Tag Archive: Verantwortung


Das heilige Maschinengewehr

Einem besonders lichtscheuen und verachtenswerten Gesindel gehört Kardinal Joachim Meisner an, der die von Soldaten durchgeführten politischen Morde mit den folgenden Worten für völlig unbedenklich erklärt:

Einem gottlobenden Soldaten kann man guten Gewissens die Verantwortung über Leben und Tod anderer übertragen, weil sie bei ihm gleichsam von der Heiligkeit Gottes abgesegnet sind.

Den Unterschied zwischen dieser für die gröbere Form der politischen Gewalt so nützlichen, aus geweihtem Munde geäußerten hl. Auffassung und dem Reden gewisser islamischer Absegner des Mordens mögen sich bitte die röm.-kath. Theolügner aus ihren Fingern saugen. Für jeden einigermaßen denkenden Menschen ist nach Überwindung des ersten Brechreizes leuchtendhell klar, was von einem Menschen zu halten ist, der den Mord für heilig erklärt, wenn er nur mit einem inneren Halleluja ausgeführt wird. Hier ist die Kontinuität der staatstragenden christlichen Geschichte, bis das Blut nur so aus der Bibel strömt. Ich bin beschämt darüber, dass so ein politisch nützlicher Mordheiliger solche Worte reden kann, ohne dass ihm wenigstens ein paar faule Eier in seine schwuppig anmutenden Klamotten und in seine kalte Fratze fliegen.

Die Ablehnung der Wissenschaft

Erfolge nehmen alle in Anspruch, die Misserfolge werden einem einzigen zugeschrieben.

Publius Cornelius Tacitus

Wenn so viele (und immer mehr) Menschen trotz aller Strahlkraft des Fortschrittes in ihren Alltag hnein die Wissenschaft verwerfen und in allerlei dumme Irrationalität flüchten — von der Astrologie über die vielen stumpfen Facetten einer geistlosen Magie der Esoterik bis hin zur völlig wirrhirnigen Verschwörungstheorie — denn ist das nur ein Spiegelbild der Tatsache, dass der Betrieb der Wissenschaft längst schon zum Instrument einer Herrschaft geworden ist, die das Leben der Menschen ausschlürft, dass sie. Darin ein Nachfolger der einst so wirkmächtig knechtenden und staatstragenden Religion geworden und in gleicher Weise ethisch verroht und verrottet ist. Von der mit wissenschaftlicher Methodik betriebenen Optimierung des fordistischen Fabriksystemes über die im gleichen Geist betriebenen Mordfabriken der Nationalsozialisten bis hin zum „Fortschitt“ bei der Konstruktion immer wirksamerer und großmörderischerer Kriegswaffen zieht sich ein blutiger Strom durch die so genannte und in gewissen Selbstfeierlichkeiten so lautstark verherrlichte „Aufklärung“, der trotz der kürzeren Zeitspanne in seiner Mächtigkeit das mit religiöser Menschenverachtung vergossene Blut noch in den Schatten stellt, während die areligiöse Priesterkaste der Wissenschaftler hörig und hündisch ihren Bauch mit den Krumen atzt, die so reichlich von den Tischen der Herrschenden und Besitzenden in die Münder ihrer Schergen fallen. Wo aus dem Wissen gesellschaftliche Verantwortung folgt, nur Schweigen. Und. Ein unentwegtes Kreisen um die eigenen Strukturen, die zu einer gesellschaftlichen Parallelwelt geworden sind und damit den Glauben nähren, jenseits des Prozesses zu stehen, der über die Gesellschaften abläuft. Während Wissenschaftler kaum müde werden, den abergläubischen bullshit gewisser Esoteriker und Pseudowissenschaftler (mit gutem Recht) zu verdammen, treten sie der wissenschaftlichen Mimikry in der herrschaftlichen Volksverdummung durch allerlei gefälschte Statistik und haltlosen Rationalsprech der so geldwerten modernen Irrationalität des Wirtschaftens mit einem bemerkenswerten Schweigen gegenüber und ermöglichen durch dieses klaffende Loch derartiger Verdrängung einen bemerkenswerten Blick in die gesellschaftliche Funktion ihrer Tätigkeit. Wahrgenommene Verantwortung. Sieht anders aus.

Dieser Text enthält 23 Prozent unreife Gedanken… 😉

L’hôpital froid

Vorweg

Wer krank und hilflos ist, aber es noch irgendwie schafft, einen eigenen Willen zu äußern und durchzusetzen; wer von beflissenen Rettungssanitätern in ein Krankenhaus verbracht wird, weil ein Arzt dies (zuweilen ja doch aus gutem Grunde) für angemessen und richtig hält, aber noch nicht vom Selbsthass zerfressen ist und noch ein Gefühl für seine eigene Würde als Mensch hat, der sollte vor allem auf eines achten und bestehen, und zwar so energisch wie nur irgend möglich: Dass er niemals, niemals, niemals in das Henriettenstift in Hannover gefahren wird, dort, wo sich Sallstraße und Marienstraße treffen. Vielleicht sollte er auch die anderen Häuser des Henriettenstiftes, etwa in Kirchrode, meiden, aber dazu kann ich aus eigener Erfahrung nichts sagen.

Und er sollte sich niemals von irgendjemandem einreden lassen, dass es sich beim Henriettenstift zu Hannover (betrieben von der Diakonie) um eine gute Wahl und um ein gutes Krankenhaus handelt. Niemals!

Kälte

Sie ist über siebzig Jahre alt, und ich hoffe sehr, dass sie noch lebt, denn ich mag sie. Ein besonderes Vertrauen in die Herzmetzgerei Henriettenstift habe ich nicht, deshalb kann ich nur hoffen. Sie ist natürlich schon etwas hinfällig, denn Menschen werden nun einmal etwas hinfällig, wenn sie alt werden. Die Jahre gehen über den Körper, die Krankheiten sammeln sich an, der vergangenen Freuden verblassen über die Last des Daseins, das Leben wird zur Quälerei — der siechvolle Sterbeprozess ist im gleichen Maße tabuisiert wie der Tod selbst, während rundumher die großen, bunten Werbetafeln von Aktivität und Jugend schreien. Der erste falsche Glaubenssatz des Konsumismus lautet: Vergessen macht frei.

