wissen. Woher sollten sie auch? Im Wachtturm von heute, der einer mit gutem Recht desinteressierten Menschheit erklären soll, was “die Bibel wirklich lehrt”, steht ja kein Wort darüber, was “die Bibel” noch in früheren Jahrgängen (frühe Siebziger Jahre) dieser Publikation “wirklich gelehrt” hat…

Als junger Mensch wirst du daher nie das Ende einer Laufbahn erreichen, die dir dieses System bietet. Wenn du zum Beispiel zur Mittelschule gehst und eine Hochschulbildung in Erwägung ziehst, so bedeutet das wenigstens vier, vielleicht auch sechs oder acht weitere Jahre bis zum Abschluß in einem besonderen Fach. Aber wo wird sich dieses System der Dinge dann befinden? Es wird auf seinem Weg zu seinem Ende weit vorangeschritten sein, wenn es nicht sogar schon verschwunden sein wird!

…um die Menschen so richtig im blinden Vergessen ihres eigenen Potenziales auf ein kommendes, für weniger Lesebegabte stets auch in schreibunten Comicbildchen dargestelltes Wolkenkuckucksheim hoffen zu lassen, damit sie umso eifriger ihren theokratischen Score im Dienste dieses religiösen Strukturvertriebes erhöhen mögen. Um die Wirkung der religiös verpackten funktionellen Enthirnung zu verstärken, wird vom Lesen anderer Literatur und der Nutzung anderer Medien aus dem “bösen System der Dinge” strikt abgeraten.

Für viele Opfer des christlichen Fundamentalismus scheint die erste Frucht ihres Heiligen Geistes in Alzheim gewachsen zu sein.

Kreuz-Weise? Kreuzweise!

Mensch Jesus, bleib oben,
Sonst schlagn die dich tot!

Bettina Wegener

Jesus aus Nazaret starb nicht am Galgen auf Golgata.

Er starb und stirbt Tausende und Tausende der Tode. (Und gar mancher dieser Tode ist schlimmer und grausamer als das barbarische römische Justizmorden.)

Er — der übrigens nur wenig von formeller Religion gehalten haben soll — starb das erste Mal, als Saulus auf dem Wege nach Damaskus seine historisch gewordenen Hirnblitze ( Apg. 9 ) sah und darin einen nützlichen Leichnam für seinen gekränkten Narzissmus halluzinierte und aus diesem Kadaver eine Religion zimmerte.

Er — der übrigens niemals selbst auch nur einzige Zeile niedergeschrieben hat, die sich bis heute erhalten hätte und der deshalb offenbar nichts von einer auf ihn basierenden Schriftreligion hielt — starb bei allen gläubigen Empfängern der Briefe, die dieser Saulus lieber unter seinem neuen Namen Paulus verfasst hat, um der Welt zu erzählen, dass seine Halluzination der neue und einzige Gott für alle sei. Dass dieser sich Paulus nennende Saulus einer jüdischen Sekte angehörte, deren bis zur Neurose perfektionistische Form der Religionsausübung von Jesus immer wieder in ätzender Form kritisiert wurde, ist offenbar niemandem aufgefallen, und es schert sich bis heute keiner darum. Schon Paulus hat sich einen Dreck für die wirkliche Person hinter diesem Jesus interessiert und fand seine eigenen Trugbilder viel attraktiver — und genau so geht es bis heute den Judasfreunden, die diesen ganzen Unfug glauben und die sich Christen nennen.

Er — der einmal gesagt haben soll: “Ich lebe, und ihr sollt auch leben” — starb, als die paulusgläubigen römischen Sklaven singend und schafdoof in den Tod gingen und damit das System der Sklaverei erhielten. Ganz so. Wie es Paulus gefiel, damit er auch weiter Gefallen an seinem Sklaven hat. Er stirbt bis heute, wenn Christen in einem bekannten Danklied den Satz “Danke für meine Arbeitsstelle” singen und damit die heutige Form der abstrakten Arbeit heilig sprechen, den Armen zur Knechtschaft und den Besitzenden zum sprudelnden Reichtum und zum Wohlgefallen.

