Tag Archive: Technokratie


Die Bankangestellte

Es begab sich eines Tages, dass der Vorübergehende von einem bettlägerig kranken Freund gebeten wurde, zur Bank zu gehen und ein wenig Bargeld abzuholen und einen Einkauf zu erledigen. Der Vorübergehende sah darin kein besonderes Problem, nahm eine Plastikkarte und eine ihm mitgeteilte vierstellige Nummer entgegen und fuhr auf seinem Fahrrad zur Bankfiliale, um fünfzig Euro aus einem Automaten zu ziehen.

Die beiden Geldautomaten in der Filiale waren kaputt.

Da ging der Vorübergehende in die Schalterhalle und versuchte, mit der Karte am Schalter fünfzig Euro abzuheben. Dies wurde ihm verweigert, und die Bankangestellte sagte: „Das kann ich nicht machen. Sie müssen mir eine Vollmacht und einen Personalausweis vorlegen“. Auch sein Einwand, er könne ohne weiteres die PIN nennen, mit der der Automat Geld herausgibt, wurde nicht akzeptiert.

Daraufhin fragte der Vorübergehende zum Schein mit ruhiger Stimme die Bankangestellte: „Finden sie es nicht auffällig, dass ein relativ primitiver Roboter an ihrem Arbeitsplatz mehr Rechte hat als sie? Dieser zurzeit defekte Roboter hat von ihrem Brötchengeber die Berechtigung erhalten, auf Vorlage einer Karte und Eingabe einer vierziffrigen Zahl mehrere hundert Euro auszuzahlen, aber sie benötigen für eine derartige Berechtigung die Vorlage und mutmaßlich illegal angefertige Fotokopie eines Ausweispapieres der Bundesrepublik Deutschland und eines weiteren Dokumentes. Und finden sie es nicht fürchterlich, dass sie hier noch weiterarbeiten, obwohl ihr Brötchengeber der Meinung ist, einer dummen, programmierbaren Maschine mehr Kompetenz und Rechte als einem Menschen zuweisen zu können und in dieser technokratischen Geste seinem unerfreulichen Menschenbild Ausdruck verleiht? Ich wünsche ihnen noch einen guten Tag“.

Advertisements

Google Doppelplusgut!

In Ermangelung eines namentlichen Ansprechpartners bei Google Plus spreche ich im Folgenden eine Website wie einen Menschen an. Das ist im Stil verrückt, aber es ermöglicht mir, das zu Sagende auch zu sagen. Gemeint sind natürlich die Menschen, die auf der angesprochenen Website — übrigens betont anonym und wie eine höhere Gewalt unpersönlich — Googles Agenda für Google Plus mit allen Mitteln der Technokratie durchsetzen.

Meinst du eigentlich wirklich, dass du gerade ein gutes Umfeld für ein virtuelles soziales Miteinander schaffst? Meinst du, dass es die Motivation erhöht, dein neues Datensammel-Vehikel — dass übrigens zudem recht überflüssig ist — zu nutzen, wenn man sehen muss, dass ein Großteil der Leute, deren Äußerungen man folgt, von dir weggelöscht werden? Meinst du, dass die fühlenden Wesen, die sich von deinem Angebot einen persönlichen Vorteil versprochen haben und deshalb zurzeit für dich einen kostenlosen Betatest machen, auf dass du hinterher um so besser die gesammelten Daten vermarkten kannst, Lust auf die so sicher Verbleibenden haben: auf diese ganzen ausgehungerten Kaufleute an der Web-Zwo-Nullfront; auf diese Spammer, die sich wegen des weniger unfeinen Klanges dieses Aküwortes SEO nennen; auf diese so emsig und wahllos andere Leute in ihre Kreise ziehenden Gestalten aus dem Affiliate-Lumpenproletariat?

Nun, Google Plus, es herrscht ja Meinungsfreiheit. Du darfst das also meinen. Und du darfst auch feinwortige Erklärungen dazu abgeben und dich mit fröhlichem Gruß aus Alzheim darauf verlassen, dass den meisten Menschen dein Geschwätz von gestern nicht mehr so bewusst ist. Du kannst dich in der Pose des Felses in der Brandung in den wohlverdienten shit storm stellen, und du kannst dabei Wörter wie „Hausrecht“ und „Spamschutz“ in den Mund nehmen. Das ist alles dein Recht. Das Internet, Google Plus, es ist verdammt groß, da ist für jede Spinnerei Platz, sogar für meine marginalisierte. Es sei dir völlig unbestritten.

