Tag Archive: Verdrängung


Kinderspiegel

Die außerordentliche und mit großer emotionaler Intensität begleitete Ächtung, die Menschen mit pädophilen Neigungen entgegengebracht wird und die in jüngster Zeit von der classe politique unter dem boulevardträchtigen Schlagwort von der „Kinderpornografie“ sogar als Vehikel zur Abschaffung von Bürgerrechten ausgebeutet wird, sie ist nur ein verzerrtes Spiegelbild der gegenwärtigen gesellschaftlichen Entsexualisierung der Kindheit, der mit aller Energie und gegen allen Augenschein aufrecht erhaltenen, kollektiven Verdrängung der kindlichen Sexualität. Wie sehr die eine Perversion die andere hervorbringt, verbleibt als eine Frage, deren Antwort erst kommende Generationen geben können.

Die wunderbare Schöpfung

Zeitgenosse: „Wie herrlich doch die Schöpfung ist! Wie gut Gott das doch alles gemacht hat, damit wir voller Freude darin leben können!“

Nachtwächter: „Ich hätte Gott allerdings eine ganze Menge sehr einfacher Vorschläge zur Verbesserung seiner Schöpfung zu machen. Diese fangen bei den Kleinigkeiten, den Disteln und Brennnesseln an, gehen über die Mücken und Zecken und hören bei den Erregern von Pocken, Pest, Lepra, AIDS, Syphillis und Gonorrhoe noch lange nicht auf. Wie vieles in dieser Natur doch nur Schmerzen und Krepieren verursacht. Und. Wie weniges doch für die Schmerzgequälten und Krepierenden vom klaren, blauen Himmel und der sonnigen Blumenwiese übrig bleibt!“

Was einen nicht kaputt macht…

Die von früh auf Zerbrochenen im Lande Barbarien erhalten ihren Narzissmus und heiligen ihren Zerbruch und die von ihnen selbst geforderte Lebensfeindlichkeit gern mit dem blinden Wort: „Was einen nicht kaputt macht, macht einen nur härter“. Keine Aussage könnte falscher sein. Die zivilisationskranke Schädlichkeit, die einen Menschen nicht kaputt macht, schadet ihm nur; raubt ihm nur Kraft fürs und Willen zum selbstbestimmten Leben; macht ihn nur stumpf gegen sich selbst und gegen andere; macht ihn nur immer weicher und formbarer für jene, die ihre Vorteile davon haben, wenn Menschen vor lauter Angst und Schmerzvermeidung nicht mehr wissen, dass sie handeln können. Wer mit solcher Blindrede die Härte einfordert, belegt damit nur, dass er schon längst mit der stets eingeforderten Härte zerbrochen wurde.

Die blinde Sauberkeit

Zeitgenosse: „Das war eine richtig schöne Tour de France in diesem Jahr. Kein Dopingskandal, richtig sauberer Sport.“

Nachtwächter: „Und du glaubst wohl auch, dass deine Kleidung sauberer würde, wenn du einfach nicht mehr hinschautest, wie dreckig sie ist? Oder wäscht du die Sachen etwa doch?“

Unfassbar, es laufen wirklich Menschen herum, die glauben, dass es irgendeinen derzeitigen Profisport mit großen geschäftlichen Möglichkeiten gäbe, ohne dass in dieser Körper- und Materialschlacht jedes nur erdenkliche Mittel von jedem Beteiligten eingesetzt würde…

Bei den zensierten Bloggern

Um zu sehen
Was noch kommen wird
Nahm er eine Zeitmaschine
Zu reisen dorthin
Da sich die zensierten Blogger treffen.

Eine weite Reise
In die Zukunft
War es nicht.

Kaum stieg er aus
Da war er überrascht
Ob des hellen bunten Ortes
Da sie beisammen saßen.
Und. Auch des
Heitren Miteinanders
Im Exil.

Sie saßen lautstark beieinander:
Ein jeder twitterte und bloggte;
Man machte weiter wie gehabt.
Doch bald schon wurde er bemerkt,
Der Neue.
Und. Man war froh
Wegen frischen neuen Geistes —
Denn auch im Lachen fühlten sie die Ödnis.