Sie wollte rausgehen, in die stinkende Stadt der tausend Dröhne. Ein Weg zur Bank, um die Katastrophe ihres Kontoauszuges zu betrachten und ein paar Dinge zu erledigen, denn die Frucht eines Lebens voller Arbeit reicht hinten und vorne nicht. In der U-Bahn-Station bemerkte sie plötzlich, dass ihr der gesamte rechte Teil des Gesichtsfeldes ausgefallen war, dass sie nur noch verschwommen sah und dass ihre Sicht von Schlieren, schwarzen Bereichen und Wellenmustern überlagert wurde. Deshalb ging sie wieder zurück, ängstlich (wer wäre das in so einer Situation nicht) und verunsicherten Schrittes stapfte sie durch den Schnee. Zurück. Nur ankommen.

Sie wollte nicht krank sein. Sie weinte laut und hemmungslos, weil sie sich die medizinische Behandlung finanziell nicht mehr leisten kann. Zur Vernichtungsangst, die mit einem solchen Ausfall einher geht, gesellte sich die Existenzangst, die dem Armen aufkommt, wenn weitere, unerwartete Kosten eine ganze Monatsplanung zerstören, wenn absehbar wird, dass am Ende des Geldes wieder einmal so viel Monat übrig sein wird. Und die Angst, dieses lähmende Gift der Seele, macht ihrerseits die Symptome einer Krankheit grausamer. Ein Höllenkreisel der Psyche, der sich selbst stabilisiert. Ihr Tag hatte gut und kraftvoll begonnen, doch nun war sie ein Häuflein Elend, weinend, markerschütternd weinend, unartikuliert wie die Stimme eines kleinen Kindes aus dem Munde eines Erwachsenen. Sie weinte auch noch, als sie schließlich von ihrer Angst angetrieben den Notarzt anrief, sie war so fertig, dass ihr sogar die sonst so klare Stimme im Munde zerbrach. Dort bestellte man gleich die Rettungssanitäter der Feuerwehr, denn am Telefon musste sich der Verdacht auf einen Schlaganfall aufdrängen.

Ich war dabei, redete auf sie ein, versuchte verzweifelt, etwas Ruhe in ihren schrecklichen Zustand zu bringen, hielt ihre Hand, versuchte mit Worten, an das einzige Mittel gegen die Angst zu appellieren, dass einem Menschen zur Verfügung steht, an die Vernunft. Auch die professionellen Helfer aus dem feuerroten Wagen ließ ich hinein, und sie taten das, was sie wohl immer in einer solchen Situation tun. Sie stellten einige Fragen nach dem Verlauf und beobachteten aufmerksam, ob irgendwelche Ausfälle erkennbar wurden, die auf einem Schlaganfall hindeuteten; sie prüften, ob beide Hände die gleiche Kraft beim Druck ausüben; und sie maßen flugs den Blutdruck, der in dieser Situation natürlich erschreckend hoch war. Dann sollte sie ins Krankenhaus, damit ihr von einem Arzt geholfen werden kann, und ich fuhr mit. So kamen wir an der Notaufnahme des Henriettenstiftes an.

Es war ein kalter Wintertag mit ordentlichem Schneefall, ganz so, wie es die Wettervorhersage vorhersagte. Der Schnee fiel, verdichtete sich durch Kompression auf den Straßen und Wegen zu Eis, und Unfälle aller Art waren häufig. Die Notaufnahme des Krankenhauses war dementsprechend überlaufen, und die dort arbeitenden Menschen waren überlastet und konnten des Ansturmes nicht richtig Herr werden. Dennoch tat jeder sein Bestes in dieser Situation. Wo wenig Menschen viel Arbeit verrichten müssen, da verrichtet der einzelne Mensch eben zu viel Arbeit, man muss im Zeitalter der totalitären Verwirtschaftung ja überall sparen, und Personalkosten sind da ebenfalls ein Teil. Es war ein kalter Wintertag mit ordentlichem Schneefall, ganz so, wie es die Wettervorhersage vorhersagte. Es war auch ein seelisch kalter Tag, wie alle 365 Tage des Jahres im kalten kalten Königreich des Mammons.

Die mehrstündige Wartezeit an der Notaufnahme, bis dann endlich ein Arzt im Notdienst die Zeit für eine erste Begutachtung entbehren konnte — immerhin bei einem Verdacht auf Schlaganfall — ist also durchaus verständlich. Für jeden, der aus der Sicht der Rationalisierung und der Verherrlichung des Geldwertes für alles Verständnis aufzubringen vermag. Wer, anders als sie, über Geld verfügt, wird wohl zumindest schneller, vielleicht gar etwas besser behandelt und erhält eine größere Chance, zu überleben. Den Wert eines Menschenlebens drückt man im Königreich von Merkel, Schröder, Steinmeier, Westerwelle und der INSM am trefflichsten in Euro aus. Der Rest. Ist Schweigen und eine Kollektion wohlklingender Worte ohne weitere Verpflichtung, eine Sonntagsrede von Menschenwürde und Lebensrecht. Immerhin war gut geheizt. Und wer sich während der Wartezeit noch die Beine vertreten konnte, der fand überall im öffentlichen Bereich dieses Krankenhauses die Hochglanzwerbung für dieses Krankenhaus, in Wort und photoshopretuschiertem Bild faselnd von allerlei Werten und sonstigem Zeug.