Er — nach Aussagen seiner frommen Gegner ein “Fresser und Weinsäufer und Freund aller Sünder” — starb, als Menschen ihre Sexualität von sich abspalteten und sich deshalb psychisch und körperlich selbst zerfleischten. Bis heute stirbt er in jeder Neurose, in jeder Bulimie, in jeder Unfähigkeit zur Liebe. Und. Alle diese Krankheiten sind nur moderne Bastardkinder der älteren Krankheit der Askese, der sinnlichen Selbsttötung als Lebensentwurf.

Er — der auf die formelle Anrede eines Fragestellers einmal erwidert haben soll, dass er nicht “gut” genannt sein möchte, weil niemand als Gott allein gut sei — starb, als die Gläubigen des Paulus ein paar Jahrhunderte später erbost darüber stritten, ob ihr Jesus nun wesensähnlich oder wesensgleich zu Gott sei. Und. Als die Vertreter der letzteren Auffassung, die aus diesem Streit als Sieger hervorgingen, die Vertreter der ersteren Auffassung zu gottlosen Menschen erklärten, die für ewig in der Hölle zu brutzeln haben. Und. Genau So. Gilt es bis heute.

Er — der überliefert wurde als einer, der jede Form der Herrschaft durch Menschen über Menschen nicht für den Willen Gottes hielt — starb, als der heilige Hirnfurz des Paulus unter dem römischen Kaiser Konstantin zur neuen Staatsreligion des imperium romanum wurde. Als. Der von Paulus deformierte Jesus die staatliche Gewalt heiligen musste, so mörderisch sie auch wütete. Das tut dieser Jesus bis heute von seinem heiligen Galgen herab, dieser nützliche Kadaver der Herrschenden und Besitzenden und Großmörder aller Zeiten.

Er — der von der frommen Elite seiner Zeit gesagt haben soll, dass sie sich vor die Türe stelle, die in ein besseres Leben führt; dass sie dort selbst nicht hindurchgingen, aber auch niemanden anders hindurchließen — starb und stirbt am Petersplatz, wo sich ein Hurenbock nach dem anderen hinstellte und sich als “Heiliger Vater” anreden und als Stellvertreter Gottes betrachten ließ und lässt, ja, bis heute so anreden und betrachten lässt. Auch. Von den staatlichen und wirtschaftlichen Verdummungsanstalten in Form des Rundfunks und der Presse.

Er — der überliefert wird als einer, der gleich einem durchgeknallten, auf einem Trip hängengebliebenem Hippie jede Form der Gewalt in jeder Situation abgelehnt haben soll — starb und stirbt, wenn sich seine selbsternannten Verwalter gestikulierend vor die Waffen stellen und in “seinem” Namen ihre Zaubersprüche abmurmeln, damit diese Waffen auch ja ein gesegnetes Morden für die Wahrung der Besitzstände der Herrschenden und Besitzenden vollbringen. Er stirbt auch im “geistlichen Beistand” für die Soldaten, damit diese auch ja ein billiges und williges Kanonenfutter abgeben.

Er — der angeblich in den formellen Gottesdiensten seiner Zeit so viel Heuchelei erblickte und dies in derart trefflicher Form zum Ausdruck brachte, dass man ihn schließlich deswegen umbrachte — starb und stirbt auf den Schlachtfeldern der vielen vielen “heiligen” Kriege in “seinem” Namen, vom ersten Kreuzzug, über den Tag, an dem der Katholik Adolf Hitler die Worte “Wir werden in diesen Krieg ziehen wie in einen Gottesdienst” aus den Volksempfängern schallen ließ, bis hin zu den jüngsten crusades US-amerikanischer Präsidenten.

