Tag Archive: Sprachgebrauch


Evidenzbasierte Medizin

„Evidenzbasierte Medizin“ ist eines dieser Wörter, die durch ihre bloße sprachliche Existenz den Zustand offenlegen, der sonst durch wissenschaftliches Gehabe, irreführende mediale Darbietungen und die Werbung für Pharmaprodukte verborgen werden soll. Gemeint ist mit diesem Wort eine Form der medizinischen Behandlung, bei der sämtliche Entscheidungen in Bezug auf einen Patienten und seiner Krankheit auf Grundlage einer nachgewiesenen Wirksamkeit getroffen werden. Das Wort von der „evidenzbasierten Medizin“ ist ein Beleg dafür, dass ein solches Vorgehen in vielen Fällen nicht üblich ist und dass das Weißkittelchen, diese Respekt befehlende Priesterkutte der Wissenschaft, bei Ärzten eher als eine Tarnung zu betrachten ist, als eine Tarnung für fortgeschrittene Quacksalberei.

Das Konzept der „evidenzbasierten Medizin“ wurde in der BR Deutschland zum ersten Male im Jahre 1995 publiziert. Man stelle sich nur einmal einen Physiker vor, der seine spezielle wissenschaftliche Methode mit dem Wort „evidenzbasierte Physik“ bezeichnet, um sie vom „wissenschaftlichen“ Vorgehen seiner Kollegen abzugrenzen, und schon wird auf der Stelle klar, wie „wissenschaftlich“ und „rational“ das ist, was jeden Tag von vielen (nicht allen) Ärzten auf ihre Patienten losgelassen wird. Diese Vorstellung hilft hoffentlich auch, beim nächsten Arztbesuch eine hinreichend kritische Haltung einzunehmen, sich selbst zu informieren und weder alles unhinterfragt zu glauben, was vom weißen Schamanen erzählt wird, noch alles unhinterfragt zu fressen, was von ihm verschrieben wird. Wird daraus eine verbreitete Haltung (sie ist leider anstrengend und setzt im Gegensatz zum passiven Behandelt-Werden Recherche und Denktätigkeit voraus), so könnte allein dadurch die Kostenentwicklung im Krankheitswesen in einer wünschenswerten Weise beeinflusst werden.

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Was einen nicht kaputt macht…

Die von früh auf Zerbrochenen im Lande Barbarien erhalten ihren Narzissmus und heiligen ihren Zerbruch und die von ihnen selbst geforderte Lebensfeindlichkeit gern mit dem blinden Wort: „Was einen nicht kaputt macht, macht einen nur härter“. Keine Aussage könnte falscher sein. Die zivilisationskranke Schädlichkeit, die einen Menschen nicht kaputt macht, schadet ihm nur; raubt ihm nur Kraft fürs und Willen zum selbstbestimmten Leben; macht ihn nur stumpf gegen sich selbst und gegen andere; macht ihn nur immer weicher und formbarer für jene, die ihre Vorteile davon haben, wenn Menschen vor lauter Angst und Schmerzvermeidung nicht mehr wissen, dass sie handeln können. Wer mit solcher Blindrede die Härte einfordert, belegt damit nur, dass er schon längst mit der stets eingeforderten Härte zerbrochen wurde.

On n’excuse pas le mal par le pire.

Nabelschnur — Wie kann ein denkender Mensch nur auf die absurde Idee kommen, dass wirtschaftlich von ihren Werbekunden abhängige Medien eine unabhängige Berichterstattung leisten könnten? Oder gar, dass die im politischen und wirtschaftlichen Filz hängenden halbstaatlichen Rundfunkanstalten in der BR Deutschland über die Verflechtungen von Wirtschaft und Politik aufklären könnten? Ein riesiger Säugling, der die Nabelschnur durchbeißt, die ihn versorgt, müsste sich ja gebären lassen, um auf eigenen Beinen zu stehen.

Soziale Unruhen — Es ist doch bemerkenswert, wie im Blahsprech der öffentlichen labernden Privilegierten und in ihrer Journaille, die diesen Blahsprech in Druckwort wandelt, jegliche Klarheit der Sprache vermieden wird. Es wird vor „sozialen Unruhen“ gewarnt, nicht etwa vor einem „Aufstand“. Denn. Allein in den Anklängen des Wortes Aufstand steckt schon eine ganze Anleitung, die ja von niemandem in der BR Deutschland gefühlt werden soll. Um ein Aufständischer zu werden, muss man aufstehen, um für sein immer weiter beschnittenes Lebensrecht einzustehen. Erst, wenn man aufgestanden ist, kann man sich des lähmenden Zustandes widersetzen, der Verachtung des eigenen Lebens widerstehen und für sein eigenes, einmaliges und einziges Dasein. Einstehen. Sicher, es kann beim Scheitern geschehen, dass man einsitzen muss, oder auch, dass einem die zuständigen Behörden übel mitspielen. Aber das ist die Richtung, in der sich eine solche Bewegung bewegt, allen bewegten, aufständischen Menschen wert. Wie anders klingt da doch das Blahwort von den „sozialen Unruhen„, dass zurzeit durch die Journaille geistern gemacht wird. Es richtet jeden Aufstand noch vor seiner Entstehung als ungerichtete Bewegung ab, vielleicht noch vergleichbar einer nervösen Zuckung. Die so Sprechenden. Entlarven sich in ihrer Sprache selbst.

