Tag Archive: Verantwortungslosigkeit


Alte, reiche Herren…

Alte, reiche Herren erklären in ihren Herrschaftssesseln den Krieg, den die jungen Menschen dann im Schlamm der Schützengräben sterben müssen.

So so, eine Flüchtlingskrise?

Gut, dass in dieser dichtbesiedelten BRD niemals ein Kernkraftwerk geGAUt¹ hat. Ein Staat, der damit überfordert ist, mal eben kurzfristig eine Million Menschen provisorisch unterzubringen, hat für derart schwere Katastrophen nicht vorgesorgt, sondern einfach immer nur aufs Beste gehofft und mit dem so eingesparten Geld stattdessen Anderes gemacht.

¹Ausgesprochen „nett“ ist übrigens von der deutschsprachigen Wicked Pedia, dass dort die Lemmata „GAU“ und „Super-GAU“ entfernt wurden, um unter dem alltagssprachlichen und aus den Medien „wohlbekannten“ Wort Auslegungsstörfall zusammengefasst zu werden. Nicht, dass noch jemand glaubt, dass ein deutsches Aküwort, das jahrzehntelang in der wissenschaftlichen Literatur und der bürgerlichen Presse, aber eben auch in der Anti-Atomkraft-Bewegung Verwendung fand, außerhalb irgendwelcher Spinnerkreis jemals irgendeine Bedeutung gahabt hätte. So sieht wenigstens jeder, der Augen zum Sehen hat, wie sehr die PR- und Propagandaabteilungen aus Politik, Wirtschaft und Reklame inzwischen die deutschsprachige Wicked Pedia übernommen haben und wie nutzlos dieses ehemals umfangreiche Nachschlagewerk für jedes Thema aus halbwegs aktueller politischer Diskussion geworden ist.

Einfachheit und Nachhaltigkeit…

Nichts vereinfacht das Leben so nachhaltig wie eine Diktatur.

Wladimir Iljitsch Lenin

Die Menschen in spätkapitalistischen Gesellschaften unterwerfen sich in blöder Verantwortungslosigkeit einem System, dessen Propagandisten Sicherheit als „Freiheit“, Lohnarbeit als „Autonomie“ und Fremdbestimmung als „Selbstfindung“ verkauften und tatsächlich — trotz des greif- und offen sichtbaren Unglücks vieler Zeitgenossen — immer noch verkaufen. Die Entfernung zwischen der niemals in der erforderlichen Tiefe betrachteten, lebensverachtenden, alles Miteinander in einen als „Wettbewerb“ bezeichneten Kampf auf einem Schlachtfeld voller Überfluss verwandelnden Dummheit der eigenen Gesellschaft und der gruseligen, mörderischen Dummheit des „Islamischen Staates“ mag viel weniger weit sein, als es für das „Weiter so“ angenehm wäre; die Frage, warum Menschen freiwillig aus der sicheren europäischen Zivilisation in das syrische Gemetzel gehen, wird niemals ohne Hinzutun einer großen Portion Verdrängung betrachtet und damit niemals beantwortet. Wenig überraschend ists, dass die Soldaten unter dem Befehl der Milliardäre gleich hinterherziehen müssen, um „Frieden“ und „Freiheit“ wiederherzustellen. Der mörderische Terror der „Islamisten“ ist ein Spiegelbild des stumpfen, menschenverachtenden Horrors im späten Kapitalismus, dessen obszöne Deutlichkeit den genaueren Blick schwer erträglich macht.

Einfach muss es sein, und benutzerfreundlich

Er sagte: „Verschlüsselung gehört in die Software, keine weitere Installation, keine Schlüssel, deren Erzeugung man selbst erledigen muss, ein Klick, und alles funktioniert automatisch. Dann fange ich auch damit an, meine Mail zu verschlüsseln“. Er ist ein gewöhnlicher Netznutzer der Generation Unwissenheit, jemand, der glaubt, eine Website sei sicher, wenn da ein kleines Schlösschen sichtbar wird, er hat sich noch nie die Frage gestellt, warum sein Browser so vielen Firmen und staatlichen Organisationen „vertraut“, von denen er noch nie etwas gehört hat. Er hält diese Einfachheit für „Sicherheit“, und er scheint sich zu wünschen, dass es bei E-Mail genau so einfach gehen muss.