Doch
Noch bevor er sprechen konnte
Zu stellen seine Fragen
Hoben sie schon an
Ihn zu begrüßen:
„Willkommen bei den Bloggern im Exil!“,
Sagte der eine.
„Sitz bei uns,
Wir schlagen dich mit Rat!“
Keine Pause, schon ein andrer:
„Schreib nicht so lange Texte,
Am Bildschirm liest man ungern!“
Er musste es wohl wissen,
Ihn las ja damals jeder.
Ein Vierter sprach:
„Bring Videos und Witz,
Das gibt dir noch mehr Leser!“;
Und ein Fünfter:
„Der letzte Schrei der Technik
Ist stets ein gutes Thema.“ —
das iPhone trägt er hier selbst noch.
„Vergiss niemals zu twittern
Es verdoppelt deinen Traffic!“,
sprach ein Sechster,
gleich gefolgt von einem Siebten:
„Medien, Film und Fernsehn
Ists, was jeden intressiert,
Schreib dazu, der Erfolg ist dir gewiss.“

So sprachen sie
Pausenlos vom Bloggen
Und hörten gar nicht erst
Was der Besucher wollte.

Und in einer kleinen Pause
Des unentwegten Schwatzens
Meldete
Aus einer dunklen Ecke
Einer sich dazwischen.
Er hatte kein Gesicht mehr.
Seine Stimme schrie im Flüstern
Und stellte doch nur eine Frage:
„Neuling,
Hast du deine Leser
Ausgestattet?“

„Sag, Gesichtsloser,
Was meinst du nur mit ‚ausgestattet‘?“
Sprach der Reisende erstaunt.

„Haben sie von dir gelernt,
Dass ihre Trübsal nicht allein ist?
Und? Dass man
Ihr widerstehen kann?
Ja? Muss?
Wissen sie,
Jetzt,
Wo sie dich nicht mehr haben,
Selbst sich auszudrücken?
Aus ihrem eignen Leben?
Kennen sie deine Texte?
Werden sie in den Archivdiensten
Danach suchen?
Sie anderen als Tipp zustecken?
Dass die Namenlosen
Eine Stimme sich schaffen?
Haben sie
Gelernt, den Medien zu misstrauen?
Und? Die Lügen der Herrschaft
Jeden Tag aktiv
Zu korrigieren?
Auch ohne dich?
Oder war alle deine Mühe
Ein Wölklein Staub im Wind,
Hinfortgeblasen
Vom Sturm
Des immer wieder Neuen?“,
das war seine leise Antwort.

Am hellen Tisch der Lautestete,
Leise geworden, sagte er:
„Das sind die,
Denen das Bloggen
Nicht ein Selbstzweck war;
Die, denen man mit ihrem Blog
Auch ihr Lebenswerk zerstörte.
Leise und ohne Gesicht
Sind sie unter uns.“
Am Ort
Da sich die zensierten Blogger treffen
War das Gespräch
Verstummt.

Aus festem Steim gebaut

„Der Kaiser ist ja nackt…“

Die Herrschenden des alten Ägypten hatten die Mehrzahl der Gebäude mit Lehmziegeln errichten lassen, insbesondere auch alle Verwaltungsbauten des ägyptischen Staates und selbst noch ihre Paläste. Die Gebäude, die in solcher Bauweise entstanden, waren nicht sehr beständig, und sie sollten es wohl auch nicht sein, denn andere Gebäude zeigen bis auf den heutigen Tag, dass man in Ägypten sehr genau wusste, mit welchen Materialien und in welcher Ausführung ein beständiges und die Zeitalter überdauerndes Monument zu bauen ist. Doch diese Bauweise in Stein wurde stets nur für zwei Klassen von Gebäuden angewendet, für Grabstätten und für Tempel. In dieser antiken, kulturellen Sonder- und Gleichbehandlung des Totenkultes und des religiösen Kultes spiegelt sich deutlich der vom Tode geborene Charakter der Religion; ihr Ursprung im Verlangen des Individuums nach einer zwar illusionären, aber doch individuell psychisch wirkmächtigen Aufhebung des Todes. Die einzig zu diesem Zweck verwendeten Steine stellen sich — ebenso wie der Hang zur monumentalen und den Augenschein geradezu erschlagenen Architektur — als eine besondere Maßnahme zum Schutze dieser Vorstellung dar; als jene Form des Schutzes in Wucht, Penetranz und Aufwand, wie ihn nur jede unmittelbar erkennbare Form der Lüge und des Selbstbetruges benötigt.