Vom Hören — Wer wissen will, wo es in Deutschland brennt, der sollte darauf hören, was in den zentral organisierten Massenmedien verschwiegen wird. Und darauf hören, wie der Rest gesagt wird. Auf das Schweigen der Medien zu lauschen ist anstrengender als der Konsum ihrer unentwegten Darbietung, denn es erfordert Gespräche mit Menschen. Deshalb. Wird es so wenig praktiziert.

Echo der Frau — Nichts könnte der feministischen Ideologie, dass es sich bei Frauen um die besseren Menschen handele, deutlicher und grotesker widersprechen als die so genannten „Frauenzeitschriften“, die jedes menschliche Elend so genannter „Prominenter“ kommerziell ausweiden und auch gern einmal ein bisschen geiles Elend erfinden, wenn das Leben dieser Menschen nicht genug davon produziert. Jedes Mal, wenn ich einen solchen Auswurf der Contentindustrie sehe, meist mit einem gierig daranhängenden, sich allzu gern barbarisieren lassenden Stück Frau, wünsche ich mir sehnlich, schwul zu sein.

Nein — Er fragte mich, ob ich in meinem selbst erkorenen verarmten Leben, das so viele Verzichte kenne, nicht unglücklich wäre. Und ich fragte ihn, ob er in seiner ganzen geraubten Zeit und Aufmerksamkeit nicht wenigstens durch die Möglichkeit zum Konsum glücklicher würde. Wir mussten beide verneinen.

Ad astra, asinus!

Könnte es in der stumpfen Bullshit-Sprache des täglichen Newsbetriebes ein besseres sprachliches Denkmal der Verblendung, des Größenwahnes und der gleichzeitigen Lächerlichkeit derzeitiger Staatswesen und der angemaßten Allmacht ihrer Verwaltungsbetriebe geben, als nur dieses eine Wort: „Weltraumbehörde“?

Guten!

Die Sprecher des Niederdeutschen sind mir allein deshalb sympathischer als die Sprecher des Hochdeutschen, weil sie die Menschen schlicht mit „Moin!“ begrüßen.

Anders, als die meisten Sprecher des Hochdeutschen vermuten würden, hat das nichts mit dem „Morgen“ zu tun — deshalb ist dieser Gruß auch Abends im Gebrauch. Das niederdeutsche Wort „moi“ bedeutet einfach nur „gut“. Wenn man von der Grußformel schon einen Teil weglässt, um sie in der alltäglichen Verflachung kürzer zu machen, denn ist es doch besser, wenn der recht redundante Teil mit der Angabe der Tageszeit wegfällt. Wo mir im größten Teil Deutschlands einfach nur ein mürrisches „Morgen“, „Tach“ oder „`n Abend“ als Gruß entgegen geworfen wird, da sagt man mir in Küstennähe einen „Guten“ zu.

Und nein, „Grüß Gott!“ geht gar nicht!

Die Anderen

Als die Syphilis zur großen Plage in Europa wurde, nannte man sie in Deutschland, in England und in Italien die „französische Krankheit“, in Frankreich jedoch lieber „die italienische Krankheit“. In Russland war es die „polnische Krankheit“, in der Mongolei hingegen die „russische Krankheit“. Die Japaner sprechen bis heute von der Syphilis etwas blumig als von einem „chinesischen Geschwür der himmlischen Strafe“.

Im zweiten Weltkrieg waren die Kakerlaken ein allgegenwärtiger Begleiter. In Deutschland nannte man die wenig appetitlichen Insekten „Russen“, und in Russland nannte man sie „Deutsche“.

Die Kakerlaken und die Erreger der Syphilis kennen weder Kanonenmusik noch Flaggen noch auf Landkarten gezeichnete Linien, innerhalb derer gewisse Formen der Gewaltausübung durch eine Clique von Besitzenden gelten. Solche kranken Kopfgeburten kennen nur die Menschen, und sie verwenden allerlei sprachliches Blendwerk, um die winzigen Unterschiede zwischen verschiedenen Menschen künstlich zu vergrößern und diesen Vergrößerungen psychische Wucht zu geben. Die Kakerlaken und die Erreger der Syphilis haben nichts weiter als ein DNA gewordenes Verlangen nach Erhaltung und Reproduktion. Deshalb wird es die Kakerlaken und die Erreger der Syphilis wohl auch dann noch geben, wenn sich die Menschen längst in sinnlosen Kämpfen auf einem Schlachtfeld voller Überfluss ausgetilgt haben. Die einzige Möglichkeit, diesen Ausgang des gegenwärtig über die menschlichen Gesellschaften ablaufenden Prozesses abzuwenden, bestünde darin, dass sich Menschen auf ihr Gemeinsames und auf ihre Fähigkeit zum intelligenten Handeln besinnen, dass sie einsehen, dass es so nicht weitergeht — wer würde so eine hoffnungslose Hoffnung entwickeln?