Er — der berichtet wird als einer, der in Bezug auf eine Ehebrecherin einmal die recht anzüglichen Worte “Ihr wird viel vergeben, denn sie hat viel geliebt” gesprochen haben soll — stirbt in jeder mit der politischen Macht der heutigen Paulusjünger, Galgenanbeter und Judasfreunde verhinderten Empfängnisverhütung oder Abtreibung, bei der ein Mensch draufgeht, lebenslang als Krüppel leidet oder — noch viel schlimmer — als unerwünschter Mensch (oft gar als Ergebnis einer Vergewaltigung) psychisch so deformiert wird, dass von einem Leben keine Rede mehr sein kann.

Er — der so viel von der Liebe erzählt haben soll — stirbt in jedem Entwurf einer kalten, körperlosen Form des Miteinanders, auf welchem die Gläubigen des Paulus den Stempel “Liebe” geprägt haben sollen, bis hin zum heutigen Geschäft mit der von unterbezahlten Elendsarbeitern ausgeübten “Pflege”, bei dem vor kirchennahe Organisationen ihren Schnitt machen. Und. Er stirbt in der Betrachtung des Geschlechtsverkehrs als “eheliche Pflicht”, die man zu erfüllen hat, fast so, wie den “Dienst am Vaterland”.

Er — von dem die unbekannten antiken Autoren einen ganzen Stammbaum seines Vaters Josef überliefert haben — stirbt an der psychischen Kastration, die sich im Gefasel von der “unbefleckten Empfängnis Mariens” Bahn brach und bricht und darauf basierend einen Verzicht auf jeglichen Sexualgenuss fordert. Vieles von der Kälte in den heutigen Gesellschaften ist eine Spätfolge dieser christlichen Sexualverdammung und sich über Jahrhunderte erstreckenden religiösen Verschneidung der Gläubigen. Welchen Zweck. Der Stammbaum dieses Mannes da haben soll, kann einem auch der geschwätzigste Theolügner des Christentums nicht in einleuchtender Weise erläutern. Deshalb redet man in den Lügendiensten auch nicht so viel darüber, sondern fordert lieber die Menschen zur Enthaltsamkeit auf.

Er — der zwar kein Asket gewesen sein soll (vielleicht sogar ein kleines Wämplein hatte, so gut, wie er sich oft irgendwo einlud), aber zu einer allgemeinen Haltung der Sorglosigkeit in Fragen des Essens aufgerufen haben soll — stirbt in der Heiligung des Konsums. Und. Zwar genau so, wie er schon vorher in der so genannten “Eucharistie” starb, dem magischen Essen einer trockenen Hostie, die im faulen Zauber des “Gottesdienstes” als heilbringendes Opfer aus Menschenfleisch gedacht ist. Der Judas, auf dem ihr Christen euren mörderischen Judenhass basieren lasst, der hat ihn “nur” verraten und verkauft, aber ihr Christen esst ihn auch noch auf!

Er — der doch schon so lange tot ist, dass sich niemand sicher sein kann, dass er überhaupt einmal gelebt hat — starb und starb und stirbt und stirbt und wird immerfort gemordet. Und. Alle seine Mörder sind brave Christen, die dem Paulus jedes seiner eiskalten Worte abgekauft haben und sich deshalb einen Scheißdreck für Jesus interessieren. Weil. Sie sich auch sonst einen Scheißdreck für Menschen interessieren, jedenfalls für andere Menschen als sich selbst.

Und. Er — der so viele warme und noch viel mehr wirre Reden gehalten haben soll — kann doch gar nichts dafür, dass Paulus so einen tollen, goldenen Galgengötzen aus ihm geschnitzt hat. Niemand interessiert sich für seine Reden. Wenn sich die Christen für Jesus aus Nazaret interessierten, gäbe es weniger Christen. Die Christen interessieren sich mehr für Paulus, der ihren Narzissmus heiligt, für gutes Essen, dass ihnen alles andere ersetzen muss, für die Abwehr ihrer Angst, die sie in der Religion finden und für ein neues Auto und einen größeren Fernseher — auf wie viel und wessen Blut dieser “Segen” gedeiht, ist ihnen dabei recht gleichgültig. Und. Die Christen interessieren sich brennend für die Unterdrückung jeder Strebung, die ihren primitiven, barbarischen und narzisstischen Interessen zuwider läuft. Deshalb stört sich keine christliche Kirche jemals an einen Krieg oder an diesem brutalen Gemetzel an ganzen Völkern und Kulturen, das mit dem Wort von der “Globalisierung” bezeichnet wird. Sie. Stört sich auch niemals an der Indoktrination der Kinder in staatlichen Schulen und an der Unterdrückung von anders gläubigen Menschen, sondern macht aktiv mit.