Immerhin, nach etwas über viereinhalb Stunden des Liegenlassens einer von Vernichtungsangst gequälten, alten Frau kam es zu einer ersten Begutachtung durch eine Fachärztin des Krankenhauses. Die neurologische Untersuchung war, so weit ich das als medizinischer Laie beurteilen kann, gründlich und kompetent, und der verfügbare diagnostische Apparat des Krankenhauses kam zum Einsatz, einschließlich einer CT. Der Krankenkasse gegenüber soll ja etwas abgerechnet werden, und auf dieser Rechnung erscheinen nicht Würde und Menschlichkeit, sondern die erbrachten „Leistungen“ des Hauses. In der Mischkalkulation, die ein paar Ebenen höher gemacht wurde, um diese medizinische Fabrik zu einem wirtschaftlich erfolgreichen Unternehmen zu machen, ist es wieder einmal aufgegangen, und dieses Mal musste nicht ein ausgewanderter Puls von der Liege auf die Bahre gewuppt werden. Obwohl ich Krankenhäuser hasse, war ich doch froh, dass ich mitgekommen war, denn sonst hätte dort ein Mensch viereinhalb Stunden geängstet und wimmernd herumgelegen, ohne dass sich jemand in der emsigen Betriebsamkeit dieses hôpital froid die Mühe gemacht hätte, eine nicht abrechenbare „Leistung“ wie ein menschliches Wort oder gar eine gehaltene Hand zu erbringen.

Man hat ja keine Zeit, und alles ist so viel Arbeit heute. Jeder tut, was zu tun ist, und niemand ist für das Gesamte verantwortlich. Mit den gleichen Prinzipien, mit denen die Prozesse eines größeren, gut durchrationaliserten Betriebes durchgeführt werden, könnte man auch ein KZ betreiben, schoss es mir irgendwann durch den Kopf, als ich mich selbst in Zynismus flüchtete, um den stumpfen Zynismus, der mich umgab, ertragen zu können.

Geldschneiderei

Als es endlich so weit war, dass eine Fachärztin da war, wurden wir beide froh, dass das Warten in Quälerei ein Ende finden sollte. Auch sagte ich zu ihr, die außer einem Frühstück vor dem geplanten Weg in die Stadt noch nichts gegessen hatte und inzwischen auch ein sehr flaues Gefühl im Bauche hatte, dass sie wohl bald wenigstens etwas essen könnte — denn auch die körperlichen Bedürfnisse eines Menschen, so sie nicht direkt gegenüber der Krankenkasse abrechenbar sind, spielen im Betrieb des Krankenhauses keine besondere Rolle. Es gibt ja einen überteuerten Kiosk und einen Automaten, an dem sich die Menschen allerlei junk food zu gesalzenen Preisen kaufen könnten, wenn sie sich das noch leisten können.

Ich war so zuversichtlich, weil mir schon vorher klar war, zu welchem Ergebnis die Ärztin in ihrer Untersuchung kommen würde, und zwar völlig unabhängig von den Zahlen und Bildern, die von den Geräten ermittelt werden. Natürlich sollte sie im Krankenhaus bleiben, obwohl es keinerlei Anzeichen für einen Schlaganfall gab (und es sich wohl eher um eine vorübergehende Durchblutungsstörung im visuellen Cortex handelte — die eigentlichen Symptome hatten längst deutlich nachgelassen), damit das noch ein paar Tage lang „beobachtet“ werden kann. Dies ist ja schließlich eine „Leistung“ des Krankenhauses, die mit der Kasse abgerechnet werden kann, und nur dafür wird der ganze Betrieb ja betrieben. Jede andere ärztliche Auffassung hätte das Bild in meinem Kopfe, das sich durch die schlichte Betrachtung dessen, was mich umgab, immer dinglicher ausformte, zerschmettert.

Und natürlich sollte es gleich auf die stroke station gehen. In ein „paar Minuten“ sollte sie zur intensivmedizinischen Überwachung auf die Station gebracht werden. Und. Ja, sie bekäme dort auch etwas zu essen.

Die „paar Minuten“ dehnten sich zu weiteren zweieinhalb Stunden auf einer unbequemen Liege in der Notaufnahme. Zweieinhalb Stunden, in denen sich niemand um eine alte Frau kümmerte und — auf explizite Ansprache — niemand für sie „zuständig“ war, deren Zustand immerhin von einer Fachärztin als so ernst eingeschätzt wurde, dass er der intensivmedizinischen Überwachung bedürfe. Allein diese Vorgehensweise legt den Gedanken aufdringlich nahe, dass der Zustand so ernst wohl doch nicht gewesen sein kann, dass die Verkabelung des Körpers mit einer Reihe von Messgeräten nur vorgenommen werden sollte, um ein paar wirklich teure Tage mit der Kasse abzurechnen. Unterdessen hätte sie dort wimmernd auf der Liege verrecken können, es hätte wohl niemanden interessiert. Und niemand hielt es für nötig, ihr oder mir etwas darüber zu sagen, wie lange es noch dauern würde und worin der Grund für diese Verzögerung läge. Jeder tat, was er zu tun hatte und wofür er bezahlt wurde, und niemand war verantwortlich für die entstehende, unmenschliche Gesamtheit des Ablaufes.