Sein Windows ist auch sicher. Er hat ja Kaspersky, und das schützt. Ganz einfach.

Manchmal glaube ich ja, dass ich meinen Lebensentwurf umstellen sollte und damit anfangen sollte, Schlangenöl zu verkaufen…

Vom Land der Sklaven

Das Land der Sklaven ist voller Menschen, die selbstverständlich mit der niemals hinterfragten, unsichtbaren Kette aufgewachsen sind, die um sich herum ein Leben lang nur gefügige Menschen in unsichtbaren Ketten gesehen haben und die es in ihrer so staatserhaltenden Angst bevorzugen, bei der Sicherheit der unsichtbaren Ketten zu bleiben, statt sich in die Ungewissheit der Freiheit zu begeben.

Das Ende der Welt

Ich […] richtete mein Herz, zu suchen und zu forschen weislich alles, was man unter dem Himmel tut. Solche unselige Mühe hat Gott den Menschenkindern gegeben, daß sie sich darin müssen quälen.

Pred. 1, 12-13, zitiert nach dem 1912er-Luthertext

Im Moment erwarten (erhoffen?) einige Menschen das Ende der Welt, weil im Jahre 2012 der Kalender der Maya-Zivilisation in allen seinen nummerischen Stellen überläuft — und die entsprechenden Sachbücher verkaufen sich gut. Der Weltuntergang war schon immer ein gutes Geschäft, nicht nur für die Emmerichs dieser Welt.

Ja, schon immer, denn die (sehnliche?) Erwartung des Weltunterganges ist nichts neues. Die folgende Liste vergangener Erwartungen und Prophezeihungen des Weltendes ist mit Sicherheit sehr unvollständig. Die Mehrzahl der Menschen lässt sich viel zu gern durch die Erwartung eines Weltendes aus ihrer Verantwortung für das Weltgeschehen entlassen, als dass es nicht immer wieder zu derartigen Vorhersagen gekommen wäre. Natürlich sind diese Vorhersagen schnell wieder vergessen, und die Menschen sind bereit für die nächste Vorhersage.

Beginn der modernen Zeitrechnung — Die früheste Prophezeihung des Endes, die sich nicht erfüllen sollte, findet sich in der Bibel und stammt von Jesus dem Nazarener persönlich. Laut Mt. 16, 28 hat er seinen Jüngern gesagt: „Es stehen etliche hier, die nicht schmecken werden den Tod, bis sie des Menschen Sohn kommen sehen in seinem Reich“ — nun, mit den Jüngern ging es wie mit den zehn kleinen Negerlein, und die Welt drehte sich einfach weiter. Aber vielleicht hatten die Jünger im Sterben noch ein paar hübsche Visionen…

999 — Die biblische Offenbarung des Johannes wurde von der Kirche über Jahrhunderte hinweg so interpretiert, dass das Letzte Gericht und folglich auch das Ende der Welt eintausend Jahre nach der Geburt Jesus stattfinden sollte. Diese Auffassung war — gestützt durch die Autorität einer Kirche, die solche Rechnung anstellte — dermaßen verbreitet, dass das Ende der Welt mit Gewissheit und einer gewissen Ergebenheit in den Willen Gottes erwartet wurde. Die Äcker wurden nicht mehr bestellt, und viele Dokumente aus dieser Zeit begannen mit Wendungen wie „Jetzt, wo die Welt zu ihrem Ende kommt“. Es ist schon davon auszugehen, dass das Jahr 1000 n.u.Z. ein wirklich mieses Jahr geworden ist, allein schon wegen der nicht bestellten Felder und der deshalb verursachten Hungersnot, aber dermaßen mies ist es doch nicht geworden. Leider blieb die Autorität der christlichen röm.-kath. Kirche, von dieser offensichtlichen Fehlprognose völlig unberührt, erhalten, für etliche Menschen bis auf den heutigen Tag. Und. Wir sind Papst.