Das Mantra der tröstlichen Verblendung

Wenn man ihm gegenübersitzt, sieht man durch das bloße Hinschauen, wie es um ihn steht — sein ganzes Leben ist beschädigt. Er hält sich an seiner Zigarette fest, ganz so, wie sich ein Ertrinkender an einen Strohhalm klammert; er zieht daran mit einer Intensität, wie sie nur selten zu sehen ist. Er hatte es sich abgewöhnt, das Rauchen, vor allem wegen der Kinder, aber er hat wieder angefangen, als es unerträglich wurde. Die Kinder sieht er kaum noch. Die Kinden sollen ihn auch nicht mehr sehen, sollen ihn vergessen. Die Körperhaltung ist eingesunken, jede Geste zurückhaltend, der gebrochene Blick mag sich kaum vom Boden lösen. Seine Stimme verrät selbst in ihrem zerbrochenen Klang noch, das sie einmal energisch, tatkräftig, zielgerichtet geklungen haben muss; damals, bevor er arbeitslos wurde, bevor seine Frau ihn mit einem dauerhaften Psychoterror fertig machte und sogar mit Gewalt aus der Wohnung geworfen hat — er kam aus falsch verstandener Ehre nicht einmal auf die Idee, zurückzuschlagen. Immer wieder, wenn er vom Jetzt und vom Damals erzählt, fügt er eine Art Mantra der tröstlichen Verblendung des New Age in seine Worte ein, die mich gegen die Tränen kämpfen lassen. Immer wieder sagt er mit einer Kraft, der man beim Hinhören das Zitternde und Gezwungene anmerkt, die Worte „Alles wird gut“. Und. Bekräftigt mit dieser hoffnungslos hoffenden Methode der Verdrängung erst, wie schlimm es wirklich ist.

Die Telefonzelle

Vor noch gar nicht so langer Zeit gab es Telefonzellen. Sie waren nicht nur gelb und wegen dieser Signalfarbe sofort sichtbar, sie waren auch Zellen, also abgeschlossene Räume im öffentlichen Raum. Die Tür war schwer und dämpfte den Schall; die Geräusche von außen drangen nur gedämpft hinein und das in der Zelle geführte Telefonat drang nur gedämpft nach außen. Diese Form spiegelte die Auffassung wider, dass ein Gespräch, und sei es auch ein Telefongespräch, einer gewissen Privatheit bedarf, die auch mit gestalterischen Maßnahmen zu schützen ist — und zwar völlig unabhängig davon, wie banal oder persönlich wichtig die Inhalte eines solchen Gespräches sind.

Die Telefonzelle ist genau so aus dem öffentlichen Blickraum verschwunden, wie die Anschauung einer schützenswerten Sphäre des Privaten für obsolet erklärt und aus dem öffentlichen Bewusstsein entfernt wird. Die öffentlichen Münzfernsprecher der heutigen Zeit stehen ungeschützt vor dem Tosen der Straße im Freien, und die Menschen, die sich dieser Apparate bedienen, kämpfen gegen dieses Hindernis für das sprechende Miteinander an, indem sie mit sehr lauter Stimme in das Mikrofon sprechen, so dass eventuell umstehende Menschen sehr leicht dem Gesprächsverlauf folgen können. Die meisten Menschen haben heute jedoch ein Handy. Und. Sie benutzen es an allen nur denkbaren Orten. Überall lassen sich heute die kleinen Geschäfte, die bitteren Familiendramen, die Freundschaften und die schutzlos gewordenen Beziehungen akustisch verfolgen, sie werden dem Ohr geradezu aufgedrängt. Niemand scheint mehr ein Empfinden dafür zu haben, dass für eine persönliche Kommunikation ein geschützter, privater Raum von Nöten ist. Es mag eine pure Koinzidenz sein, dass die Austilgung dieses Empfindens durch die Neugestaltung des öffentlichen Münzfernsprechers nur kurz nach der so genannten „Wiedervereinigung“ erfolgte, aber es ist auch eigentümlich passend, dass diese Neugestaltung in eine Zeit fiel, in der die im Alltag fühlbare Illusion des Kontrastes zu einem Überwachungsstaat DDR nicht länger aufrecht erhalten werden musste; eine Entwicklung, an deren Ende die heutigen staatlichen Allheitsträume einer totalen Prävention und Überwachung stehen, die zu einem angemessenen Unbehagen führen, das sich im Wort von der Stasi 2.0 Bahn bricht.