Nach deutlich über anderthalb Stunden des weiteren Wartens — niemand unterstelle ihr oder mir einen Mangel an Geduld! — hatten wir es satt. Sie war inzwischen sehr unruhig geworden, die schlimmsten Symptome hatten nachgelassen und so konnte sie bemerken, wie sie als hilfloser Mensch zu einer reinen Wirtschaftsmasse aus noch zuckendem Fleisch, zu einem Objekt der Rechnungsstellung geworden war. Wir beschlossen, einfach zu gehen, die nächste Taxe zu nehmen — weder ich noch sie hatte auch nur das Geld dafür — und diese Hölle zu verlassen. Um zu erkennen, dass die angeordneten „medizinischen Maßnahmen“ reine Geldschneiderei gegenüber der Krankenkasse waren, dass sie mit einer beachtlichen Gleichgültigkeit gegenüber dem wirklichen medizinischen Zustand und dem leidenden Menschen angeordnet wurden, bedurfte es keiner besonderen mentalen Befähigung und keiner medizinischen Fachkenntnisse mehr. Die offen herumliegende Mappe mit den Untersuchungsergebnissen (ich habe sie in den vielen Stunden sehr sorgfältig durchgelesen, sie enthielt für meine laienhaften Augen in viel medizinischer Fachsprache verpackt immer wieder die Feststellung, dass es keinerlei messbare medizinische Auffälligkeit gibt) wollten wir einfach mitnehmen, um im Zweifelsfall handfestes Belegmaterial zur erlebten Willkür und Unmenschlichkeit zu haben. Angesichts der Tatsache, dass ich im Begriffe war, mit einem Menschen das Krankenhaus zu verlassen, für den gerade ärztlich eine intensivmedizinische Überwachung angeordnet wurde, stand ich mit diesem Entschluss ja mit einem Bein im Gefängnis, wenn nur irgend etwas passiert — und die Unmenschen, die diesen Betrieb aufrecht erhalten, werden ihrerseits niemals ein Gefängnis von innen sehen, egal, was passiert. Da sichert man sich gern gegen jede Eventualität ab, wenn man noch Restfunktionen des Verstandes hat.

Natürlich war sie nach den zermürbenden, inzwischen mehr als sieben Stunden des Wartens, nach der ausgestandenen Todesangst, nach einem Tag ohne Essen, nach einer völlig entwürdigenden, kalten und unmenschlichen Behandlung einfach… nur noch fertig, schlaff, hilflos, gar von einer gewissen Sehnsucht nach dem Tod erfüllt, ihre Stimme kraftlos, die Müdigkeit überwältigend. Angst, Hunger und seelische Kälte machen eben müde. Und auch ich, der ich „nur“ dabei war, zehrte schon längst von den letzten Resten meiner psychischen und physischen Leistungsfähigkeit.

Es war schon sehr erstaunlich, wie auf einmal in dieser Notaufnahme, die sich sonst einen Dreck um einen dort in Not und Todesangst herumliegenden Menschen scherte, Aufmerksamkeit entstand. Auf einmal fühlte sich einer der dort herumlaufenden Pfleger sehr wohl „zuständig“ für diesen Vorgang. Zunächst sprach er mich recht energisch an, vielleicht auch, weil er mich für die treibende Kraft hielt und aus seiner täglichen Erfahrung in diesem Betrieb heraus sehr genau wusste, dass die so misshandelten Menschen jede Widerstandskraft verlieren. Als erstes erzählte er mir, dass es die von misshandelte Frau „gleich“ auf die Station käme, woraufhin ich erwiderte, dass dieses „gleich“ sich schon deutlich über anderthalb Stunden hinzieht und dass es mit der angeordneten intensivmedizinischen Überwachung wohl nicht ganz so wichtig sein könne. Dann versuchte er mir Angst einzujagen mit dem Hinweis, dass ich die ganze Verantwortung trüge, wenn irgendetwas passiert. Ich musste mich wirklich sehr beherrschen, diesem Typen nicht in seine unmenschliche, wirtschaftsfaschistische Fratze zu rotzen und ihm ohne eine Spur von Boshaftigkeit oder Aggression, aber doch klar und entschieden entgegenzuhalten, wie zynisch und unmenschlich das Wort „Verantwortung“ aus solchem Mund und in solcher Situation klingt. Zu guter Letzt behauptete er, dass die Mitnahme der Untersuchungsergebnisse doch verboten sei — er sah die Mappe in meiner Hand — und dass ich diese Dokumente aber sofort herausgeben sollte. Ich setzte das grimmigste mir mögliche Gesicht auf und sagte nur, er könne ja versuchen, sich die Mappe zu holen, und ich sags euch, wenn es zum Kampf gekommen wäre, denn säße ich jetzt wegen Totschlages in Untersuchungshaft und würde das hier nicht mehr schreiben und veröffentlichen können. Zu guter Letzt belegte er die gesamte Verrohung und Verrottung seiner stinkenden Seele, indem er einsah, dass seine Standardmethoden bei mir nicht mehr wirklen, mich einfach ignorierte und mit gut geübter Routine auf eine hilflose, geängstete, völlig erschöpfte Frau einredete, die zuvor von ihm und seinen Kollegen so viele Stunden sich selbst überlassen worden war und sich dabei auch nicht zu schade dafür war, mit seinem gefräßigen Fleisch nach ihrer Hand zu grabschen, ihr tief in die Augen zu blicken, sie zum Zurückschauen aufzufordern und wie ein geübter Hyponotiseur monoton auf sie einzureden, offenbar genau wissend, dass von ihr nach stundenlanger Zermürbung durch seelische Misshandlung kein Widerstand mehr zu erwarten ist. Das „überzeugte“ sie, und sie ging zurück zu einer weiteren Dreiviertelstunde des Wartens. Er muss viel Erfahrung darin gehabt haben. Ich sagte ihm auf den Kopf zu, was er da getan hat und wie sehr ich ihn dafür verachte, und ich prägte mir das Gesicht dieses sehr beflissenen Schergen ganz genau ein, man sieht sich ja immer zweimal im Leben. In mir zerbrach eine ganze Welt, und ich musste mich sehr zusammenreißen, nicht auf der Stelle krampfartig zu weinen.

Nach einer weiteren Dreiviertelstunde — die unmittelbare psychische Wirkung der sehr geübt gegebenen Hypnose ließ gerade nach, und sie war zwar noch erschöpfter, hungriger und müder, dachte aber schon wieder daran, dass wir vielleicht doch wie beschlossen gehen sollten — kam sie endlich zum intensivmedizinischen Verdrahtetwerden auf die Station. Es war der gleiche Pfleger, der sie dorthin brachte und der mich nach allen diesen Stunden sogar noch mit seinen Worten daran hindern wollte, dass ich mitkomme — und zwar gegen den Willen der Frau, die er jetzt dorthin bringen sollte.