1033 — Nachdem das Weltende tausend Jahre nach der Geburt Jesu einfach nicht geschah und auch der verblendetste Paulusjünger diese Tatsache nicht ignorieren konnte, nahmen die röm.-kath. Gelehrten an, dass das Ende dann eben tausend Jahre nach dem Tod Jesu eintreffen müsse, den man im Jahre 33 veranschlagte. Auch diese vielgelehrte kirchliche Falschprophetie tat der Autorität der Kirche leider keinen Abbruch. Von einer inneren Einsicht und einer Selbstauflösung der Kirche ganz zu schweigen…

1186 — Im September des Jahres 1186 erwarteten viele Astrologen ein besonderes Ereignis und, damit verbunden, auch das Ende der Welt, weil sich alle sieben Planeten (nicht im modernen Sinne des Wortes, sondern im astrologischen: Sonne, Mond, Mars, Merkur, Jupiter, Venus, Saturn) im Sternbild der Waage trafen. Die Planeten folgten mit himmelsmechanischer Präzision ihren Bahnen und trafen sich (im astrologischen Sinne), und das Weltende ließ weiter auf sich warten. Übrigens glauben auch heute noch Menschen an astrologische Vorhersagen. Ein gutes Geschäft ist dieser dumme Glaube.

1524 — Astrologen in London hatten, nachdem der letzte astrologisch bestimmte und offenbar falsche Termin ein paar hundert Jahre zurücklag und in Vergessenheit geraten war, eine große, weltumfassende Flutkatastrophe für den 1. Februar 1524 prophezeiht, die in London ihren Anfang nehmen sollte. Nicht, dass Regen in London eine ungewöhnliche meterologische Erscheinung wäre, aber ausgerechnet an diesem 1. Februar fiel kein einziger Tropfen. Sehr ärgerlich, denn wer reich war und es sich leisten konnte, hatte in den Bergen große Anlagen mit Vorräten für viele Monate gebaut, die sich nun als recht sinnlose Geldverschwendung erwiesen. Ebenfalls haben sich viele vermögende Menschen mit Schiffen eingedeckt und sich mit hohem Aufwand für eine längere „Fahrt“ eingerichtet. Die Astrologen rechneten freilich noch einmal nach und entdeckten dabei, dass sie hundert Jahre daneben gelegen hatten. Zum Bedauern der Astrologen im Jahre 1624 sollte auch hundert Jahre später nichts geschehen. Leider hat im Zuge dieser Ereignisse niemand gemerkt, dass bezahlte Astrologie ebenfalls eine gewaltige Geldverschwendung ist.

1533 — Der Mathematiker Michaelus Stifelius zu Lochau in Deutschland berechnete den 3. Oktober, acht Uhr vormittags als exakten Zeitpunkt für das Weltende durch Lesen, Interpretieren und Durchrechnen der Offenbarung des Johannes in der Bibel. Zwar kümmerte sich die Welt nicht so sehr darum, dass der berechnete Zeitpunkt eintraf und existierte einfach weiter, aber immerhin kam für Stifelius das persönliche Ende; er wurde wegen seiner falschen Prophezeihung von den Bürgern Lochaus getötet. Wie anders doch die „aufgeklärte“ Gesellschaft mit solchen Idioten umgeht: Heute lässt man einfach ein paar Monate Gras über ein solches vollkommenes Scheitern wachsen, und danach werden die Scharlatane wieder in die Talkshows eingeladen, damit sie dort neuen Schwachsinn verbreiten können und neue Sachbücher anpreisen können. Manche verbreiten ihre faule Mantik sogar jedes Jahresende in angesehenen Zeitschriften mit hoher Auflage…

1665 — Die Pest ging über London und forderte ihre Opfer. Als ob der damit verbundene Schrecken nicht schlimm genug gewesen wäre, trat Solomon Eccles auf und verkündete, dass die gegenwärtige Seuche der Anfang vom Ende der Welt sei. Nun, Eccles kam ins Gefängnis, die Pest ging wieder vorbei, die Welt existierte weiter.

1757 — Der Mystiker Emmanuel Swedenborg hatte intensive „Unterhaltungen“ mit Engeln und erfuhr von ihnen, dass das Ende der Welt im Jahre 1757 läge. Offenbar handelte es sich nicht um besonders gut informierte Engel.