Selbst weniger nachdenklichen Menschen ist klar, dass dein Gefasel vom Spamschutz die mieseste Ausrede seit Erfindung des world wide wasteland ist, und dass es dir nur ums Geldmachen geht, wenn du einen gewichteten Graphen der sozialen Beziehungen von persönlich identifizierbaren Menschen eines beachtlichen Teiles der Weltbevölkerung aufzubauen gedenkst. Die Form, in der du, Google Plus, deine Ausreden anbringst und deine Agenda mit technokratischer Gewalt durchziehst, sie verrät allerdings einen Charakter, der gar nicht so unpassend zu dem oben kurz umrissenen Pack ist, welches das von dir geschaffene virtuelle Umfeld recht attraktiv zu finden scheint.

Ja, das ganze ist ein business. Und zwar ein ganz beschissnes.

Aber eines möchte ich dir, der du vor lauter Dollarzeichen auf den Augen nicht mehr zu sehen scheinst, was dieses Internet ist, in Erinnerung rufen:

Anonymität und die Verwendung von Pseudonymen sind ein wichtiger, vielleicht sogar unverzichtbarer Bestandteil der Internet-Kultur.

Es gibt sehr viele gute Gründe, in einem Internet, das nichts vergisst, anonym aufzutreten.

Natürlich gibt es auch schlechte. Einer dieser Gründe ist, dass man spammen will, und ein anderer ist, dass man mit provokanten Beiträgen andere Menschen verärgern will, um sein darbendes Selbstbewusstsein an den erbosten Reaktionen aufzurichten. Wer das will, wird sich wohl kaum davon abschrecken lassen, wenn er sich dafür einen realistisch klingenden Namen ausdenken muss, zumal es dafür einfach zu verwendende Hilfsmittel gibt. Die Barbarei der Spam und die psychologisch interessante Kommunikationsform des trollings lässt sich auf derart einfache Weise nicht bearbeiten, schon gar nicht technisch. Sie erfordert den Blick und die Tat wertender Menschen, die einen klaren, kommunizierbaren und nachvollziehbaren Maßstab für das haben, was sie dulden und was nicht. Übrigens kommt die Mehrzahl meiner Spammails und ein größerer Teil meiner Kommentarspam von „Menschen“ mit realistisch klingenden Namen. Als Betreiber eines populären Freemail-Dienstes und nicht minder populären freien Bloghostings sollte die Wirklichkeit der Spam bei Google wohlbekannt sein, was das Reden vom angeblichen „Spamschutz durch Pflicht zum Realnamen“ mit nur geringer Denkanstrengung als Lüge entlarvt.

Nach diesen schlechten Gründen nun die guten…

Und der beste aller guten Gründe ist, dass das Internet nichts vergisst.

Jeder, der sich irgendwo im Internet in einem Akt menschlicher Kommunikation mitteilt, muss damit rechnen, dass diese Mitteilung rezipiert wird — dafür macht man es ja — dass sie referenziert wird und auch nach vielen Jahren noch auffindbar ist. Da in solcher Mitteilung — wenn es nicht gerade um den Hinweis auf lustige Videos und die Veröffentlichung niedlicher Katzenfotos geht — immer auch, so sie echt ist, ein Stück persönlicher Wertung und Meinung einfließt, kann die spätere Auffindbarkeit des Mitgeteilten persönlich gefährlich oder sogar unmittelbar existenzbedrohend sein. Für Letzteres muss man gar nicht erst an bis zum Mord offen repressive Staatsgebilde wie die Volksrepublik China oder das Königreich Saudi-Arabien denken, politische und gesellschaftliche Verhältnisse sind überall instabil. Selbst unsere gegenwärtige Bundeskanzlerin Angela Merkel hat dies einmal in einer sehr unglücklich formulierten Form von sich gegeben — die übrigens auch wegen eines Internet, das nichts vergisst noch in vielen Jahren in einer gewissen Erinnerung sein wird und dann hoffentlich eher für Lacher als für Grauen sorgen wird. Äußerungen oder auch nur Details in der Äußerung, die heute harmlos und legal sind, können einen Menschen vielleicht schon nächstes Jahr ins Gefängnis oder gar in etwas Schlimmeres bringen¹. Die Entwicklung auch nur der nächsten Monate ist etwas, was Spinner gern in astrologischen Aufstellungen, Tarotkarten und Kristallkugeln lesen, während sich ernsthaftere Menschen eingestehen müssen, dass sie nichts darüber wissen.