Er war sehr aufmerksam, als er das kleine kahle Zimmer in der Notaufnahme betrat, er wusste eben, worauf es in solcher Situation ankommt. Sein erster Blick galt dem Tisch mit der Mappe, die er an sich nahm, bevor er auch nur ein Wort sagte — er handelte eben wie jemand, der genau weiß, dass gewisse Spuren nicht an andere Augen geraten sollten, weil sie eben auch Augen öffnen können. Auch das wirkte ausgesprochen routiniert.

Auf der Station

Auf der stroke station (man spricht dort kein Deutsch mehr auf den Schildern) wurde sie dann schließlich von einer freundlichen Assitenzärztin mit den Geräten verkabelt, und ich verabschiedete mich vorher mit einer langen und traurigen Umarmung. Die Ärztin erzählte mir angesichts dieser Szene ihr Märchen von den „guten Händen“ in denen die zerschlagene Seele jetzt sei, und ich rang mit den Tränen, als ich ihr kurz und wenig konsistent erzählte, was das für „gute Hände“ sind, die wir den ganzen Tag erleben und erleiden durften. Sie zeigte sich ernsthaft entsetzt von den Zuständen, aber diese liegen eben auch außerhalb ihres Zuständigkeitsbereiches, wie sie sagte. Jeder tut eben nur seine Arbeit, und niemand ist verantwortlich für das sich ergebene Gesamte, der Moloch brennt lichterloh und bratend, die Hände sind in Unschuld und Sterilium gewaschen.

Ich verabschiedete mich von diesem verantwortungslosen Rädchen in der Seelenmühle kurz und so freundlich, wie ich es gerade noch hinbekam. Ich hätte ihr noch vieles mehr zu sagen gehabt, auch darüber, ob es vielleicht ein bisschen mehr in ihrem „Zuständigkeitsbereich“ läge, wenn so eine intensivmedizinische Beobachtung eines Patienten ganz offenbar aus reiner Kostenschneiderei angeordnet wird, wenn es so ganz offensichtlich scheißegal ist, wie es dem Menschen ergeht, bis er endlich an die Apparate angeschlossen wird, auf dass die Kasse klingele, die Hauptsache in alledem. Ich war endlich mürbe, wollte nur noch raus und dieses Haus niemals wieder betreten. Raus auf die kalte Straße, um endlich in aller Ruhe für mich zu heulen. Nein, ich wollte nicht mehr, dass mir jemand den Weg nach draußen zeigt, da irre ich lieber selbst durch die (recht gut ausgeschilderten) Gänge des inzwischen still gewordenen Hauses.

Nach einem ganzen Tag unter Sterilität und Leuchtstofflicht trat ich endlich hinaus aus diesem Haus, über dessen hellerleuchtetem Glastor am besten noch die diakonischen Worte „Wer hier eintritt, lasse alle Menschlichkeit fahren“ passen. Der Wintertag hatte sich längst in eine kalte Winternacht ergossen, der stobende Schnee schoss mir nass und schwer in das Gesicht. Ich war nur dünn bekleidet, aber ich fror nicht. Es erschien mir draußen, bei minus sechs Grad, sogar körperlich noch wärmer als in diesem Krankenhaus. Erst jetzt spüre ich, wie groß die Anleihe auf meine Gesundheit ist, die ich genommen habe.

Zum Schluss

Wer krank und hilflos ist, aber es noch irgendwie schafft, einen eigenen Willen zu äußern und durchzusetzen, der soll dies bitte und um seiner eigenen Würde willen tun! Wer von beflissenen Rettungssanitätern in ein Krankenhaus verbracht wird, weil ein Arzt dies (zuweilen aus wirklich gutem Grunde) für angemessen und richtig hält, der sollte vor allem anderen auf eines dabei achten und bestehen, und zwar so energisch wie nur irgend möglich: Dass er niemals, niemals, niemals in das Henriettenstift in Hannover gefahren werde, dort, wo sich die Sallstraße und die Marienstraße in der Südstadt treffen. Es ist kein Ort für Menschen.

Alles, was ich hier beschrieben habe, habe ich gestern selbst so erlebt, wie ich es beschrieben habe. Ich habe gegen das Schweigen geschrieben, das so erwünscht ist, gegen die Verdrängung, gegen das „Vergessen macht frei“ als eine kranke Haltung, die kranke Zustände erhält. Jeder Mensch kann einmal in die Situation kommen, hilflos einer solchen Mühle ausgeliefert zu sein, und nur die wenigsten werden in diesem Betrieb aus sich selbst heraus und noch krank die Kraft haben, dem kalten Irrsinn ihrer totalen Verwirtschaftung zu widerstehen. Lasst euch nicht durch die künstliche Sprache der Ärztebrut und das ebenso künstlich erzeugte Ansehen dieses Packs verblenden, und versucht, die Dinge bei ihrem Namen zu benennen! Die künstliche Sprache der Mediziner kennt jeder, der schon einmal mit einem Mediziner gesprochen hat, und das künstlich erzeugte Ansehen ist sogar in die Alltagssprache übergegangen, wenn der Pfusch eines Arztes eben nicht als „Pfusch“ (ist ja auch „nur“ ein Mensch), sondern als „Kunstfehler“ bezeichnet wird. Zuweilen hört oder liest man dann hinterher auch noch die Worte „Die Wege Gottes sind unergründlich“ — hier schließt sich dann der bittere Kreis zur Diakonie.

Wer glaubt, das von mir beschriebene sei ein „Einzelfall“ und klinge nur durch Verkettung einiger unglücklicher Umstände so böse, der hat nicht miterlebt, wie geübt dieser Einzelfall von allen Beteiligten herbeigeführt wurde. Hinter dieser Routine muss eine lange Erfahrung stehen, auch eine lange Erfahrung darin, wie man Menschen bricht, die ihr Recht einfordern, als Mensch behandelt zu werden.