1814, 1801, 1544 und 1537 — Der Astrologe Pierre Turrel war offenbar schon etwas erfahrener im Prophetengeschäft und sagte deshalb voraus, dass das Große Ende aller Dinge in einem dieser vier Jahre eintreten sollte. Es kam zu vier Vorhersagen, weil er das Letzte Datum auf vier verschiedene Weisen berechnete und dabei vier verschiedene Ergebnisse erhalten hatte. Interessanterweise hat ihm das keinen Anlass gegeben, an seiner eigenen Methodik zu zweifeln. Nun, vier Chancen haben seine vier Vorhersagen gehabt, die astrologische Methodik muss wohl völlig unabhängig vom Ansatz ziemlich ungeeignet für solche Vorhersagen sein…

1843 — William Miller, der Gründer einer christlichen Kirche, die einen sehr starken „Endzeitaspekt“ hatte, sagte nach fünfzehn Jahren intensivem Bibelstudium das Ende der Welt für den 3. April 1843 voraus. Als dieser Tag ins Land ging und die Erde trotz des Welt- und Lebenshasses dieser Christen fröhlich weiterexistierte, verschob er das Datum einige Male, und seine Anhänger suchten jedes Mal, wenn das neue Datum kam, hohe Hügel auf. Die auf Miller zurückgehende Bewegung zerbrach in den folgenden Jahren und teilte sich in eine Reihe teilweise auch heute noch bestehender christlicher Kirchen auf, die vielleicht bekannteste von ihnen sind die „Siebenten-Tags-Adventisten“, die immer noch in großer Erwartung leben.

1874 — Charles Taze Russell, ein eifriger Interpretator der Maßverhältnisse in den Pyramiden von Gizeh und der Gründer der „Zeugen Jehovas“, sagte das Ende der Welt für das Jahr 1874 voraus. Es geschah natürlich nichts, und deshalb hat er nachträglich seine Prophezeihung ein bisschen geändert. Bis heute gehört es zur religiösen Lehre der Zeugen Jehovas, dass im Jahre 1874 Jesus in unsichtbarer Form zurückgekehrt sei und dass das große Ende der Welt bevorstehe, in dessen Verlauf der unsichtbar gegenwärtige Jesus offenbar werden wird. Das Datum für dieses große Ereignis wurde auch einige weitere Male aus diversen Zeitangaben in der Bibel ausgerechnet, aber für die Rechnenden unglücklicherweise mit erwartungsgemäß geringem Erfolg. Deshalb stehen im Wachtturm auch eher andere Dinge als eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte der eigenen Religionsgemeinschaft, und die meisten Zeugen Jehovas wissen heute nichts mehr von alledem.

1890, 1891 — Joseph Smith, der erste „Seher, Prophet und Offenbarer“ und Gründer der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen), der immerhin seinen Kopf zusammen mit einem Seherstein in seinen Hut steckte und auf diese Weise das ganze Buch Mormon von Gott selbst offenbart bekam und nur noch diktieren brauchte, er hatte auf einer Konferenz am 14. Februar 1835 gesagt: „Das Kommen des Herrn ist nahe, es sollen noch 56 Jahre bis dahin vergehen“. Die Jahre zogen ins Land, und der Herr hatte offenbar etwas Besseres zu tun oder einfach den Termin verschwitzt, aber es gibt immer noch eine ganze christliche Religionsgemeinschaft, deren Anhänger glauben sollen, dass dafür wenigstens die anderen „Offenbarungen“ dieses Propheten ein direktes, heiliges, von Gott geoffenbartes Wort sind. Und wenn sie nicht damit aufgehört haben, in Geheimritualen im Tempel die Namen, Griffe und Zeichen zu lernen, mit deren Kenntnis man sich Eintritt in das celestiale Reich verschaffen kann, denn glauben sie es noch heute.