Aber selbst, wenn es nicht so übel kommt, kann es übel genug sein, wenn jemand bei der Bewerbung um einen Job mit seinem persönlichen record konfrontiert wird, der sich bei der Nutzung des Internet angesammelt hat. Ein mögliches Leben in Erwerbslosigkeit und Armut wegen einiger persönlicher Äußerungen, die den im Internet recherchierenden, meist recht konservativ gestrickten Personalern nicht gefallen, ist für „normale“ Menschen bedrohlich genug.

Vor diesen keineswegs abstrakten Gefahren kann sich ein Mensch nur schützen, indem er darauf achtet, dass eine direkte Zuordnung seiner Äußerungen zu seiner Person erschwert wird. Die Verwendung von Pseudonymen oder völlig anonymes Publizieren sind das einzige zur Verfügung stehende Mittel, um eine solche Zuordnung zu erschweren.

Wer dennoch den Mut hat, mit seiner identifizierbaren Person hinter seinen Äußerungen zu stehen, soll ihn — wenn er nicht eh schon alles verloren hat und aus dieser Einsicht heraus auftritt — haben; es sei niemanden genommen. Allerdings ist es von außen manchmal etwas schwierig, Mut von Dummheit zu unterscheiden.

Wer aber — wie du, Google Plus — meint, diesen „Mut“ durch eine Richtlinie erzwingen zu können und wer — wie du, Google Plus — diese Richtlinie durch konsequentes Löschen in einer so genannten „social website“ durchzusetzen trachtet, bewirkt damit nur dreierlei: Erstens, dass viele bewusstere Menschen, die wirklich etwas von sich mitteilen wollen, sich hierfür eine andere Plattform suchen, das Netz ist ja groß und immer noch nicht mit Google identisch. Zweitens, dass die leider auch nicht wenigen Menschen, die ob der großen Medienpräsenz von dir, Google Plus, glauben, dass sie auf dich nicht verzichten können und die dennoch genügend Verstand haben, um die mit der Identifizierbarkeit verbundenen Gefahren zu sehen oder auch nur zu ahnen, mit einer Schere im Kopf schreiben, was ihre Mitteilungen beschädigt und entwertet. Und drittens, dass das weiter oben in zugegebenermaßen rauen Worten zusammengefasste Pack davon am wenigsten beeinträchtigt wird, weil es bei Lichte betrachtet gar keinen Ruf zu verlieren hat.

Kurz, Google Plus: Was da übrigbleibt, ist auch für deine Idee vom Marketing kein so gutes Umfeld.

Unabhängig von den geradezu imperativ guten Gründen, ein Pseudonym zu benutzen, gibt es noch einen weiteren, zwar weniger guten, aber dennoch berechtigten Grund.