Und nein! Die so genannte, von Quacksalbern, windigen Geschäftemachern und immer mehr auch von Apothekern betriebene, auf Aberglauben und primitiver Magie basierende „Alternativmedizin“ ist keine Alternative. Die einzige Alternative ist es, dass Menschen wieder wie Menschen behandelt werden, weil es ihnen — verdammt noch mal! — als Menschen einfach zusteht. Das ist auch mit einer Medizin möglich, die den körperlichen Tatsachen verpflichtet ist, es wäre sogar im Betrieb eines Krankenhauses möglich, wenn dort auch die psychischen Tatsächlichkeiten des Menschen geachtet würden und aus dem Hilflosen nicht einfach nur ein verwurstbares Wirtschaftsobjekt gemacht würde, das man in seiner Not mit Füßen tritt. Es ist nicht gewünscht. Zumindest nicht. Im Henriettenstift in Hannover. Der Rest ist von professionellen Werbern auf Hochglanzpapier gestempelter Schönsprech, also Lüge.

Für M.
Ein Detail habe ich in meinem Bericht nicht erwähnt, obwohl ich es ebenfalls bemerkenswert finde. Niemand ist in diesen ganzen Stunden in einem Haus mit Schränken voller wirksamer Medikamente auf die an sich nahe liegende Idee gekommen, ein Psychopharmakon gegen die schreckliche Angst zu verabreichen. Ich habe es nicht weiter erwähnt, weil ich auf dem Hintergrund meiner Kenntnisse nicht beurteilen kann, ob es sich hierbei um eine medizinisch begründete Entscheidung handelt. Angesichts der völligen Gleichgültigkeit einem Menschen und seinem Elend gegenüber, die ich über Stunden hinweg miterleben durfte, halte ich es aber eher für wahrscheinlich, dass an so eine Hilfe jenseits der eigentlichen Rechnungsstellung einfach „nicht gedacht“ wurde, dass das Leiden der Menschen im Betrieb des Krankenhauses einfach nur egal ist. Doch ich bin mir darin in diesem einen Punkt nicht sicher, ob die Gabe eines Psychopharmakons ein Untersuchungsergebnis verfälschen kann, deshalb habe ich mich auf das unzweifelhaft Kalte, Widerliche, Unmenschliche beschränkt.

Die Gutes und die Böses tun

Zeitgenosse: „Findest du nicht, dass die Religion einen Wert hat, dass sie immerhin Menschen dazu bringt, Gutes zu tun, für wohltätige Zwecke zu spenden, die Welt erträglicher zu machen?“

Nachtwächter: „Nein. Ganz im Gegenteil. Wenn ich die Wahl habe zwischen einem Menschen, der aus eigener Einsicht das so genannte ‚Gute‘ tut und einem anderen Menschen, der es tut, um einem Gotte zu gefallen oder sich einen spirituellen Vorteil mit seinem Tun zu verschaffen, denn bevorzuge ich den Menschen mit der eigenen Einsicht. Und wenn ich die Wahl habe zwischen einem Menschen, der aus eigener Einsicht das so genannte ‚Böse‘ tut und einem anderen Menschen, der es tut und Frömmigkeit heuchelt und allerlei Luftschlösser baut, um es als religiöse Gerechtigkeit hinzustellen, denn bevorzuge ich auch beim so genannten ‚Bösen‘ den Menschen mit eigener Einsicht. Religion ist nicht einmal ansatzweise ein Ersatz für Bewusstsein, Selbstreflektion und Verantwortung. Religion ist die bückgeistige Abgabe der eigenen Möglichkeiten an eine Institution, auch um den Preis, dass man damit dümmer und manipulierbarer wird. Es gibt keine Alternative zum eigenen Bewusstsein.“

Stell die richtigen Fragen!

Die Frage bei den medial transportierten Nachrichten ist nicht, was in den industriell erstellten Meldungen gesagt wird, sondern was in ihnen verschwiegen wird, damit die Empfänger dieser nachgerichteten Nachrichten die falschen Fragen stellen.

Wer es schafft, Menschen dazu zu bringen, dass sie die falschen Fragen stellen, hat keine Probleme damit, diese falschen Fragen zu beantworten. Deshalb wird so viel Mühe darauf verwendet, dass sich der Menschen Sinn mit den falschen Fragen beschäftige. Die unter dem gegenwärtig ablaufenden, gesellschaftlichen Prozess geformte Welt ist voller Tafeln und Fingerzeige auf die falschen Fragen.

Die Frage beim Fortschritt ist nicht, wann er kommt und wie groß er ist, sondern in welche Richtung er die Menschen führt, führen wird, führen könnte, führen müsste.

Die Frage beim Wachstum ist nicht, welche Quantität es hat, sondern mit welchen Qualitäten es sich für welche Kreise der Menschen verbindet.

Die Frage beim Krieg ist nicht, welches Staaten ihre durch Konditionierung, Drill und Angst gefügig gemachten Menschen mordend aufeinander hetzen, sondern welche verachtenswerten Menschen und Institutionen von diesem Gemetzel profitieren.

Die Frage beim Gesundheitswesen ist nicht, in welcher Weise man dem Leben ein paar Jahre abtrotzen kann, sondern wie man den wenigen Jahren ein Leben abgewinnen kann.

Die Frage bei der wachsenden Arbeitslosigkeit ist nicht, wie man die Menschen denn nun „beschäftigen“ kann, sondern wie mit der sehr erfreulichen gesellschaftlichen Tatsache zu leben gedacht wird, dass immer mehr mühsame und geistlose Tätigkeit durch Maschinen erledigt wird, dass der Leistungsgesellschaft endlich der Bedarf nach von Menschen erbrachter Leistung ausgeht.