Verstehst du, Schwester?

Das ist der Grund, weshalb ich kein Christ sein kann. Ich habe nicht nur die Gewalt des Christentums am eigenen Leibe gespürt, ich habe zu allem Überfluss auch noch die Bibel gelesen. Ich müsste mich selbst belügen, um Christ zu sein. Und? Wie soll ich das anstellen? Ich glaube diesem Paulus und allen seinen Nachfolgern nicht ein einziges, den Menschen mit heftig knallender Angstpeitsche eingepeitschtes Wort.

Das verstehst du nicht, Schwester?

Deine Dummheit, Schwester, ist selbstverschuldet. Habe den Mut, vom Gehirnbesitzer zum Gehirnbenutzer zu werden, und du wirst ganz schnell verstehen, warum unter den vielen tausend Dankgebeten der christlichen Religion nicht einmal ein Dank für den Verstand des Menschen hörbar wird. Der Verstand muss in der Religion des Paulus und des Judas unterdrückt werden, denn er nimmt dieser psychischen Fessel ihre Kraft.

Wenn du bei deiner Dummheit bleibst, überrascht mich das nicht. Du reihst dich in eine lange Reihe von dummen Menschen durch die Zeiten ein und glaubst dabei den Beistand eines Jesus zu haben, der gesagt haben soll: “Der Weg ist breit, der ins Verderben führt, und viele sinds, die auf ihm gehen. Aber der Weg ins Leben ist eng, und nur wenige gehen darauf.”

Wenn du mich nicht verstehst, wenn du mich als einen Ungläubigen, Gottlosen, vom Teufel Besessenen ansiehst, denn reihst du dich in diese lange lange Reihe durch die Zeiten ein. Und längs dieser Reihe stehen die rauchenden Scheiterhaufen und die von Raben umflatterten Galgen und die mit Schmerz umflochtenen Räder und die Folterkammern und die Bordelle des Vatikans und legen ein zum Himmel schreiendes Zeugnis von den Zeiten ab, in denen die christliche Religion Grundlage der Gesellschaft war. Der Gott, an den du glaubst, der Gott, für den Zeit keine Bedeutung hat, wird die Geschichte genau so sehen — und deine Position darin. Und das. Ist der Platz den du selbst im Geschehen einnimmst, meine stinkende Schwester. Augen und Ohren und einen Kopf hast du: Zu den Risiken und Nebenwirkungen deiner Haltung schlage ein beliebiges Geschichtsbuch auf, und zu Jesus aus Nazaret schlage deine Bibel auf und vergiss mal für eine Woche den Paulus!

Und wenn du denn immer noch nicht verstehst, meine kindische Schwester, denn ist das dein Problem. Ich bin dafür nicht zuständig, lass mich bitte damit in Ruhe. Und wenn du es irgendwann, wenn die Barbarei sich wieder ausbreitet, zu meinem Problem machen willst und mich in meiner Andersgläubigkeit — es gibt keinen Menschen, der ungläubig wäre — bedrängst und verfolgst, denn wisse, dass ich dir nicht eine andere Backe hinhalten werde, sondern für das Recht auf mein verdammtes, von Geistarmen wie dir ständig angeknabbertes Dasein einstehen werde. Wenn es wirklich sein muss, auch in einem Kampf auf Leben und Tod. Jesusse, die wie ein blökendes Schaf freiwillig zum Metzger trotten, hatte diese ganze Geschichte schon genug. Die halten sich alle für so weise durch das Kreuz, aber sie können mich mal kreuzweise.

