Tag Archive: Stolz


Stolz

„Das Elend“, sagte der Vorübergehende zu seinem Zeitgenossen, „war noch nie der Ort, an dem Menschen den Stolz verlernen, sondern ganz im Gegenteil“.

Karge Blüte

Oh, wie an seiner Person jeder Ehrgeiz, jedes Ideal, jede einst vorhandene Hingabe inzwischen verdorrt waren. Und sonst. Ein kleines Gärtchen vor der Fassade, in dem die alte Eitelkeit grünt und blüht.

Vom Vorzug des Schlechten

Zeitgenosse: Wenn ich das Schlechte nicht kennenlerne, kann ich das Gute nicht schätzen. Ein ordentliches Essen schmeckt viel leckerer, wenn ich ein wenig gehungert habe.

Nachtwächter: Mit dieser Rationalisierung, mit der du dir dein eigenes Elend schön reden möchtest, kannst du wirklich alles rechtfertigen, bis hin zum Mord. Kann nicht erst ein Sterbender den Wert des Lebens richtig würdigen? Wird der sadistische Mörder, der für ein qualvolles Ende sorgt, auf Grundlage deiner „Philosophie“ nicht zum Wohltäter? Dein „positives Denken“ ist nur der Zement für die Zustände, die dir dein Leben rauben; du vertauschst Einsicht gegen kindischen Trost und vergeudest daran deine Einsichtsfähigkeit. Ach, wäre doch nur das Elend ein Ort, an dem der Stolz verlernt wird!

Stolz

Zeitgenosse: Ich bin jedenfalls stolz darauf, ein Deutscher zu sein.

Nachtwächter: Das ist der Unterschied zwischen uns. Du bist stolz auf das, was du mit anderen Menschen gemeinsam hast. Und was du von ihnen übernommen hast. Und ich. Bin eher stolz auf das, was mich von anderen Menschen unterscheidet und damit zu meiner Person geworden ist; auf das, was aus meinem Leben in dieser Gesellschaft an Einsicht gesprossen ist. Wer nur eine zerbrochene Persönlichkeit und keine besonderen eigenen Einsichten als Boden für seinen Stolz hat, dem bleibt immer noch der Nationalismus.

Schärfe und Stumpfheit des Elends

Zeitgenossin: „Wo hast du es eigentlich gelernt, so scharf zu schreiben?“

Nachtwächter: „Nirgends habe ich das Schreiben gelernt, ich tue es. Aber ich kann dir sagen, Schwester, wo ich es gelernt habe, scharf zu denken: Im Elend.“

Zeitgenossin: „Willst du mir erzählen, dass Elend klug macht?“

Nachtwächter: „Nein, Elend allein reicht dazu nicht, noch etwas weiteres ist erforderlich, um scharf zu denken. Und das ist. Dass man den Unfug seines Stolzes und den damit verbundenen Selbstbetrug ablegt, dass man sein eigenes, beschädigtes Dasein so sieht und so nimmt, wie es ist. Für zu viele Menschen ist das Elend nicht der Ort, an dem sie den Stolz verlernen, und diese Menschen werden durch das Elend nicht schärfer, sondern stumpf.“