Wer im anonymen, virtuellen Medium Internet unter einem Pseudonym auftritt, kann sich auf diesem Wege eine gewisse Freiheit aus seiner sonstigen gesellschaftlichen Bedingtheit verschaffen — und dies keineswegs nur, um sich „unmöglich aufzuführen“. Es wird möglich, Gedanken und Ideen zu äußern, die in der direkten Lebenswirklichkeit unangemessen erschienen, wenn sie geäußert würden. Es ist kein Geheimnis, dass Menschen nicht nur gern lachen, sondern auch gern andere Menschen auslachen (und später ausgrenzen und im schlimmsten Fall mit Gewalt bedrohen), vor allem, wenn diese Gedanken und Ideen äußern, die im ersten, unreflektierten Moment absurd, offensichtlich oder kindisch erscheinen. Schon das „normale“ menschliche Miteinander führt zur Selbstzensur, einfach wegen des normativen Zwanges einer Gesellschaft aus Menschen mit beschädigtem Dasein, deren Individuen alles für die Verdrängung ihrer eigenen misslichen, ausgelieferten, begrenzten, beziehungsvermeidenden und unfreien Situation tun und darin zu einem bedrückenden überpersonalen Prozess beitragen, in dem sich der Einzelne nicht mehr entfalten kann. Schon im sozialwissenschaftlichen Begriff der „Rolle“ — der direkt dem Theater entnommen ist — und in den vielen davon abgeleiteten Begriffen schwingt allzu fühlbar die Einsicht mit, dass Menschen im Allgemeinen nicht ihr eigenes Leben leben können. Die Larve der Anonymität oder der Pseudonymität schafft einen Freiraum; hinter ihr kann der schützende Panzer um das eigene Selbst kontrolliert abgelegt werden, was von vielen Menschen als Erleichterung empfunden wird. Wer den Menschen diesen Freiraum zu nehmen sucht, der nimmt ihnen eine recht starke Motivation, ein ansonsten eher unerfreuliches und technisches Medium für die Entfaltung des eigenen Selbstes zu nutzen, der führt die überpersonalen Marionettenfäden, an denen die Menschen in oft bedrückend empfundener Weise hängen, ohne Not in ein unpersönliches Medium fort und zementiert damit das Unpersönliche dieses Mediums.

Tja, wer mag das Ergebnis solchen Strebens dann noch seinem Leben hinzufügen, weil er in der gewünschten Enge des so geschaffenen Raumes einen Mehrwert sieht? Siehe oben: Spammer, Kaufleute des Elends und das Lumpenproletariat zwielichtiger Affiliate-Geschäftemachereien.

Aber es kommt noch ein bisschen dicker für dich, Google Plus.

Denn viele Menschen sind im Internet unter ihrem Pseudonym wohlbekannt, während ihr bürgerlicher Name nahezu unbekannt ist. Sie werden „dank“ deiner technokratisch durchgesetzten Pflicht zum bürgerlichen Namen bei dir unidentifizierbar und unauffindbar. Sie haben so etwas wie einen treuen Leserstamm, der bei dir nach ihnen sucht und nichts finden kann. Wer weiß schon spontan, wie etwa Don Alphonso wirklich heißt?

Dieses Problem allerdings, das hast du, Google Plus, erkannt. Deshalb hast du einigen sehr populären Bloggern mit einer gewissen Reichweite aufgrund deiner technokratischen Herrlichkeit voller Gnade das Privileg eingeräumt, unter ihrem Netzpseudonym bei dir aufzutreten, wohl auch in der Spekulation darauf, dass sie dich, Google Plus, reichlich besprechen und verlinken und damit in die Aufmerksamkeit größerer Kreise tragen. Das ist ja eine gute und kostenlose Reklame.

Dies ging und geht einher mit Löschungen weniger bekannter und reichweitenstarker, aber keineswegs unbekannter Gestalten aus der Twitteria und Bloggeria. Der Eindruck, der sich für einen neutralen Betrachter ob deines Verhaltens, Google Plus, aufdrängt, ist der Eindruck gutherrschaftlicher Willkür. Wie gesagt, Google Plus, das Internet ist groß und bietet Raum für jeden, und natürlich darfst du das und darfst auch diesen Eindruck erwecken, aber du solltest doch einmal bedenken, ob das der von dir gewünschte Eindruck ist und ob dieser Eindruck deine geschäftlichen Pläne befördert.

Du bist mit einem großen Vertrauensvorschuss gegenüber dem zuletzt immer übleren Anbieter „Facebook“ in deine „geschlossene“ Betaphase gegangen². Du bist gerade auf dem besten Weg, dieses Vertrauen wieder zu verspielen. Unfassbar, wie blind Gier machen kann!

¹Von den Unwägbarkeiten, die mit dem für die Bundesrepublik Deutschland so typischen Erscheinungen des Abmahnwesens und Rechtsmissbrauches jetzt schon einher gehen, will ich gar nicht erst anfangen.