Und jetzt geh, Schwester! Du hast noch etwas zu lesen…

Wer sich hier angesprochen fühlt, ist gemeint. Wer männlichen Geschlechtes ist, lese einfach Bruder. Wer kopfschüttelnd und voller Unverständnis diesen langen Text gelesen hat, verzeihe mir bitte, aber nach diesem Gespräch mit einer christlichen Fundamentalistin musste es einfach raus, mir wäre sonst die Gallenblase explodiert — deshalb ist vieles auch ein bisschen roh formuliert.

Offener Brief an die Piratenpartei

Aktueller Nachtrag: Bodo Thiesen hat sich in einem Offenen Brief deutlich von den kritisierten Aussagen distanziert. Der Schaden für die Piratenpartei und für die von dieser Partei vertretene Sache bleibt angesichts des Umganges mit dieser Affäre bestehen, und die Verwendung dieser Angelegenheit in der Propaganda gegen die Piratenpartei und gegen jeden Streiter für ein freies Miteinander in Verschiedenheit im Internet wird so sicher kommen, wie das Amen in der Kirche. Mein offener Brief an die Piratenpartei bleibt hier zum Zweck der Dokumentation unverändert erhalten und ist in vielen Punkten auch trotz dieser erfreulichen Distanzierung und der klaren Worte in Bodo Thiesens Offenem Briefe noch aktuell.

Ein fröhliches Hallo!

Als jemand, der wegen seiner Verstandesfunktionen nicht daran glauben kann, dass sich der gegenwärtig über die Gesellschaft ablaufende, überpersonale Prozess dadurch überwinden lässt, dass man sich in diesem über die Gesellschaft ablaufenden, überpersonalen Prozess einbringt und ihn auf diese Weise auch fördert und vorantreibt, stehe ich jeder Form der zurzeit institutionaliserten Politik mit großem Pessimismus gegenüber. Das gilt auch euch, für den jungen und bunten Haufen, der sich “Piratenpartei” nennt und in der BR Deutschland parlamentarische Wirkung entfalten will. Wegen dieses rationalen Pessimismus (der in einem sehr fröhlichen Menschen wie mir zur Blüte kommt) und wegen meines genauen Wissens darum, dass ich auf dem Politikmarkt keinen hohen Marktwert erzielen kann, käme ich niemals auf die Idee, mich innerhalb einer politischen Partei in der BR Deutschland zu engagieren.

Doch bezogen auf euch, auf die “Piratenpartei”: Zu diesem Pessimismus hat sich bislang wenigstens für euch eine kleine Prise Sympathie gesellt, seid ihr doch genau jener Kriminalisierung technischer Möglichkeiten und vorsätzlich zum Standard gemachten Rechtswillkür im Internet entgegen getreten, die auch mein Leben betrübt und über diesen etwas schrägen Zugang eine Stimme erhoben, die im Zeitalter voranschreitender Restriktion die “guten alten Bürgerrechte” einfordert. Dieser kleine Hauch der Sympathie hätte für sich allein gewiss nicht dazu geführt, dass ich euch wähle — denn ich weigere mich nun einmal, eine lediglich simulierte “Demokratie” auch noch dadurch zu stützen, dass ich mich an ihr beteilige.

Aber sie hätte fast zu öffentlichen Akten der Sympathie geführt, die sogar weit über das kreuzweise Blöken eines Stimmviehs hätten hinaus gehen können.

Ich bin rückblickend — wieder einmal in meinem Leben — froh darüber, dass ich kein Mensch von leichtherzigen, emotionellen Entschlüssen bin. Die Regung der Sympathie mag eine schöne sein, aber sie gehört in ein völlig anderes, eher affektiv funktionierendes und evolutionär älteres mentales System als in jenes mentale System, mit dem man meiner Meinung nach vernünftige Entscheidungen zur Regulierung des gemeinsamen Miteinanders — ich vermeide das oft missbrauchte und zum schwammhaften Nichts verkommene Wort Politik an dieser Stelle — treffen sollte.