1914 — Von den Zeugen Jehovas wurde das Jahr 1914 als Ende der Welt angekündigt, aber das Ausbleiben des ersehnten Ereignisses beendete nur für viele Zeugen Jehovas ihre weitere Mitgliedschaft in dieser obskuren, wahnhaften Sekte. Leider blieben genug übrig, um weiteren Nachschub von Haustür zu Haustür zu werben, und das gleiche geschah auch bei jedem folgenden Irrtum dieser Leute. (Allein mit den gescheiterten Prophetien des Weltendes durch die Zeugen Jehovas und den zugehörigen Geschichten könnte ein ganzes Buch gefüllt werden.) Wie ein Zeuge Jehovas trotz alledem mit seinen kognitiven Dissonanzen umgeht? Na, indem er sich einfach das Denken abgewöhnt. Und damit er auch gar nicht erst zum Denken kommt, wird ihm — wie mir neulich erst zwei Zeuginnen Jehovas auf der Straße erzählten — klar gemacht, dass dieses Internet, in dem man unter anderem die gesamte Geschichte der Zeugen Jehovas nachlesen kann, vom Teufel und sehr gefährlich sei.

1953 — Aus den Maßen der Kammern in der großen Pyramide zu Gizeh haben ein paar Verwirrte das Jahr 1953 als Jahr des Weltuntergangs berechnet. Offenbar haben sie nicht genau genug gemessen. Zurück an die Arbeit!

1975 — Die Zeugen Jehovas mal wieder. Und es. War wieder nichts. (Es wird auch nichts mehr werden. Leider bringt das keinen Zeugen Jehovas zum Nachdenken. Es ist doch erstaunlich einfach, den Menschen durch ein umfassendes Programm so zu beschäftigen, dass sein Gehirn nicht mehr zum Denken kommt!)

1982 — Im Sachbuch „Der Jupiter-Effekt“ wurde ausführlich beschrieben, was es doch für schreckliche Auswirkungen haben würde, dass im Jahre 1982 alle Planeten des Sonnensystemes fast in einer Reihe stünden und ihre Gravitation kombinierten. Nichts von allen schrecklichen Vorhersagen ist eingetreten, aber immerhin trat hier wenigstens erstmals ein neuer Wahnsinn auf. Zu den klassischen Pseudowissenschaften der Astrologie, des Spiritismus und zur Religion gesellte sich eine modern verkleidete Pseudowissenschaft, die für viele heute lebendende Menschen sehr viel glaubwürdiger klingt als die klassische bullshit science. Von der astronomischen „Argumentation“ im Buch „Der Jupiter-Effekt“ aus den Siebziger Jahren bis hin zu den heutigen Eso-Schinken und Betrugsprodukten, die eifrig von Energie, Tesla und allerlei Quantenquark schwätzen, ist es eine gerade Linie.

1996 — In der Bibel lässt sich ja lesen, dass vorm Angesichts Gottes tausend Jahre wie ein Tag sind, und manche Fundamentalisten und andere Autisten wollen auch mit dieser orientalischen Metapher auch rechnen. Da Gott für die Schöpfung des Universums sechs Tage, also sechstausend Jahre benötigt hat, um sich dann erstmal auszuruhen und den Schabat zu erfinden, soll auch die Menschheit für sechstausend Jahre arbeiten, um sich dann auszuruhen; so argumentierten wenigstens einige Sektierer, die die Bibel nicht für eine Überlieferung orientalischer Legenden, sondern für ein Rechenbuch gehalten haben. Und weil sie gerade so schön am Rechnen waren, rechneten sie auch gleich aus der Bibel aus, wie viele Jahre die Menschen jetzt schon arbeiten. Dabei kamen sie zum Ergebnis, dass die Erde 1996 untergehen sollte. Die Erde hat das aber irgendwie nicht gewusst, ganz im Gegenteil, 1996 war ein richtig tolles Jahr. Solche und ähnliche Rechnungen werden immer wieder einmal angestellt und in Traktaten und auf Websites veröffentlicht, auch mit derartigem Dummfug könnten ganze Bücher gefüllt werden.

1999 — Um den Nostradamus in dieser Liste nicht völlig zu vergessen: „L’an mil neuf cens nonante neuf sept mois / Du ciel viendra grand Roy deffraieur / Resusciter le grand Roy d’Angolmois. / Auant apres Mars regner par bon heur.“ Nun, im Juli 1999 geschah nichts, was nach einem König des Entsetzens am Firmament ausgesehen hätte, der den mongolischen König zu neuem Leben erweckte. Nicht einmal etwas, worauf diese Worte metaphorisch gepasst hätten. Vom erfolgreichen Pestarzt und wenig erfolgreichen Propheten Nostradamus lernen, das heißt für einen Untergangspropheten übrigens: Siegen lernen. Einfach eine Menge wirres Zeug voller Anspielungen und Chiffren zu Papier bringen und darin nur Jahreszahlen in weiter zeitlicher Ferne nennen! Das schafft eine gute Chance, dass der Unsinn auch ein paar Jahrhunderte später noch von vielen Menschen sehr ernst genommen wird.