Die Frage bei der Informationstechnologie und vernetzten Rechnersystemen ist nicht, ob man Zugang zu aktuellen Informationen erhält, sondern ob man Zugang zu persönlich bedeutsamen Informationen erhält und wer diesen Zugang aus welchen Gründen und unter Vorschieben welcher Lügen einzuschränken bedenkt.

Die Frage bei der Bildung ist nicht, ob sie einen Menschen besser verwertbar für den betrieblichen Produktionsprozess mache, sondern ob sie den Menschen lebenstauglicher, feiner, wissender, fähiger zur Einsicht, langsamer zum unreflektierten Zorn, kurz: weiser machen kann.

Die Frage angesichts der Forderung nach „Mobilität“ ist nicht, wie sich ein Mensch sein modernes Nomadenleben als Getriebener seiner wirtschaftlichen Not organisiert, sondern ob ein Mensch als geborenes soziales Wesen bereit sein sollte, für ein solches Leben als atomisiertes und entsolidarisiertes Einzelwesen alle persönlichen Bindungen zu opfern.

Die Frage beim „geistigen Eigentum“ ist nicht, wie man es durch eine zu Recht erklärte Technikverhinderung durchzusetzen trachtet, sondern wie man den Nutzen an der obsolet gewordenen Contentindustrie vorbei an die Schöpfer immaterieller Güter bringen will.

Die Frage beim Geldsystem des Debitismus ist nicht, wie man es stabilisiert und erhält, sondern wie man es ohne gesellschaftliche Katastrophen überwinden kann.

Die Frage beim Besitz ist nicht, wie er geschützt und erhalten werde, sondern wie verhindert werden kann, dass er zu Geiz, Raffgier oder der Herausbildung eines modernen Feudalsystemes führt.

Die Frage bei der Krise ist nicht, wann sie endlich vorüber ist, sondern welche Chance sie bedeutet und warum diese Chance von niemandem ergriffen wird.

Die Frage beim Fernsehen ist es nicht, welcher Sender zu einem bestimmten Zeitpunkt das am wenigsten unerträgliche Programm anbietet, sondern wie und durch wen es gekommen ist, dass man kein anderes Leben mehr hat.

Die Frage bei Kunst und Kultur ist nicht, in welchem Museum und in welcher Ausstellung und auf welcher Veranstaltung man sie kostenpflichtig und stark ritualisiert dargeboten bekommen kann, sondern wo und warum sie im Alltag schmerzlich vermisst werden.

Die Frage beim Lesen der Texte eines Menschen, den man zunächst als naiven Traumtänzer empfindet, ist nicht, warum der so ein naheliegendes, illusionär und naiv wirkendes Zeug denkt, sondern warum das so wenige Menschen zu tun scheinen.

Die Frage im Wahlkampf ist nicht, wie die photoshopretuschierten Gesichter der Politdarsteller aussehen, sondern welche Antwort diese Politdarsteller auf die richtigen Fragen geben würden, derer ich hier nur eine unvollständige Auswahl gegeben habe. Und. Wie sie wohl diese Antwort in gesellschaftliche Gestaltung umsetzen würden.

Mich als Bettler hat heute allen Ernstes ein ausgewachsener Mann mit einem Alter von deutlich mehr als dreißig Jahren danach gefragt, was er denn wählen soll. Ja, mich hat er das gefragt. Und. Ja, er hat das gefragt. Sehr ehrlich und allen Ernstes. Und. Ich war dermaßen baff, dass ich auf diese in einem Wahlkampf gar nicht so fern liegende Frage gar keine Antwort geben konnte.

Erst Stunden später habe ich bemerkt, dass ich auf diese Frage keine Antwort geben konnte, weil es nicht die richtige Frage war. Er hat nicht gefragt, ob er überhaupt eine Wahl hat, was ja vor einer solchen Entscheidung als Grundlage des ganzen Vorganges nicht unerheblich ist. Sonst hätte er vielleicht bemerkt, woran die ihm abgeforderte Entscheidung krankt, vielleicht hätte sogar selbst einen Umgang damit gefunden. Nein, er wollte diese Entscheidung, die er gewiss nicht als eine Freiheit, sondern als etwas von außen Aufgebürdetes empfindet, an jemanden delegieren, um sich davon zu befreien.

Aber wie sollte er auch die richtigen Fragen stellen?

Von den Wahlplakaten, aus den Zeitungen, aus den schwatzvollen Polittalkshows in der Glotze und aus der sonstigen Wahlwerbung der antretenden Parteien findet er nichts, was ihn im Fragen unterstützt. Nur „Wir haben die Kraft“, „Deutschland kann es besser“ und „Deshalb SPD“ — immer verbunden mit Antworten auf fühlbar falsche Fragen. Und aus sich selbst heraus einen Gedanken zu denken, das ist selbst für mich nicht leicht, trotz bester Voraussetzungen, also aus einem vollständig verstandenen und nicht verdrängten Maß persönlichen Zerbruches heraus.

Ich befürchte, die meisten delegieren ihre Möglichkeit zur Entscheidung an etwas anderes, an einen als extern empfundenen und extern durch Manipulation getriggerten Prozess. Und. Sie halten solche Deinung für ihre Meinung.

Mit leisem Gruß an M. — lass dich nicht irre machen vom schwarzen Wahn, den du geradefleuch entkommen bist und verwechsle Abziehbilder nicht mit dem Leben!

Der Staat ist mein Hirte

[…] die Ohnmachtsgefühle des Bürgers, die sich angesichts einer solchen Entwicklung einstellen, sind eben nicht ursprünglich von diesem Moloch bewirkt, sondern sind nichts anderes als eine automatische, völlig lebenslogische Rückantwort der eigenen Unwilligkeit gegenüber Aufklärung und Nachdenken, gegen persönliche Unabhängigkeit und gegen ein Minimum an Mut zur Freiheit und Selbständigkeit. Führt sich die Masse auf wie eine dumme Schafherde, wird sie eben auch als solche behandelt, wird in den Pferch getrieben und abgeschlachtet. Da hilft dann auch kein Muh und Mäh mehr.