Tatsächlich haben wir die beklagenswerten Zustände der Jetztzeit und hatten wir viele beklagenswerte Zustände der Vergangenheit vor allem deshalb, weil viel zu viele Menschen ihre Entscheidungen — seien es politische Entscheidungen, oder seien es viel banalere, etwa Kaufentscheidungen — mehr unter dem Diktat der reklamepsychologisch leicht manipulierbaren Sympathie und Antipathie als durch Anwendung einer einfachen, vernunftgemäßen Erwägung treffen.

Ja, ihr habt es — wie bislang auch jede andere Partei in der BR Deutschland — geschafft, diesen kleinen Funken Sympathie in mir wieder auszulöschen. Und. Zwar. Sehr Gründlich.

Es mag sein, dass ihr überwiegend einer Generation angehört, die vom Hitlerwahnsinn in Deutschland nichts anderes kennt als die Vermittlung des Schulunterrichtes, die man sich für ein Referat und eine Klassenarbeit in den Kopf paukt, um sie wie jeden anderen, nutzlosen Schulstoff nach der Leistungskontrolle wieder zu vergessen. Das ist es, was ich euch als Entschuldigung zubilligen möchte, bevor ihr mit noch hilfloseren Ausflüchten beginnt.

Aber lasst euch das eine bitte gesagt sein: Dass ihr so einen wie Bodo Thiesen, einen Relativierer des industriell betriebenen Massenmordes im Deutschen Reiche unter der Herrschaft Adolf Hitlers, in parteiliche Ämter und Würden bringt, das geht gar nicht!

Noch einmal zur Klarstellung: Gar nicht geht es! Nicht ein bisschen!

Versteht mich jetzt bitte nicht falsch! Ich habe nichts dagegen, dass Menschen seltsame Meinungen vertreten, ich bin sogar der Auffassung, dass die Unterdrückung seltsamer Meinungen ein Fehler ist und dass jeder Mensch im Gegenteil dazu imstand gesetzt werden muss, einen Spinnkopf unter Verwendung seines Bewusstseins als solchen zu erkennen und mit dieser Erkenntnis verantwortlich umzugehen. Denn Spinnköpfe, deren Auffassungen den Kontakt zur Wirklichkeit verloren haben, die wird es immer geben und sie sollen von mir aus auch unbedrängt als Spinnköpfe leben können, so lange ihre Spinnerei harmlos ist. Ich habe nur etwas dagegen, dass ihr so einem Spinnkopf mit einem Amt ausstattet und ihm damit eine Plattform gebt.

Natürlich könntet ihr diesen personellen Fehlgriff kitten, indem ihr euch klar distanziert und Bodo Thiesen innerparteilich isoliert — aber zumindest im Saarland scheint euer Vorstand doch ziemlich auf der braunen Linie zu sein:

Die Postitionen von Bodo Thiesen sind sicherlich fragwürdig. Eine tatsächliche Relativierung des Holocoust geben sie aber derzeit nicht her! Er zweifelt offenbar an den Details ODER am gesamten. Entweder drückt er sich bescheuert aus, oder er ist es tatsächtlich. Nur wird das aus dem gesagten nicht klar! Daher heisst es wohl “in dubio pro reo” […] ich finde einige Details in der deutschen Geschichte schlicht Pauschalisierung derselben. Der Norwegenfeldzug war wohl nach allen mir bekannten Fakten ein reiner Reaktionskrieg und keine reine Angriffshandlung.