2000 — Auch der Weltuntergang durch Computerprobleme im Zusammenhang mit dem Jahr 2000 blieb uns allen erspart. Aber in den Jahren vor dem Jahr 2000 machten eine Menge kleinerer Softwarehäuser ziemlich viel Reibach mit recht stümperhaften Serviceleistungen, die schon damals häufig von billigen Auszubildenden mit wenig Sorgfalt durchgeführt wurden. Die Liste möglicher Probleme in den gängigen Programmierumgebungen der alten Anwendungen (vor allem für Windows und MS/DOS) war wohl bekannt, und das Abarbeiten dieser Liste war recht routiniert. Irrationale Angst und mangelndes Wissen ist eine Kombination, die Scharlatanen immer wieder ein gutes Geschäft mit gesalzenen Rechnungen für objektives Nichts ermöglicht, damals wie heute. Nur, dass heute auch eine florierende technische Scharlatanerie herrscht, das Spiegelbild des technischen Analphabetismus vieler Menschen.

2000 — Natürlich gab es auch richtige Vorhersagen des Weltunterganges, dessen Ursache wohl diesmal darin bestehen sollte, dass sich bei der Schreibweise des Datums alle Stellen auf einmal ändern…

2001 — Die „wacheren“ Kalenderbetrachter haben bemerkt, dass der Gregorianische Kalender kein Jahr Null kennt, dass das neue Jahrtausend also folglich erst im Jahre 2001 beginnt. Mit dieser Argumentation hatten sie völlig recht. Allerdings hatten sie Unrecht damit, dass diese Tatsache irgendwelche Katastrophen bedeuten würde.

2012 — Das ist das Datum, das wir vor uns haben. Ein neuer, heißer Kandidat für eine inzwischen recht müde, aufgewärmte Geschichte… 😉

In Kulturkreisen, die von einer Religion geprägt wurden, die einen Weltuntergang in ihrem religiösen Gebäude integriert haben — und dieser Aufbau ist allen drei monotheistischen Weltreligionen gemeinsam — kommt es immer wieder zu derartigen Ausbrüchen des Wahnsinnes. Die allzu leichtwillige Bereitschaft, aufgrund dürftigster Argumente und gegen alle Vernunft an ein bevorstehendes Ende der Welt zu glauben, spiegelt die Sehnsucht nach einem solchen Ende wider, und diese Sehnsucht ist ihrerseits das Spiegelbild der Lebens- und Weltverachtung, die in diese Religionen eingebettet ist; letztlich des Selbsthasses, den diese Religionen von den Menschen abfordern. Dieser Selbsthass — der sich in psychologischer Absurdlogik mit einem überzogenen Narzissmus verheiratet hat — ist zu überwinden. Der Wahnsinn schwindet dann von allein, und damit auch ein Stück des gesellschaftlichen Wahnsinnes.

Stell die richtigen Fragen!

Die Frage bei den medial transportierten Nachrichten ist nicht, was in den industriell erstellten Meldungen gesagt wird, sondern was in ihnen verschwiegen wird, damit die Empfänger dieser nachgerichteten Nachrichten die falschen Fragen stellen.

Wer es schafft, Menschen dazu zu bringen, dass sie die falschen Fragen stellen, hat keine Probleme damit, diese falschen Fragen zu beantworten. Deshalb wird so viel Mühe darauf verwendet, dass sich der Menschen Sinn mit den falschen Fragen beschäftige. Die unter dem gegenwärtig ablaufenden, gesellschaftlichen Prozess geformte Welt ist voller Tafeln und Fingerzeige auf die falschen Fragen.

Die Frage beim Fortschritt ist nicht, wann er kommt und wie groß er ist, sondern in welche Richtung er die Menschen führt, führen wird, führen könnte, führen müsste.