²So „geschlossen“ ist die Betaphase auch nicht gewesen, es war selbst mir möglich, ohne besondere Anstrengung einen „invite“ zu bekommen, um mir Google Plus einmal anzuschauen. Sie war so geschlossen wie eine Tür, an der ein Schild „Eintritt nur mit Karte“ „aufgedruckt“ ist, während überall Automaten aufgestellt sind, an denen man mühelos eine kostenlose Karte ziehen kann. Oder kurz, dieses Gerede von „geschlossen“ ist eine reine Werbelüge, und eine besonders kindische und durchschaubare obendrein. Ob du damit interessante Menschen anlocken kannst? Für die emsigen Schreiber aus der Journaille hat es ja gereicht, die haben deine Presseerklärungen genau so „sachlich“ wiedergegeben, wie sie anderen Bullshit wiedergeben, auf dass sich viele nach diesen Nachrichten richten.

Vom simulierten Miteinander

Als ich noch jünger war, habe ich am Computer gern Spiele gespielt, deren wesentliche Idee in der Simulation einer Gesellschaft bestand. In den vielen vergeudeten Stunden, die ich mit derartigen Simulationen verbracht habe, konnte ich ganz nebenbei die Dynamik kennenlernen, die jedem einigermaßen komplexen Modell der Wirklichkeit innewohnt. Ich konnte aber auch kennenlernen, wie sehr (zumindest in der damaligen Zeit) jedes dieser in Simulationen verwendeten Modelle wegen seiner Annahmen und Fehler von einer tiefen technokratischen Sinnlosigkeit geprägt ist, so dass es sich zur Wirklichkeit ungefähr so verhält wie die Gedanken eines Irrsinnigen zu einer vernünftigen Erwägung.

In einem dieser Spiele konnte ich zum Beispiel die Entwicklung eines städtischen Gemeinwesens steuern; hatte ich dafür Sorge zu tragen, dass Rohstoffe gefördert oder importiert wurden, zu den Produktionsanlagen befördert werden konnten, dass die Produktionsanlagen mit ausreichend Energie versorgt wurden und dass die produzierten Güter zum Verkauf oder Export transportiert werden konnten. Ferner wollten die ganzen Menschen an Schulen und Universitäten ausgebildet und untergebracht werden, ohne dass sich slums bilden, und diese simulierten Menschen wollten natürlich auch ihre simulierten Bedürfnisse nach Freizeit und Nahrung befriedigen.

Ein schönes, komplexes Modell, an dem ich meinen Geist rieb. Ich fand allerdings in meiner zynischen Experimentierfreude schnell einige Schwächen im zugrundeliegenden Modell.

Eine Strategie, die immer zu einer florierenden Wirtschaft führte, bestand schlicht darin, ab einer bestimmten Phase der Automatisierung alle Menschen verhungern zu lassen, um keine weiteren Aufwändungen mehr für die ganzen Menschen in der Stadt zu haben. Dann war kein Gesundheitssystem und kein Nahverkehr mehr erforderlich, es bildeten sich keine slums mehr, es gab keine Probleme mehr mit unzufriedenen Bewohnern des simulierten Gemeinwesens. Auch die Umweltverschmutzung hatte nicht mehr ihre negative Auswirkung. Ich konnte mir dann die ganzen Parameter der simulierten Welt anschauen; ich sah, wie Rohstoffe und Güter über Schiene und Straße transportiert wurden, wie die Kraftwerke von allein Strom produzierten und wie an den Häfen Güter exportiert wurden, deren Verkauf über die Steuereinnahmen die Staatskasse füllte. Es war ein Bild des Wohlstandes, ein so überquellender Wohlstand, dass ich schließlich aus der menschenleeren, reichen Stadt jede Woche eine Rakete zum Mond schießen konnte…

Und wenn ich heute lesen muss, welche wahnwitzigen Forderungen die so genannten „Wirtschaftswissenschaftler“ immer und immer wieder an die Politik stellen, kann ich den Verdacht nicht abschütteln, dass ihre Modelle vom menschlichen Gemeinwesen sehr ähnlich wie die damaligen Simulationsspiele sein müssen. Nur leider mit dem Unterschied, dass bei diesem zynischen Spiel. Reale Menschen. Verrecken.

Elektrisches Auge

Aus aktuellem Anlass und mit nasskaltem Gruß an ZensUrsula von der Leyen heute wieder einmal ein flugs übersetzter Songtext aus meiner Jugend, in der es selbst in der populäreren Musik noch etwas gab, was im gegenwärtigen Auswurf der Contentindustrie gar nicht mehr vernehmbar ist: Mit wirklichem Mitteilungswillen verbundene und zitierfähige Texte.