Wenn jemand daran zweifelt, dass der fabrikmäßige Massenmord in dieser Größenordnung stattgefunden hat und dabei nicht einmal klar macht, dass er überhaupt den fabrikmäßigen Massenmord für eine Tatsache hält, denn relativiert er nicht den Holocaust und man kann im Zweifelsfall noch für ihn sein. Schließlich war das mit Norwegen auch kein kriegerischer Überfall. Immerhin wird hier noch nicht gesprechblast, dass die die Polen Schuld am Zweiten Weltkrieg seien und die Deutschen haben sich nur gewehrt hätten. :mrgreen:

Oder einmal ein etwas kürzeres und kälteres Abwiegeln, Besänftigen, Rechtfertigen in der Twitter-Version:

Was soll da los sein, ein Mensch hat in jungen Jahren mal Bullshit von sich gegeben. Das Zitat ist meines Wissen nach sehr alt

Klar, ist sehr alt, das Zitat. Das Gras wächst schnell, sogar über die Gräber derer, deren Blut zum Himmel schreit. Manche scheinen die so entstandene Wiese sogar schon für einen Spielplatz voller Vogelgetwittscher zu halten.

Aber von meinem eher emotionalen “Ihr habt euch unmöglich gemacht” einmal abgesehen — ich sage ja selbst, dass die leicht manipulierbaren Affekte eine fragwürdige Grundlage fürs Politische sind: Ihr habt mit der innerparteilichen Förderung eines solchen Braunkopfes und so einem unreflektierten Blah zum Thema alle Ziele in Gefahr gebracht, für die ihr einzutreten vorgebt.

Benutzt doch bitte jetzt einmal für eine einzige Minute euren Restverstand und versetzt euch in die Lage eurer Gegner — also in die Lage der Leute in der Contentindustrie und in die Lage der führenden Köpfe in den Parteien und der Journaille!

Ich sage es euch, die können auch jetzt noch nicht ihr Glück fassen. Ihr seid schon tot.

Es ist dank eurer grenzenlosen Idiotie eine Kleinigkeit geworden, die “Piratenpartei” in der Propaganda zu behandeln. Ich bin kein Experte in der Massenmanipulation, aber ich würde da etwa die folgende Vorgehensweise anwenden:

  • Als erstes brauche ich ein griffiges Schimpfwort für euch, so eines, dass niemals vor Gericht als Beleidigung durchgeht ist und doch für die Mehrzahl der Menschen — wie gesagt, diese treffen ihre Entscheidungen affektiv — vollständig abwertend klingt. Ich würde die Wortschöpfung “Digitalisten” nehmen. Das klingt nach Menschen, die Digitaltechnik — für die meisten Menschen ein Fremdkörper — über alles andere setzen wollen.
  • Dieses Schimpfwort brauche ich, damit ich nicht dauernd euren selbst gewählten Namen in das Fernsehen und die Presse bringe, denn ich will keine Werbung für euch machen, sondern euch schaden.
  • Dann brauche ich ein paar griffige Thesen, die auch für den bierduseligen Stammtisch geeignet ist. So etwas wie “Die Digitalisten sagen, ohne Internet gäbe es keine Demokratie. Und? Was hatten wir die ganze Zeit”. Versteht ihr den Stil? Genau so geht Propaganda, für die Bildzeitung geht es sogar noch eine Größenordnung plumper.
  • Und jetzt zur Steilvorlage, die ihr geliefert habt. Daraus machte die Propaganda ein “Diese Digitalisten verwechseln sogar das Internet mit der Wirklichkeit. Weil jeder Nazi im Internet eine Stimme haben kann, wollen die auch Nazis in der Politik haben. Und Kinderficker.” — natürlich in etwas gemäßigteren Tonfall, aber in dieser Zielrichtung.

