Tag Archive: Telefon


Das menschliche Gesicht

Beim seinem zappeligen Zappen ging es auch zu einen dieser unerträglichen Kanäle, die deutlich machen, wohin die Menschen heute wirklich gekommen sind. In der unteren rechten Ecke riss ein mechanisches Blinken die Aufmerksamkeit mechanisch auf sich, und dieses Blinken war ein Text, der „7.750 € bis zu“ lautete, aber schon nach wenigen Sekunden zu „8.000 € bis zu“ verändert wurde, als ob die gelegentliche Erhöhung einer Zahl die Wortstellung gleichgültig machte. Darüber vier kleine, übereinander liegende farbige Felder mit gedeckter Farbsättigung, die mit Geldbeträgen geziert waren und in entnervender Geschwindigkeit von unten nach oben durchblinkten, damit die Zielgruppe dieses Schwindels auch ja glaube, dass es bei ihr aufwärts gehen könnte. Am oberen Rande eine Laufschrift, die gerade so schnell durchrollte, dass sie noch lesbar aussah, aber nicht mehr bequem lesbar war. Sie erzählte von „Geldleitungen im richtigen Moment“, vom „direkt in das Studio kommen“, von der „Quizleitung“, von der „Studioleitung“. Unten gab es eine weitere Laufschrift, die in deutlich kleinerem Schriftgrad darauf hinwies, auf welcher Seite sich im Videotext die Teilnahmebedingungen befänden. Die ganze Zeit blinkte ein roter Schalter wenig dezent vor sich hin, zuweilen wurde auch noch ein blinkendes Blaulicht eingeblendet. Und. Um das Gehirn der „Zuschauer“ so richtig zu grillen, wurden immer wieder Geräusche aller Art eingeblendet, die in ihrer Verdichtung einen Eindruck von Zuspitzung und Eile erwecken sollen, damit auch ja niemand zur Besinnung und zum Denken komme, der sich hier abzocken lässt.

Inmitten des ganzen stumpfsinnigen Blinkens befand sich ein Moderator und ein Bild mit einer Anordnung von Tennisbällen. Der Moderator erzählte mit wenig überzeugenden, etwas zu intensiv gespielten Affekten viel vom „jetzt“ und allerlei Lügen über dieses wenig spielerische Spiel. Dabei stand er immer wieder auf, setzte sich wieder hin, ging auf die Kamera zu, gestikulierte übertrieben. Unter dem Bild mit der Anordnung von Tennisbällen war deutlich lesbar, welche Aufgabe jene lösen sollten, die auf solche Bauernfängerei hereinfallen. Eine große Telefonnummer, unter der sehr klein — und selbst auf dem recht großen Fernseher, auf dem ich diese Pracht bewundern durfte, leicht unscharf — angemerkt stand, dass jeder Anruf mindestens 50 Cent koste, zeigte jenen, die so etwas schauen und ihren Geist damit mürbe machen, dass sie anrufen müssten, wieder und wieder anrufen. Zwischen den Tennisbällen und der Telefonnummer, die aus dieser in der BR Deutschland offenbar legalisierten Form des überrumpelnden und praktisch betrügerischen Glücksspieles ein gutes Geschäft macht, stand die Frage, die man dann am Telefon beantworten sollte, um etwas von schreiend angepriesenen Geld zu gewinnen: „Wo ist das menschliche Gesicht?“

Und. So viel ist sicher: Es ist nicht auf dem Moderator.

Es ist übrigens völlig unverständlich, wie man sich als Gehirnträger jeden Tag einem Contenttransporteur hingeben kann, der mit der Ausstrahlung solcher Sendungen offen und völlig unmissverständlich zeigt, wie sehr er seine Zuschauer verachtet. Nur ein Masochist umgibt sich mit Zeitgenossen, die ihn unentwegt beleidigen. Die bloße Existenz und die Machart dieser betrügerischen Sendungen ist ein Spiegelbild der Intensität, mit welcher sich die zu bloßen Zuschauern gewordenen Menschen im Selbsthass zerfleischen.

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Ohne Worte.

Quelle des Scans: Hallo Sonntag Hannover vom 26. Juli 2009

Die Telefonzelle

Vor noch gar nicht so langer Zeit gab es Telefonzellen. Sie waren nicht nur gelb und wegen dieser Signalfarbe sofort sichtbar, sie waren auch Zellen, also abgeschlossene Räume im öffentlichen Raum. Die Tür war schwer und dämpfte den Schall; die Geräusche von außen drangen nur gedämpft hinein und das in der Zelle geführte Telefonat drang nur gedämpft nach außen. Diese Form spiegelte die Auffassung wider, dass ein Gespräch, und sei es auch ein Telefongespräch, einer gewissen Privatheit bedarf, die auch mit gestalterischen Maßnahmen zu schützen ist — und zwar völlig unabhängig davon, wie banal oder persönlich wichtig die Inhalte eines solchen Gespräches sind.

Die Telefonzelle ist genau so aus dem öffentlichen Blickraum verschwunden, wie die Anschauung einer schützenswerten Sphäre des Privaten für obsolet erklärt und aus dem öffentlichen Bewusstsein entfernt wird. Die öffentlichen Münzfernsprecher der heutigen Zeit stehen ungeschützt vor dem Tosen der Straße im Freien, und die Menschen, die sich dieser Apparate bedienen, kämpfen gegen dieses Hindernis für das sprechende Miteinander an, indem sie mit sehr lauter Stimme in das Mikrofon sprechen, so dass eventuell umstehende Menschen sehr leicht dem Gesprächsverlauf folgen können. Die meisten Menschen haben heute jedoch ein Handy. Und. Sie benutzen es an allen nur denkbaren Orten. Überall lassen sich heute die kleinen Geschäfte, die bitteren Familiendramen, die Freundschaften und die schutzlos gewordenen Beziehungen akustisch verfolgen, sie werden dem Ohr geradezu aufgedrängt. Niemand scheint mehr ein Empfinden dafür zu haben, dass für eine persönliche Kommunikation ein geschützter, privater Raum von Nöten ist. Es mag eine pure Koinzidenz sein, dass die Austilgung dieses Empfindens durch die Neugestaltung des öffentlichen Münzfernsprechers nur kurz nach der so genannten „Wiedervereinigung“ erfolgte, aber es ist auch eigentümlich passend, dass diese Neugestaltung in eine Zeit fiel, in der die im Alltag fühlbare Illusion des Kontrastes zu einem Überwachungsstaat DDR nicht länger aufrecht erhalten werden musste; eine Entwicklung, an deren Ende die heutigen staatlichen Allheitsträume einer totalen Prävention und Überwachung stehen, die zu einem angemessenen Unbehagen führen, das sich im Wort von der Stasi 2.0 Bahn bricht.