Elektrisches Auge

Hier oben im Raum
Schaue ich auf euch hinab.
Meine Laser verfolgen
Alles, was ihr tut.
Ihr glaubt, dass ihr ein Privatleben habt…
Glaubt doch nicht an so etwas!
Es gibt wahrlich kein Entkommen,
Ich bin ununterbrochen wachsam.
Ich bin aus Metall gemacht,
Meine Schaltungen glimmen.
Ich bin unvergänglich.
Ich halte das Land sauber.
Ich bin der ausgewählte elektrische Spion;
Augengeschütztes, elektrisches Auge.

Immer im Blickpunkt;
Ihr könnt mein Glotzen nicht fühlen.
Ich zoome in euch hinein;
Ihr wisst nicht, dass ich existiere.
Es macht mich stolz, eure geheimen Bewegungen zu untersuchen.
Meine tränenlose Netzhaut macht Bilder, die als Beweise gelten.
Elektrisches Auge, oben am Himmel,
Fühlt, wie ich glotze, wie ich immer da bin;
Es gibt nichts, was ihr dagegen tun könnt.
Entwickelt und offen gelegt,
Ich weide auf jedem eurer Gedanken;
Und das lässt meine Macht groß werden:
Geschütztes, überwachendes, elektrisches Auge.

Frei nach „Electric Eye“ von Judas Priest
(1982 auf „Screaming For Vengeance“ veröffentlicht)

Die Übelsetzung und alle — trotz der recht scharfen und deutlichen Aussprache von Rob Halford eingeschlichenen — Verhörer sind von mir. Ich habe mich beim Übertragen entschieden, das in seinem Numerus unbestimmte englische „you“ in der Pluralform zu übersetzen, im Englischen ist es auch als direkte Ansprache eines einzelnen Gegenübers zu verstehen. (Jüngere Sprecher des amerikanischen Englisch disambiguisieren dies zuweilen durch die analytische Konstruktion „you all“ oder kontrahiert „y’all“ für die zweite Person Plural, und diese umgangssprachliche Konstruktion hat gute Chancen, es in Zukunft einmal in die offiziellen Grammatiken zu schaffen.) Diese kleine Unbestimmtheit gibt dem englischen Originaltext eine zusätzliche gefühlte Schärfe und Härte, die sich nicht durch Übertragung in ungekünstelte Alltagssprache in das Deutsche hinüberretten lässt. Auch ist es unmöglich, die Homophonie von „I“ (ich) und „eye“ (Auge) und die daraus gezielt gebauten Unbestimmtheiten zu übertragen — ich bin mir selbst nicht darüber sicher, dass ich jedes Mal die beabsichtigte Bedeutung getroffen habe. Überall, wo „Auge“ steht, kann auch „ich“ gemeint sein, und umgekehrt — und da das „elektrische Auge“ als Icherzähler auftritt, wird diese Überschneidung prägend für die Wirkung des Textes. Obwohl Judas Priest — im Gegensatz zu einigen anderen Vertretern des klassischen heavy metal — im Allgemeinen keine auffallend gestelzte Sprache pflegte, ist die Übersetzung einiger Songtexte doch schon sehr schwierig, und mit dem hier entstandenen Ergebnis bin ich alles andere als zufrieden.

Nach diesen Anmerkungen zu den Schwächen meiner Übelsetzung nun noch eine Kleinigkeit zum Hintergrund, warum ich diesen Text in das Bewusstsein rufen möchte:

Dass es mit den Freiheitsrechten in der BR Deutschland unter den Ideen einer Demagogin wie ZensUrsula von der Leyen und ihren allzu willfährigen Schergen unter den großen Zugangsprovidern nicht mehr so weit her ist, werden einige Leute wohl erst dann bemerken, wenn sie einen Proxyserver oder Nameserver aus China in ihre Netzwerkkonfiguration eintragen, um wieder an einem ungefilterten Austausch der Menschen Teil haben zu können. Und viele andere Menschen werden es nicht einmal dann bemerken, weil sie sich völlig mit der Tagesschau, den Talkshows, der Bildzeitung und DSDS zufrieden geben. Die neue Zeit der dezentralen Medien wird an der entstehenden great firewall of Germany erwürgt, bevor sie auch nur eine gesellschaftliche Wirkung entfalten konnte.