Die Frage beim Wachstum ist nicht, welche Quantität es hat, sondern mit welchen Qualitäten es sich für welche Kreise der Menschen verbindet.

Die Frage beim Krieg ist nicht, welches Staaten ihre durch Konditionierung, Drill und Angst gefügig gemachten Menschen mordend aufeinander hetzen, sondern welche verachtenswerten Menschen und Institutionen von diesem Gemetzel profitieren.

Die Frage beim Gesundheitswesen ist nicht, in welcher Weise man dem Leben ein paar Jahre abtrotzen kann, sondern wie man den wenigen Jahren ein Leben abgewinnen kann.

Die Frage bei der wachsenden Arbeitslosigkeit ist nicht, wie man die Menschen denn nun „beschäftigen“ kann, sondern wie mit der sehr erfreulichen gesellschaftlichen Tatsache zu leben gedacht wird, dass immer mehr mühsame und geistlose Tätigkeit durch Maschinen erledigt wird, dass der Leistungsgesellschaft endlich der Bedarf nach von Menschen erbrachter Leistung ausgeht.

Die Frage bei der Informationstechnologie und vernetzten Rechnersystemen ist nicht, ob man Zugang zu aktuellen Informationen erhält, sondern ob man Zugang zu persönlich bedeutsamen Informationen erhält und wer diesen Zugang aus welchen Gründen und unter Vorschieben welcher Lügen einzuschränken bedenkt.

Die Frage bei der Bildung ist nicht, ob sie einen Menschen besser verwertbar für den betrieblichen Produktionsprozess mache, sondern ob sie den Menschen lebenstauglicher, feiner, wissender, fähiger zur Einsicht, langsamer zum unreflektierten Zorn, kurz: weiser machen kann.

Die Frage angesichts der Forderung nach „Mobilität“ ist nicht, wie sich ein Mensch sein modernes Nomadenleben als Getriebener seiner wirtschaftlichen Not organisiert, sondern ob ein Mensch als geborenes soziales Wesen bereit sein sollte, für ein solches Leben als atomisiertes und entsolidarisiertes Einzelwesen alle persönlichen Bindungen zu opfern.

Die Frage beim „geistigen Eigentum“ ist nicht, wie man es durch eine zu Recht erklärte Technikverhinderung durchzusetzen trachtet, sondern wie man den Nutzen an der obsolet gewordenen Contentindustrie vorbei an die Schöpfer immaterieller Güter bringen will.

Die Frage beim Geldsystem des Debitismus ist nicht, wie man es stabilisiert und erhält, sondern wie man es ohne gesellschaftliche Katastrophen überwinden kann.

Die Frage beim Besitz ist nicht, wie er geschützt und erhalten werde, sondern wie verhindert werden kann, dass er zu Geiz, Raffgier oder der Herausbildung eines modernen Feudalsystemes führt.

Die Frage bei der Krise ist nicht, wann sie endlich vorüber ist, sondern welche Chance sie bedeutet und warum diese Chance von niemandem ergriffen wird.

Die Frage beim Fernsehen ist es nicht, welcher Sender zu einem bestimmten Zeitpunkt das am wenigsten unerträgliche Programm anbietet, sondern wie und durch wen es gekommen ist, dass man kein anderes Leben mehr hat.

Die Frage bei Kunst und Kultur ist nicht, in welchem Museum und in welcher Ausstellung und auf welcher Veranstaltung man sie kostenpflichtig und stark ritualisiert dargeboten bekommen kann, sondern wo und warum sie im Alltag schmerzlich vermisst werden.

Die Frage beim Lesen der Texte eines Menschen, den man zunächst als naiven Traumtänzer empfindet, ist nicht, warum der so ein naheliegendes, illusionär und naiv wirkendes Zeug denkt, sondern warum das so wenige Menschen zu tun scheinen.

Die Frage im Wahlkampf ist nicht, wie die photoshopretuschierten Gesichter der Politdarsteller aussehen, sondern welche Antwort diese Politdarsteller auf die richtigen Fragen geben würden, derer ich hier nur eine unvollständige Auswahl gegeben habe. Und. Wie sie wohl diese Antwort in gesellschaftliche Gestaltung umsetzen würden.