Quelle: schamane GLR Blog via Womblog

In der Grammatik gibt es übrigens ein klares, deutsches Wort für das Verbgeschlecht Passiv, und dieses lautet „Leidensform“.

Die frühe Wurzel

Die Gesamtheit der Maßnahmen zum so genannten „Jugendschutz“ haben ein künstliches und gewaltsames Gepräge, es sind strafbewehrte Maßnahmen der Zensur und Vorenthaltung, die den davon betroffenen, jungen Menschen das volle Lebensrecht eines Menschen abzusprechen trachten. Darin spiegelt sich wider, dass die Idee der „Jugend“ und wohl auch die Idee der „Kindheit“ als unreife und zu schützende Phase des Menschseins eine künstliche, unnatürliche, vielleicht sogar kranke zivilisatorische Idee ist, die nur durch Anwendung staatlicher Gewalt aufrecht erhalten werden kann. Im gleichen Maße, in dem direkte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche eine besondere Ächtung erfahren hat, ist die institutionalisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in der Form einer recht weit gehenden Entrechtung und künstlich erzwungenen Unselbstständigkeit als gesellschaftliche Norm etabliert worden, was heute so weit geht, dass man Menschen abspricht, dass sie vollwertige, mit voller Verantwortung und vollem Existenzrecht ausgestattete Menschen seien, bevor sie nicht eine zahlenmäßig festgelegte Spanne an Lebenstagen vollendet haben. Mit dieser Vorgehensweise wird dem Menschen vom frühesten Moment seines Lebens an und über die prägenden Jahre hinweg ein Eindruck jener überwältigenden und jeden Widerstand zwecklos machenden Gewalt eingestempelt, der den Menschen zum leicht verwertbaren Objekt des staatlichen und wirtschaftlichen Herrschaftsanspruches macht. Wer vom Menschenrecht und von der Freiheit spricht und gleichzeitig jungen Menschen beides vorenthält, um sie in Zwangsmaßnahmen und „schützender“ Zensur zu knechten, der wünscht nicht Recht und Freiheit, sondern früh in Unterwürfigkeit geübte Restmenschen, die im Krisenfall nicht ans eigenständige Handeln als ersten Impuls des Seins gewöhnt sind, sondern verantwortungslos nach der Knute schreien, die sie zerstört. Kaum eine zivilisatorische „Errungenschaft“ ist ein so guter Nährboden für faschistoide Gesellschaften wie der so genannte „Jugendschutz“. Wohl auch deshalb. Waren die Idealbilder der Mutterschaft und der Kindheit in so auffälligem Maße wesentlich für die areiligiöse Ikonografie der nationalsozialistischen Barbarei.

Deutschland in Europa

dô wart sîn riuwe alsô grôz
daz im in daz hirne schôz
ein zorn unde ein tobesuht,
er brach sîne site und sîne zuht

Hartmann von Aue, Iwein

Im Vorbeifahren auf einem Wahlplakat der FDP den claim gelesen: „Für ein Deutschland in Europa“. Es ist doch tröstlich, dass diese hemmungslosen, kryptofaschischtischen Volksverkäufer, die am liebsten jedes Lebensrecht eines Menschen unter Erwägungen wirtschaftlicher Ausbeutbarkeit bewerten und entwerten würden; dass dieses Pack wenigstens die Geografie unverändert lassen will. Es handelt sich wohl um das erste Wahlversprechen in diesem Jahr, das ich glauben kann.

Bei so viel Dummheit und Dumpfheit mag sich auch der politische Mitbewerb in Form der CDU nicht zurückhalten. Allerdings ist der claim hier noch ein bisschen kürzer gefasst und fetter gedruckt: „Wir in Europa“. Damit auch letzte verhinderte Volksgenosse diese Nullaussage richtig zu deuten vermag, ist das Wort „Wir“ in den Farben schwarz, rot und gelb hinterlegt. Es erinnert leicht an die zum Glück nicht ganz so langen tausend Jahre, in denen das Deutschland der Reichen und Schwerindustriellen sich mal so richtig in Europa auswüten konnte. Aber aber, wirrer Werber, die passenden Farben für diesen Anklang sind doch etwas andere, nämlich schwarz, weiß und rot.

Die Genossen von der SPD, nachdem sie so lange genossen haben, dass man sie in der verblendeten Wahrnehmung für so etwas wie eine Partei mit einem besonderen sozialen Zug hielt, sie verzichten in ihrem groß gedruckten claim vollständig darauf, so etwas wie einen eigenen Standpunkt zu vermitteln. Statt dessen soll eine Kampagne der reinen Abgrenzung etwas an den miesen Umfragewerten dieser sonst so Sozial-Populistischen Demagogen ändern, und so wird in großen Schreibuchstaben zum kontrastarmen Bild eines Föns getextet: „Heiße Luft würde die Linke wählen“. Etwas kleiner steht darunter „Für ein Europa der Verantwortung“. Es ist allerdings nicht zu befürchten, dass diese Worte voller heißer Luft und kaltblütiger Verlogenheit bedeuten würden, dass Schröder, Müntefering, Hartz, Rürup und der ganze Rest der großtenteils kriminellen Bande, der unter der Schröder-Fischer-Regierung damit begonnen hat, Deutschland im Zustand der politsch gewollten Massenverelendung an den Meistbietenden zu verkaufen, jemals zur Verantwortung gezogen würde.

Wer wissen will, wie man das Wort „Politikverdrossenheit“ wirklich buchstabiert, der muss sich nur anschauen, zu welchen Kürzeln diese unverschämte Leere und Verachtung denkender Menschen auf Plakaten transportiert wird.

Auswärtiges Denken (44)

Diese Medien haben allen Grund, von ihrer eigenen Verantwortung abzulenken .