Versteht ihr? So etwas zieht sich demnächst durch alle Medien, und daraus lassen sich Menschen ihre Meinung bilden. Und schon kann man alle eure bürgerrechtlichen Forderungen auf kurze Phrasen runterbrechen und darauf verweisen, wer es bei euch zu etwas bringt. Wartet mal ab, Frontal 21 im ZDF ist ein guter Kandidat für den ersten medialen Angriff auf euch. Die meisten Wähler in der BR Deutschland sind sehr leicht manipulierbar, ihr werdet es noch merken. Und am Ende der Kampagne regiert die Partei von Wolfgang Schäuble und Ursula von der Leyen zusammen mit einer CSU, die am liebsten alle menschenverachtenden Ideen des Papstes in Tagespolitik umsetzen würde und dieser heillose Pakt koaliert mit einer FDP, die Hartz IV auf 250 Euro kürzen will und es dabei keineswegs skandalös findet, wenn ein Vollzeitjob nur 350 Euro im Monat bringt.

Glaubt mal ja nicht, dass es in den kommenden Klassenkämpfen nur ums Internet geht. Es geht um die menschliche Würde selbst. Eben darum verbietet sich jede Gemeinschaft mit Holocaustleugnern!

Und nicht nur, dass ihr der Sache geschadet habt, ihr habt auch mir persönlich geschadet, denn ich stehe in meinem Umfeld und in allem, was ich tue, im Wesentlichen für die gleichen Ziele wie ihr ein. Das geht so weit, dass ich immer wieder einmal für einen Aktivisten eurer Partei gehalten werde. Ihr habt mich für dieses Streben — das bei mir inzwischen den Umfang eines Lebenswerkes hat — in die begriffliche Nähe von Neofaschisten und Holocaust-Leugnern gestellt, als ob ich nicht schlimm genug wäre, dass mehr als die Hälfte meiner Familie unter Hitlers Herrschaft fabrikmäßig ermordet wurde. Und. Ihr erlaubt es mit eurem Tun einer gut funktionierenden Meinungsindustrie, in den kommenden Wochen auf dieser Nähe herumzureiten, auf das die Stimmviecher zur müden Komödie der Bundestagswahl auch die richtige Deinung erhalten.

Ihr seid schon Verräter, bevor ihr richtig mit der Politik angefangen habt. Die billige Verharmlosung schwerer, gegen das Leben selbst gerichteter Verbrechen ist keine Meinung, sondern lebensverachtender Zynismus.

Und dafür. Verachte und hasse ich euch.

Löst eure verkackte Partei, die schon vor ihrem eigentlichen Anfang auf ganzer Linie gescheitert ist, bitte einfach auf!

Mit deutlichem Gruß!

Der Nachtwächter
Nach Diktat verreist

PS: Und kommt jetzt ja nicht auf die Idee, irgendeinen “Dialog” mit mir zu suchen. Ihr steht längst auf einer Seite, die mein Leben negiert. Und ich weiß das und will mit euch nichts zu tun haben. Aufdringliche Versuche der Kommunikation werde ich als Akt der Gewalt betrachten und behandeln.

Nachtrag:  Piratenpartei distanziert sich von den Äußerungen eines einzelnen Mitgliedes

Der Bundesvorstand der Piratenpartei fordert das Parteimitglied Bodo Thiesen dazu auf, sich eindeutig und endgültig von seinen fragwürdigen Äußerungen zum Holocaust zu distanzieren. Bereits im Juni 2008 hatte der Vorstand Thiesen dafür eine Verwarnung erteilt. Durch die erneut laut gewordene Kritik innerhalb der Partei sowie in der Blog- und Twittersphäre hält der Vorstand eine noch klarere und deutlichere Distanzierung für nötig. Sollte Bodo Thiesen dieser Aufforderung nicht binnen 24 Stunden nachkommen, wird der Bundesvorstand die entsprechenden Maßnahmen ergreifen. […]

Der Bundesvorstand erklärt daher im Namen der Piratenpartei:
“Wir erklären hiermit in Übereinstimmung mit der Satzung der Piratenpartei Deutschland, dass wir faschistische Bestrebungen jeder Art entschieden ablehnen.

Weiterhin erklären wir, dass wir den Holocaust als historische Tatsache ansehen und deren Relativierung oder Verharmlosung nicht dulden werden.  […]

Nachtrag ZweiBodo Thiesen / Stellungnahme persönliche Meinung vs. Parteimeinung

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