Mich als Bettler hat heute allen Ernstes ein ausgewachsener Mann mit einem Alter von deutlich mehr als dreißig Jahren danach gefragt, was er denn wählen soll. Ja, mich hat er das gefragt. Und. Ja, er hat das gefragt. Sehr ehrlich und allen Ernstes. Und. Ich war dermaßen baff, dass ich auf diese in einem Wahlkampf gar nicht so fern liegende Frage gar keine Antwort geben konnte.

Erst Stunden später habe ich bemerkt, dass ich auf diese Frage keine Antwort geben konnte, weil es nicht die richtige Frage war. Er hat nicht gefragt, ob er überhaupt eine Wahl hat, was ja vor einer solchen Entscheidung als Grundlage des ganzen Vorganges nicht unerheblich ist. Sonst hätte er vielleicht bemerkt, woran die ihm abgeforderte Entscheidung krankt, vielleicht hätte sogar selbst einen Umgang damit gefunden. Nein, er wollte diese Entscheidung, die er gewiss nicht als eine Freiheit, sondern als etwas von außen Aufgebürdetes empfindet, an jemanden delegieren, um sich davon zu befreien.

Aber wie sollte er auch die richtigen Fragen stellen?

Von den Wahlplakaten, aus den Zeitungen, aus den schwatzvollen Polittalkshows in der Glotze und aus der sonstigen Wahlwerbung der antretenden Parteien findet er nichts, was ihn im Fragen unterstützt. Nur „Wir haben die Kraft“, „Deutschland kann es besser“ und „Deshalb SPD“ — immer verbunden mit Antworten auf fühlbar falsche Fragen. Und aus sich selbst heraus einen Gedanken zu denken, das ist selbst für mich nicht leicht, trotz bester Voraussetzungen, also aus einem vollständig verstandenen und nicht verdrängten Maß persönlichen Zerbruches heraus.

Ich befürchte, die meisten delegieren ihre Möglichkeit zur Entscheidung an etwas anderes, an einen als extern empfundenen und extern durch Manipulation getriggerten Prozess. Und. Sie halten solche Deinung für ihre Meinung.

Mit leisem Gruß an M. — lass dich nicht irre machen vom schwarzen Wahn, den du geradefleuch entkommen bist und verwechsle Abziehbilder nicht mit dem Leben!

Der Staat ist mein Hirte

[…] die Ohnmachtsgefühle des Bürgers, die sich angesichts einer solchen Entwicklung einstellen, sind eben nicht ursprünglich von diesem Moloch bewirkt, sondern sind nichts anderes als eine automatische, völlig lebenslogische Rückantwort der eigenen Unwilligkeit gegenüber Aufklärung und Nachdenken, gegen persönliche Unabhängigkeit und gegen ein Minimum an Mut zur Freiheit und Selbständigkeit. Führt sich die Masse auf wie eine dumme Schafherde, wird sie eben auch als solche behandelt, wird in den Pferch getrieben und abgeschlachtet. Da hilft dann auch kein Muh und Mäh mehr.

Quelle: schamane GLR Blog via Womblog

In der Grammatik gibt es übrigens ein klares, deutsches Wort für das Verbgeschlecht Passiv, und dieses lautet „Leidensform“.

Die bequeme Unmündigkeit

Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, u.s.w., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen. Daß der bei weitem größte Teil der Menschen (darunter das ganze schöne Geschlecht) den Schritt zur Mündigkeit, außer dem daß er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte: dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben. Nachdem sie ihr Hausvieh zuerst dumm gemacht haben und sorgfältig verhüteten, daß diese ruhigen Geschöpfe ja keinen Schritt außer dem Gängelwagen, darin sie sie einsperrten, wagen durften, so zeigen sie ihnen nachher die Gefahr, die ihnen droht, wenn sie es versuchen allein zu gehen. Nun ist diese Gefahr zwar eben so groß nicht, denn sie würden durch einigemal Fallen wohl endlich gehen lernen; allein ein Beispiel von der Art macht doch schüchtern und schreckt gemeinhin von allen ferneren Versuchen ab.

Immanuel Kant